Die unterschiedlichen Gewaltmotive in den Texten des Alten Testaments machen nicht nur viele Bibelleserinnen und -leser stutzig, sie stellen auch eine bleibende Herausforderung für die wissenschaftliche Exegese und die Bibeltheologie dar. Globale Thesen helfen zur Bewältigung dieses Problems nicht weiter, jeder einzelne Text muss je neu und eigen behandelt werden. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes wählen zentrale Texte beziehungsweise Textbereiche aus und demonstrieren durch ihre originelle sowie innovative Auslegung einen möglichen Umgang mit ihnen. So entstehen individuelle Zugänge zu sehr unterschiedlichen Texten, die dem Leser, der Leserin dieses Bandes einen erweiterten Blick auf das Alte Testament eröffnen können.
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DER ERSTE VERS IM LOB AUF DEN SOHN NUNS (SIR 46,1–8)1
Thomas R. Elßner
1. Hinführungen
Ist von Gewalt im Alten Testament die Rede, so wird meist auch das Buch Josua genannt. Dabei wird insbesondere an die an Jericho und seinen Bewohnern vollzogene Vernichtungsweihe gedacht, die mit der Billigung Gottes geschieht. Wenngleich in der heutigen Forschung Konsens darin besteht, dass das Buch Josua keinen historischen Bericht von einer Einnahme des verheißenen Landes durch die Israeliten unter Anführung durch Josua darstellt,2 so ist diese Kenntnis bzw. Erkenntnis nicht immer vorherrschend oder selbstverständlich gewesen. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich zu fragen, wie im deuterokanonischen Buch Jesus Sirach (Sir)3 die im Buch Josua sowie in den Büchern Exodus, Numeri und Deuteronomium in Bezug auf Josua erzählten Begebenheiten verstanden und rezipiert worden sind. Exemplarisch soll in diesem Beitrag der genannten Fragestellung anhand des Verses Sir 46,1 nachgegangen werden.
Das Buch Jesus Sirach ist vermutlich im ersten Viertel des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts4 in Jerusalem (vgl. JesSir 50,27) verfasst worden, und zwar auf Hebräisch. Ein Enkel des Verfassers hat es später ins Griechische übersetzt. Auch wenn durch das Vorwort anlässlich der griechischen Übersetzung des Enkels bekannt war, dass der Ausgangstext auf Hebräisch verfasst worden ist, so sind, um die komplizierte Überlieferungsgeschichte abzukürzen, lange Zeit nur die griechischen sowie die lateinischen und syrischen Textfassungen bekannt gewesen. Heute besitzt die griechische Übersetzung in griechisch-orthodoxer und in der römisch-katholischen Tradition den Status eines biblisch-kanonischen Textes.
Wissenschaftlich hingegen liegt gegenwärtig grundsätzlich „die Priorität ... bei dem hebräischen Text“5, auch wenn seit der Auffindung hebräischer Sirachfragmente 1896 und späterer Funde in Qumran und Masada nur ca. 68% bzw. nach Friedrich Vinzenz Reiterer 64%6 des hebräischen Textes des BenSir wieder bekannt und auch sie nicht ohne Probleme sind.
Der Gebrauch von mindestens zwei verschiedenen Textfassungen in der jüdischen und in der christlichen Tradition stellt für Johannes Marböck einen Hinweis darauf dar, dass jede „Textform als kanonischer, d.h. autoritativer Text betrachtet wurde.“7 Dem entspricht, dass die hebräische und die griechische Version neben vielen Gemeinsamkeiten auch ein je eigenes Gepräge8 aufweisen. Dies war bereits dem Enkel, dem Übersetzer, durchaus bewusst.9
Der hier vorzustellende und zu untersuchende Vers gehört zum Abschnitt Sir 46,1–8, in dem sich das Sirachbuch Josua zuwendet. Der Text Sir 46,1–8 liegt nur teilweise in hebräischer Fassung vor. Wenngleich dem hebräischen Text wissenschaftlich Priorität zukommt, ist er bezüglich des Abschnitts Sir 46,1–7 überlieferungsgeschichtlich dennoch der zeitlich jüngere Text.10 Dies gilt es zu beachten. In einem synoptischen Vergleich werden die Unterschiede zwischen hebräischem und griechischem Text11 des Verses 46,1 im Einzelnen vorgestellt und analysiert.
Der heldenliedartige Hymnus über Josua in Sir 46,1–8 ist eingebettet in einen zweigeteilten Lobpreis des Siraciden über die Schöpfung Gottes (JesSir 42,15–43,33) und über „die Offenbarung des Wirkens Gottes in großen Gestalten der Geschichte Israels“12 (JesSir 44,1–49,16). Dieser zweigeteilte Lobpreis steht in Beziehung zum Selbstlob der Weisheit in Sir 24.13 In diesen Lobpreisungen spricht sich nicht zuletzt das zutiefst theologische Geschichtsverständnis des Siraciden aus, in dessen Licht auch Josua und sein Wirken zu sehen und zu verstehen sind.14
In welcher Weise rezipiert der griechische Sirach-Text die Person Josua und seine Taten? Lehnt er sich strikt an die Traditionen in den Büchern Exodus bis Josua an oder geht er eigene Wege?
Sieht man sich den Abschnitt über Josua in Sir 46,1–8 genauer an, so lässt er sich wie folgt gliedern: Vorstellung Josuas (V 1), Rückgriff auf die Ai-Tradition (V 2), allgemeine Bemerkungen über die Kriege JHWHs (V 3), die Vernichtung der Feinde bei Gibeon (VV 4–6) und Josuas Treue im Aufruhr der Gemeinde (VV 7f). Im Folgenden wird also die eröffnende Vorstellung Josuas analysiert.
2. Die Einzeluntersuchungen zu Sir 46,1
Griechischer Text
Hebräischer Text
a κραταιος εν πολεµω Iησονς Nαυε
b και διαδοχος Mωυση εν προφητειαις
c ος εγενετο κατα το ονοµα αυτον
d µεγας επι σωτηρια εκλεκτων αυτου
e εκδικησαι επεγειροµενους εχθρους
f οπως κατακληρονοµηση τον Iσραηλ
Mächtig im Krieg war Josua, (der Sohn des Nave?), der Naveiter,
und ein Nachfolger des Mose im Prophetentum,
der seinem Namen gemäß geworden ist
groß15 auf Grund16 der Rettung seiner Erwählten,
um Rache zu üben an Feinden, die sich erhoben haben,
damit er Israel Erbbesitz gebe.
Ein Krieger, ein tapferer Sohn, war Josua, der Sohn Nuns,
ein Diener des Mose im Prophetentum,
der geformt wurde, um in seinen Tagen eine große Rettung für seine Erwählten zu sein,
um Rache zu üben am Feind,
um Israel Erbbesitz zu geben
In BenSir 46,1 wird die Charakterisierung Josuas am Beginn durch zwei Nominalsätze vorgenommen: „Ein Krieger, ein tapferer Sohn, war Josua, der Sohn Nuns, ein Diener des Mose im Prophetentum“ (BenSir 46,1). Bei dieser Vorstellung Josuas wird er in der Vollform seines Namens genannt: „Josua, der Sohn (des) Nun(s)
“.17 In der griechischen Fassung hingegen folgt unmittelbar auf den Namen Josua (Iησους) der Ausdruck Nave (Nαυε). Ist hier Nave ein Patronym? Da es sich bei der Wendung Iησους Nαυε um zwei nichtdeklinierte Namen handelt, kann Nave auch als Apposition zu Josua gelesen werden: Josua, der Naveiter. Zumindest legt sich nicht zwingend die Lesart „Josua, der Sohn des Nave“ nahe, wenngleich es sich hierbei durchaus um eine Brachylogie handeln kann.
Durch die Begriffe „Krieger/Held“ (
) und „Sohn der Stärke“, „kriegstüchtiger Mann“ bzw. „tapferer Sohn“ (
) wird bei der Vorstellung Josuas im besonderen Maße der erfolgreiche Kriegsmann ...
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Copyright
INHALT
VORWORT
WENN MÄNNER SCHLAGEN UND FRAUEN DAVON SINGEN. ZU FIGURENKONSTELLATIONEN IN 1SAM RUND UM EIN LIED ÜBER GEWALTTATEN
GOTTES GEWALT GEGEN KINDER IN DEN BÜCHERN JESAJA UND KLAGELIEDER. EINE BIBELTHEOLOGISCHE PROBLEMANZEIGE
ZU JOSUA BEI JESUS SIRACH. DER ERSTE VERS IM LOB AUF DEN SOHN NUNS (SIR 46,1–8)
ANDERE, FREMDE, FEINDE IM BUCH ESRA/NEHEMIA
GERECHTIGKEIT UND GEWALT. PSALM 137 IN KANONISCHER LEKTÜRE
AUTORINNEN UND AUTOREN
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