Körpersprache & Kommunikation
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Körpersprache & Kommunikation

Nonverbaler Ausdruck und soziale Interaktion

  1. 448 Seiten
  2. German
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Körpersprache & Kommunikation

Nonverbaler Ausdruck und soziale Interaktion

Über dieses Buch

Michael Argyle legt mit diesem Standardwerk eine breit angelegte Darstellung der nonverbalen Kommunikation, ihrer Phänomene und ihrer Bedeutungen vor. Unter Bezugnahme auf Erkenntnisse der Verhaltensforschung, der Ethnologie und der experimentellen Sozialpsychologie beschreibt er, wie in den verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens nonverbale Mitteilungen eine wesentliche Rolle spielen. Dabei werden nicht nur die Phänomene behandelt, die meist nicht bewusst wahrgenommen werden, sondern auch Möglichkeiten der praktischen Anwendung in Pädagogik, Therapie und Berufsausbildung aufgezeigt.Das Buch wendet sich einerseits an den psychologischen Fachmann, der hier eine Fülle von Ergebnissen der experimentellen Forschung vorfindet, andererseits an jeden interessierten Leser, der sich alltägliche Erfahrungen ins Bewusstsein rufen möchte.Bei dieser Ausgabe handelt es sich um eine Neuübersetzung der 1988 erschienenen zweiten Auflage des Originalbuches.

Information

Jahr
2013
ISBN drucken
9783873878433
eBook-ISBN:
9783873878747

1. Einführung

Körperliche oder nonverbale Kommunikation (NVK) spielt eine zentrale Rolle im Sozialverhalten des Menschen. Neuere Forschungen von Sozialpsychologen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen haben gezeigt, dass solche Signale eine wichtigere Rolle spielen und komplexer funktionieren, als bislang angenommen wurde. Wenn wir das menschliche Sozialverhalten verstehen wollen, müssen wir dieses nonverbale System enträtseln.
Immerhin wissen wir, woraus solche nonverbalen Signale bestehen:
  • Mimik (Gesichtsausdrücke)
  • Blickverhalten (und Pupillenerweiterung)
  • Gestik und andere Körperbewegungen
  • Körperhaltung
  • Körperkontakt
  • Raumverhalten (Proxemik)
  • Kleidung und andere Aspekte des Aussehens
  • nonverbale Vokalisierungen (lautliche Äußerungen)
  • Geruch
Jede dieser Ausdrucksformen kann in etliche weitere Variablen unterteilt werden, zum Beispiel in unterschiedliche Aspekte des Blickverhaltens – Blickkontakt beim Zuhören oder Sprechen, die Länge von Blicken, wie weit die Augen geöffnet sind, Pupillenerweiterung etc. Es ist ausschließlich die Aufgabe empirischer Forschungsarbeit, herauszufinden, ob solche Variablen eine Wirkung haben – und gegebenenfalls welche. So ist zum Beispiel ein Kopfnicken sehr wichtig, Fußbewegungen sind es dagegen nicht. Wir werden später detailliert beschreiben, wie jede Art von Signal wirkt.
Tatsächlich funktioniert jeder dieser Kommunikationskanäle auf sehr typische Weise, und über jeden ist eine völlig andere Geschichte zu erzählen. Das Blickverhalten ist eher Kanal denn Signal; die Mimik ist am stärksten angeboren; die Gestik unterscheidet sich erheblich von einer Kultur zur anderen; Berührungen sind in vielen Fällen tabu; die Kleidung unterliegt am stärksten modischen Schwankungen und so weiter. Und solche körperlichen Signale sind häufig ziemlich unauffällig, subtil und unbewusst, was sie noch interessanter macht. Die richtige Anwendung von NVK ist ein wesentlicher Bestandteil sozialer Kompetenz und bestimmter sozialer Fertigkeiten; psychisch Kranke sind meistens in diesem Bereich beeinträchtigt.
Die Ergebnisse dieser Untersuchung erstrecken sich weit über die Domäne der Sozialpsychologie hinaus; darüber hinaus haben sie ziemlich massive Auswirkungen auf andere Wissensgebiete, die sich mit menschlichem Verhalten befassen – zum Beispiel Linguistik, Philosophie, Politik und Theologie, um nur einige zu nennen. Der springende Punkt, der hier zur Diskussion gestellt werden soll, ist, dass der Sprache bisher zu viel Bedeutung beigemessen wurde; wir werden zeigen, dass Sprache in hohem Maße von NVK abhängig und eng mit ihr verflochten ist, und dass es vieles gibt, was sich nicht adäquat mit Worten ausdrücken lässt. Außerdem ergeben sich ganz praktische Konsequenzen in vielen Lebensbereichen – so zum Beispiel in der Behandlung von psychisch Kranken, im Bildungswesen, bei der Konzeption von Kommunikationssystemen, in den Beziehungen zwischen verschiedenen Rassen und in der internationalen Politik.

1.1 Definitionen und Differenzierungen

Nonverbale oder körperliche Kommunikation findet immer dann statt, wenn ein Mensch einen anderen mithilfe seines Gesichtsausdrucks, seines Tonfalls oder über einen der anderen oben aufgeführten Kanäle beeinflusst. Das kann absichtlich geschehen oder unabsichtlich; im letzteren Fall können wir von nonverbalem Verhalten (NVV) sprechen oder, in manchen Fällen, vom Ausdruck von Emotion und Ähnlichem mehr. Das grundlegende Modell sieht folgendermaßen aus:
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A encodiert seinen Zustand, zum Beispiel eine Emotion, zu einem NV-Signal, das von B decodiert werden kann, allerdings nicht unbedingt in zutreffender Weise. Hier gibt es eine Reihe von Möglichkeiten:
  1. A encodiert und B decodiert unter Verwendung eines gemeinsamen Codes – so wissen zum Beispiel beide, dass räumliche Nähe Zuneigung signalisiert.
  2. B decodiert falsch – entweder weil A ein schlechter Sender ist oder B ein schlechter Empfänger oder beides.
  3. A sendet eine irreführende Botschaft, von der B getäuscht werden könnte – oder auch nicht.
  4. A hat nicht die Absicht, sich mitzuteilen, aber sein Verhalten liefert Informationen, die B vielleicht decodieren kann – so könnte B zum Beispiel erkennen, dass es ein Zeichen von Langeweile ist, wenn A den Kopf aufstützt.
  5. A hat nicht die Absicht, sich mitzuteilen, und B decodiert etwas Falsches, womöglich aufgrund eines verbreiteten, aber falschen Glaubens über die Bedeutung eines NV-Signals – zum Beispiel, dass es eine Täuschungsabsicht anzeigt, wenn jemand Blickkontakt meidet.
Davon abgesehen sind viele NV-Signale Teil eines rapiden Stroms von sowohl verbalen als auch nonverbalen Signalen, und meist findet Kommunikation in beiden Richtungen statt. Dennoch ist das Modell von Encodierung und Decodierung durchaus nützlich und versetzt uns in die Lage, Forschungen über Encodierung und Decodierung getrennt zu betrachten.
Der Unterschied zwischen verbalen und nonverbalen Signalen
Verbales Verhalten manifestiert sich normalerweise in Form von Sprechen, aber manchmal auch durch Schreiben oder durch Gesten, die für Buchstaben oder Wörter stehen. Allerdings wird Sprechen von einer komplexen Vielfalt nonverbaler Signale begleitet, die Veranschaulichungen und Rückmeldungen liefern und bei der Synchronisierung helfen. Manche von ihnen sind eigentlich ein Teil der verbalen Botschaft selbst – vor allem die prosodischen Signale wie Timing, Tonhöhe und Betonung. Andere nonverbale Signale sind dagegen unabhängig vom Inhalt des Gesagten, etwa die paralinguistischen Signale, beispielsweise der emotionale Tonfall. Allerdings werden nonverbale Signale häufig durch verbale Chiffren beeinflusst; so können beispielsweise symbolische Handlungen oder Objekte, die in Ritualen angewandt werden, einen Namen oder eine bestimmte Bedeutung haben, und nonverbale Verhaltensmuster, zum Beispiel Verhaltensstile wie „Charme“, „Würde“ oder „Präsenz“, können verbalen Kategorien zugeordnet werden. Andererseits stellen manche nonverbalen Signale bestimmte Emotionen, Einstellungen oder Erfahrungen dar, die nicht so leicht in Worte zu fassen sind. Und schließlich, wie bereits erwähnt, entspricht der Unterschied zwischen verbal und nonverbal nicht demjenigen zwischen stimmhaft und nichtstimmhaft, da es Handbewegungen gibt, die für Wörter stehen, und stimmhafte Äußerungen, bei denen das nicht der Fall ist.
Der Unterschied zwischen Kommunikation und unabsichtlichen Signalen
Wenn ein Mann bei einer Versteigerung seinen Katalog hebt, um zu bieten, sendet er damit bewusst eine Botschaft an den Auktionator. Er verwendet einen gemeinsamen Code, und der Auktionator nimmt ihn ganz richtig als jemanden wahr, der ihm eine bestimmte Botschaft senden will. Es liegt auf der Hand, dass es etwas anderes ist, wenn ein Tier oder ein Mensch in einem bestimmten emotionalen Zustand sichtbare Zeichen seiner Emotion zeigt, etwa durch Zittern oder Transpirieren, die dann von anderen wahrgenommen werden; hierbei handelt es sich um ein beobachtetes Zeichen, dem aber nicht die Absicht zugrunde liegt, etwas zu kommunizieren. Für Kommunikation im eigentlichen Sinne gibt es zielgerichtete Signale, während es sich bei einem Zeichen ganz einfach um eine Verhaltens- oder physiologische Reaktion handelt. Kommunikation geht mit dem Bewusstsein einher, dass der andere ein Wesen ist, das den verwendeten Code versteht.
Leider ist es sehr schwierig zu entscheiden, ob mit einem bestimmten nonverbalen Signal beabsichtigt wird, etwas zu kommunizieren oder nicht. Wie wir sehen werden, gibt es Fälle, in denen die Kommunikation zwar ein Motiv hat, aber ohne bewusste Absicht stattfindet. Ein Entscheidungskriterium ist, ob das Signal aufgrund der Umstände modifiziert wird (wenn zum Beispiel telefoniert wird, anstatt mit Sichtkontakt zu kommunizieren), oder ob das Signal wiederholt wird, wenn es keine Wirkung erzielt. Ein weiteres Kriterium ist, ob der Sender sein Signal verändert oder nicht, um beim Empfänger die gewünschte Reaktion zu bewirken (Wiener et al., 1972).
Allerdings sind nonverbale Signale in vielen Fällen eine Kombination aus beidem. So bestehen zum Beispiel durch Mimik ausgedrückte Emotionen einesteils aus spontan ausgedrückter Emotion (also NVV), anderenteils aber auch aus Versuchen, solche Emotionen zu kontrollieren, gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen oder die wahre Emotion zu verheimlichen (NVK). Man könnte argumentieren, die spontane Äußerung von Emotionen sei Teil eines übergeordneten Kommunikationssystems, das sich entwickelt hat, um das soziale Leben zu erleichtern; also werden wir das alles als nonverbale oder körperliche Kommunikation bezeichnen.
Bewusste und unbewusste Äußerungen
Inwieweit ist man sich dessen bewusst, dass man solche Signale aussendet und empfängt? Ein Mensch kann einen anderen erfolgreich mithilfe nonverbaler Signale dominieren – zum Beispiel indem er aufrecht steht, die Hände in die Hüften stützt, laut spricht und nicht lächelt. Jemand könnte zeigen, dass er einen Satz beendet hat, indem er aufschaut und seine Hand wieder ruhen lässt, oder er kann zeigen, dass er weiterreden will, indem er die Hand mitten in einer Geste verharren lässt. Normalerweise sind sich die Beteiligten in keinem dieser Fälle der eingesetzten Signale oder deren Bedeutung bewusst. Wahrscheinlich sind dies allesamt Fälle von Kommunikation, aber auf beiden Seiten unbewusst. Wir werden auf die besonderen Eigenschaften von bewusst kontrolliertem Verhalten später noch ausführlich eingehen.
Ähnliche Überlegungen gelten für die Wahrnehmung von Zeichen: Ein Mädchen fühlt sich zu einem jungen Mann hingezogen – also weiten sich seine Pupillen, was ein Signal ist, das wiederum ihn anzieht, obwohl er sich nicht darüber im Klaren ist, dass es gerade dieses Signal ist, das so auf ihn wirkt. Ein Großteil der Kommunikation zwischen Tieren scheint so zu funktionieren: Ein Tier reagiert auf eine Situation, und diese Reaktion löst wiederum Reaktionen bei anderen Tieren aus. Obwohl solche Signale in den meisten Fällen nicht zielgerichtet zu sein scheinen, kann man argumentieren, dass sie das Ergebnis eines zielgerichteten Evolutionsprozesses sind, der dieses Signalsystem hervorgebracht hat.
Auch hier handelt es sich bei der Unterscheidung zwischen bewusst und unbewusst um einen graduellen Unterschied, und es kann dabei Zwischenstufen von Bewusstheit geben. So könnte zum Beispiel jemand seinen sozialen Status erfolgreich durch seine Kleidung mitteilen, dabei jedoch verbal diese Kleidung lediglich als „schön“ oder „angebracht“ klassifizieren. Andere Fälle von unbewusster Kommunikation sind bei primitiven Ritualen zu beobachten und haben eine machtvolle emotive (Emotionen auslösende) und möglicherweise therapeutische Wirkung, ohne dass sich die Beteiligten der jeweiligen Symbolik bewusst wären.
Wir können verschiedene Manifestationen von Kommunikation danach einteilen, inwieweit sich Sender und Empfänger eines Signals bewusst sind, und zwar folgendermaßen:
Sender
Empfänger
bewusst
bewusst
verbale Äußerungen, manche Gesten, zum Beispiel auf etwas zeigen
weitgehend unbewusst
weitgehend bewusst
die meisten Fälle von NVK
unbewusst
unbewusst, aber mit Wirkung
Pupillenerweiterung, Veränderungen der Blickrichtung und andere nonverbale Signale
bewusst
unbewusst
der Sender ist geübt, zum Beispiel im Einsatz räumlichen Verhaltens
unbewusst
bewusst
der Empfänger ist geübt, zum Beispiel in der Deutung verschiedener Körperhaltungen
Tabelle 1.1: Bewusste und unbewusste Signale
Manche Psychoanalytiker haben behauptet, dass unbewusste Impulse in den Haltungen und Gesten von Patienten erkennbar seien. Einige populärwissenschaftliche Bücher haben zum Beispiel erklärt, wie man die sexuelle Verfügbarkeit eines anderen Menschen einschätzen könne. Wir werden solche Behauptungen später untersuchen.

1.2 Fünf Arten der körperlichen Kommunikation

Die NVK hat mehrere unterschiedliche Funktionen:
Äußerung von Emotionen, hauptsächlich mithilfe von Gesicht, Körper und Stimme. Um das verstehen zu können, müssen wir uns in den zentralen Bereich der Psychologie der Emotionen begeben.
Mitteilung interpersonaler Einstellungen. Wir schließen und bewahren Freundschaften und andere Beziehungen hauptsächlich mithilfe von NV-Signalen, zum Beispiel durch räumliche Nähe, Tonfall, Berührung, Blickverhalten und Mimik, ganz ähnlich wie Tiere.
Begleitung und Unterstützung von sprachlichen Äußerungen. Zwischen Sprechern und Zuhörern spielt sich eine komplexe Folge von Kopfnicken, Blickkontakten und nonverbalen Lautäußerungen ab, die eng mit dem Gesprochenen synchronisiert sind und bei einem Gespräch eine wesentliche Rolle spielen.
Selbstdarstellung wird weitgehend durch das Aussehen erreicht, in geringerem Maße auch durch die Stimme.
Rituale. NV-Signa...

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort zur Neuauflage
  2. 1. Einführung
  3. 2. Experimentelle Verfahren zur Erforschung nonverbaler Kommunikation
  4. 3. Nonverbale Kommunikation bei Tieren
  5. 4. Unterschiede der Körpersprache in verschiedenen Kulturen
  6. 5. Äußerung von Emotionen
  7. 6. Interpersonale Einstellungen
  8. 7. Nonverbale Kommunikation beim Reden
  9. 8. Gesichtsausdruck
  10. 9. Nonverbale Vokalisierungen
  11. 10. Blickverhalten
  12. 11. Raumverhalten
  13. 12. Gesten und andere körperliche Bewegungen
  14. 13. Körperhaltung
  15. 14. Berührung und Körperkontakt
  16. 15. Kleidung, Körperbau und andere Aspekte der äußeren Erscheinung
  17. 16. Soziale Kompetenz, Überzeugungskraft und Politik
  18. 17. Persönlichkeit und NVK
  19. 18. Die Erklärung für körperliche Kommunikation
  20. 19. Jenseits von Sprache
  21. Anhang

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