Wagnisse in aller Welt
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Wagnisse in aller Welt

  1. 206 Seiten
  2. German
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Wagnisse in aller Welt

Über dieses Buch

Kisch, der rasende Reporter, in seinem Element. Durch Wüsten, nach Arabien und China und wieder zurück nach Europa führen uns 22 kleine Reportagen zum "Mitlesen".

Null Papier Verlag

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Information

Städtebilder, perspektivisch verkürzt

Auf das Dach des Kaschau­er Doms ge­klet­tert,
bin ich nun auf ei­ner In­sel in der Luft, ba­lan­cie­re längs ih­res ab­schüs­si­gen Ufers. Vor mei­nen Fuß­spit­zen fällt eine Wand hin­ab, hin­ter mei­nen Fer­sen ra­gen blu­men­be­wach­se­ne Berg­py­ra­mi­den em­por und in de­ren Mit­te eine Felss­pit­ze – die Py­ra­mi­den sind die la­chend bun­ten Dä­cher ge­kreuz­ter Kir­chen­schif­fe, und die Felss­pit­ze ist ein Turm.
Tief un­ter mir teilt sich die Haupt­stra­ße, um den Dom frei zu las­sen. Ge­gen Sü­den sieht man die fast tau­send­jäh­ri­ge Mi­chaels­kir­che breit­spu­rig in der Fahr­bahn. Ne­ben ihr ein lee­res Posta­ment: Da­rauf stand, zur Erin­ne­rung an den Frei­heits­krieg der Un­garn ge­gen Habs­burg auf­ge­rich­tet, die über­le­bens­große Bron­ze­fi­gur ei­nes al­ten Ku­ruz­zen aus der Rákóc­zy­zeit, der sei­nen Nach­fahr, den Achtund­vier­zi­ger Hon­ved (einen Zip­ser Rot­köpf­ler oder Sa­ro­ser Slo­wa­ken), um­armt. Zäh­ne­knir­schend hat Ös­ter­reich die Auf­stel­lung die­ser Re­vo­lu­ti­ons­denk­mä­ler in Un­garn dul­den müs­sen. Am 16. März 1919 ha­ben zwei Of­fi­zie­re mit etwa acht­zig tech­nisch aus­ge­rüs­te­ten Sol­da­ten nächt­li­cher­wei­le den Um­sturz des Mo­nu­ments voll­zo­gen – »ein Bu­ben­stück un­ver­ant­wort­li­cher Ele­men­te«, er­klär­te der Mi­li­tär­kom­man­dant von Slo­wens­ko, als sich die Be­völ­ke­rung Kaschaus er­regt zu­sam­men­rot­te­te und es Tote gab und im Dom das Gna­den­bild der hei­li­gen Ma­ria von Pócs Trä­nen ver­gos­sen ha­ben soll wie 1914 beim Aus­bruch des Krie­ges. Die Denk­mal­stür­mer wur­den aus Kaschau ver­setzt, und die üb­ri­gens von ei­nem Bild­hau­er des sla­wi­schen Na­mens Sz­a­mo­vols­ky ge­schaf­fe­ne Skulp­tur er­liegt im Mu­se­um, je­doch der Kopf des jun­gen Hon­ved ist ver­schwun­den.
Von dem er­höh­ten Stand­punkt des Kir­chen­da­ches kann man über die de­lo­gier­te Sta­tu­en­grup­pe hin­weg­se­hen, nach Sü­den, ge­gen das Ho­tel Schalk­haz, wo ich jetzt woh­ne, ge­gen das Ba­ra­cken­la­ger, wo ich einst wohn­te, und ge­gen den Zen­tral­fried­hof, auf dem bald zu woh­nen ich da­mals glaub­te.
Kaschau­er Ba­ra­cken­la­ger: Das wa­ren im­mer fünf­zehn­tau­send von der Kar­pa­ten­front ge­brach­te ver­wun­de­te, kran­ke Men­schen, sich nach Hau­se seh­nend und wahn­sinns­na­he an der un­sicht­ba­ren Zwangs­ja­cke zer­rend, die Kon­tu­maz hieß.
Kaschau­er Fried­hof: Das war au­ßer­halb der Front der ein­zi­ge Fried­hof mit Mas­sen­grä­bern, fünf­zig, ja acht­zig Men­schen wur­den na­men­los in ein Erd­loch ge­scharrt, Ok­to­ber 1914, Cho­le­ra.
Auf dem schma­len Ge­sims beu­ge ich mich zwi­schen zwei Fia­len ost­wärts, ein Tau­ben­paar schreckt auf. Rechts in der Fer­ne die To­kayer Hegya­l­ya, die be­wal­de­te Sei­te ge­hört der Tsche­cho­slo­wa­kei, der wein­tra­gen­de, ein­tra­gen­de Hang ist un­ga­risch. Ge­gen Bar­c­sa schaue ich, dort hat sich zur Hus­si­ten­zeit Jis­kra von Brand­eis be­fes­tigt, um die Herr­scher­rech­te des un­mün­di­gen La­dis­laus Post­hu­mus zu si­chern. Ge­gen Sa­ros-Pa­tak schaue ich, wo der noch heu­te viel ge­ehr­te, doch we­nig be­folg­te An­ti­na­tio­na­list Co­me­ni­us weil­te, als Gast von Su­san­na Loranf­fy und Si­gis­mund Rákóc­zy. Ge­gen die Hü­gel schaue ich, wo An­fang 1848 die Ar­mee des un­ga­ri­schen Feld­herrn Györ­gey mit der des ös­ter­rei­chi­schen Ge­ne­rals Schlick ge­kämpft hat.
Jen­seits des Kaschau­er Bergs liegt Rank, der ein­zi­ge kal­te Gey­sir Eu­ro­pas, alle sechs Stun­den schießt der Spru­del, ein Säu­er­ling, zwan­zig Me­ter in die Höhe. Ein­mal war das ein Ku­r­ort für die ganz Rei­chen, in Rank fand die En­t­re­vue Bis­marcks mit An­dras­sy statt und all­jähr­lich der Anna-Ball der ma­dja­ri­schen Gen­try, beim Um­sturz wur­de die Ba­de­ein­rich­tung weg­ge­schleppt, und nun ist Rank kein Ku­r­ort mehr.
Der Bahn­hof Kaschaus ist nahe. Auf ei­ner In­sel das Her­nad, der Stadt­park. Vor dem neu­en Tem­pel der Se­phar­dim ste­hen selt­sa­me Ju­den in Grup­pen: Sie tra­gen sich spa­nisch, stol­zie­ren in schwarz­sei­de­nem Talar ein­her, mit wei­ßen St­rümp­fen und Lack­halb­schu­hen, breit­krem­pi­gem Samt­hut und Zier­lo­cken. An der Pe­ri­phe­rie sind die Ba­ra­cken von wei­land Hon­ved­husa­ren, aber – wie sich die Zei­ten än­dern! – es woh­nen kei­ne Husa­ren mehr dar­in, son­dern: Dra­go­ner.
Im Nor­den das Ge­bäu­de des Mi­li­tär­kom­man­dos; hier war Ge­ne­ral Bo­ro­e­vic im Frie­den als Korps­kom­man­dant per­sön­lich ge­fähr­det, im Krie­ge war er ein per­sön­lich we­ni­ger ge­fähr­de­ter Ar­mee­kom­man­dant. An grenzt das Mi­li­tär­ge­richt, dar­in vier zum Tode ver­ur­teil­te »Hoch­ver­rä­ter« ein­ge­ker­kert sit­zen und meh­re­re in Un­ter­su­chungs­haft. Hra­do­wa ragt auf, eine alte sla­wi­sche Burg – das Hin­ter­land die­ser in der ma­dja­ri­schen Ge­schich­te so füh­ren­den Stadt ist slo­wa­kisch.
Hart un­ter mir, in der Haupt­stra­ße, Adel­spa­läs­te und Kir­chen und Mes­se­häu­ser frem­der Städ­te. Schmäch­ti­ge Fassa­den, aber hin­ter den Hö­fen tiefe­re Bau­ten, einst­mals de­nen von Thur­zo, Ba­thyo­ry und Rákóc­zy und nach­mals de­nen von An­dras­sy, Zichy, Ha­dik, For­gach, Dessöffy und Csaky ge­hö­rig.
Frei ste­hend ein Kam­pa­ni­le, der Ur­bans-Turm, und das Thea­ter, vor etwa fünf­zehn Jah­ren dort er­rich­tet, wo mehr als ein Sä­ku­lum lang die äl­tes­te ma­dja­ri­sche Schau­büh­ne war; ge­gen­wär­tig wird slo­wa­kisch ge­spielt. Nicht weit vom Thea­ter ist die aus­ran­gier­te Ka­ser­ne vom k. und k. In­fan­te­rie­re­gi­ment Kai­ser Wil­helm der Zwei­te Nr. 34. Hier­her kam oft, von Or­ga­nen der Staats­po­li­zei wohl­be­hü­tet, Prinz Ei­tel Fried­rich und di­nier­te in der Mes­se mit den »Her­ren Kam’ra­den« von dem Sil­ber­ser­vice, das sein Papa dem Re­gi­ment ge­stif­tet hat­te; jetzt am­tiert in die­sem Hau­se der tsche­cho­slo­wa­ki­sche Po­li­zei­di­rek­tor, ehe­dem Ober­kom­mis­sär je­ner k. k. po­li­ti­schen Staats­po­li­zei, die über das Le­ben der deut­schen Prin­zen mit Ar­gus­au­gen wach­te.
Von der Kan­te des Müns­ter­da­ches schi­cke ich noch einen Blick nach rechts ge­gen Kaschaus Ti­vo­li, ge­gen Ban­ko. Und lan­ge schaue ich nach links, ge­gen die äu­ßers­ten, bei­spiel­los ver­wahr­los­ten Süd­west­win­kel der Stadt, wo Zi­geu­ner­müt­ter den städ­ti­schen Passan­ten zu ih­ren klei­nen Töch­tern lo­cken und ein Pro­le­ta­ri­at lebt, das op­po­si­tio­nel­ler und klas­sen­be­wus­s­ter ist als in ent­wi­ckel­te­ren Län­dern, hem­mungs­lo­ser un­ter­drückt als in Mon­ar­chi­en.
Das be­wegt die Stadt kei­nes­wegs. Auf den Fuß­ball­platz zu mei­ner Rech­ten kon­zen­triert sich das In­ter­es­se; was sich am Sonn­tag zwi­schen den ein­geramm­ten Tor­stan­gen ab­spie­len wird, be­schäf­tigt die Ge­mü­ter; wer wird die­sen Sonn­tag und am nächs­ten Sonn­tag und am Schluss der Sai­son sie­gen, U. T. K., Ces­ky sport. klub Ko­si­ce, die Ma­d­ja­ren oder die Tsche­chen in der Stadt oder die Zio­nis­ten? Das ist die große Fra­ge.
Aber es kann und wird ein­mal an­ders kom­men, als die Leu­te den­ken, die den Sport als Na­tio­na­lis­mus und den Na­tio­na­lis­mus als Sport be­trei­ben. Eben­so wie Ba­ra­cken­la­ger, Mas­sen­be­er­di­gun­gen, Herr­scher­sit­ze und die feu­da­len Anna-Bäl­le ver­schwan­den, wird noch vie­les ver­schwin­den in die­ser Welt, und die Mi­li­tär­ge­rich­te mit den ein­ge­ker­ker­ten »Hoch­ver­rä­tern« und der Um­sturz von Re­vo­lu­ti­ons­denk­mä­lern und die schmieg­sa­me po­li­ti­sche Po­li­zei wer­den dar­an nichts än­dern.
Rö­mi­sche Stadt, afri­ka­ni­scher Busch und ein Hund als Füh­rer
Ges­tern noch Sa­ha­ra, mor­gen schon Mit­tel­meer und da­zwi­schen – wie eine Luft­spie­ge­lung – die­se, die­se rö­mi­sche Stadt. Sie lebt.
Pom­pe­ji lebt nicht mehr, es ist ein Aus­s­tel­lungs­ge­län­de, und wür­de es mor­gen zum zwei­ten Mal ver­schüt­tet und dies­mal gänz­lich zer­trüm­mert, so lie­ße es sich zwei­fel­los ech­ter und voll­stän­di­ger wie­der­her­stel­len.
Das Forum Ro­ma­num und die Ther­men des Ca­ra­cal­la – Mu­mi­en, die man ih­res Schmucks und ih­res Ge­wan­des be­raubt, um die Mu­seen des Va­ti­kans zu schmücken.
Kar­tha­go: nicht ein­mal Trüm­mer­stät­te, bloß eine sym­bo­li­sche Stel­le an üp­pi­ger Bucht.
Selbst Lam­bae­sis, als Pro­spekt gut kon­ser­viert und noch heu­te dazu ver­lo­ckend, die pracht­vol­len Dampf­bä­der und die mar­mor­nen Was­ser­spül­klo­set­te zu be­nüt­zen, ist nur ei­ner to­ten afri­ka­ni­schen Ein­öde to­ter Teil.
Aber die­se Rö­mer­stadt zwi­schen Me­di­ter­ra­ne­um und Sa­ha­ra lebt. Aus den Stei­nen schlägt wil­der Ab­sinth, hell­vio­lett, in Knie­hö­he em­por, Eu­ka­lyp­tus und Efeu ran­ken sich um Ar­ka­den, Zwerg­pal­men und Rie­sen­kak­teen wu­chern aus Wein­kel­lern, Busch­werk sprießt aus dem Stein­par­kett des Forum Ro­ma­num, in un­be­schreib­li­cher Pracht blü­hen Ro­sen und Ane­mo­nen im Park, de­ko­rie­ren ihn für schwel­ge­ri­sche Sa­tur­na­li­en.
Vor al­lem lebt die Bran­dung, in fünf­zehn, in drei­ßig Me­ter ho­hen Strah­len schlägt der Gischt an den Fel­sen und wird zer­schmet­tert in My­ria­den von Flo­cken. Das Zoll­amt am Ha­fen ist auf drei Sei­ten von ei­ner Mau­er um­ge­ben, das Was­ser über­springt sie in kur­z­en In­ter­val­len, ver­wan­delt den Raum zwi­schen Wall und Haus in einen flüs­si­gen Hof und kehrt auf der vier­ten, of­fe­nen Sei­te ins Meer zu­rück. Seit Jahr­tau­sen­den funk­tio­niert die Fon­tä­ne, und so ge­bannt wie wir starr­ten die Er­bau­er der Vil­len zur­zeit des Kai­sers Clau­di­us auf das glit­zern­de Spiel des Spru­dels.
Sie lebt, die seit sech­zehn­hun­dert Jah­ren tote Stadt, denn das Meer und das Land ge­ben ihr un­un­ter­bro­che­nes Le­ben.
Je­der, der hier­her­kommt, ist so­zu­sa­gen ihr Ent­de­cker, ist al­lein in ih­ren Mau­ern. Wer naht denn die­sem von al­len großen Plät­zen des Lan­des Al­gier so ent­fern­ten Win­kel? Ara­ber hau­sen in der Ge­gend, Esel trei­bend, in den Dorf­kaf­fee­häu­sern sit­zend, al­len­falls Früh­ge­mü­se zie­hend und Frühtrau­ben auf san­di­gem Bo­den, der ge­gen See­win­de ge­schützt ist durch einen Strei­fen Rog­gen­felds oder eine He­cke spa­ni­schen Roh­res, Arun­do Don­ax. Von Zeit zu Zeit mö­gen Archäo­lo­gen er­schei­nen, und auch der Cook­sche Au­to­car, Ame­ri­ka­ner und Eng­län­der bis Tu­nis schlep­pend, hält wohl hier, sei­ne In­sas­sen zu ei­nem Tri­but von ver­zück­ten In­ter­jek­tio­nen zu zwin­gen. Sonst aber geht man ein­sam durch die Stra­ßen der rö­mi­schen Stadt, über das Forum, in die Vil­len, die Wein­kel­ler, die Ther­men, die Ge­fäng­nis­se, das Thea­ter, die Gär­ten.
Ein auf­ge­weck­ter Ara­ber­jun­ge, der kei­ne Schu­le be­sucht, weil er al­lein in der Welt steht und ohne Ver­dienst ver­hun­gern müss­te, macht den Füh­rer – er hat ei­ni­ge Bro­cken Fran­zö­sisch ge­lernt und kennt sich wun­der­bar aus, denn in vie­len Bü­schen hat er eine Sch­lin­ge für Vö­gel und in zwei­en eine Fal­le für Scha­ka­le.
Ist der brau­ne Bub mit sei­ner Jagd be­schäf­tigt, so ge­sellt sich ein an­de­rer, ein merk­wür­di­ger Ci­ce­ro­ne zum Be­su­cher. Ein Hund. Kreu­zung zwi­schen Do­ber­mann und deut­schem Schä­fer. Nur die Göt­ter mö­gen wis­sen, wie und wes­halb er hier­her­ge­riet.
Er führt den Frem­den, springt vor ihm her, war­tet, ge­lei­tet ihn zum Thea­ter, zur Ba­si­li­ka, zum Tri­bu­nal, zur Via tri­um­pha­lis und bellt und zerrt, wenn sein Kli­ent vor­zei­tig um­keh­ren will, zum Bei­spiel ohne in die Grä­ber­stät­te hin­ab­ge­stie­gen zu sein. Erst im La­pi­da­ri­um, da das Ende des Rund­gangs er­reicht ist, jagt er, kei­nen Lohn er­war­tend, da­von, die­ser selt­sams­te al­ler Hun­de, Kreu­zung zwi­schen Do­ber­mann und deut­schem Schä­fer, zwi­schen Lo­kal­pa­tri­ot und Archäo­lo­gen.
Nein, die Stadt ist der Frem­den­in­dus­trie noch nicht er­schlos­sen, und hef­tet der Be­su­cher den Blick auf den Bo­den, so fin­det er auf Schritt und Tritt Din­ge aus der Rö­mer­zeit: eine glat­te Mün­ze, das Bruch­stück ei­ner bron­ze­nen Arm­span­ge, Scher­ben von Ton­ge­fäßen, Stein­chen aus ei­nem Mo­sa­ik, Eck­chen ei­nes Ka­pi­tells – wert­lo­ses Zeug, aber im­mer­hin wohl­ge­fäl­lig auf­zu­neh­men als An­den­ken.
Die ob­jek­tiv be­acht­li­chen Stücke sind un­ten im Gar­ten der Vil­la Tré­maux pos­tiert, ein ala­bas­ter­ner Sar­ko­phag mit bart­lo­sem Chris­tus als gu­tem Hir­ten, ein Mei­len­stein aus Ha­drians Zeit, Grab­mo­nu­men­te, Tisch­plat­ten für Lie­bes­mäh­ler, Sta­tu­en und Sta­tu­et­ten und Va­sen.
Schö­ner als auf­ge­stell­te Kost­bar­kei­ten und selbst als auf­ge­fun­de­ne Wert­lo­sig­kei­ten ist je­doch der Ge­samtan­blick der Stadt. Aus dem grü­nen Hang der hü­ge­li­gen Halb­in­sel sprin­gen die röt­lich-wei­ßen Wür­fel und Pris­men her­vor, ne­ben­ein­an­der ge­glie­dert und über­ein­an­der ge­schlich­tet, und ein zu­fäl­li­ger Wan­de­rer wür­de aus ei­ner Ent­fer­nung von kaum fünf­zig Schrit­ten nicht ah­nen, dass die­se in ge­nuss­rei­cher Land­schaft mit künst­le­ri­scher Lie­be er­bau­te Vil­len­stadt un­be­wohnt ist. Die Be­völ­ke­rung hat sie eben ver­las­sen, ist nach Spa­ni­en ge­flüch­tet, um den Ver­fol­gun­gen des aria­ni­schen Van­da­len­kö­nigs zu ent­ge­hen, der die we­gen ih­res Fest­hal­tens am ka­tho­li­schen Glau­ben in ganz Mau­re­ta­ni­en be­rühm­te Stadt hass­te.
Seit­her ste­hen die Vil­len leer, na­tür­lich nur vor­läu­fig, mor­gen kön­nen sie ver­nich­tet und über­mor­gen ver­pach­tet wer­den, die Ber­ber­stäm­me, die ein­bra­chen, mach­ten we­der von ih­nen noch von den Ba­si­li­ken und Ther­men Ge­brauch, sie zo­gen es vor, in Zel­ten zu schla­fen, in Hüt­ten und klei­nen Häu­schen.
Nur der klei­ne Ara­ber­jun­ge und der Hund kom­men hin­auf ins rö­mi­sche Dorn­rös­chen­schloss. Oben mar­mor­ne Pa­läs­te, un­ten das Dorf aus Lehm und ein Leucht­turm und je­nes Ha­fen­zoll­amt, das sich den Aus­blick auf na­hen­de Schmugg­ler­boo­te durch eine hohe Schutz­mau­er sper­ren muss, um nicht weg­ge­schwemmt zu wer­den.
Die rö­mi­sche Stadt im afri­ka­ni­schen Busch heißt so, wie sie in den Ta­gen des Kai­sers Clau­di­us und als sie ver­las­sen wur­de – ges­tern? nein, 484 nach Chris­ti – hieß: Ti­pa­sa.
An der Mün­dung der Wien
Ans Kai­ge­län­der der Un­te­ren Do­nau­stra­ße ge­lehnt, sieht man drü­ben die Wien her­an­kom­men. Gera­de ge­gen­über mün­det sie in den Do­n­au­ka­nal.
Die länd­li­che Ab­kunft merkt man ihr nicht mehr an. Ge­bo­ren in Dürr­wi­en, hops­te sie dort um­her, über­mü­tig, mit Zy­kla­men be­kränzt. Aber dann pas­sier­te sie Som­mer­fri­schen, wo sich kei­nes der ver­klei­de­ten Dirndln wie eine Kuh­magd und kei­ner der stu­dier­ten Bar­füß­ler wie ein Dorfl­aus­bub be­neh­men darf. (Das hat auf ein Flüss­chen von fluk­tu­ie­ren­dem Cha­rak­ter, das wahl­los al­les auf­nimmt, päd­ago­gi­schen Ein­fluss.)
Je­doch noch im­mer schlen­ker­ten die Wel­len, man­geln­de Kin­der­stu­be und un­be­ob­ach­te­ten Auf­ent­halt auf Wald­wie­sen ver­ra­tend, wes­halb sie hin­ter Weid­lin­gau ins In­ter­nat muss­ten. Zwi­schen den Mau­ern des Stau­be­ckens lern­ten sie Zu­rück­hal­tung und Ab­le­gung un­s­te­ten We­sens, denn ih­nen stand die edle Auf­ga­be be­vor, den gan­zen Schmutz und Ab­guss der Wie­ner Häu­ser auf­zu­la­den und ihn in den Do­n­au­ka­nal zu tra­gen. Schließ­lich brach­te die Wien zu Hüt­tel­dorf ihre Toi­let­te in Ord­nung.
Ge­schnürt und fri­siert mel­det sie sich zum Dien­st­an­tritt in der Re­si­denz. Die Er­zie­hung ist ihr der­art ins Blut über­ge­gan­gen, dass sie so­gar un­ter der Über­brückung, in der die Zu­ge­reis­te doch un­kon­trol­liert ist, ge­nau­so fein und groß­städ­tisch da­hin­trip­pelt wie hier, wo sie öf­fent­lich in den Do­n­au­ka­nal mün­det.
Sie re­det sich ein, ir­gend­ei­ne vor­neh­me Frem­de zu sein, von der Stadt fei­er­lich ein­ge­holt zu wer­den, und wahr­lich, ihre Ein­bil­dung ist nicht ganz ohne Grund. Sind doch über dem Weg, auf dem sie kommt, Tri­umph­bo­gen aus Ei­sen und be­haue­nem Stein ge­spannt, ei­gens ge­pflanz­te Bäu­me fas­sen ihre Ein­zugs­stra­ße ein, vom Stadt­park füh­ren Mar­mor­stu­fen zu ihr, eine wah­re Estra­de für sie, die »die Wien« heißt, so wie man hier alle be­deu­ten­den Frau­en nennt, »die Met­ter­nich«, »die Schratt« oder »die Schwarz­wald«.
Fest­platz ist der Do­n­au­ka­nal, von der Stel­le an, wo der Wi­en­fluss ein­greift.
Links da­ne­ben ist gar nichts los. Am Neu­bau der As­pern­brücke ar­bei­ten ein len­den­lah­mer Kran und nur zwei Taglöh­ner – der Fama zu­fol­ge sind sie nach­mit­tags mit der Re­stau­rie­rung der Karls­kir­che be­schäf­tigt; neu­lich soll der Bür­ger­meis­ter ih­nen fol­gen­de An­spra­che ge­hal­ten ha­ben: »Bis Sö mit dera Bruck’n da fer­tig san, mei­ne Her­ren, so wer’n S’ den Do­nau-Oder-Kanal in An­griff neh­men.« Vor­läu­fig be­hilft sich der Ver­kehr mit ei­ner Holzat­trap­pe, auf der drei Bett­ler rechts und drei Bett­ler links Brücken­maut ein­he­ben. Un­ter­halb der Ura­nia lie­gen Qua­dern, für das Pflas­ter der künf­ti­gen Brücke be­stimmt, Moos wächst auf ih­nen, und die Brücke wird vor­läu­fig mit gu­ten Vor­sät­zen ge­pflas­tert.
Rechts von der Wien, da geht es hoch her. Tra­gö­di­en, Kin­der­vor­stel­lun­gen, Ko­mö­di­en, Was­ser­pan­to­mi­men – al­les un­un­ter­bro­chen wie im Kino. Zwei- bis drei­mal in der Wo­che wird auf das mit Kot, Gras und Zwerg­ge­büsch be­deck­te Vor­ter­rain des un­te­ren Kais eine Lei­che ge­schwemmt. (Die Strom­rich­tung der Wien und die des Do­n­au­ka­nals er­ge­ben bei ih­rer Ve­rei­ni­gung eine Re­sul­tan­te, wel­che Men­schen­kör­per ge­ra­des­wegs zum Haus der Ret­tungs­ge­sell­schaft trägt.)
Ent­setz­te Fin­der alar­mie­ren die Ret­tungs­ge­sell­schaft, aber es gibt kei­ne Ret­tung für den, den die Ge­sell­schaft ins Was­ser ge­trie­ben. Die Strö­mung tut nichts an­de­res, als was täg­lich die Men­schen tun: Sie bringt den Pa­ti­en­ten erst dann vor den Arzt, wenn es zu spät ist.
Er­freu­li­che­re Din­ge tref­fen ein, die­ser Klotz zum Bei­spiel. Ein bra­ver Be­woh­ner der Weiß­ger­ber­län­de, mit den Ten­den­zen der Wien ver­traut, hofft ihn her­aus­zu­fi­schen, doch ge­ra­de heu­te wird das statt­li­che Stück Holz nicht an den Strand ge­spült, son­dern schwimmt zehn, zwan­zig Schrit­te wei­ter, just zu der Au­to­ga­ra­ge auf der Vor­kai­flä­che, und schep­pert höh­nisch an die Wand. Der Ver­wal­ter der Re­mi­se lässt sich nicht uzen, er spießt dem Bal­ken eine Har­pu­ne in den Rücken und zieht die Beu­te in sei­nen Be­ton­stall, der Mann vom Weiß­ger­ber hat das Nach­se­hen, was er mit trau­ri­gem Blick be­sorgt. Üb­ri­gens muss der Ga­ra­gen­ver­wal­ter gar nicht war­ten, bis ein Stamm, Ein­lass be­geh­rend, an die Kai­mau­er pocht, er hat einen Wurf­bal­len, den er mit der Si­cher­heit ei­nes Las­so­wer­fers hin­ter das Ob­jekt schleu­dert und die­ses dann her­an­bug­siert.
Kin­der schwim­men hier und jun­ge Hun­de. Dort, wo von der Ra­detz­ky­brücke Stu­fen zum Do­n­au­ka­nal hin­un­ter­füh­ren, liegt der aus­ran­gier­te Lan­dungs­bord ei­ner Damp­f­er­sta­ti­on oder ei­ner Über­fuhr morsch und schräg im Was­ser, Ba­de­an­stalt für Kin­der, die, nach­dem sie ge­plät­schert ha­ben, ans Land und in die Klei­der schlüp­fen kön­nen, ohne sich die Füße mit Ufer­lehm zu be­schmut­zen.
Kanal­ab­wärts wu­chert Ge­strüpp – An­klei­de­raum von Land­strei­chern; be­vor sie ins Was­ser krie­chen, schwen­ken sie Hemd und Un­ter­ho­se in den Wel­len und brei­ten das der­ma­ßen ge­rei­nig­te Lin­nen zum Trock­nen au...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. Impressum
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Danke
  5. Kisch bei Null Papier
  6. Ritt durch die Wüste und über den Schott
  7. Seine Majestät die Nickmaschine
  8. Die Fahrt der Flößer
  9. Auf der Reeperbahn von Rotterdam
  10. Justiz gegen Eingeborene
  11. Verwundung
  12. Silvesternacht in Marseille
  13. Käsemarkt zu Alkmaar
  14. Chinesenstadt
  15. Das Vermächtnis der Frau Mende
  16. Vatikan in der Sahara
  17. Westfront 1918 – Französische Revolution – Goethe
  18. Der, der das Radio sieht
  19. Die Kasbah von Algier
  20. Protest gegen eine Verurteilung
  21. Wer mag wohl in diesem Schlosse wohnen
  22. Kuriositätenkabinett des Viehhofes
  23. Städtebilder, perspektivisch verkürzt
  24. Die tunesischen Juden von Tunis
  25. Polizeischikanen in Sardinien
  26. Memoiren eines Filmstatisten
  27. Die Polizei und ihre Beute
  28. Das weitere Verlagsprogramm