Die Volkskirche geht nicht zu Ende, sie ist zu Ende.Weil das so ist, ist auch die 'Pfarrgemeinde' anders geworden; spüren die Gemeinden, dass meist nur bestimmte Menschen, bestimmte Milieus an ihrem Leben teilnehmen, sind sie immer wieder konfrontiert mit klaren Erwartungen an sie, ohne dass dem eine Bereitschaft zu fester Bindung entspräche.Richard Hartmann will keinen weiteren Beitrag leisten, der dem nachtrauert, was einmal war. Skeptisch gegenüber vielen Idealisierungen von Kirche und Pfarrgemeinde früherer Jahrzehnte, beschreibt er wichtige Konsequenzen aus den Veränderungen und skizziert Wege, die in eine Zukunft führen, die schon längst die Zukunft Gottes ist. Es geht darum, Freiräume zu schaffen, Entfaltungsräume für Lebensentwürfe und für die Glaubenspraxis der Menschen in ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Lebenssinn.

- 104 Seiten
- German
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Das Nachher hat schon begonnen
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![]() | Wie ist meine Stimmung? Wie ist unsere Stimmung in der Kirche? |
Die Volkskirche geht nicht zu Ende, sie ist zu Ende. So lautet inzwischen der Tenor vieler Verantwortlicher, Bischöfe, Theologen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Glieder dieser Kirche. Es ist in unseren Breiten nirgendwo mehr notwendig, Mitglied einer Kirche zu sein, um als Bürger dieser Gesellschaft zu gelten. Ob jemand einer Kirche angehört, ob und wie er dann in dieser Kirche seinen Glauben praktiziert, all das ist inzwischen nicht mehr vorgeschrieben, sondern eine Sache der ganz persönlichen und privaten Entscheidung.
Die Gemeindezentren der 1970er Jahre sollten Mittelpunkt einer lebendigen Gemeinschaft werden. Etliche Gruppen und Kreise trafen sich dort. Der Terminkalender der Pfarrmitteilungen war beredtes Zeugnis der Aktivitäten. Inzwischen ist auch hier der Lack ab. Es ist weniger los, die Ästhetik der Häuser und Räume erinnert an den Glanz vergangener Zeiten. Ob eine Sanierung lohnt?
Die Art der Menschen, ihren Glauben zu leben, ist heute anders geworden.
Weil das so ist, ist die »Pfarrgemeinde« wirklich nicht mehr dieselbe;
weil das so ist, erleben die Gemeinden, dass meist nur bestimmte Menschen an ihrem Leben teilnehmen, nur noch ganz bestimmte »Milieus«;
weil das so ist, scheint die Kirche in einem Schrumpfungsprozess zu sein und scheinen die Menschen aus dem »Kern« nicht selten in eine depressive Grundstimmung zu verfallen;
weil das so ist, sind – vor allem – die Hauptamtlichen immer wieder konfrontiert mit Menschen, die klare Erwartungen an »die Kirche« und somit an sie haben – vor allem zu Taufe, Hochzeit und Beerdigung –, aber keineswegs die Erwartungen der Gemeinde an eine feste Bindung erfüllen wollen.
Muss das so sein? Und muss uns das im so erfahrenen »Kern« der Kirche schrecken?
Ich will keinen weiteren Beitrag leisten, der dem nachtrauert, was früher einmal gewesen sein soll. Ich bin sogar skeptisch gegenüber vielen Idealisierungen früherer Jahrzehnte. Ich will vielmehr Aussichten gewähren und Wege skizzieren, die in eine Zukunft führen, die schon längst die Zukunft Gottes ist. Es ist eine Zukunft, die einen neuen geistlichen Aufbruch schenkt.

Die alten Karten führen in die Irre
Haben wir die richtigen Karten für die Wege in die Zukunft? Ich erinnere mich an frühere Wanderfahrten und die Fähigkeit, Straßenkarten, Wanderkarten und Messtisch-Blätter zu lesen. Nicht jeder konnte auch mit den richtigen Karten das Ziel schnell erreichen. Mancher Umweg wurde beschritten. Ob das heute anders ist?
Als ich vor kurzem mit Freundinnen unterwegs war und wir den Weg nicht gleich fanden, habe ich selbstverständlich mit meinem Smartphone und GPS Orientierung gesucht – und gefunden. Und wer »Karten lesen« »googelt«, dem werden keine Wanderkarten, aber viele EDV-Speichermedien aufgelistet.
Mit Blick auf die Arbeit unserer Kirchengemeinden habe ich den Eindruck, dass immer noch etliche die gleichen Karten verwenden wie vor 50 Jahren. Eine davon zeigt die »lebendige Gemeinde«: Ein vielfältiges Freizeitprogramm steht neben der Gottesdienst- und Sakramenten-Vorbereitung. Für alle Generationen gibt es entsprechende Wege und Routen, die Verbände sorgen für weitere Maßnahmen. Zugleich wächst die Enttäuschung nach innen hin: »Es sind immer dieselben« und »es sind immer weniger«; »die Kinder und Jugendlichen sind nicht mehr bereit, sich in Gruppen auf Dauer zu engagieren und zu binden«, und die Gottesdienste sind immer leerer. Dazu kommt schon seit längerer Zeit, dass es die »engagierten Kapläne von früher nicht mehr gibt« und dass die Kirche nicht erst durch den Missbrauchsskandal viel Anerkennung verloren hat. Und nun noch: Es gibt weniger Priester und andere Hauptamtliche und darum droht die Pfarrei vor Ort an Profil zu verlieren. Es braucht zentrale Zusammenschlüsse, Finanzkrisen zwingen zum »Downsizing«, also zum Streichen: Nichts bleibt mehr bestehen – und plötzlich stimmen die Karten nicht mehr.
Dabei gab es immer wieder Karten und Planskizzen, die zeigten, wie die Kirche aussehen soll, wohin das Volk Gottes unterwegs ist, welches die Orte sind, wo die Verkündigung des Evangeliums ankommt. An ein paar dieser Karten – sicher ist die Liste nicht vollzählig –, die in unterschiedlicher Praxis sogar noch nebeneinander benutzt werden, will ich erinnern:





Unser Atlas: Welche dieser Karten kenne ich und kennen wir? Woran lässt sich erkennen, wie wir als Engagierte in der Gemeinde oder Pfarrei oder als hauptberuflich Tätige in der Kirche unsere Dienste ordnen und die Wege bestimmen? | ![]() |




Die Lotsen haben neue Aufgaben
Wer sich auf den Dienst in der Kirche vorbereitet, sei es als Pfarrer, als Priester oder Diakon, als Religionspädagogin und Theologin, begibt sich auf diesen Weg mit einem bestimmten Vorverständnis. Seine eigenen Erfahrungen in Kirche, Verband, Bewegung haben ihn motiviert, sich auf eine Berufslaufbahn einzulassen, zum Teil mit existentieller Entscheidung in der Bindung und im Lebenswandel (Zölibat, Ordensberufung). Allein, wenn die Wegzeichen, die Pfeile, in entgegengesetzte Richtungen führen, wenn die Fahrtrichtung nicht eindeutig ist, was dann? Wer ist es, der entscheidet, welcher Weg ausprobiert wird? Welche Kriterien helfen weiter: die Erfahrung vor Ort, die amtskirchlichen Vorgaben? Es braucht die Lotsen mit ihrer Erfahrung, ihren Kriterien und dem Mut, das Steuer zu führen.
Manchmal sind es Gegenbilder, die motivieren im Sinne von: »Dahin wollen wir nicht kommen!« Visionen und Leitbilder formulieren mit großer Geste, was man gerade anders machen will und kann. Dazu komme...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Inhalt
- 1 Das Nachher hat schon begonnen
- 2 Ortsbesichtigungen
- 3 Zeiten
- 4 Wegbegleiter: Hauptamtliche und Ehrenamtliche
- 5 Volk Gottes unterwegs – Pastoral als Freigabe
- Zu den Quellen und für die Weiterarbeit
- Bildnachweis
- Impressum
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