Die Reformation des Kirchspiels Dinker 1532-1565
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Die Reformation des Kirchspiels Dinker 1532-1565

  1. 222 Seiten
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Die Reformation des Kirchspiels Dinker 1532-1565

Über dieses Buch

"Die Reformation des Kirchspiels Dinker" ist Teil III der "Geschichte des Kirchspiels Dinker von den Anfängen bis zur Reformation", die die Zeit vom 10. bis zum 16. Jahrhundert umfasst. Die Reformation Dinkers war ein langwieriger Prozess, der sich über mehr als 30 Jahre hinzog. Sowohl die Stadt Soest, seit 1531 evangelisch, als auch die Herzöge von Kleve, die dem neuen Glauben nicht folgten, beanspruchten Herrschaftsrechte und damit die Verfügung über das richtige Bekenntnis. Auch die Dinkersche Ritterschaft, das St. Kunibertstift in Köln als Inhaber des Patronatsrechts und sogar Kaiser Karl V. mischten mit und versuchten ihre Interessen geltend zu machen. Erst 1565 setzte sich das neue Bekenntnis durch - überraschenderweise vor Ort, im Zusammenspiel von Teilen der Ritterschaft und des "gemeinen Mannes".

Information

Jahr
2021
ISBN drucken
9783753428000
eBook-ISBN:
9783754380352
1532–1543
Vergebliche Reformationsversuche im Kirchspiel Dinker
Politische Kräfte, die auf die Dinkersche Pfarrstelle einwirkten
Topographische Charte der Grafschaft Marck von Friedrich Christoph Müller (1777). Die gut 200 Jahre nach der Reformation erschienene Karte zeigt noch die historischen Grenzen: die »Soester Börde« als Teil des Herzogtums Kleve, das Kirchdorf Dinker (»Kirchdincker«) unmittelbar an der Grenze zum »Amt Hamm« (Mark)
Dinker, das westlichste Bördedorf, lag zwischen den Machtzentren der Stadt Soest und der Mark, was wiederum den lokalen Adelsfamilien, der Dinkerschen Ritterschaft, Handlungsspielräume verschaffte. Bevor die reformatorischen Bestrebungen in Dinker dargestellt werden, sollen zunächst die Entscheidungsträger vorgestellt werden, die auf die Dinkersche Pfarrstelle ihren Einfluß geltend machten: der Landesherr, also der Herzog von Kleve, die Stadt Soest, die Dinkersche Ritterschaft, der Inhaber der Pfründe, Christian Meynertshagen aus dem St. Kuniberstift Köln und schließlich sogar Kaiser Karl V.
a) Die Herzöge von Kleve
Aus dem Geschlecht der Grafen von der Mark gingen später die Herzöge von Kleve hervor. Ihr Aufstieg erfolgte im 14. Jahrhundert »aus einer nicht abreißenden Kette von Fehden«.121 In dieser »Sturm- und Drangzeit« hin zu mehr Macht und Einfluß überfielen sie aber niemals die reiche Nachbarstadt Soest. 1417 wurde Graf Adolf II. von Kaiser Sigismund zum Herzog von Kleve und von der Mark erhoben. In der Soester Fehde (1444– 48) erlangte das Herzogtum vollständige Unabhängigkeit von der Lehnhoheit des Kölner Erzbistums.
Der Landesherr war auf die Mitwirkung des lokalen Adels angewiesen, um in seinem Territorium Herrschaft ausüben zu können.122 Der Adel bildete eine eigene Korporation als ›Landstände‹ aus. Sie traten in der Regel auf jährlich einberufenen Landtagen zusammen, um über Steuern, Recht und weitere anstehende Fragen zu entscheiden. Im ausgehenden Mittelalter pochten aufstrebende Städte auf ihre wirtschaftliche Bedeutung und forderten auf den Landtagen deswegen auch ein Mitspracherecht. Als Soest sich am 23. Juni 1444 aus dem Erzbistum Köln löste und sich dem Herzog von Kleve-Mark als neuem Landesherrn zuwandte, konnte es mit dem Herrscherhaus einen vorteilhaften Vertrag, das Pactum Ducale, abschließen, in dem es mehr Rechte erreichte, als üblicherweise Reichsstädten in dieser Zeit zugestanden wurden. Über die Dinkersche Ritterschaft hielten die Herzöge aber weiterhin ununterbrochen ihre schützende Hand, Herzog Johann bezeichnete sie z. B. als »seine Schutzverwandten«. Sie ließen in ihren Schreiben nach Dinker auch schon mal die Anrede, »An die getreuen Untertanen der sämtlichen Ritterschaft des Kirchspiels zu Dinker« verwenden und versicherten ihnen, »daß Dinker allezeit und von alters her zu unserem Lande von der Mark und nicht von Soest gehörend gewesen ist, noch sein könnte noch möge.«
b) Bürgermeister und Rat der Stadt Soest
Soest wuchs im Mittelalter zu einer auch wirtschaftlich bedeutenden Stadt heran. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts, 1313, begann sie mit dem Bau der gotischen Wiesenkirche.123 1328 brachte sie die Freigrafschaft Rüdenberg mit ihren Kirchspielen durch Kauf an sich. Damit fiel die Kirchengemeinde Dinker als Eigentum an Soest. Durch acht Jahrzehnte hielt sich die Stadt gegenüber dem Dinkerschen Adel zurück. Aber nach dem vorteilhaften Vertrag von 1444 mit dem klevischen Herrscherhaus entzog Soest der Dinkerschen Ritterschaft die adligen Vorrechte: die Steuerfreiheit, die Gerichtshoheit und das Jagdrecht. Außerdem blieb ihr fortan die Teilnahme am Landtag verwehrt, da sie nicht über »landtagsfähige Güter« verfügte.124 Die bisherigen Privilegien besaßen für den Dinkerschen Adel natürlich einen hohen Stellenwert. Mit ihnen wurde ihrer geachteten Stellung und ihrem Ansehen der Boden entzogen. Die Herren in Dinker hielten sich um so mehr zum klevischen Herzogshaus und wagten es, den Soester Kaufleuten das Wegerecht durch das Kirchspiel zu entziehen. Die Stadt reagierte darauf nicht und erreichte auf anderen Strecken das Fernwegenetz, um ihre Waren in den Nord- und Ostseeraum zu befördern.125. Der Rat soll auch »die ganze Staatssteuer« auf die Einwohner der Börde umgelegt haben und darüber hinaus einen ergänzenden Betrag, »wie die Stadt für sich bedurfte«.126 Auch versuchte Soest mit dem Verbot aller Berufe in der Börde den städtischen Handwerkern eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. Aber wegen der weiten Anwege in die Stadt verfehlte diese Forderung ihre Wirkung. Man behalf sich in der Börde weithin selbst. Die Stadt gab nach. Im Bördekataster von 1685 finden sich 39 amtlich genannte Handwerker in der Börde, von denen die meisten in Dinker wohnten. 1723 genehmigte der Rat offiziell eine Schmiede in Dinker.
c) Die Dinkersche Ritterschaft
Levold von Northof erwähnt den 1226 verstorbenen Ritter Ludolf von Bönen, dessen Nachkommen Haus Klotinghof in Dinker als Lehen erhielten, als vorbildlichen Amtmann des Marker Grafenhauses. Als solcher habe er für diese Familie auch die Marker Burg erworben. Mit dem Erwerb schufen sich die Grafen von Berg-Altena 1198 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kirchspiel Dinker ein neues Machtzentrum. Sie nannten sich seit 1202 »Grafen von der Mark«.127 Nach den überlieferten Mitteilungen weiteten sich die guten Kontakte der Herren von Bönen zum Marker Grafenhause seit dem 13. Jahrhunderts auf alle Adelsfamilien in Dinker aus: z. B. war Lambert von Bönen, Haus Klotinghof, »Burgmann zu Mark« (1269–1276),128 ebenso Ritter Johannes von Dinker (1251–1276).129 Der Ritter Johannes von Clot zu Nateln (1336–1371) zählte zur märkischen Ritterschaft des Amtes Hamm.130 Seine Nachkommen standen in fast ununterbrochener Folge bis ins 15. Jahrhundert im Dienste des Marker Grafenhauses.131 Ihm beigefügte Titel lauten »Burgmann«, »Erb-Castellan« oder »Burggraf zur Mark«.132 Um 1420 gehörten »Dyderich und Bernd, brodere von Galen«, Haus Vellinghausen, zur märkischen Ritterschaft.133 Ebenso zählte 1465 Engelbert Haver, Haus Sängerhof, zu ihr.134 Unbeeindruckt vom Kauf des Kirchspiels Dinker (1328) durch die Stadt Soest ließen die Marker Grafen »zur Sicherung des Übergangs über die Ahse die Veste tom Niggenhuse in Nateln bauen«.135 Eine Urkunde vom 28. Oktober 1392 nennt Graf Adolf I. von Kleve-Mark (1391–1393) als Besitzer.136 Die Grafen von der Mark demonstrierten mit vollem Einverständnis der Dinkerschen Ritterschaft, daß ihr Hoheitsgebiet im Süden nach Soest hin bereits an der Grenze zum Kirchspiel Borgeln beginne. Auch nach dem Bündnis mit Soest 1444, durch das sich die Stadt vom Erzbistum Köln löste und zumindest formal dem Herzogtum Kleve unterstellte, blieb hier ein Konfliktpunkt bestehen, aus dem die Dinkersche Ritterschaft Kapital zu schlagen versuchte.
Mittlerweile zeigten sich deutlicher soziale Umschichtungen, zu denen es zwischen Stadt und Land gekommen war. Während die Familien der Dinkerschen Ritterschaft gezwungen waren, die Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben sorgfältig zu beachten, blieb ihnen der Wohlstand in den Häusern der Patrizier in Soest nicht verborgen. Sie konnten nur staunen über den dort angesammelten Reichtum, aus dem die Patrizier der Stadt schöpften. Aber ihre überlieferten Vorstellungen hinderten sie, die Oberhoheit der Stadt über ihren Lehnsbesitz und über ihre St. Othmarkirche anzuerkennen. Sie lehnten konsequent Anweisungen aus Soest ab. Aus diesem Grunde blieben zahlreiche Reibereien und Auseinandersetzungen im Laufe der Zeit zwischen den Rittern in Dinker und der Stadt nicht aus. Sie baten immer wieder den Herzog von Kleve um Hilfe.137 Zum Beispiel beanstandeten Rütger von Galen, Johann Klot und andere, »de sick erfnoiten [Erbgenossen] to Dinker« nannten, im Jahre 1508 beim Herzog, die von Soest eingeführte ungebührliche Brotzyse (Brotsteuer). 1522 erreichte den Herzog ein erneuter Einspruch: »Es hatten die Dinckerenses Henrich und Gerd von Galen, Engelbert Haver, Dirich von Plettenberg, Henrich und Roloff Cloit, Johann Knippinck, Dirich und Rütger von Galen und Albert Knipping sich beim Herzog beklagt, daß 1) die ihnen zugehörigen Leute Brotaccise geben müßten, 2) daß der Rat ihren eigenen Leute jede Tätigkeit in der Stadt verbieten ließe, 3) daß nicht permittiert [erlaubt] werden solle, daß in Dinker Bäcker, Brauer, Schneider und Schuster wohnen dürften, 4) daß der Rat ihnen nicht zugestehen wolle, selbst ihre Eigenleute zu bestrafen«. Bürgermeister und Rat hatten entsprechende Bitten der Dinkerschen Ritterschaft abgelehnt.138 Das Stadtrechtsbuch von Soest, die »Schrae«, erhielt 1531 noch den Zusatz, keinem Einwohner aus der Börde ein Amt zu übertragen.
Die ungleichen Lebensvorstellungen von Adel und Patriziern ließ durch die Jahrhunderte keine gemeinsame Gesprächsbasis aufkommen. Es gibt keinen Beleg für eine freundliche Kontaktaufnahme einer Soester Ratsfamilie mit dem Dinkerschen Adel oder umgekehrt. Man mied tunlichst »die Krämer« in Soest. Die Ritter wiederum sahen sich nach wie vor als Herren, denen »alle adeligen Frey- und Gerechtigkeiten« zukamen«.139
Auch war das Kirchspiel Dinker mittlerweile zu einem Faustpfand der Macht geworden. Durch den Kauf der Freigrafschaft Rüdenberg kamen zwei Teile des Kirchspiels unter die Gerichtsbarkeit der Amtleute in Soest, und ein Teil unter Hammsche Gerichtsbarkeit.«140 Als nördlichste Region der Börde betrachtete es Soest in der Sprache der Juristen als Dependenzstück (lat. dependere ›abhängen von‹), als abhängig von der Stadt. D...

Inhaltsverzeichnis

  1. Hinweise
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort
  4. 1517–1530. Die Reformation im Reich
  5. 1531/32. Die Reformation erreicht Soest und das Herzogtum Kleve
  6. 1532–1543. Vergebliche Reformationsversuche im Kirchspiel Dinker
  7. 1543–1548. Reformation in Dinker mit Gewalt
  8. 1548–1555. Rekatholisierung. Die Gemeinde wird aktiv
  9. 1555–1565. Dinker wendet sich dem evangelischen Glauben zu
  10. Nachwort
  11. Quellen- und Literaturverzeichnis
  12. Impressum

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