Es gibt viel theoretisches Wissen über Kommunikation. Aber wie kann dieses Wissen in eine breite Praxis integriert und umgesetzt werden? Trotz aller Modelle und Theorien lässt sich eine stetige Zunahme an Gewalt und damit Nicht-Verständigung verzeichnen. Auf der Suche nach einem Modell, das gleichsam praxistauglich ist, lernte die Autorin die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg kennen. Im vorliegenden Buch, einer überarbeiteten Fassung ihrer Dissertation, erörtert Karoline Bitschnau u.a., wie die Gewaltfreie Kommunikation die Reflexions- und Konfliktfähigkeit erweitern kann und inwieweit eigene Entwicklungsprozesse bewusst gestaltet werden können. Sie beschäftigt sich mit den gesundheitsfördernden Effekten emotionaler und sozialer Kompetenz und damit, wie Menschen zu einer erweiterten Handlungsfähigkeit gelangen und ihr Leben so immer bewusster gestalten können. Dieses Buch bietet u.a. grundlegende Einblicke in jene bewährten Konzepte und Modelle, die die Basis für eine Gewaltfreie Kommunikation darstellen sowie spezifisches Wissen darüber, wie soziale Kompetenzen erweitert und gefördert werden können.

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Die Sprache der Giraffen
Zur Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Wie die GFK Ihr Leben verändern kann
- 256 Seiten
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Die Sprache der Giraffen
Zur Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Wie die GFK Ihr Leben verändern kann
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Applied Psychology1. Einleitung
Pädagogische Wissenschaft fragt danach, wie Menschen einer bestimmten Gesellschaft und Kultur werden, was sie geworden sind. Eine weitere Frage ist, wie Individuen sich und ihre Umstände verändern können und was sie lernen müssen, um einem Ideal des Menschseins näher zu kommen.
Es geht in dieser Arbeit um die Möglichkeit von Veränderungen speziell im Bereich der sozialen Kompetenz als möglicher pädagogischer Schlüsselkompetenz. Dazu gehört die Fähigkeit, konstruktiv mit Konflikten umzugehen und tragende, sich gegenseitig stärkende soziale Beziehungen zu gestalten. Dies wird gerade im Hinblick auf einen von Zukunftsforschern prognostizierten Innovationsschub wichtig, der nach Opaschowski (2002) im Wesentlichen davon abhängt, dass künftig die gesellschaftlich weichen Faktoren mehr und besser genutzt werden. Darunter werden die Kompetenzen im Umgang mit Menschen verstanden, Kreativität, Motivation, Verantwortungsgefühl und vor allem die Bereitschaft, sich für eine Sache einzusetzen. Im Zentrum stehen für die Zukunftsforscher ein gesellschaftlicher Bedarf an ganzheitlicher Gesundheit (körperliche, seelische, ökologische und soziale Gesundheit), an Beziehungskompetenz sowie die Suche nach Sinn. Denn die gesellschaftliche Zukunft hängt zum Teil auch davon ab, wie eine Balance zwischen Wohlstand und Wohlbefinden gefunden werden kann. Menschen wünschen sich mehr soziale Geborgenheit, und soziale Kompetenzen werden immer wichtiger (vgl. dazu Nefiodow 1999; Opaschowski 2002, 2006; Opaschowski/Zellmann 2005).
Mit der Frage, wie das möglich sei, befassen sich unterschiedlichste Modelle. So auch das der Gewaltfreien Kommunikation. Marshall Rosenberg geht der Frage nach, wie man Gewalt vermeiden kann, wie Menschen friedfertiger werden und ein sinnerfülltes Leben führen können. Es soll daher untersucht werden, inwiefern ein Kommunikations- und Konfliktlösungsmodell wie die Gewaltfreie Kommunikation obige Aspekte berücksichtigt und geeignet ist, soziale Kompetenzen und eine salutogene Orientierung im Sinne Antonovskys (1997) zu fördern. Rosenberg geht es weniger um die Wissenschaft, ihm geht es um eine Praxis, wie das Ideal von „humanem Leben“ in alltäglichen Situationen gelebt werden kann, wie es Jantzen (1992, S. 12) auch in der Behindertenpädagogik fordert. Rosenberg weist immer wieder darauf hin, dass die Gewaltfreie Kommunikation letztlich als Werkzeug dient, um menschliche Begegnung möglich zu machen und gleichzeitig gesellschaftliche Strukturen zu verändern. In diesem Sinne ist sein wichtigster Begriff „Social Change“, und er begreift Gewaltfreie Kommunikation (auch) als politisches Handeln.
„Ich begreife es einerseits als unsere Aufgabe, uns selbst und unser persönliches Umfeld von der Gewalt in unserer Sprache und in unserem Denken zu befreien. Und andererseits ist es unsere Aufgabe, die Machtstrukturen zu verändern, die uns überhaupt erst so konditioniert haben und die immerfort das Unglück produzieren, das wir bekämpfen“ (Rosenberg 2004c, S. 133).
Meine Frage ist nun, wie Rosenberg Gewalt definiert, wie unser Denken und unsere Sprache von dieser Gewalt befreit werden könnten, wie nach ihm gesellschaftliche Machtstrukturen verändert werden könnten und inwieweit es einen Zusammenhang zwischen individueller und gesellschaftlicher Veränderung gibt. Das sind natürlich keine neuen Fragen. Schon feministische Forscherinnen, deren Ziel ebenfalls eine Veränderung gesellschaftlicher Machtstrukturen war, wiesen auf den engen Zusammenhang von Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung hin. Auch ihnen geht es um Selbstbefreiung durch Selbstveränderung und dadurch Veränderung bestehender Strukturen. Grundannahme ist, dass die herrschende Kultur und Ideologie durch uns selbst reproduziert wird und Sprache nicht nur ein Werkzeug darstellt, sondern politisch wirkt, dass wir mit Sprache arbeiten und Sprache mit uns arbeitet. In diesem Sinne gelte es, die persönliche Sprache und damit sich selbst zu verändern.
Besonders bei der Methode der Kollektiven Erinnerungsarbeit nach Frigga Haug und Kornelia Hauser (1986, 1988, 1991) wird auf die enge Verbindung von Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung hingewiesen: „Wenn wir etwas verändern wollen, wenn Frauenbewegung etwas verändern und erreichen will, werden wir feststellen, dass unsere alten Persönlichkeitsstrukturen der Veränderung im Wege stehen“ (Haug 1990, S. 17). Auch bei Peter Senge (1998, S. 171) finden wir ähnliche Ideen: „Organisationen lernen nur, wenn die einzelnen Menschen etwas lernen. Das individuelle Lernen ist keine Garantie dafür, dass die Organisation etwas lernt, aber ohne individuelles Lernen gibt es keine lernende Organisation.“ Diese beiden Positionen kommen zwar aus gänzlich unterschiedlichen theoretischen Richtungen, doch ihr gemeinsames Moment ist für mich die Vision, individuelle und gesellschaftliche Veränderung gemeinsam zu ermöglichen. Dazu führe ich zwei Aussagen von Marx an, die meines Erachtens immer noch Gültigkeit haben: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“ (MEW Bd. 40, S. 5 f.). Die zweite Aussage greift die immer noch wichtige Frage der Selbsterziehung auf: „Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss“ (MEW Bd. 3, S. 5 f.).
Mich interessiert nun, inwieweit es durch die intensive Beschäftigung mit dem Modell der Gewaltfreien Kommunikation zu dieser geforderten Selbsterziehung bzw. Selbstveränderung kommt. Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation besteht aus vier scheinbar einfachen Schritten, gleichzeitig ergeben sich bei der Auseinandersetzung mit diesem Modell auf verschiedenen Ebenen Schwierigkeiten. Zum einen gibt es Aussagen von Befragten, die darauf hinweisen, dass die Gewaltfreie Kommunikation in der Praxis nicht umsetzbar sei, zum anderen weisen Befragte darauf hin, dass sich ihr gesamtes Leben und ihre Beziehungen durch die Beschäftigung mit der Gewaltfreien Kommunikation geändert haben. Ich wollte wissen, was das Besondere an diesem Modell ist, was Menschen dazu bewegt, sich intensiv mit Kommunikation zu befassen und täglich ihr eigenes Sprachverhalten zu reflektieren, und was letztlich die verändernden Faktoren sind. Eine weitere Frage ist, inwiefern sich der sprachliche Habitus der Akteurinnen und Akteure (Bourdieu 1990) verändert, welche Kompetenzen sich zeigen, erweitert oder neu erworben werden und in welcher Form dies zu einer Veränderung gesellschaftlicher Realität führen könnte.
Deshalb lege ich den Fokus dieser Arbeit auf drei Bereiche: Zum einen auf den individuellen Bereich (Selbstveränderung), wo mögliche intrapersonale Veränderungen und eine Erweiterung der Handlungsfähigkeit (Holzkamp 1983) im Zentrum stehen. Zum anderen auf den sozialen Bereich, wo es um interpersonale Veränderungen und um Veränderungen in Beziehungsstrukturen geht.
Ich verfolge hier das Ziel, Veränderungsaspekte und jeweilige Kompetenzerweiterungen, die sich durch einen kontinuierlichen Prozess in der Auseinandersetzung mit der Gewaltfreien Kommunikation ergeben, zu eruieren und sichtbar zu machen. Der dritte ist der gesellschaftliche Bereich, da Rosenberg (2004a, S. 7 ff.) immer wieder auf die Wichtigkeit von persönlicher Veränderung bei gleichzeitiger Reflexion gesellschaftlicher Dominanzstrukturen hinweist. Auch Jantzen kritisiert ein Denken, das sich von Gesellschaft ab- und dem einzelnen Menschen zuwendet und damit gerade jene Verhältnisse stabilisiere, die es im pädagogischen Raum aufzuheben gilt. Als Beispiel führt er an:
„Unter Bedingungen des Sozialabbaus schützt die beste pädagogische Arbeit nicht davor, dass die Pflegesätze einer Einrichtung für Behinderte heruntergesetzt werden; ein Einschnitt in den Arbeitsmöglichkeiten, der jedoch u. U. durch gewerkschaftliche Arbeit, Mobilisierung der Nachbarschaft usw. verhindert werden kann und dann natürlich umso mehr, je besser und bewusster auch die pädagogische Arbeit ist“ (Jantzen 1992, S. 16).
Was Jantzen hier für den Bereich der Behindertenpädagogik formuliert, gilt selbstverständlich auch für andere Beispiele, wie finanzielle Kürzungen im Bereich der Frauenarbeit (Schließung von Frauenhäusern, weniger finanzielle Unterstützung bei Frauenprojekten und Beratungsstellen für Frauen usw.), in Bereichen der Suchtarbeit, in der Arbeit mit Migrantinnen und Migranten, in allen Bereichen, in denen mit sogenannten Randgruppen gearbeitet wird. Mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation soll es nach Rosenberg möglich sein, vermehrt Einfluss auf gesellschaftliche Belange zu nehmen, Menschen mit Entscheidungsbefugnis zu erreichen und so zu einer Vision eines sozialen Wandels – im Sinne eines solidarischen Miteinanders – zu gelangen. Deshalb gehe ich auch der Frage nach, inwieweit durch den Prozess der Gewaltfreien Kommunikation tatsächlich Veränderungen auf dieser gesellschaftlichen Ebene initiiert und sichtbar werden.
Einführend lege ich meine wissenschaftstheoretische Position und das konkrete forschungsmethodische Vorgehen dar und führe verschiedene theoretische Positionen an, die wesentlich zum Verständnis dieser Arbeit beitragen. Im zweiten Teil geht es in Bezug auf das Habituskonzept von Bourdieu (1990) um Sprache als symbolische Macht und den Begriff der Kompetenz. Danach wird das Modell der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg (2003, 2004, 2005, 2006) vorgestellt. Zwar verweist Rosenberg in seinen Büchern und Seminaren immer wieder auf Studien und weiterführende wissenschaftliche Literatur, aber er liefert keine kohärente theoretische Grundlage. Deshalb ist es auch Ziel dieser Arbeit, die einzelnen Schritte des Modells zu erläutern und entsprechende theoretische Grundlagen zu erarbeiten. Wesentlicher Kernpunkt ist die Herausarbeitung und Sichtbarmachung der verschiedenen Kompetenzen, die sich durch die intensive Beschäftigung mit den jeweils einzelnen Schritten im Prozess der Gewaltfreien Kommunikation ergeben. Im anschließenden empirischen Teil werden nach Darstellung des Forschungs- und Erhebungsdesigns ausgewählte Aspekte der qualitativen und quantitativen Untersuchung und deren Ergebnisse diskutiert. Wichtig sind dort die Veränderungsmomente auf den verschiedenen Ebenen und der Zusammenhang von Gewaltfreier Kommunikation und salutogener Orientierung (Antonovsky 1987). Im letzten Teil fasse ich die analysierten Teilkompetenzen zusammen und entwickle auf der Basis einer bedürfnis- und wertorientierten Kommunikation ein Modell relationaler und sozialer Kompetenz.
2. Wissenschaftstheoretische Positionierung und Forschungsdesign
2.1 Quantitatives und qualitatives Paradigma
Um auf verschiedenen Ebenen Ergebnisse zu erzielen, bediene ich mich sowohl des qualitativen als auch des quantitativen Paradigmas. Die wichtigsten Aspekte sollen im Folgenden dargestellt werden.
Qualitative Forschung hat sich in den letzten Jahren sowohl in den Sozialwissenschaften als auch in der Psychologie etabliert und wird durch die weitergehende Pluralisierung der Lebenswelten für die Untersuchung sozialer Zusammenhänge immer aktueller und wichtiger, da die klassischen deduktiven Methodologien an der Differenziertheit der Gegenstände vorbeizielen würden (vgl. Flick 2002, S. 12).
Zu Beginn der historischen Entwicklung der qualitativen Forschung wurden die Diskussionen im Sinne „entweder oder“ geführt und „eine Schwarz-Weiß-Position aufgebaut, in der qualitative und quantitative Forschung durch pauschale Gegensatzpaare wie flexibel – fixiert, konkret – abstrakt, subjektiv – objektiv gekennzeichnet“ war (König/Zedler 2002, S. 155). Danach verlagerte sich die Diskussion von der wissenschaftstheoretischen mehr auf die forschungspraktische Ebene und es wurde seit den 80er Jahren eine Vielzahl verschiedener Methoden für die Erhebung und Auswertung von Daten entwickelt, die der qualitativen Forschung zur Verfügung stehen. Es geht eben nicht darum, beide Vorgehensweisen – qualitativ versus quantitativ – gegenüberzustellen, da vor allem auch Gemeinsamkeiten bestehen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich qualitative und quantitative Methoden ausschließlich hinsichtlich ihres Abstraktionsgrades und der daraus resultierenden Erfordernisse unterscheiden. Es geht somit darum, in Bezug auf das jeweilige Erkenntnisinteresse, den jeweils angestrebten Abstraktionsgrad, den jeweiligen Gegenstandsbereich und je nach Fragestellung und Forschungstradition ein adäquates Methodenspektrum zu wählen.
Mir ist es aufgrund der spezifischen Fragestellung dieser Arbeit ein Anliegen, beide Forschungsansätze zu integrieren, um auf verschiedenen Abstraktionsgraden Ergebnisse zu erhalten und diese mittels unterschiedlicher Methoden abzusichern. Voraussetzung für die Integration beider Ansätze ist eine klare Vorstellung über die jeweilige Fragestellung bei gleichzeitiger Offenheit „für neue und im besten Fall überraschende Erkenntnisse“ (Flick 2002, S. 77). Als weitere Voraussetzung sehe ich eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Gütekriterien quantitativer und qualitativer Forschung. Mayring formulierte sechs allgemeine Gütekriterien qualitativer Forschung: Verfahrensdokumentation, Argumentative Interpretationsabsicherung, Regelgeleitetheit, Nähe zum Gegenstand, Kommunikative Validierung und Triangulation (vgl. Mayring 1996, S. 119–122). Ich orientiere mich bezüglich Gütekriterien auch an Ines Steinke, die verschiedene Grundpositionen zur Bewertung qualitativer Forschung zusammenfasst und einige zentrale, breit angelegte Kernkriterien qualitativer Forschung diskutiert (vgl. dazu Steinke 2004, S. 319–331).
Intersubjektive Nachvollziehbarkeit
Qualitative Forschung kann nicht den Anspruch auf intersubjektive Überprüfbarkeit erheben, da eine identische Replikation von Untersuchungen schon aufgrund der begrenzten Standardisierbarkeit des Vorgehens nicht möglich ist. Deshalb gilt hier als Qualitätskriterium die intersubjektive Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses (vgl. Steinke 2004, S. 324 ff.). Um diesem Kriterium zu entsprechen, habe ich seit Beginn dieser Forschung den Forschungsverlauf mittels Forschungstagebuch (Fischer 2003, S. 693–703) und wissenschaftlichem Journal (Werder 1993, S. 139–182) dokumentiert, um Erfahrungen, Beobachtungen, Ideen, Irritationen, und Fragen als Erinnerungshilfe festzuhalten und sie reflektierend und strukturierend bearbeiten zu können.
Indikation des Forschungsprozesses und empirische Verankerung
Die Gegenstandsangemessenheit ist nicht nur ein Kennzeichen qualitativer Forschung, sondern stellt gleichzeitig ein Kriterium dar, das etwas weiter gefasst ist. Es geht sowohl um die Angemessenheit der Erhebungs- und Auswertungsmethoden als auch um die Angemessenheit (Indikation) des gesamten Forschungsprozesses und eine entsprechende empirische Verankerung (vgl. Steinke 2004, S. 326 ff.). Diese Aspekte werden durch das Vorgehen im Stil der Grounded Theory nach Glaser und Strauss (1998) gewährleistet.
Limitation und Kohärenz
Um die Grenzen des Geltungsbereichs und die Verallgemeinerbarkeit der im Rahmen dieses Forschungsprozesses entwickelten Theorie zu prüfen, bediene ich mich der Methode der komparativen Analyse bzw. des kontrastierenden Vergleichs möglichst unterschiedlicher und gleicher Fälle (vgl. Glaser/Strauss 1998, S. 107–119). Im Sinne der Kohärenz ist zu prüfen, ob Widersprüche in den Daten und Interpretationen offengelegt und bearbeitet worden sind und die entwickelte Theorie in sich kohärent ist.
Relevanz und reflektierte Subjektivität
Während z. B. Aktionsforschung oder (qualitative) Evaluationsforschung per se als pragmatisch gilt, ist es für qualitative Forschungsprojekte in anderen Bereichen wichtig, die Relevanz der Fragestellung zu prüfen und gleichzeitig zu prüfen, welchen Beitrag (Lösung von Problemen, neue Deutungsmuster, Verallgemeinerbarkeit, Erklärungen für das interessierende Phänomen usw.) die zu generierende Theorie leistet. Im Sinne einer reflektierenden Subjektivität war es mir wichtig, den Forschungsprozess durch Selbstbeobachtung und regelmäßige Reflexion zu begleiten und sowohl persönliche Voraussetzungen als auch das methodische Vorgehen fortlaufend zu reflektieren. Aus diesem Grund habe ich regelmäßig Forschungssupervision beansprucht und Kolleginnen und Kollegen im Sinne eines Facilitators (kritische Freundin/kritischer Freund2) zu Diskussionen eingeladen.
2.2 Grounded Theory und Forschungsdesign
Einen wichtigen Punkt meiner wissenschaftstheoretischen Orientierung stellt die Tradition der Grounded Theory von Barney Glaser und Anselm Strauss (1998) im Sinne eines Forschungsstils dar (siehe auch Strauss 1994). Glaser und Strauss (1998) beziehen sich sowohl auf den Pragmatismus als auch den Symbolischen Interaktionismus und benennen zwei Schlüsselthemen, die grundlegend für die Grounded Theory sind: Es geht um den Begriff des Wandels bzw. „um das Entdecken grundlegender Prozesse, die Wandel bewirken. Diese Prozesse betreffen soziale Einheiten vom Individuum bis hin zur Organisation; sie werden vom Wandel beeinflusst und beeinflussen ihrerseits Wandel, sie bringen ihn also hervor“ (Hildenbrand 2004, S. 32). Glaser und Strauss (1998, S. 12) definieren als Ziel der Grounded Theory „die Entdeckung von Theorie auf der Grundlage von in der Sozialforschung systematisch gewonnenen Daten“. Ausgangspunkt für Glaser und Strauss (1984) war die große Kluft zwischen Theorie und empirischer Forschung, und sie wollten Theorien für die soziale Realität in direkter Bezugnahme auf konkretes Datenmaterial gewinnen. Es gilt nicht, theoretische Vorannahmen zu überprüfen, sondern den Analyseprozess – im Sinne des hermeneutischen Zirkels – triadisch und zirkulär zu gestalten. Das heißt, es besteht ein ständiges Wechselspiel zwischen Datenerhebung, Kodieren und Memo-Schreiben, wobei das Kodieren mit der Forschungsarbeit beginnt und kontinuierlich bis zum Ende des Projektes durchgeführt wird (vgl. Strauss 1994, S. 33). Erster Schritt zur Entwicklung umfassender Theorien ist nach Glaser & Strauss die Untersuchung spezifischer und konkreter Gegenstandsbereiche.
„Wenn wir von der Entdeckung gegenstandsbezogener Theorien sprechen, meinen wir die Formulierung von Konzepten und deren Beziehungen zu einem Satz von Hypothesen für einen bestimmten Gegenstandsbereich – beispielsweise Patientenbetreuung, Bandenverhalten oder Erziehung –, die sich auf Forschung in diesem Bereich stützt“ (Glaser, Strauss 1984, S. 91).
Als wesentliche Strategie zur Entdeckung von Grounded Theories benennen die Autoren die komparative Analyse, die als strategisches Verfahren zur Theoriegenerierung auf soziale Einheiten jeglicher Größe angewandt werden kann. Es geht um ein stetiges Vergleichen, aber nicht im Sinne einer Suche nach identischen Inhalten, sondern es wird nach Ähnlichkeiten und Unterschieden in Bezug auf den jeweiligen Forschungsgegenstand gesucht (vgl. Glaser/Strauss 1998, S. 111–119).
Die Grounded Theory stellt ein Regelsystem (eine forschungsmethodische Analyse) dar, mit dessen Hilfe verschiedene Datenmaterialien wie Beobachtungen, Interviews, Protokolle usw. ausgewertet werden und das darauf abzielt, d...
Inhaltsverzeichnis
- Über dieses Buch
- Einleitende Gedanken
- Vorwort
- 1. Einleitung
- 2. Wissenschaftstheoretische Positionierung und Forschungsdesign
- 3. Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation
- 4. Gewaltfreie Kommunikation als relationale Kompetenz
- 5. Empirischer Teil
- 6. Zusammenfassende Analyse und kritische Aspekte
- 7. Resümee
- 8. Literatur
- Abbildungsverzeichnis
- Anmerkungen
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