
- 206 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Wagnisse in aller Welt
Über dieses Buch
Kisch, der rasende Reporter, in seinem Element. Durch Wüsten, nach Arabien und China und wieder zurück nach Europa führen uns 22 kleine Reportagen zum "Mitlesen".
Null Papier Verlag
Häufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
- Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
- Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Wagnisse in aller Welt von Egon Erwin Kisch im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Literatur & Altertumswissenschaften. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.
Information
Städtebilder, perspektivisch verkürzt
Auf das Dach des Kaschauer Doms geklettert,
bin ich nun auf einer Insel in der Luft, balanciere längs ihres abschüssigen Ufers. Vor meinen Fußspitzen fällt eine Wand hinab, hinter meinen Fersen ragen blumenbewachsene Bergpyramiden empor und in deren Mitte eine Felsspitze – die Pyramiden sind die lachend bunten Dächer gekreuzter Kirchenschiffe, und die Felsspitze ist ein Turm.
Tief unter mir teilt sich die Hauptstraße, um den Dom frei zu lassen. Gegen Süden sieht man die fast tausendjährige Michaelskirche breitspurig in der Fahrbahn. Neben ihr ein leeres Postament: Darauf stand, zur Erinnerung an den Freiheitskrieg der Ungarn gegen Habsburg aufgerichtet, die überlebensgroße Bronzefigur eines alten Kuruzzen aus der Rákóczyzeit, der seinen Nachfahr, den Achtundvierziger Honved (einen Zipser Rotköpfler oder Saroser Slowaken), umarmt. Zähneknirschend hat Österreich die Aufstellung dieser Revolutionsdenkmäler in Ungarn dulden müssen. Am 16. März 1919 haben zwei Offiziere mit etwa achtzig technisch ausgerüsteten Soldaten nächtlicherweile den Umsturz des Monuments vollzogen – »ein Bubenstück unverantwortlicher Elemente«, erklärte der Militärkommandant von Slowensko, als sich die Bevölkerung Kaschaus erregt zusammenrottete und es Tote gab und im Dom das Gnadenbild der heiligen Maria von Pócs Tränen vergossen haben soll wie 1914 beim Ausbruch des Krieges. Die Denkmalstürmer wurden aus Kaschau versetzt, und die übrigens von einem Bildhauer des slawischen Namens Szamovolsky geschaffene Skulptur erliegt im Museum, jedoch der Kopf des jungen Honved ist verschwunden.
Von dem erhöhten Standpunkt des Kirchendaches kann man über die delogierte Statuengruppe hinwegsehen, nach Süden, gegen das Hotel Schalkhaz, wo ich jetzt wohne, gegen das Barackenlager, wo ich einst wohnte, und gegen den Zentralfriedhof, auf dem bald zu wohnen ich damals glaubte.
Kaschauer Barackenlager: Das waren immer fünfzehntausend von der Karpatenfront gebrachte verwundete, kranke Menschen, sich nach Hause sehnend und wahnsinnsnahe an der unsichtbaren Zwangsjacke zerrend, die Kontumaz hieß.
Kaschauer Friedhof: Das war außerhalb der Front der einzige Friedhof mit Massengräbern, fünfzig, ja achtzig Menschen wurden namenlos in ein Erdloch gescharrt, Oktober 1914, Cholera.
Auf dem schmalen Gesims beuge ich mich zwischen zwei Fialen ostwärts, ein Taubenpaar schreckt auf. Rechts in der Ferne die Tokayer Hegyalya, die bewaldete Seite gehört der Tschechoslowakei, der weintragende, eintragende Hang ist ungarisch. Gegen Barcsa schaue ich, dort hat sich zur Hussitenzeit Jiskra von Brandeis befestigt, um die Herrscherrechte des unmündigen Ladislaus Posthumus zu sichern. Gegen Saros-Patak schaue ich, wo der noch heute viel geehrte, doch wenig befolgte Antinationalist Comenius weilte, als Gast von Susanna Loranffy und Sigismund Rákóczy. Gegen die Hügel schaue ich, wo Anfang 1848 die Armee des ungarischen Feldherrn Györgey mit der des österreichischen Generals Schlick gekämpft hat.
Jenseits des Kaschauer Bergs liegt Rank, der einzige kalte Geysir Europas, alle sechs Stunden schießt der Sprudel, ein Säuerling, zwanzig Meter in die Höhe. Einmal war das ein Kurort für die ganz Reichen, in Rank fand die Entrevue Bismarcks mit Andrassy statt und alljährlich der Anna-Ball der madjarischen Gentry, beim Umsturz wurde die Badeeinrichtung weggeschleppt, und nun ist Rank kein Kurort mehr.
Der Bahnhof Kaschaus ist nahe. Auf einer Insel das Hernad, der Stadtpark. Vor dem neuen Tempel der Sephardim stehen seltsame Juden in Gruppen: Sie tragen sich spanisch, stolzieren in schwarzseidenem Talar einher, mit weißen Strümpfen und Lackhalbschuhen, breitkrempigem Samthut und Zierlocken. An der Peripherie sind die Baracken von weiland Honvedhusaren, aber – wie sich die Zeiten ändern! – es wohnen keine Husaren mehr darin, sondern: Dragoner.
Im Norden das Gebäude des Militärkommandos; hier war General Boroevic im Frieden als Korpskommandant persönlich gefährdet, im Kriege war er ein persönlich weniger gefährdeter Armeekommandant. An grenzt das Militärgericht, darin vier zum Tode verurteilte »Hochverräter« eingekerkert sitzen und mehrere in Untersuchungshaft. Hradowa ragt auf, eine alte slawische Burg – das Hinterland dieser in der madjarischen Geschichte so führenden Stadt ist slowakisch.
Hart unter mir, in der Hauptstraße, Adelspaläste und Kirchen und Messehäuser fremder Städte. Schmächtige Fassaden, aber hinter den Höfen tiefere Bauten, einstmals denen von Thurzo, Bathyory und Rákóczy und nachmals denen von Andrassy, Zichy, Hadik, Forgach, Dessöffy und Csaky gehörig.
Frei stehend ein Kampanile, der Urbans-Turm, und das Theater, vor etwa fünfzehn Jahren dort errichtet, wo mehr als ein Säkulum lang die älteste madjarische Schaubühne war; gegenwärtig wird slowakisch gespielt. Nicht weit vom Theater ist die ausrangierte Kaserne vom k. und k. Infanterieregiment Kaiser Wilhelm der Zweite Nr. 34. Hierher kam oft, von Organen der Staatspolizei wohlbehütet, Prinz Eitel Friedrich und dinierte in der Messe mit den »Herren Kam’raden« von dem Silberservice, das sein Papa dem Regiment gestiftet hatte; jetzt amtiert in diesem Hause der tschechoslowakische Polizeidirektor, ehedem Oberkommissär jener k. k. politischen Staatspolizei, die über das Leben der deutschen Prinzen mit Argusaugen wachte.
Von der Kante des Münsterdaches schicke ich noch einen Blick nach rechts gegen Kaschaus Tivoli, gegen Banko. Und lange schaue ich nach links, gegen die äußersten, beispiellos verwahrlosten Südwestwinkel der Stadt, wo Zigeunermütter den städtischen Passanten zu ihren kleinen Töchtern locken und ein Proletariat lebt, das oppositioneller und klassenbewusster ist als in entwickelteren Ländern, hemmungsloser unterdrückt als in Monarchien.
Das bewegt die Stadt keineswegs. Auf den Fußballplatz zu meiner Rechten konzentriert sich das Interesse; was sich am Sonntag zwischen den eingerammten Torstangen abspielen wird, beschäftigt die Gemüter; wer wird diesen Sonntag und am nächsten Sonntag und am Schluss der Saison siegen, U. T. K., Cesky sport. klub Kosice, die Madjaren oder die Tschechen in der Stadt oder die Zionisten? Das ist die große Frage.
Aber es kann und wird einmal anders kommen, als die Leute denken, die den Sport als Nationalismus und den Nationalismus als Sport betreiben. Ebenso wie Barackenlager, Massenbeerdigungen, Herrschersitze und die feudalen Anna-Bälle verschwanden, wird noch vieles verschwinden in dieser Welt, und die Militärgerichte mit den eingekerkerten »Hochverrätern« und der Umsturz von Revolutionsdenkmälern und die schmiegsame politische Polizei werden daran nichts ändern.
Römische Stadt, afrikanischer Busch und ein Hund als Führer
Gestern noch Sahara, morgen schon Mittelmeer und dazwischen – wie eine Luftspiegelung – diese, diese römische Stadt. Sie lebt.
Pompeji lebt nicht mehr, es ist ein Ausstellungsgelände, und würde es morgen zum zweiten Mal verschüttet und diesmal gänzlich zertrümmert, so ließe es sich zweifellos echter und vollständiger wiederherstellen.
Das Forum Romanum und die Thermen des Caracalla – Mumien, die man ihres Schmucks und ihres Gewandes beraubt, um die Museen des Vatikans zu schmücken.
Karthago: nicht einmal Trümmerstätte, bloß eine symbolische Stelle an üppiger Bucht.
Selbst Lambaesis, als Prospekt gut konserviert und noch heute dazu verlockend, die prachtvollen Dampfbäder und die marmornen Wasserspülklosette zu benützen, ist nur einer toten afrikanischen Einöde toter Teil.
Aber diese Römerstadt zwischen Mediterraneum und Sahara lebt. Aus den Steinen schlägt wilder Absinth, hellviolett, in Kniehöhe empor, Eukalyptus und Efeu ranken sich um Arkaden, Zwergpalmen und Riesenkakteen wuchern aus Weinkellern, Buschwerk sprießt aus dem Steinparkett des Forum Romanum, in unbeschreiblicher Pracht blühen Rosen und Anemonen im Park, dekorieren ihn für schwelgerische Saturnalien.
Vor allem lebt die Brandung, in fünfzehn, in dreißig Meter hohen Strahlen schlägt der Gischt an den Felsen und wird zerschmettert in Myriaden von Flocken. Das Zollamt am Hafen ist auf drei Seiten von einer Mauer umgeben, das Wasser überspringt sie in kurzen Intervallen, verwandelt den Raum zwischen Wall und Haus in einen flüssigen Hof und kehrt auf der vierten, offenen Seite ins Meer zurück. Seit Jahrtausenden funktioniert die Fontäne, und so gebannt wie wir starrten die Erbauer der Villen zurzeit des Kaisers Claudius auf das glitzernde Spiel des Sprudels.
Sie lebt, die seit sechzehnhundert Jahren tote Stadt, denn das Meer und das Land geben ihr ununterbrochenes Leben.
Jeder, der hierherkommt, ist sozusagen ihr Entdecker, ist allein in ihren Mauern. Wer naht denn diesem von allen großen Plätzen des Landes Algier so entfernten Winkel? Araber hausen in der Gegend, Esel treibend, in den Dorfkaffeehäusern sitzend, allenfalls Frühgemüse ziehend und Frühtrauben auf sandigem Boden, der gegen Seewinde geschützt ist durch einen Streifen Roggenfelds oder eine Hecke spanischen Rohres, Arundo Donax. Von Zeit zu Zeit mögen Archäologen erscheinen, und auch der Cooksche Autocar, Amerikaner und Engländer bis Tunis schleppend, hält wohl hier, seine Insassen zu einem Tribut von verzückten Interjektionen zu zwingen. Sonst aber geht man einsam durch die Straßen der römischen Stadt, über das Forum, in die Villen, die Weinkeller, die Thermen, die Gefängnisse, das Theater, die Gärten.
Ein aufgeweckter Araberjunge, der keine Schule besucht, weil er allein in der Welt steht und ohne Verdienst verhungern müsste, macht den Führer – er hat einige Brocken Französisch gelernt und kennt sich wunderbar aus, denn in vielen Büschen hat er eine Schlinge für Vögel und in zweien eine Falle für Schakale.
Ist der braune Bub mit seiner Jagd beschäftigt, so gesellt sich ein anderer, ein merkwürdiger Cicerone zum Besucher. Ein Hund. Kreuzung zwischen Dobermann und deutschem Schäfer. Nur die Götter mögen wissen, wie und weshalb er hierhergeriet.
Er führt den Fremden, springt vor ihm her, wartet, geleitet ihn zum Theater, zur Basilika, zum Tribunal, zur Via triumphalis und bellt und zerrt, wenn sein Klient vorzeitig umkehren will, zum Beispiel ohne in die Gräberstätte hinabgestiegen zu sein. Erst im Lapidarium, da das Ende des Rundgangs erreicht ist, jagt er, keinen Lohn erwartend, davon, dieser seltsamste aller Hunde, Kreuzung zwischen Dobermann und deutschem Schäfer, zwischen Lokalpatriot und Archäologen.
Nein, die Stadt ist der Fremdenindustrie noch nicht erschlossen, und heftet der Besucher den Blick auf den Boden, so findet er auf Schritt und Tritt Dinge aus der Römerzeit: eine glatte Münze, das Bruchstück einer bronzenen Armspange, Scherben von Tongefäßen, Steinchen aus einem Mosaik, Eckchen eines Kapitells – wertloses Zeug, aber immerhin wohlgefällig aufzunehmen als Andenken.
Die objektiv beachtlichen Stücke sind unten im Garten der Villa Trémaux postiert, ein alabasterner Sarkophag mit bartlosem Christus als gutem Hirten, ein Meilenstein aus Hadrians Zeit, Grabmonumente, Tischplatten für Liebesmähler, Statuen und Statuetten und Vasen.
Schöner als aufgestellte Kostbarkeiten und selbst als aufgefundene Wertlosigkeiten ist jedoch der Gesamtanblick der Stadt. Aus dem grünen Hang der hügeligen Halbinsel springen die rötlich-weißen Würfel und Prismen hervor, nebeneinander gegliedert und übereinander geschlichtet, und ein zufälliger Wanderer würde aus einer Entfernung von kaum fünfzig Schritten nicht ahnen, dass diese in genussreicher Landschaft mit künstlerischer Liebe erbaute Villenstadt unbewohnt ist. Die Bevölkerung hat sie eben verlassen, ist nach Spanien geflüchtet, um den Verfolgungen des arianischen Vandalenkönigs zu entgehen, der die wegen ihres Festhaltens am katholischen Glauben in ganz Mauretanien berühmte Stadt hasste.
Seither stehen die Villen leer, natürlich nur vorläufig, morgen können sie vernichtet und übermorgen verpachtet werden, die Berberstämme, die einbrachen, machten weder von ihnen noch von den Basiliken und Thermen Gebrauch, sie zogen es vor, in Zelten zu schlafen, in Hütten und kleinen Häuschen.
Nur der kleine Araberjunge und der Hund kommen hinauf ins römische Dornröschenschloss. Oben marmorne Paläste, unten das Dorf aus Lehm und ein Leuchtturm und jenes Hafenzollamt, das sich den Ausblick auf nahende Schmugglerboote durch eine hohe Schutzmauer sperren muss, um nicht weggeschwemmt zu werden.
Die römische Stadt im afrikanischen Busch heißt so, wie sie in den Tagen des Kaisers Claudius und als sie verlassen wurde – gestern? nein, 484 nach Christi – hieß: Tipasa.
An der Mündung der Wien
Ans Kaigeländer der Unteren Donaustraße gelehnt, sieht man drüben die Wien herankommen. Gerade gegenüber mündet sie in den Donaukanal.
Die ländliche Abkunft merkt man ihr nicht mehr an. Geboren in Dürrwien, hopste sie dort umher, übermütig, mit Zyklamen bekränzt. Aber dann passierte sie Sommerfrischen, wo sich keines der verkleideten Dirndln wie eine Kuhmagd und keiner der studierten Barfüßler wie ein Dorflausbub benehmen darf. (Das hat auf ein Flüsschen von fluktuierendem Charakter, das wahllos alles aufnimmt, pädagogischen Einfluss.)
Jedoch noch immer schlenkerten die Wellen, mangelnde Kinderstube und unbeobachteten Aufenthalt auf Waldwiesen verratend, weshalb sie hinter Weidlingau ins Internat mussten. Zwischen den Mauern des Staubeckens lernten sie Zurückhaltung und Ablegung unsteten Wesens, denn ihnen stand die edle Aufgabe bevor, den ganzen Schmutz und Abguss der Wiener Häuser aufzuladen und ihn in den Donaukanal zu tragen. Schließlich brachte die Wien zu Hütteldorf ihre Toilette in Ordnung.
Geschnürt und frisiert meldet sie sich zum Dienstantritt in der Residenz. Die Erziehung ist ihr derart ins Blut übergegangen, dass sie sogar unter der Überbrückung, in der die Zugereiste doch unkontrolliert ist, genauso fein und großstädtisch dahintrippelt wie hier, wo sie öffentlich in den Donaukanal mündet.
Sie redet sich ein, irgendeine vornehme Fremde zu sein, von der Stadt feierlich eingeholt zu werden, und wahrlich, ihre Einbildung ist nicht ganz ohne Grund. Sind doch über dem Weg, auf dem sie kommt, Triumphbogen aus Eisen und behauenem Stein gespannt, eigens gepflanzte Bäume fassen ihre Einzugsstraße ein, vom Stadtpark führen Marmorstufen zu ihr, eine wahre Estrade für sie, die »die Wien« heißt, so wie man hier alle bedeutenden Frauen nennt, »die Metternich«, »die Schratt« oder »die Schwarzwald«.
Festplatz ist der Donaukanal, von der Stelle an, wo der Wienfluss eingreift.
Links daneben ist gar nichts los. Am Neubau der Aspernbrücke arbeiten ein lendenlahmer Kran und nur zwei Taglöhner – der Fama zufolge sind sie nachmittags mit der Restaurierung der Karlskirche beschäftigt; neulich soll der Bürgermeister ihnen folgende Ansprache gehalten haben: »Bis Sö mit dera Bruck’n da fertig san, meine Herren, so wer’n S’ den Donau-Oder-Kanal in Angriff nehmen.« Vorläufig behilft sich der Verkehr mit einer Holzattrappe, auf der drei Bettler rechts und drei Bettler links Brückenmaut einheben. Unterhalb der Urania liegen Quadern, für das Pflaster der künftigen Brücke bestimmt, Moos wächst auf ihnen, und die Brücke wird vorläufig mit guten Vorsätzen gepflastert.
Rechts von der Wien, da geht es hoch her. Tragödien, Kindervorstellungen, Komödien, Wasserpantomimen – alles ununterbrochen wie im Kino. Zwei- bis dreimal in der Woche wird auf das mit Kot, Gras und Zwerggebüsch bedeckte Vorterrain des unteren Kais eine Leiche geschwemmt. (Die Stromrichtung der Wien und die des Donaukanals ergeben bei ihrer Vereinigung eine Resultante, welche Menschenkörper geradeswegs zum Haus der Rettungsgesellschaft trägt.)
Entsetzte Finder alarmieren die Rettungsgesellschaft, aber es gibt keine Rettung für den, den die Gesellschaft ins Wasser getrieben. Die Strömung tut nichts anderes, als was täglich die Menschen tun: Sie bringt den Patienten erst dann vor den Arzt, wenn es zu spät ist.
Erfreulichere Dinge treffen ein, dieser Klotz zum Beispiel. Ein braver Bewohner der Weißgerberlände, mit den Tendenzen der Wien vertraut, hofft ihn herauszufischen, doch gerade heute wird das stattliche Stück Holz nicht an den Strand gespült, sondern schwimmt zehn, zwanzig Schritte weiter, just zu der Autogarage auf der Vorkaifläche, und scheppert höhnisch an die Wand. Der Verwalter der Remise lässt sich nicht uzen, er spießt dem Balken eine Harpune in den Rücken und zieht die Beute in seinen Betonstall, der Mann vom Weißgerber hat das Nachsehen, was er mit traurigem Blick besorgt. Übrigens muss der Garagenverwalter gar nicht warten, bis ein Stamm, Einlass begehrend, an die Kaimauer pocht, er hat einen Wurfballen, den er mit der Sicherheit eines Lassowerfers hinter das Objekt schleudert und dieses dann heranbugsiert.
Kinder schwimmen hier und junge Hunde. Dort, wo von der Radetzkybrücke Stufen zum Donaukanal hinunterführen, liegt der ausrangierte Landungsbord einer Dampferstation oder einer Überfuhr morsch und schräg im Wasser, Badeanstalt für Kinder, die, nachdem sie geplätschert haben, ans Land und in die Kleider schlüpfen können, ohne sich die Füße mit Uferlehm zu beschmutzen.
Kanalabwärts wuchert Gestrüpp – Ankleideraum von Landstreichern; bevor sie ins Wasser kriechen, schwenken sie Hemd und Unterhose in den Wellen und breiten das dermaßen gereinigte Linnen zum Trocknen au...
Inhaltsverzeichnis
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Danke
- Kisch bei Null Papier
- Ritt durch die Wüste und über den Schott
- Seine Majestät die Nickmaschine
- Die Fahrt der Flößer
- Auf der Reeperbahn von Rotterdam
- Justiz gegen Eingeborene
- Verwundung
- Silvesternacht in Marseille
- Käsemarkt zu Alkmaar
- Chinesenstadt
- Das Vermächtnis der Frau Mende
- Vatikan in der Sahara
- Westfront 1918 – Französische Revolution – Goethe
- Der, der das Radio sieht
- Die Kasbah von Algier
- Protest gegen eine Verurteilung
- Wer mag wohl in diesem Schlosse wohnen
- Kuriositätenkabinett des Viehhofes
- Städtebilder, perspektivisch verkürzt
- Die tunesischen Juden von Tunis
- Polizeischikanen in Sardinien
- Memoiren eines Filmstatisten
- Die Polizei und ihre Beute
- Das weitere Verlagsprogramm