Kirchenbild und Kircheneinheit
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Kirchenbild und Kircheneinheit

Der dominikanische "Tractatus contra Graecos" (1252) in seinem theologischen und historischen Kontext

  1. 270 Seiten
  2. German
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Kirchenbild und Kircheneinheit

Der dominikanische "Tractatus contra Graecos" (1252) in seinem theologischen und historischen Kontext

Über dieses Buch

In this series, the Grabmann Institute publishes new editions and studies that make a valuable contribution to the Institute's research focus. In these publications – many of which originate from within the Institute – a primary focus is placed on medieval theology and philosophy, but the chronological arc spans from the end of antiquity to the modern era. The series' historical perspectives are undergirded by a systematic approach. The published volumes address topics in all areas of medieval theology and philosophy and present outstanding and lesser known theologians and philosophers, their works and impact. Due consideration is also given to aspects of mysticism and spirituality as they essentially pertain to medieval theology and philosophy.

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Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783110696837
eBook-ISBN:
9783110697674

1 Rahmenbedingungen

1.1 Der Vierte Kreuzzug (1202 – 1204) und die Etablierung des Lateinischen Kaiserreichs (1204 – 1261)

Dass sich im Jahr 2004 die Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzfahrer und die Etablierung lateinischer – weltlicher wie kirchlicher – Herrschaftsstrukturen zum 800. Mal jährten, wurde in der Forschungslandschaft durch die Durchführung mehrerer, darunter vier herausragender wissenschaftlicher Symposien41 gewürdigt: „Von den Einführungen, Vor- und Geleitworten abgesehen sind auf diese Weise 79 Beiträge auf ca. 1.800 Seiten zusammengekommen“ 42, schreibt R. Pokorny in seiner umfassenden Rezension des durch die Tagungsbände vorliegenden Forschungsstandes. Mit den so dokumentierten Forschungsergebnissen liegt eine fundierte Basis vor, auf die jede Darstellung der Ereignisse von 1204 und danach zurückgreifen kann und muss. Im Folgenden sollen aus dieser Fülle an Herangehensweisen an den betreffenden Zeitraum und seine Implikationen, die von den verschiedenen Fachrichtungen geleistet werden, diejenigen als Bezugsquelle herangezogen werden, die dem Fokus der vorliegenden Studie dienen: Das Lateinische Kaiserreich soll als Rahmengegebenheit und -bedingung der – zunächst diplomatischen – ost-westlichen kirchlichen Beziehungen zur Darstellung kommen, um damit in einem zweiten Schritt die literarisch-theologische Kontroverse zwischen Ost- und Westkirche anhand des gewählten und eingangs skizzierten Textcorpus zu kontextualisieren, das den Kern der vorliegenden Studie bildet.

1.1.1 Der vierte Kreuzzug (1202 – 1204)

„The Fourth Crusade had brought the two Churches into closer contact than ever before, closer but not necessarily more friendly.“43 Diese Prämisse, die J. Gill seinen Ausführungen über die Beziehungen zwischen dem Papsttum und Byzanz voranstellt, markiert zwei Gegebenheiten, die für die Darstellung des Lateinischen Kaiserreichs als Rahmenbedingung ost-westlicher Kommunikation relevant sind: Erstens stellt das Konstrukt des Lateinischen Kaiserreichs als Folge des Vierten Kreuzzuges die Folie dar, auf der der Westen nun unter anderen Vorzeichen zu agieren bestrebt war. Aus westlicher Perspektive wurde die Etablierung lateinischer Leitungsstrukturen44 als der erste, wenn nicht gar der entscheidende Schritt in Richtung einer Kirchenunion angesehen bzw. als solcher instrumentalisiert.45 Der Osten hingegen musste mit einer zweifachen Konfrontation umgehen: mit der theologischen Konfrontation einerseits, die sich um das Ausloten theologischer Hindernisse der Kircheneinheit und um deren mögliche Bewältigung drehte, und mit der prekären Situation andererseits, im Exil und damit in ungewohntem Umfeld und aus benachteiligter Position heraus agieren und reagieren zu müssen.46
Die Geschichte jenes Fremdkörpers47, den das Lateinische Kaiserreich – die Romania48 bzw. das Imperium Constantinopolitanum49 – in mehrfacher Hinsicht darstellte, nimmt ihren Ausgang mit dem Vierten Kreuzzug ins Heilige Land, zu dem Papst Innozenz III. im Jahr 1198 wenige Monate nach Beginn seines Pontifikats aufgerufen hatte.50 Was die Reiseroute betraf, so entschied man sich für den Seeweg, womit Venedig als „mächtige[r] Gläubiger der Kreuzfahrer“51 ins Spiel gebracht war. Dies hatte zur Folge, dass Venedig durch die Organisation des Schiffstransports eine entsprechend vorteilhafte Verhandlungsbasis bzw. ein entscheidungsmächtiges Druckmittel auf das Kreuzfahrerheer hatte und dieses entsprechend einsetzte. Als die Kreuzfahrer im Jahr 1202 auf Betreiben Venedigs die Küstenstadt Zara (heute Zadar) in der Provinz Dalmatien im heutigen Süden Kroatiens erobert hatten, war die politische Lenkung des Kreuzzuges bereits den Händen Innozenz' III. entglitten52, was sich später besonders deutlich an den Ereignissen der Eroberung Konstantinopels zeigen sollte.53 Angebahnt wurde die Eroberung der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches durch den Aufruf des Thronprätendenten Alexios Angelos in Zara, das Kreuzfahrerheer möge ihn auf dem Weg nach Jerusalem gegen den regierenden byzantinischen Kaiser Alexios III. unterstützen und ihm – durch eine militärische Intervention gegen Konstantinopel – auf den Thron verhelfen. Im Gegenzug werde er, einmal den Thron innehabend, zu großzügiger finanzieller Unterstützung bereit sein, außerdem zur vehementen Forcierung der Kirchenunion von Ost- und Westkirche sowie zu längerfristiger militärischer und finanzieller Hilfestellung für das Kreuzfahrerheer im Heiligen Land.54 Die Führer des Kreuzfahrerheeres gingen auf das Angebot ein, akzeptierten die Bedingungen und setzten den Papst in Kenntnis der geplanten, von der ursprünglichen Route abweichenden Fahrt nach Konstantinopel. Die Haltung des Papstes, die im Folgenden exkursartig thematisiert wird, trug – aus späterer Perspektive betrachtet – nicht dazu bei, das ‚Getriebe der Abweichung‘ und die Verkettung der nachfolgenden Ereignisse in wesentlichen Zügen zu lenken oder zu unterbrechen. Konstantinopel wurde schließlich zur Station des Kreuzfahrerheeres, das vor und in der Hauptstadt mehr als zwei politisch bewegte Jahre lang präsent war. Während dieses Zeitraums wurden die Stadt und das Umland zum Spielfeld der konkurrierenden Parteien im Ringen um die jeweils günstigste Verhandlungsbasis in Bezug auf Herrschafts- und Machtansprüche.55 Die Gründe dafür, dass der Kreuzzug entgegen der ursprünglichen Reiseroute überhaupt nach Konstantinopel geführt wurde, sind in der Forschung eine kontrovers diskutierte Frage, die – weil andernorts bereits ausführlich dokumentiert56 – hier nicht im Detail aufgerollt wird.

Exkurs: Die Haltung Innozenz' III. gegenüber der Eroberung Konstantinopels und der Etablierung des Lateinischen Kaiserreichs57

Die Reaktion Innozenz' III. auf das Vorhaben des Kreuzfahrerheeres noch vor dem Wendepunkt der Einnahme Konstantinopels, wie sie aus den Quellen rekonstruiert werden kann, und seine Haltung bzw. der Charakter seiner Stellungnahmen nach dem gewalttätigen Ereignis weichen in mehrerer Hinsicht voneinander ab: In einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang stellt Innozenz III. zunächst die Eroberung Konstantinopels und die – in den Augen Roms – damit angebahnte Union der beiden Kirchen, wenn er die Ereignisse in einem Brief, geschrieben im November 1204, mit einem Psalmenvers kommentiert: „In der Tat vom Herrn gemacht ist dies, und es ist wunderbar in unseren Augen“ (Sane a Domino factum est istud et est mirabile in oculis nostris. Ps 118(117), 23).58 Ähnlich enthusiastisch und von der Aussicht auf die Rückkehr der Byzantiner zur (lateinischen) Kirche bewogen bekundet der Papst dem neu installierten Kaiser Balduin I. von Flandern seine Glückwünsche und bezeichnet ihn als Werkzeug des göttlichen Heils.59 Die ersehnte und jetzt konkret gewordene Anbahnung der Kirchenunion betont Innozenz III. erneut in einem Brief an den lateinischen Klerus von Konstantinopel.60 Es ist derselbe Brief, der in Ansätzen den Wendepunkt hin zu einer Haltung des Papstes dokumentiert, die sich grundlegend von diesem ersten Enthusiasmus unterscheiden wird, indem er die unkanonische Wahl des Thomas Morosini zum lateinischen Patriarchen von Konstantinopel hinsichtlich ihrer Verfahrensweise für nicht rechtmäßig erklärt.61 Rund ein halbes Jahr später übt der Papst gerade an jenen Gegebenheiten scharfe Kritik, die er zuvor noch mit Aussicht auf freudige Zukunftsperspektiven begrüßt hatte: In einem Brief, geschrieben im Juli 1205 und adressiert an den Kardinallegaten Petrus Capuanus, beklagt der Papst, dass mit einem derartigen Vorgehen, wie es die lateinischen Eroberer an den Tag gelegt hätten, im Hinblick auf die Beziehungen mit Byzanz mehr zerstört als erreicht worden sei:
Quomodo enim Graecorum ecclesia, quantumcumque persecutionibus affligatur, ad unitatem ecclesiasticam et devotionem sedis apostolice revertetur, que in Latinis non nisi perditionis exemplum et opera tenebrarum aspexit, ut iam merito illos abhorreat plus quam canes?62
Wie aber soll die griechische Kirche, so sehr auch immer sie von Verfolgungen getroffen ist, zur kirchlichen Einheit und Ergebenheit gegenüber dem Apostolischen Thron zurückkehren, wenn sie doch bei den Lateinern nichts als ein Beispiel der Verkommenheit und das Werk der Finsternis gesehen hat, sodass sie die Lateiner zu Recht mehr verabscheut als Hunde?
Ein derartiger Wandel in der Haltung des Papstes63, dessen Gründe und Auslöser in der Forschung ausführlich behandelt sind, kann – so W. Maleczek64 – auf die Rolle des Papstes beim Vierten Kreuzzug insgesamt und bei der Etablierung des Lateinischen Kaiserreichs übertragen werden: Obwohl anfänglich die Quellen Begeisterung und päpstliche Unterstützung des Kreuzfahrerheeres erkennen lassen, stand Innozenz III. besonders dem Unternehmen der Einnahme Konstantinopels – und bereits davor der Stadt Zara – als Angriff gegen Christen weitgehend skeptisch und ablehnend gegenüber und drohte mit oder griff zum Mittel der Exkommunikation. Dennoch wurde er mehr und mehr in die Rolle des Reagierenden, des Zusehers und desjenigen gedrängt, der den Ereignissen vielmehr hinterhereilte, als sie konzeptuell im Vorfeld zu bestimmen. Auch im Hinblick auf die Übernahme griechisch-kirchlicher Strukturen durch die Lateiner kann Innozenz III. im Grunde als Reagierender charakterisiert werden (so etwa in der nachträglichen Anerkennung der Wahl Morosinis zum lateinischen Patriarchen, wenn auch durch diesen Schachzug des Papstes die Strategie des venezianischen Domkapitels gebrochen war), der allerdings die Gegebenheiten ex post akzeptierte, indem er das Lateinische Patriarchat als Mittel zur angestrebten Kirchenunion im Sinne einer Rückführung der griechischen Kirche anerkannte bzw. instrumentalisierte.65

1.1.2 Die Etablierung des Lateinischen Kaiserreichs (1204 – 1261) und die byzantinischen Exilreiche

Mit und nach der lateinischen Eroberung Konstantinopels 1204 existierte erstmals in der Geschichte des Byzantinischen Reiches de facto keine byzantinische Zentralregierung mehr: Kurze Zeit vor der Einnahme Konstantinopels wurde ein Vertrag aufgesetzt, der mit Zustimmung aller beteiligten Parteien – Venezianer und Nichtvenezianer/Franken – bereits im Vorfeld der geplanten Inbesitznahme der byzantinischen Territorien die Besitzverhältnisse klären und die lateinische Neustrukturierung institutionell verankern sollte.66 Diese erste vertragliche partitio terrarum imperii Romaniae67 wurde im Oktober 1205 um einige Zusatzbestimmungen ergänzt, die den ursprünglichen Text aus der nunmehr einjährigen Erfahrung konkretisierten, und bildete in dieser erweiterten Form die Grundlage dessen, worauf die lateinische Herrschaftsübernahme und -aufrechterhaltung auf byzantinischem Boden fußte. Die Intention der vertraglichen Regelung, die sich allerdings nicht in der Realität widerspiegeln sollte, war es durchaus, dass das Byzantinische Reich auch unter lateinischer Herrschaft ein ungeteiltes Ganzes und von individuellen Machtinteressen verschont bleibe. Zu den entsprechenden schriftlich fixierten Maßnahmen gehörten zum einen die Regelung der Wahl des Kaisers, die anteilige Splittung des Gebiets unter venezianischen und nichtvenezianischen Kreuzfahrern68 und die Klärung der jeweiligen Machtverhältnisse69. Zum anderen waren auch die kirchlichen Strukturen Gegenstand der vertraglich festgelegten Vereinbarungen: Zur Vermeidung von Einseitigkeit und allzu großer Macht einer Partei durfte der – nunmehr lateinische – Patriarch von Konstantinopel nicht derselb...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Vorwort
  5. Einleitung: Ost-westliche Kontroverstheologie im 13. Jahrhundert
  6. 1 Rahmenbedingungen
  7. 2 Dominikaner im Osten
  8. 3 Der anonyme Tractatus contra Graecos (1252)
  9. 4 Analyse lateinischer und griechischer Werke
  10. 5 Beobachtungen und Ergebnisse
  11. Abkürzungsverzeichnis
  12. Namens- und Sachindex

Häufig gestellte Fragen

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