Seminare authentisch leiten
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Seminare authentisch leiten

Gewaltfreie Kommunikation und Gruppendynamik

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Seminare authentisch leiten

Gewaltfreie Kommunikation und Gruppendynamik

Über dieses Buch

Lernen und Lehren – ein wechselseitiger ProzessGewaltfreie Kommunikation in Kombination mit dem Wissen zur Dynamik von Gruppenprozessen: Ein solches Buch hätte sich Liv Larsson zu Beginn ihrer Laufbahn als Trainerin gewünscht. Alle diejenigen, die GFK-Seminare oder andere Gruppen leiten, profitieren nun von ihren Erfahrungen und finden viele Anregungen und praktische Vorschläge. Liv Larsson sieht sich aber selbst immer noch als Lernende. Und diese Offenheit möchte sie auch ihren Leserinnen und Lesern vermitteln. Es geht nicht darum, eine perfekte "Show" hinzulegen, sondern authentisch zu sein und selbst zu leben, was man lehrt.Themen, die behandelt werden: - Präsentationsskills à la GFK- Über das Sprechen vor einer Gruppe – einige Mythen- Innere Vorbereitung- Seminarplanung – ja oder nein?- Probleme und Herausforderungen nähren das Wachstum- Unter Wölfen und Giraffen: Rollenspiele- Eine Gruppe leiten: Bedürfnisse als Basis"Ich denke nicht, dass man ein Thema voll und ganz beherrschen muss, um es zu unterrichten oder mit anderen zu teilen. Wichtiger als das Wissen selbst ist das Verlangen, es mit anderen zu teilen. Und gleichzeitig müssen einem die eigenen Wissenslücken bewusst sein, und dass man sie schließen kann, indem man gemeinsam mit der Gruppe lernt." – Liv Larsson

Information

Jahr
2020
eBook-ISBN:
9783955719326
Thema
Bildung

TEIL II: DIE GRUPPE LEITEN

4. Klippen + Herausforderungen = Nährstoffe für das Wachstum

4.1 Klippen, die Ihr Wachstum unterstützen

Im Folgenden soll es um einige Klippen gehen, auf die Sie vielleicht selbst bereits während einer Schulung oder eines Seminars gestoßen sind. Ich habe sie um einige Empfehlungen ergänzt, wie Sie diese mithilfe der GFK umschiffen können. So Sie bereit sind, sich diesen Herausforderungen zu stellen, können sie tatsächlich Ihrem Lernen und Wachstum zugutekommen.
Um Klarheit über diese Schwierigkeit zu gewinnen, habe ich – als zusätzliche Unterstützung – für jede dieser Klippen einige Schlüsselunterscheidungen ausgewählt. (Weitere Informationen zu den Schlüsselunterscheidungen finden Sie im Anhang) Die Schlüsselunterscheidungen helfen uns, wenig geläufige oder gar unbekannte Konzepte mittels vertrauter Konzepte zu erklären. Es ist deutlich leichter, jemandem zu beschreiben, was ein Tandemfahrrad ist, wenn man zunächst die Unterschiede zu einem normalen Fahrrad darstellt – vorausgesetzt natürlich, dass für die andere Person ein Fahrrad ein vertrauter Gegenstand ist. Um etwas über das japanische Instrument Koto zu erzählen, ist es einfacher, mit einer Harfe, einem Hackbrett oder einer schwedischen Tastenfidel zu beginnen. Wir würden dann nicht den Anspruch erheben, alle Saiteninstrumente als Kotos, Kanteles oder Tastenfideln zu kategorisieren. Wir beschreiben einfach die Unterschiede und sagen nichts über die Qualität der Instrumente aus. Es geht nicht darum, dass das eine „richtig“ und das andere „falsch“ ist oder dass eines besser als das andere ist. Es geht nur um eine Antwort auf die Frage: „Worin unterscheiden sie sich?“ Diese Frage zu stellen ist in diesem Fall genauso wichtig wie unser Versuch, sie zu beantworten.

4.1.1 Wenn Sie keine Reaktion erhalten

Zum Umschiffen dieser Klippe ist es hilfreich, wenn Sie sich über den Unterschied zwischen „Forderungen und Bitten“ (Schlüsselunterscheidung 11) sowie über „dranbleiben versus fordern“ (Schlüsselunterscheidung Nummer 18) im Klaren sind.
Manchmal kann das Schweigen einer Gruppe schwer auszuhalten sein, insbesondere dann, wenn Sie gerne eine Antwort von jemandem hätten. In einem solchen Fall können Sie eine Bitte in Form einer Frage an die Gruppe richten. Das erleichtert es den Teilnehmer*innen, sich auf einer Ebene zu beteiligen, auf der sie sich wohlfühlen. Wenn Sie zudem über Ihre Gefühlen sprechen und darüber, welche Bedürfnisse Sie sich durch eine Antwort von den Teilnehmer*innen zu erfüllen hoffen, könnte dies zu einer Reaktion motivieren. Wenn die Teilnehmer*innen nämlich sehen, dass Sie auch nur ein Mensch sind, dem sie behilflich sein können, sind sie vermutlich eher dazu bereit, etwas zu sagen. Sie könnten zum Beispiel Folgendes fragen:
Ich brauche gerade mehr Verbindung und werde etwas nervös, wenn ich keine Antwort auf meine Fragen höre. Mag jemand von Ihnen kurz etwas dazu sagen, warum Sie bislang geschwiegen haben?
Oder: Ich merke, dass ich etwas ratlos bin, wenn ich keine Antworten auf meine Fragen höre. Ich hätte gerne mehr Klarheit darüber, ob das, worüber ich bisher gesprochen habe, für Sie von Interesse ist. Mag mir jemand sagen, welchen Nutzen Sie voraussichtlich aus dem ziehen können, worüber ich gesprochen habe?
Sollten dennoch alle weiterhin schweigen, gibt es verschiedene Möglichkeiten fortzufahren. Vielleicht – so könnten Sie annehmen – fühlen sich die Gruppemitglieder beim Sprechen nicht sicher. Also versuchen Sie es mit einer anderen Strategie, um die Verbindung herzustellen, die Sie gerade mit dieser Gruppe brauchen. Sie könnten zum Beispiel Folgendes ausprobieren:
Ich würde gerne einmal ein Handzeichen all derjenigen sehen, die sich bei dem Gedanken unsicher fühlen, derjenige zu sein, der zuerst etwas sagt.
Oder: Ich würde gern ein Handzeichen von all denen sehen, die das, worüber ich gesprochen habe, interessant finden und gerne noch mehr darüber erfahren würden.
Bei einem meiner Trainings war ich mir sicher, dass die Auswertung am Ende „nicht interessant“ ergeben würde. Die Gruppe hatte – mit Ausnahme während der Übungseinheiten in Kleingruppen – mehrheitlich geschwiegen. Ich hatte alle möglichen „Tricks“ ausprobiert, um in Kontakt zu kommen, doch keiner schien erfolgreich zu sein. Am Ende ging mir auf: Ich könnte sie bitten, mir mehr darüber zu erzählen, wie es für sie war, in der großen Gruppe etwas zu sagen oder auf meine Bitte hin Beispiele einzubringen. Ich ergänzte also umgehend den Fragenkatalog, den ich am Ende eines jeden Trainings zur Auswertung nutze, um zu erfahren, ob das Training für die Teilnehmer*innen gepasst hat oder nicht.
Zu meinem Erstaunen fiel die Bewertung des Trainings überwältigend positiv aus. Einige gaben an, sie hätten sich überfordert gefühlt und deshalb nicht viel gesagt. Sie benötigten Zeit, um die Informationen, die ihnen sehr wertvoll erschienen, zu verdauen. Einige erwähnten, dass sie über Veränderungen in ihrem Leben nachgedacht und u. a. deshalb nicht so aktiv gewirkt hätten.
Was ich als Skepsis, Langeweile oder Desinteresse bewertet hatte, war also scheinbar nur ein Zeichen dafür, dass sie mehr Zeit zum Nachdenken gebraucht hätten. Natürlich war ich erstaunt und gleichzeitig froh, dass ich die Teilnehmer*innen um eine schriftliche Auswertung gebeten hatte. Sonst hätte ich meine eigene Einschätzung für bare Münze gehalten.
Mehr zum Thema Auswertungen finden Sie unter „Auswertung = das Gelernte ernten“.

4.1.2 Wenn jemand länger redet, als Sie ihm zuhören möchten

Für das Umschiffen dieser Klippe ist es hilfreich, wenn Sie sich über den Unterschied zwischen „empathisches Spüren versus intellektuelles Vermuten“ (Schlüsselunterscheidung 25) sowie zwischen „schützender Anwendung von Macht versus strafender Anwendung von Macht“ (Schlüsselunterscheidung 4) im Klaren sind.
Die Fähigkeit, jemanden unterbrechen zu können, der länger spricht, als es der Gruppe dient, ist für Sie als Leiter*in eines Workshops und als Trainer*in äußerst nützlich. Wenn Sie jemanden unterbrechen, dabei aber versuchen, die Verbindung aufrechtzuerhalten und gleichzeitig sicherstellen, dass die Bedürfnisse aller gehört werden, dann haben Sie die Chance, entweder das Konzept der Empathie oder das Konzept der Ehrlichkeit vorzuleben. Dabei können Sie wie folgt vorgehen: Bieten Sie der Person, die Sie unterbrechen möchten, eine Vermutung über die Bedürfnisse an, die sie sich durch ihren Redebeitrag zu erfüllen versucht. Sie können aber auch mithilfe des ehrlichen Selbstausdrucks unterbrechen, indem Sie Ihre Gefühle und Bedürfnisse ehrlich mitteilen und dann (unbedingt!) mit einer machbaren Bitte enden. Lassen Sie als Workshop-Leiter*in die Bitte am Ende weg, fällt es der Person, die Sie gerade unterbrechen, vermutlich eher schwer, Ihre Worte nicht als Kritik oder Forderung aufzufassen. Wenn ich mit einer empathischen Vermutung unterbreche, kann das Ganze in etwa so klingen:
Ich vermute, dass das, worüber Sie gerade sprechen, Ihnen sehr am Herzen liegt und Sie möchten wirklich, dass wir verstehen, wie wichtig Ihnen Wahlfreiheit ist (oder irgendein anderes Bedürfnis), stimmt’s?
Oder mit ehrlichem Selbstausdruck:
Ich merke, dass ich etwas unruhig und besorgt bin. Unruhig, weil ich nicht weiß, wie lange Ihre Geschichte dauern wird, und ich möchte sicherstellen, dass wir ausreichend Zeit für Thema X haben. Wie wäre es für Sie, wenn wir jetzt mit X fortfahren?
Mit Empathie und Ehrlichkeit läuft es oft am besten:
Ich vermute, dass das, worüber Sie gerade sprechen, wirklich wichtig für Sie ist. Ich wünsche mir, dass Ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Gleichzeitig bin ich besorgt, dass wenn Sie fortfahren, es mehr Zeit in Anspruch nimmt, als ich gerade dafür einräumen möchte. Mir liegt auch daran, dass die ganze Gruppe eine Chance hat, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Ich frage mich, ob Sie bereit sind, tief durchzuatmen und zu überlegen, was Sie noch sagen wollen und ob Sie etwas von jemandem in der Gruppe zurückhaben möchten?
Unterbrechen wird oft mit Unhöflichkeit gleichgesetzt, und dennoch schafft es mehr Sicherheit und Vertrauen in Sie als Seminarleiter*in. Wenn ich mithilfe der GFK unterbreche, dann tue ich das in der Absicht, mehr Verbindung aufzubauen, und nicht, um jemanden zum Schweigen zu bringen. Das Ziel besteht darin, so viele Bedürfnisse wie möglich zu erfüllen, auch die Bedürfnisse der Personen, die gerade sprechen.
Wenn Sie jemanden unterbrechen, weil sein Wortbeitrag nicht Ihrem Bedürfnis entspricht, einen Beitrag für die Gruppe zu leisten; und wenn Sie gleichzeitig respektvoll mit der sprechenden Person umgehen, dann zeigen Sie damit, dass Sie bestimmte Werte schützen und der Gruppe beim Erreichen ihrer Ziele helfen wollen.
Eine weitere Situation, die es sich lohnt zu unterbrechen, ist ein plötzlich aufgetauchter Konflikt zwischen Teammitgliedern, bei dem Sie nun als Vermittler*in auftreten wollen. Um zu vermeiden, dass der Konflikt eskaliert, können Sie jeden unterbrechen, der Schimpfwörter, Etiketten, Drohungen oder Forderungen einsetzt.14

4.1.3 Wenn jemand ein starkes Bedürfnis nach Empathie hat

Für das Umschiffen dieser Klippe ist es hilfreich, wenn Sie Klarheit über den Unterschied zwischen „empathischem Spüren versus intellektuellem Vermuten“ (Schlüsselunterscheidung 25) und „wechselseitige Abhängigkeit versus Abhängigkeit oder Unabhängigkeit“ (Schlüsselunterscheidung 15) haben.
Manchmal verwende ich eine Metapher, nach der die GFK zwei Beine hat, von denen ich eins das „Empathie-Bein“ nenne; hier dreht sich alles ums Zuhören. Das zweite Bein bezeichne ich als „Ehrlichkeits-Bein“. Hier geht es darum, sich offen und ehrlich mitzuteilen. Wenn wir Kommunikation als Tanz verstehen, dann liegt auch nahe: Mit zwei Beinen tanzt es sich leichter. Entsprechend leichter kommuniziert es sich auch, wenn wir mit Empathie auf die Gefühle und Bedürfnisse der anderen Person hören und gleichzeitig ehrlich unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken.
Wenn Sie als Seminarleiter*in das „Ehrlichkeits-Bein“ einsetzen, dann bringen Sie zum Ausdruck, wie das, was Sie gerade sehen oder hören, Sie beeinflusst. Wollen Sie die Verbindung schützen, so ist es unerlässlich, Ihre Mitteilung mit einer konkreten Bitte abzuschließen. Das schafft für alle Klarheit darüber, was sie mit den eben erhaltenen Informationen tun sollen. Gerade wenn Sie etwas vortragen oder vermitteln, kann das sehr wertvoll sein, denn es trägt sowohl zur Sicherheit als auch zur Verbindung bei und zeigt auf, wie der GFK-Prozess förderlich für einen Dialog oder Austausch sein kann.
Wechseln Sie zwischen den beiden Beinen, sodass die Verständigung zu einem Tanz wird. Und achten Sie darauf, keines der Beine überzustrapazieren. Wenn man nämlich weiß, wie verbindungsfördernd Empathie sein kann, ist es zum Beispiel sehr verlockend, lange auf dem „Empathie-Bein“ zu stehen. Vielleicht haben Sie selbst beim Kennenlernen der GFK erstmals erlebt, dass Ihnen tiefgehend zugehört wurde, und nun möchten Sie auch anderen diese schöne Erfahrung schenken. Zum Wesen der Gewaltfreien Kommunikation gehört jedoch nicht nur, anderen zuzuhören, sondern auch der Selbstausdruck. Und tatsächlich kann es andere verunsichern, wenn Sie nie das zum Ausdruck bringen, was in Ihrem Inneren vor sich geht. Es gibt Menschen, die zögern, ihre Gefühle und Bedürfnisse offen mitzuteilen, weil sie vermuten, dass das bedrohlich wirken kann. Das gilt sowohl für Gruppen, in denen sich die Teilnehmer*innen bereits kennen, als auch für Gruppen, die erstmals zusammenkommen. Doch beachten Sie b...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Übungsverzeichnis
  4. TEIL I: SICH SELBST VORBEREITEN
  5. TEIL II: DIE GRUPPE LEITEN
  6. ANHANG
  7. Literatur
  8. Die Autorin

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