Estela P. Padilla
Partizipation definiert „lokale Kirche“ neu – Einsichten und Herausforderungen
Einführung
Vor 50 Jahren sprach das Zweite Vatikanische Konzil (Vatikanum II) in der dogmatischen Konstitution Lumen Gentium erstmals von „Lokaler Kirche“ bzw. „Ortskirche“15 und umriss, was es darunter verstand. Ist die Kirche seitdem lokal geworden? Oder scheinen „Kirche“ und „Lokalität“ (Ort) zwei Worte zu sein, die nicht zusammengehören? Welcher theologische Rahmen kann diese zwei Konzepte verbinden? Welche pastorale Praxis kann diesem Bild von Kirche Energie geben? Was trägt eine lokale Kirche bei an Zeichen tiefer Solidarität mit den Menschen und ihrer Geschichte, wie es im Konzilsdokument Gaudium et Spes visionär zum Ausdruck kommt ?
Der erste Teil dieses Artikels nimmt in den Blick, was aus der theologischen Perspektive des Vatikanum II und Asiens „lokale Kirche“ meint. Danach folgen einige sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu den Begriffen „lokal“ bzw. „Ort“. Nach diesen soziotheologischen Erkundungen zu „lokaler Kirche“ erzählt der zweite Teil die Geschichte einer lokalen Kirche auf den Philippinen, von der ich hoffe, dass sie Einsichten und Herausforderungen deutlich machen kann, die einer Kirche begegnen, die für das tägliche Leben der Menschen relevant werden will und auf dieses antwortet. Der dritte Teil spricht davon, wie eine lokale Kirche entwickelt werden kann, und erklärt, wie man eine Kultur der Partizipation in der täglichen Praxis der Kirche kultivieren kann.
Teil I: Definition einer lokalen Kirche
A. Theologische Überlegungen
1. Vatikanum II und FABC16
Obwohl einige Theologen meinen, dass das Vatikanum II und hier im Besonderen Lumen Gentium (LG) keine klare Theologie von lokaler Kirche17 bringt, sehe ich es durchaus so, dass LG 26, ebenso wie 23 und 28, eine Definition von „lokaler Kirche“ bietet.18
„Diese Kirche Christi ist wahrhaft in allen rechtmäßigen Ortsgemeinschaften der Gläubigen anwesend, die in der Verbundenheit mit ihren Hirten auch im Neuen Testament selbst Kirchen heißen. Sie sind nämlich je an ihrem Ort, im Heiligen Geist und mit großer Zuversicht (vgl. 1 Thess 1,5), das von Gott gerufene neue Volk. In ihnen werden durch die Verkündigung der Frohbotschaft Christi die Gläubigen versammelt, in ihnen wird das Mysterium des Herrenmahls begangen, ‚auf daß durch Speise und Blut des Herrn die ganze Bruderschaft verbunden werde‘. In jedweder Altargemeinschaft erscheint unter dem heiligen Dienstamt des Bischofs das Symbol jener Liebe und jener ‚Einheit des mystischen Leibes, ohne die es kein Heil geben kann‘. In diesen Gemeinden, auch wenn sie oft klein und arm sind oder in der Diaspora leben, ist Christus gegenwärtig, durch dessen Kraft die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche geeint wird.“ (LG 26)19
Diese Belegstelle benennt klar die konstitutiven Elemente einer lokalen Kirche: Die apostolische Verbindung der Gemeinschaft, den Dienst des Bischofs als hohepriesterlicher Dienst und als Garant der Apostolizität, die Verkündigung des Wortes, die Feier der Eucharistie sowie die Gegenwart Christi in der Gemeinde.
Es ist nicht die Intention dieses Artikels, auf die theologischen Debatten zu den Unterschieden zwischen der universalen Kirche und der lokalen Kirche einzugehen, auch wenn es für das ekklesiologische Verständnis des Vatikanum II zentral wäre.20 Dieser Artikel möchte sich darauf konzentrieren, wie sich das Element „Gegenwart Christi in der Gemeinde“ besonders in der Erfahrung der Kirchlichen Basisgemeinschaften zeigt, von denen später in diesem Abschnitt gezeigt werden soll, dass sie „lokale Kirchen“ und „Kirchen am Ort“ sind.
Gaudium et Spes (GS) wurde sehr eng verbunden mit Lumen Gentium, und manche sehen die Pastoralkonstitution GS als pastorale Anwendung der dogmatischen Konstitution über die Kirche. Andere sagen, Gaudium et Spes ist eine Konstitution eigenen Rechts und daher ebenso dogmatischer und nicht nur pastoraler Natur. Deshalb sollte Gaudium et Spes nicht als der Konstitution Lumen Gentium untergeordnet angesehen werden. Dieser Artikel will nur feststellen, dass es die Konstitution Gaudium et Spes ist, die die „Theologie der lokalen Kirche“ darlegt, indem sie auf die Praxis der Kirche in der Welt von heute schaut. Die ersten Feststellungen von Gaudium et Spes – sowie die darin enthaltene Erklärung des kirchlichen Lebens und der Sendung der Kirche – „definieren“, wie eine lokale Kirche lebt. Daher benutze ich im Folgenden die ersten vier Kapitel von Gaudium et Spes, um „lokale Kirche“ zu charakterisieren:
Eine lokale Kirche ist eine Gemeinschaft/eine Gemeinde21, die vereint ist in Christus und ausgerichtet auf das Reich Gottes. Gegründet in den Realitäten des täglichen Lebens und geleitet vom Evangelium ist diese Glaubensgemeinschaft gerufen „die Zeichen der Zeit zu lesen“, so dass sie auf die Herausforderungen antworten kann, die der Kontext ihr stellt. Dialog mit der ganzen Menschheitsfamilie und in besonderer Weise mit den Armen und Leidenden ebenso wie Solidarität in Bezug auf das Gemeinwohl sind der Weg, wie man heute in Richtung des Reiches Gottes in der Welt voranschreitet.
Auch wenn das Vatikanum II „lokale Kirche“ nicht klar beschrieben oder definiert haben sollte, ist es doch interessant festzustellen, dass sich in den Jahren nach dem Vatikanum II die Rezeption dieser Theologie der lokalen Kirche im südlichen Teil der Welt, besonders in Lateinamerika und Asien, enorm entwickelte. Weil ich aus Asien komme, möchte ich ausführen, wie die asiatische katholische Kirche das Konzept der „lokalen Kirche“ des Vatikanum II angenommen hat.
Die Föderation der Asiatischen Bischofskonferenzen (FABC), die zehn Jahre nach dem Vatikanum II gegründet wurde, stellte von Anfang an klar, dass ihre Aufgabe und ihr Fokus der Aufbau einer lokalen Kirche in Asien ist.
„Um heute die frohe Botschaft in Asien zu verkünden, müssen wir die Botschaft und das Leben Christi wirklich inkarnieren in das Bewusstsein, die Herzen und das Leben unserer Leute. Der primäre Fokus unserer Aufgabe der Evangelisierung in dieser Zeit unserer Geschichte ist der Aufbau einer wirklichen Ortskirche, einer lokalen Kirche.“22
Für Asien ist Inkulturation wesentlich, wenn es um das Wachsen einer lokalen Kirche geht: „Inkulturation ist ein anderes Wort für die lokale Selbst-Realisierung der Kirche.“23
Und in ihrer Aufgabe, durch Inkulturation die Kirche in Asien zu bauen, entdeckte die Kirche den Dialog als ihre Form der Evangelisierung. Sie definierte Evangelisierung als Dialog mit den Armen, mit Kulturen und mit Religionen.24 Dieser dreifache Dialog ist sehr wichtig für den asiatischen Kontext und die Sendung der Kirche dort: Asien ist die Heimat und der Ursprung der Weltreligionen Hinduismus, Buddhismus und Islam (daraus folgt die Berufung/Mission zum interreligiösen Dialog). Und obwohl sich Asien verschiedener reicher und farbenfroher Kulturen erfreut (daraus folgt die Berufung/Mission zur Inkulturation), gehören zu Asien auch einige der ärmsten Nationen der Welt (darauf folgt die Berufung/Mission zur ganzheitlichen menschlichen Befreiung und Entwicklung).
Die FABC entfaltete die Theologie der lokalen Kirche sehr kontext- und gegenwartsbezogen. Kurz gefasst sagte sie: 1. Die lokale Kirche ist das Volk Gottes an einem spezifischen Ort in einer spezifischen Zeit. 2. Eine lokale Kirche entsteht durch eine tiefe und fruchtbare Begegnung zwischen dem Evangelium und einem Volk mit seiner spezifischen Kultur und Tradition. 3. Eine lokale Kirche verwirklicht sich, indem sie relevant auf neue geschichtliche Kräfte antwortet.25 Darum ist für die asiatische Kirche „Lokalität“ ein bedeutender Faktor für die Beschreibung dessen, was „lokale Kirche“ meint. Eine lokale Kirche zu sein bedeutet, eine Glaubensgemeinschaft in einem bestimmten soziokulturellen Gefüge zu sein, deren Leben genährt wird vom Wort Gottes, das sie drängt, auf die Herausforderungen ihres jeweiligen Kontextes zu antworten.
2. Lokale Kirche, Gemeinschaft und Partizipation
Die Welt-Bischofssynode von 1985 erklärte, dass „Gemeinschaft“ (Communio) die zentrale theologische Kategorie des Vatikanum II darstellt.26 Das Vatikanum II beschreibt „Communio“ als trinitarisch (die trinitarische Gemeinschaft ist die Basis aller kirchlichen Gemeinschaft, LG 1–4,13), menschlich (Kirche ist auch Zeichen und Werkzeug für die Einheit der ganzen Menschheit, LG 1), eucharistisch (die Eucharistie bringt die Gläubigen in Gemeinschaft mit Gott und miteinander, LG 3, 7, 10, 11, 26), lokal (jede Teilgemeinde ist durch die Feier der Eucharistie geeint unter ihrem Bischof, LG 26), universal (Kirche ist eine Gemeinschaft von lokalen Kirchen LG 23) und ökumenisch (sie steht in Beziehung zu anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, LG 8, 15).27
Koinonia, der griechische Begriff für „Communio“, meint ursprünglich nicht „Gemeinschaft“, sondern „Partizipation“28, „geteilte Beteiligung“29, „Reziprozität/Gegenseitigkeit“.30 Der Begriff „partizipative Kirche“ kann demnach betrachtet werden a...