Cardano (1501 - 1576) war Arzt, Astrologe, Mathematiker und Naturphilosoph und einer der letzten großen Universalgelehrten der Renaissance. Er hat sich intensiv mit Astrologie beschäftigt und unter den von ihm gedruckten Werken findet sich auch eine Reihe astrologischer Bücher. Auf ihn geht z. B. die astrologische Deutung der Stirnlinien zurück. Diese Autobiografie gibt einen tiefen Einblick in das Leben und Wirken dieses großen Astrologen.

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Des Girolamo Cardano von Mailand eigene Lebensbeschreibung
Über dieses Buch
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Information
Anhang
Nachwort von Hermann Hefele
Was Goethe von Benvenuto Cellini sagt, gilt in ebenso prägnantem und besonderem Sinne von der Persönlichkeit, die uns im Folgenden beschäftigen wird: »… ein Mann, der als Repräsentant seines Jahrhunderts und vielleicht als Repräsentant sämtlicher Menschheit gelten dürfte. Solche Naturen können als geistige Flügelmänner angesehen werden, die uns mit heftigen Äußerungen dasjenige andeuten, was durchaus, obgleich oft nur mit schwachen, unkenntlichen Zügen, in jeden menschlichen Busen eingeschrieben ist.« In Girolamo Cardanos autobiografischen Aufzeichnungen besitzen Benvenuto Cellinis vielgelesene und vielgerühmte Memoiren eine Ergänzung in wesentlichen Zügen und ein Gegenstück von gleichem Werte und gleich starker Eigenart.
Cardano und Cellini waren Zeitgenossen und Söhne derselben nationalen Kultur. Beider Jugend fiel in die großen Tage der Hochblüte der Renaissancekultur; beide sahen, gleichgültig und nur mit halbem Verständnis wie fast alle Italiener ihrer Zeit, die große nationale Katastrophe der neuen Barbareninvasionen, der Knebelung des freien Italien durch spanisches Wesen; beide fühlten die Stürme der Reformation und Gegenreformation und ahnten die neue Zeit und ihre neuen Formen. Beider Wege haben sich nie gekreuzt. Sie mochten einander kaum dem Namen nach gekannt haben; denn nicht nur eine lokale Entfernung und berufliche Verschiedenheit trennte sie, es waren zwei verschiedene soziale Welten, die sie bewohnten. Cellini, der Künstler, lebte in mondänen Zirkeln und bewegte sich mit derselben Sicherheit und dem gleichen Anstand in Palästen und vor den Großen Europas wie auf den Gassen, in den Spelunken und verrufenen Häusern der Großstadt. Cardanos Welt war die bürgerliche, kleinstädtische. Die soziale Stellung des Arztes oder Naturforschers war damals der des Künstlers nicht gleichgeordnet. Er konnte sich Weltruf und Vermögen so gut wie dieser erwerben, aber im gesellschaftlichen Leben der höheren Stände, wo die Fragen der feinen Bildung den Ton angaben, fand er keinen Platz. Auch Cardano weiß wie Cellini von der Gunst der Päpste, Kardinäle, Könige und Fürstlichkeiten zu erzählen; aber es war, seine ärztlichen Dienste abgerechnet, eben nur Gunst und Dankbarkeit, kein gegenseitiges Verhältnis des Austausches und geistiger Gleichberechtigung. Der Schauplatz, wo Cardano lebte und wirkte, war das bürgerliche Haus, der Hörsaal der kleinen Universität; die Mitspieler waren Bürger, Handwerker, zänkische Professoren, frohe Studenten; die Fragen, die ihn beschäftigten, waren nicht die heiteren Formen der Kunst, sondern die ernstesten Dinge des Lebens, medizinisches Können und Wissen, naturwissenschaftliche und technische Entdeckungen und Erfindungen, dazu die letzten und tiefsten Probleme politischen und ethischen Verhaltens. Nur die gemeinsame Welt der humanistischen Bildung, bei Cardano freilich bewusster und stärker als bei Cellini, umschloss beide.
Die Ähnlichkeit und die Verschiedenheit ihres Wesens treten zum Greifen plastisch in den Selbstbiografien beider Männer zutage. Hier wie dort klingt trockene Sachlichkeit; eine widerstandsfähige Eigenart, eine starke Selbstständigkeit und grenzenlose Eitelkeit, kühne und doch gefällige Fantastereien, ein durchaus abenteuernder Geist füllen die Seiten ihrer Erzählung und formen ihren innersten Rhythmus. Größer und mehr in die Augen springend freilich sind die Unterschiede. Der Künstler gefällt sich im ruhigen epischen Fluss, in novellistischer Pointierung, in gegenstandsfreudiger Geschwätzigkeit; der Naturwissenschaftler zerbricht den geschlossenen Gang der Erzählung, scheidet und trennt nach stofflichen Gesichtspunkten, analysiert das Ganze und sucht das Einzelne zu fassen, spricht viel, detailliert, aber in einer knappen Form. Cellini bietet die geistvolle Oberfläche eines Lebens, ein stilreines, überlegenes, fertiges Kunstwerk; Cardano gibt Längs- und Querschnitte, seziert wie ein Anatom, berechnet wie ein Mathematiker. Was er uns zu sagen hat, ist weder schön noch erheiternd, häufig hässlich und abstoßend, aber immer fesselnd und immer unerbittlich wahr.
Cardanos Zeit war die des italienischen Niedergangs. Die kurze Hegemonie Italiens in Europa ruhte auf der überlegenen Kultur der Renaissance; sie war vorüber, sobald sich Europa vor neue Aufgaben gestellt sah. Die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Ostindien boten neue, ungeahnte wirtschaftliche und politische Möglichkeiten. Italien blieb von ihnen ausgeschlossen; die Verluste, die sein Handel im Nahen Osten erlitten hatte, waren durch nichts auszugleichen, die Konkurrenz der großen seefahrenden Nationen schlug Italien überall aus dem Felde, das italienische Geld verlor an Wert, die italienischen Bankhäuser an Kredit und politischem Einfluss.
Italien hatte mit der politischen Selbstständigkeit auch die Kraft des Widerstands gegen fremde Einflüsse verloren. Mit dem ersten Franzosenzug nach Neapel und dem Sturze des Hauses Aragon begann das Unheil des Barbarenregiments in Italien. Kein Staat, kein Herrscherhaus und keine Partei in Italien war ohne Schuld an der großen nationalen Katastrophe: weder Venedig noch Genua, nicht die Sforza in Mailand noch die Este in Ferrara, weder Savonarola und sein Anhang noch die Medici in Florenz, weder die Borgia noch die Rovere, weder die Colonna noch die Orsini in Rom. Keiner erhob sich über Eigennutz und Engherzigkeit, und jeder war gewillt, das Ganze seinem eigenen Wohl zu opfern. Nur der kraftvolle, verzweifelte Versuch Julius II., die Franzosen aus Italien zu verjagen, schien vorübergehend gutzumachen, was in den vorausgegangenen Jahren gesündigt worden war. Doch die schuldbeladene, egoistische Politik der Päpste aus dem Hause Medici lieferte das Land und seine blühende Kultur endgültig an fremde Herrschaft und an fremden Geist aus. Die Erstürmung und Plünderung Roms im Jahre 1527 ist nicht Grund und Ursache, sondern nur ein blutiges Symbol des längst besiegelten Niedergangs der Kultur der Renaissance. Cardanos engere Heimat, das Herzogtum Mailand, teilte das Schicksal Italiens. Das kluge Regiment der Sforza hatte das Land nach innen und außen stark gemacht, die wachsende Wohlhabenheit der Bevölkerung und ein gebefreudiger Mäzenat der Fürsten hoben die Kultur Mailands auf eine Stufe, die der anderer italienischer Staaten nicht nachstand. Darum empfand man auch die Niederlage des Herzogs Lodovico Moro im April 1500 und die Eroberung Mailands durch die Franzosen als eine Niederlage der mailändischen Kultur. Nur allmählich verstand es die Liberalität der fremden Herrscher, vor allem der französischen und später der kaiserlichen und spanischen Vizekönige und Gouverneure, die Wunden zu schließen, die die unaufhörlichen Kriege dem Lande schlugen. Die mailändische Selbständigkeit war – sieht man von der kurzen Regierung (Ende 1512 bis September 1515) des schwachen Massimiliano Sforza ab – unwiederbringlich dahin und das Herzogtum jahrzehntelang der Zankapfel zwischen Frankreich und dem Hause Habsburg, bis es um die Mitte des Jahrhunderts spanischer Besitz wurde. Die Franzosen, 1512 vorübergehend aus Italien verjagt, kehrten 1515 wieder, und die Schlacht bei Marignano nötigte Massimiliano Sforza zur Abdankung. Das Land war französische Provinz, bis das päpstlichkaiserliche Bündnis die Franzosen von Neuem verdrängte und im Jahre 1522 Mailand als Reichslehen an den zweiten Sohn des Moro, Massimilianos Bruder Francesco Sforza II. (gest. 1535), fiel; in Wirklichkeit herrschte der Kaiser. Es folgten neue französische Feldzüge, die Schlacht bei Pavia (Februar 1525), der kaiserlich-päpstliche Krieg vom Jahre 1526, der mit der Plünderung Roms endete, die französische Invasion vom Jahre 1527 und die Plünderung Pavias; nach der kurzen Ruhe, die der Friede von Cambrai (1529) und die Kaiserkrönung in Bologna (1530) dem Lande gönnten, tobten in den Jahren 1536-1538 und 1542-1544 in Oberitalien neue Kriege zwischen Karl V. und Franz I. Das Land litt unsäglich. Epidemien und Teuerungen vermehrten das allge...
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Titel
- Impressum
- Des Girolamo Cardano von Mailand eigene Lebensbeschreibung
- Inhaltsverzeichnis
- VORREDE
- ERSTES KAPITEL: Heimat und Familie
- ZWEITES KAPITEL: Meine Geburt
- DRITTES KAPITEL: Einiges Allgemeine aus dem Leben meiner Eltern
- VIERTES KAPITEL: Kurze Schilderung meines ganzen Lebens von der Geburt bis auf den heutigen Tag, den letzten Oktober des Jahres 1575
- FÜNFTES KAPITEL: Gestalt und Aussehen
- SECHSTES KAPITEL: Von meiner Gesundheit
- SIEBENTES KAPITEL: Von meinen Leibesübungen
- ACHTES KAPITEL: Lebensweise
- NEUNTES KAPITEL: Der Gedanke, meinen Namen zu verewigen
- ZEHNTES KAPITEL: Mein Lebensweg
- ELFTES KAPITEL: Lebensklugheit
- ZWÖLFTES KAPITEL: Meine Freude am Disputieren und Dozieren
- DREIZEHNTES KAPITEL: Mein Charakter, geistige Mängel und Schwächen
- VIERZEHNTES KAPITEL: Meine geistigen Vorzüge, Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit
- FÜNFZEHNTES KAPITEL: Von meinen Freunden und Gönnern
- SECHZEHNTES KAPITEL: Von meinen Feinden und Neidern
- SIEBZEHNTES KAPITEL: Verleumdungen, falsche Anklagen, heimtückische Anschläge, mit denen mich Denunzianten verfolgten
- ACHTZEHNTES KAPITEL: Liebhabereien
- NEUNZEHNTES KAPITEL: Spiel und Würfelspiel
- ZWANZIGSTES KAPITEL: Kleidung
- EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Meine Nachdenklichkeit und meine Art zu gehen
- ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Religion und Frömmigkeit
- DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Meine wichtigsten Lebensregeln
- VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Meine Wohnungen
- FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Armut und ungünstige Vermögensverhältnisse
- SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Ehe und Kinder
- SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Das böse Schicksal meiner Kinder
- ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Prozesse ohne Ende
- NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Reisen
- DREISSIGSTES KAPITEL: Unfälle und Zufälle. Von vielen mannigfachen und unaufhörlichen Nachstellungen
- EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Glück
- ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Ehren, die mir zuteilwurden
- DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Was ich an Unehren erlitt. Was von Träumen zu halten ist. Von der Schwalbe in meinem Wappen
- VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Meine Lehrer
- FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Zöglinge und Schüler
- SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Von meinen Testamenten
- SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Einige natürliche, aber sonderbare Eigentümlichkeiten, worunter einige Träume
- ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Fünf Eigentümlichkeiten, die mir von Nutzen waren
- NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL: Gelehrsamkeit und äußere Bildung
- VIERZIGSTES KAPITEL: Glückliche Kuren
- EINUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Wunderbare Dinge natürlicher Art, wovon ich aber nur weniges selbst erlebte. Und wie mein Sohn gerächt wurde
- ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Meine Fähigkeit des Voraussehens in beruflichen und anderen Dingen
- DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Dinge durchaus übernatürlicher Art
- VIERUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Was ich in den verschiedenen Disziplinen an denkwürdigen Erfindungen machte
- FÜNFUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Die Bücher, die ich verfasst habe. Wann und warum ich sie schrieb, und was sich dabei ereignet hat
- SECHSUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Von mir selbst
- SIEBENUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Mein Schutzgeist
- ACHTUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Urteile berühmter Männer über mich
- NEUNUNDVIERZIGSTES KAPITEL: Meine Meinung über die Dinge dieser Welt
- FÜNFZIGSTES KAPITEL: Redensarten, die ich im Munde führe, fernerhin Beobachtungen und Lebensregeln. Zurückweisung einer falschen Ansicht. Totenklage auf meinen Sohn. Ein Dialog über den Wert dieser Aufzeichnungen
- EINUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL: Worin ich glaube gefehlt zu haben
- ZWEIUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL: Wie ich mich im Laufe der Jahre änderte.
- DREIUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL: Meine Art im Verkehr mit anderen
- VIERUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL: Und zugleich Nachwort
- ANHANG: Nachwort von Hermann Hefele
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