
- 11 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Neben anderen Wissenschaften bemüht sich auch die Philosophie darum, den Menschen zu verstehen. Sie fragt, wie wir trotz aller Krisen zufrieden mit unserem Leben sein können. Nicht Gesundheit, Reichtum oder Erfolg sind dabei tatsächlich wichtig.
Auf zwei Dinge komm es an. Erstens, ob wir tiefe persönliche Beziehungen haben, Menschen lieben und geliebt werden. Und zweitens, ob wir etwas tun, das nicht nur für uns selbst sinnvoll, sondern auch für die Gemeinschaft und Schöpfung wertvoll ist.
TÄTIGSEIN UND ARBEIT
Zwei Bedeutungen von Arbeit müssen unterschieden werden - Arbeit als eine mühsame Last, bei der man immer wieder dasselbe tut sowie Arbeit als eine Tätigkeit, eine Aufgabe, ein Werk, das man ausführt, um gemeinsam mit anderen etwas zu tun, das sowohl sinnvoll als auch wertvoll ist.
Die Einengung der Arbeit auf Lohnarbeit ist problematisch. Viele Menschen meinen, der Wert ihrer Person hinge an der Frage, ob sie in Erwerbsarbeit stehen und welche Position sie bekleiden.
Ein Leben gelingt, wenn man sinnvoll aktiv und tätig ist.
Häufig gestellte Fragen
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Information
Meine Damen und Herren,
herzlich willkommen zu unserer fünften Vorlesung in der Reihe ‚Einführung in die philosophische Anthropologie’, in der wir danach fragen, was eigentlich der Mensch ist, was das Wesen des Menschen ausmacht.
Wir hatten diese Frage präzisiert, als die Frage danach, was eigentlich das gelungene Leben des Menschen ist und wir haben in der letzten, der vierten Vorlesung die Liebe, die tiefen persönlichen Beziehungen als ein konstitutiven Bestandteil des gelungenen Lebens herausgearbeitet. Die Frage ob unser Leben gelingt oder nicht hängt ganz wesentlich davon ab, was für Beziehungen wir haben, ob unsere Beziehungen nur oberflächlich sind oder ob es tatsächlich Menschen gibt, die wir lieben, weil wir sie als Menschen, so wie sie sind bejahen und mögen und ob auch wir als die Menschen die wir sind geliebt werden.
Heute möchte ich auf einen zweiten Aspekt des gelungenen Lebens eingehen, nämlich den der Arbeit. Einen großen Teil der Zeit unseres Lebens verbringen wir mit arbeiten oder tätig sein und die Frage ob unser Leben gelingt oder nicht, ob wir zufrieden sind mit unserem Leben oder nicht hängt ganz wesentlich davon ab, ob wir mit den Tätigkeiten, mit der Arbeit, die wir ausüben zufrieden sind. Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir ja tatsächlich damit, zu arbeiten.
Wenn wir so über Arbeit sprechen wie ich das eben getan habe, dann steckt der Teufel schon ein wenig im Detail und wir müssen uns in einem ersten Schritt darüber klar werden, was denn überhaupt als Arbeit gelten soll. Normalerweise ist es so, dass wir dann von Arbeit sprechen, wenn wir Lohnarbeit, wenn wir Erwerbsarbeit meinen: Arbeit ist das, was wir tun, um damit Geld zu verdienen. Wenn wir in einer politischen Diskussion das Recht auf Arbeit einklagen wollen, dann meinen wir damit, dass wir ein Recht haben, tätig zu sein und durch diese Tätigkeit Geld zu verdienen. Diese Tätigkeiten können unterschiedlich sein. Das drückt sich auch darin aus, dass man nicht nur von Lohn- oder Erwerbsarbeit spricht. Manche Menschen bekommen für das, was sie machen ein Honorar, andere eine Vergütung und da sieht man schon am begrifflichen Gebrauch, dass die Arten der Tätigkeiten unterschiedlich sind.
Aber eines ist auch klar: Wenn Arbeit dasselbe wie Lohnarbeit oder Erwerbsarbeit ist, dann Arbeiten viele Menschen nicht. Zum Beispiel Mütter, oder Hausfrauen, die arbeiten nicht, denn sie bekommen für das, was sie tun ja nichts bezahlt. Oder jemand, der sich ehrenamtlich engagiert arbeitet nach dieser Definition auch nicht. Schüler arbeiten nicht, Studenten arbeiten nicht, es sei denn, und das ist eben interessant, sie haben Jobs und finanzieren mit diesen dann ihr Leben als Student, obwohl ja diese Jobs eigentlich gar nichts mit dem zu tun haben müssen, was sie studieren. Wir gebrauchen das Wort Arbeit oft in diesem sehr engen Sinn, in dem Arbeit identisch mit Lohnarbeit ist.
Ein Ziel meiner Vorlesung wird darin bestehen, diesen engen Begriff der Arbeit durch einen erweiterten Begriff der Arbeit zu ersetzen, und zwar um einen, in dem es um Tätigkeiten geht, die das Leben des Menschen gelingen lassen, unabhängig davon, ob diese Tätigkeiten solche sind, mit denen Geld erworben wird, also unabhängig davon, ob es sich um Lohn- oder Erwerbsarbeit handelt.
Lassen sie mich darauf hinweisen, dass es sogar noch einen dritten, noch umfangreicheren Begriff von Arbeit gibt: Man spricht heute davon, dass Menschen Traumarbeit, Trauerarbeit oder Beziehungsarbeit leisten; man kann sogar auch davon sprechen, dass Maschinen arbeiten oder selbst, dass Holz arbeitet. Ich glaube, wenn wir von Traumarbeit oder Beziehungsarbeit sprechen, dann steckt da auch ein wenig dahinter, dass arbeiten an sich etwas ist, was unwahrscheinlich positiv in unserer Gesellschaft besetzt ist. Wenn man arbeitet, dann tut man etwas Gutes. Und anstatt nun sagen zu müssen, dass man viel mit sich selbst beschäftigt ist, um sich selbst kreist und viel über seine Träume nachdenkt – etwas, was eher negativ gesehen wird – sagt man, man leiste Traumarbeit und das ist dann wieder etwas Positives. Oder anstatt zu sagen: Na ja, ich durchlebe eine Beziehungskrise nach der anderen, es ist gerade alles furchtbar schwierig, mit meiner Partnerin, meinem Partner, meiner Frau, meinem Mann, sagt man lieber, man leiste Beziehungsarbeit und schon ist es auf einmal wieder sehr gut.
Arbeit und Mühe
Ich möchte damit beginnen, zwei Bedeutungsaspekte von dem, was Arbeit ist, mit Ihnen zu diskutieren. In der philosophischen Literatur ist es normalerweise so, dass unter Arbeit im engeren Sinne zwei Dinge verstanden werden, nämlich zum Ersten, dass das, was wir tun mit Mühe verbunden ist und zum Zweiten, dass arbeiten darin besteht, immer wieder dasselbe zu tun.
Lassen sie mich beginnen mit dem ersten Bedeutungsaspekt der Arbeit, mit ein paar Bemerkungen zur Mühe. Dass der Aspekt der Mühe tatsächlich sehr eng mit dem verbunden ist, was wir üblicherweise unter Arbeit verstehen, zeigt schon die Etymologie dieses Wortes, die tatsächlich sehr, sehr alt ist. Der Begriff der Arbeit hängt wahrscheinlich mit der Neolithischen Wende zusammen, die sich ungefähr zwischen 11.000 und 6.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung ereignet hat. Vor der Neolithischen Wende war der Mensch Jäger und Sammlerin. Er hat natürlich auch schon zu dieser Zeit etwas getan um sein Überleben zu sichern und genug zu Essen zu haben; er hat gejagt und gesammelt. Aber mit der Neolithischen Wende hat er angefangen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Das bedeutet, dass er angefangen hat, seine Umwelt zu gestalten und sich dadurch diese gestaltete Umwelt zu Eigen zu machen.
Das Wort für Arbeit leitet sich nun vom lateinischen avrum her und avrum bedeutet „ der gepflügte Acker“, und damit etwas, was es erst ab der Neolithischen Wende gegeben hat, nämlich dass die Menschen anfingen, die Natur zu bearbeiten. Die meisten Sprachen haben noch eine eine solche ursprüngliche Verbindung zu einem Wort, was Mühe und Arbeit, Mühe und Last bedeutet hat, so zum Beispiel das französische travaille, für Arbeit, das sich ableitet vom lateinischen tripalus. Der Tripalus war ein Dreipfahl, eine Vorrichtung zur Bändigung von Pferden, die schwer zu Beschlagen waren. Tripalare bedeutet dann auch Quälen, denn Pferde wurden gequält, wenn sie an den Dreipfahl mussten. Im Russischen haben Sie das Wort rabota für Arbeit und dieses Wort leitet sich auch von der Wurzel rabb ab, was ursprünglich Sklave bedeutet. Die Idee also, dass Arbeit mit etwas verbunden ist, was Mühsal ist, was quälen kann, ist ursprünglich mit dem Wort Arbeit verbunden.
Neolitische Wende
Um das was Arbeit ist und um die Wertschätzung von Lohnarbeit besser zu verstehen, ist es sehr hilfreich, sich noch ein wenig näher mit der Neolitischen Wende zu beschäftigen.
Lassen Sie mich dazu noch ein wenig genauer auf die Geschichte der Menschheit eingehen. Uns Menschen als Art der Gattung Mensch, als Art Homo sapiens der Gattung Homo gibt es etwa seit zwei oder drei Millionen Jahren. Seit dem es hat immer mal wieder Zeiten gegeben, in denen es zwei oder sogar vielleicht drei Arten von Menschen auf verschiedenen Kontinenten oder sogar auf einem Kontinent zugleich zusammen gegeben hat.
Eine Zeit, die dabei wichtig ist, ist die Zeit, in der es den Neandertaler und den Homo sapiens gab, als zwei Arten der Gattung Mensch. Es ist in der Forschung umstritten, warum sich dann nur der Homo sapiens durchgesetzt hat und der Neandertaler ausgestorben ist. Es gibt hierzu verschieden Hypothesen, die uns jetzt allerdings nicht weiter interessieren müssen. Jedenfalls uns Menschen als Art Homo sapiens der Gattung Mensch, gibt es etwa seit 120.000 oder 130.000 Jahren, manche Forscher gehen sogar noch etwas weiter und sagen, dass es unsere Art seit 300.000 Jahren gibt. Und mit gewissem Erfolg haben wir eben die anderen Mitglieder der Gattung von unserem Erdball verdrängt.
Die Neolitische Wende ist nun die Zeit, in der die ganze Welt von Homo sapiens bevölkert ist, in der es keine anderen Menschen mehr neben ihnen gab und in der der Übergang von der Sammler- und Jägerinnenkultur zu Ackerbau und Viehzucht stattgefunden hat. Man kann diese Zeit nicht ganz eindeutig datieren, weil diese Neolitische Wende je nach Kontinent zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden hat. Aber insgesamt hat sie sich über einen Zeitraum von gut 5000 Jahren hingezogen. Die Steinzeit, also die Zeit, in der die Menschen Werkzeuge aus Stein hergestellt haben, ging zu Ende und eine neue Zeit brach an.
Das Interessante ist jetzt, wie dieser Zeitenumbruch bewertet wird, denn das ist jeweils sehr vielsagend. Das erste große Werk was sich mit der Neolitischen Wende beschäftigt, ist 1865 erschienen, geschrieben von einem Herrn John Lubbock. Das Buch heißt ‚Prehistoric Times’, ‚Vorgeschichtliche Zeiten’. Lubbock beschreibt die Neolithische Wende darin ungefähr so: Als Jäger und Sammler waren die Menschen unzivilisiert und wild. Sie lebten das Leben von Wilden und waren Sklaven ihrer eigenen Triebe und Emotionen. Moralisch waren sie defizitär und grundsätzlich ungebildet und ohne Kultur. Dann, mit der Neolitischen Wende, beginnt das Erwachen der Zivilisation, der Moral, der Kultur, die Menschheit begibt sich auf den richtigen Weg und macht sich die Erde untertan. So in etwa geht also diese Geschichte.
Der Marxist Gordon Child hat von der Neolitischen Revolution auch in Analogie zur industriellen Revolution gesprochen. Bei ihm beginnt der Mensch durch Arbeit erst zu sich Selbst zu kommen und wird eigentlich erst Mensch.
Es gibt einen interessanten kurzen Aufsatz von Friedrich Engels dazu, dessen Titel Programm ist: ‚Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen’. Durch die Arbeit, konkret durch Ackerbau und Viehzucht, wird der Mensch erst wirklich zum Menschen und unterscheidet sich dadurch vom Tier.
Nun, man kann Lubbock, Child und Engels vielleicht gar nicht vorwerfen, dass sie zu solchen Urteilen über Jäger und Sammlerinnen gekommen sind. Schließlich fehlten ihnen wichtige Forschungsmethoden, die man heute in der Archäologie benutzt, wenn man etwas über die Jäger- und Sammlerinnenkultur wissen möchte. Die heute vorherrschende Meinung in der sogenannten New Archaeology, einer vor allem im angelsächsischen Raum beheimateten Bewegung der Archäologie, ist einhellig der Überzeugung, dass dieses Bild auf die Kultur völlig falsch ist und dass es zu einer grundlegenden Neubewertung unserer Sicht auf die Neolitische Wende kommen muss. Wenn man etwas umgangssprachlich charakterisieren sollte, was eigentlich in der Neolitischen Wende stattgefunden hat, dann könnte man sagen, es war der Übergang von der Faulheit zur Dummheit. Lassen sie mich das ein wenig erläutern.
Um als Jäger und Sammlerin überleben zu können, müssen die Menschen hoch intelligent gewesen sein und bereits über ein enormes Wissen verfügt haben. Die Fülle des Wissens von Jägern und Sammlerinnen lässt sich durchaus mit dem vergleichen, was heute ein Professor für Geologie über die Natur weiß. Um überleben zu können, musste ein Jäger und eine Sammlerin bei der Knappheit der Naturprodukte genau wissen, wo was wann zu finden ist, wann was reif, was essbar und was nicht essbar ist. Insbesondere durch zwei Forschungsmethoden ist die New Archaeology zu dieser Neubewertung der Zeit der Jäger und Sammlerinnen gekommen.
Einmal durch DNA-Analyse von Blütenpollen. Die DNA-Analyse von Blütenpollen erlaubt uns z. B. in Gräbern, an Grabschmuck den man in den Gräbern heute noch findet, ein sehr genaues Bild davon zu entwickeln, was wann wo gewachsen und gegessen worden ist.
Zum Zweiten ist eine wichtige Forschungsmethode die vergleichende Verhaltensforschung, die Ethnologie. Dabei handelt es sich vor allen Dingen um Forschungen bei Eskimos, den Aborigines (den Ureinwohnern Australiens), den Naro-Buschmännern in Namibia und den sibirischen Völkern, also bei Völkern, die heute noch so ähnlich leben wie damals die Jäger und Sammlerinnen, weil sie sich hauptsächlich davon ernähren, was sie Jagen und Sammeln. Diese Vergleiche mit heute noch lebenden Völkern geben uns ein ganz gutes Bild davon, wie wohl damals die Jäger und Sammlerinnen gelebt haben. Klar ist, dass sie über ein ungeheueres Wissen über die sie umgebende Landschaft verfügt haben müssen.
Lewis Binford, einer der bedeutendsten Vertreter dieser Bewegung der New Archaeology, der Begründer dieser Bewegung sogar, hat durch Untersuchung bei den Ureinwohnern Australiens gezeigt, dass Gruppen von etwa 30 bis 40 Personen jeweils in einem Territorium leben, was etwa der Größe von Hessen entspricht, also 22.000 km2. Binford hat dabei herausgefunden, dass eine solche Gruppe über das gesamte Territorium verteilt Werkzeuge versteckt und gelagert hat, damit sie diese Werkzeuge nicht immer mit sich herumführen mussten. Das Interessante ist nun, dass das Wissen darum, wo in einem solchen Territorium die Werkzeuge lagern, von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ich zitiere: „Fast jedes Stammesmitglied kannte die genaue Liste der versteckten Geräte auswendig, obwohl die betreffenden Verstecke über ein Gebiet von annähernd einer Viertelmillion km2 verstreut waren“.
Um als Jäger und Sammlerin überleben zu können, musste man die Gegend sehr genau kennen, man muss wissen, was es wo zu Essen gibt. Forschungen unter den Eskimos haben beispielsweise gezeigt, dass diese ein riesiges Gebiet einmal in 40 oder 50 Jahren durchwandern. Sie kommen am Ausgangspunkt der Wanderung erst nach so langer Zeit wieder an, weil erst dann die Pflanzen von denen sie gegessen haben, wieder so nachgewachsen sind, dass sie sie erneut ernten können.
Warum nun in der Neolitischen Wende ein Wechsel von der Jäger- und Sammlerinnenkultur hin zu Ackerbau und Viehzucht stattgefunden hat, ist nicht ganz klar und es gibt unterschiedliche Hypothesen. Eine Hypothese ist, dass Menschen dann aufhören umherzuziehen, wenn sie einen Ort gefunden haben, an dem es ausreichend Nahrung gibt. Dann werden sie einfach sesshaft und lassen sich nieder.Nun, die Ethnologie hat gezeigt, dass das wenig wahrscheinlich ist, denn eine sichere Nahrungsquelle zu kennen erlaubt einem gerade die Freiheit, herumzuziehen und bisher noch ungekanntes Territorium kennen zu lernen, weil man weiß, dass man, wenn es dort nichts gibt, man immer wieder zu diesem Stammplatz zurück kann.
Binford meint, dass es aufgrund eines günstigen Klimas zu einer Bevölkerungszunahme kam und weil es infolgedessen immer mehr Menschen gab, konnte man nicht mehr auf einem Territorium umherziehen um ausreichend Nahrung für alle zu haben und habe deswegen mit Ackerbau und Viehzucht begonnen. Andere Autoren wiederum setzen den Klimawandel, den es während der Neolitischen Wende gab, als Ursache für diese an. Der Klimawandel habe dazu geführt, dass es warme Sommer mit viel Nahrung und kältere Winter gab, in denen Nahrung sehr knapp war. Um darauf zu reagieren hat man im Sommer angefangen sich niederzulassen, den Ackerboden zu bearbeiten, Viehzucht zu betreiben, um dann im Winter genug in den Scheunen zu haben und davon Essen zu können.
Der hoch gepriesene Übergang zur Zivilisation aus dem sich bezeichnenderweise das Wort Arbeit ableitet, geht jedoch einher mit einem enormen Wissensverlust. Um als Ackerbauer und Viehzüchter zu arbeiten und erfolgreich zu sein, musste man einfach ackern, sehr viel tun, aber man muss nicht mehr viel Wissen. Man muss in erster Linie hart Arbeiten. Wenn man die Neolitische Wende so sieht, als einen Verlust von Wissen, Bildung und Tradition, dann gibt es eigentlich gar keinen Grund dafür, anzunehmen, dass sie die große goldene Zeit gewesen ist in der der Mensch zu sich selbst gekommen ist.
Zwei weitere Faktoren spielen da eine ganz bedeutende Rolle. Dass die Völker vor der Neolitischen Wende unzivilisiert gewesen sein sollen und keine Kultur geschaffen haben sollen, ist, wenn Sie die großartigen Wandmalereien in den Höhlen Südfrankreichs kennen, die zu der Zeit der Jäger und Sammlerinnen gemalt worden sind, völlig unplausibel. So gibt es zum Beispiel die Höhlenmalereien von Lascaux in Südfrankreich, die etwa 14.000 vor Christus entstanden sind. Oder die Bilder in der Höhle Chauvet, ebenfalls in Südfrankreich, die um 30.000 vor Christus gemalt worden sind. Paul Mellars von der Cambridge University hat das Alter dieser Bilder sogar auf 36.000 Jahre vor Christus geschätzt. Es gab damals also durchaus so etwas wie eine Kultur, die Jäger und Sammlerinnen waren durchaus kulturschaffend.
Sozialgeschichtlich begannen mit der Neolitischen Revolution die ganzen Probleme. Ausgrabungen, beispielsweise in Jericho, haben gezeigt, dass dort, wo eine Gesellschaft nicht mehr aus Jägern und Sammlerinnen besteht, sondern aus Ackerbauern und Viehzüchtern, Besitz und Eigentum auf einmal wichtig werden. Das gab es natürlich davor noch nicht, weil es keinen Besitz gab, der geschützt werden musste. Nun werden Mauern errichtet, Raub wird attraktiv. Die Gesellschaft spaltet sich in arm und reich, weil die Frage wie gut der Boden ist, den jemand hat, natürlich auf einmal eine ganz wesentliche Rolle spielt. Kriegerische Auseinandersetzungen sind überhaupt das erste Mal für die Zeit der Neolitischen Revolution und später nachgewiesen.
Es gibt also keinen Grund, den Übergang von den Jägern und Sammlerinnen hin zu Ackerbau und Viehzucht als den glorreichen Beginn der Zivilisation des Menschen zu preisen.
Es ist natürlich genauso sinnlos, ein Plädoyer dafür halten zu wollen, dass wir wieder zurück zur Jäger- und Sammlerinnenkultur gehen sollten. Aber ich denke, diese Analyse wirft ein sehr kritisches auf die Frage, ob die Arbeit als Erwerbs- und Lohnarbeit, also in der Tradition von mühsamer Arbeit als Ackerbau und Viehzucht, tatsächlich das ist, was die glorreiche Menschheit ausmacht. Sehr kritisch äußerst sich da zum Beispiel auch die Bibel im ersten Buch des alten Testaments, im Buch Genesis. Obwohl ich für diese Art der Analyse nicht meine Hände ins Feuer legen würde, gibt es doch Archäologen, die darauf hinweisen, dass der Übergang von Jägern und Sammlerinnen hin zu Ackerbau und Viehzucht bereits im ersten Buch der Genesis im dritten Kapitel angesprochen worden ist, als nämlich Adam und Eva, die Jäger und Sammlerin waren, aus dem Paradies vertrieben worden sind und Gott zu Adam sagt: „Verflucht sei der Erdboden um deinetwillen. Unter Mühsal sollst du dich von ihm ernähren alle Tage deines Lebens. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, von dem du genommen bist.“
Arbeit und Routine
Damit möchte ich meine Überlegungen zu dem einen der beiden Aspekte der Arbeit, der Mühe, abschließen und zum zweiten Aspekt der Arbeit kommen, dem immer wieder dasselbe tun. Ein zweiter Aspekt neben der Mühe ist nämlich, dass die Arbeit darin besteht, ein und die selbe Tätigkeit, selbst wenn diese Tätigkeit komplex ist und aus verschiedenen Teilaspekten besteht, ein und die selbe Tätigkeit immer wieder auszuführen. Ein Berufsmusiker zum Beispiel unterscheidet sich von einem passionierten Laien dadurch, dass er täglich immer wieder die selben Übungen machen muss, ob es ihm gefällt oder nicht. Ein Laie kann dami...
Inhaltsverzeichnis
- Arbeit und Mühe