Befreit von alten Mustern
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Tipi - eine Körperreise zum Ursprung unserer Emotionen und Ängste

  1. 176 Seiten
  2. German
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Tipi - eine Körperreise zum Ursprung unserer Emotionen und Ängste

Über dieses Buch

Unser Körper vergisst nichts. Wo auch immer Angst, Panikattacken, Depression oder emotionale Überreaktionen ihren Ursprung haben mögen – unser Körper besitzt ein Gedächtnis für die ursächlichen Empfindungen, die mit ihnen im Zusammenhang stehen. T.I.P.I. ist eine Methode, über diese Körperempfindungen bis zum Ursprung unserer Angst oder Depression zu gehen und sie aufzulösen. Der Begriff kommt aus dem Französischen und steht für "Technique d'identification sensorielle des peurs inconscientes" (Technik zur Identifizierung unbewusster Ängste auf der Grundlage unserer Körperempfindungen).Die genannten Probleme sind Folgen von Angsterlebnissen, die weit zurückliegen, teils sogar noch vor unserer Geburt. Deren Ursprung gilt es zu identifizieren, um die von der Angst hervorgerufenen spezifischen Verhaltensweisen zu deaktivieren. Sucht ein Mensch den Ursprung der Angst über seine Körperempfindungen und nicht über seinen Intellekt, kann er die Angst in der Regel sehr rasch auflösen. Mithilfe seiner Sinne vermag er so bis zu den ältesten Spuren seiner Angst zurückzugehen.

Information

Jahr
2012
ISBN drucken
9783873877764
eBook-ISBN:
9783873878426

1. Die Grundlagen

Ohne den vollständigen Inhalt des Buches „Seine Emotionen besser verstehen lernen“ wiederholen zu wollen, erscheint es mir dennoch wichtig, dessen grundlegende Erkenntnisse einleitend zu erklären. So wird besser verständlich, wie ich die Ergebnisse der Untersuchung gewann. Die spezifische Vorgehensweise, um die es in diesem Buch geht, bezeichnete ich mit „Tipi“, dem Akronym aus den französischen Wörtern „Technique d’Identification sensorielle des Peurs Inconscientes“. Übersetzt bedeutet dies „Technik zur Identifizierung unbewusster Ängste mit allen Sinnen – auf Körperebene“. Es geht in der Tat darum, Ängste als Schlüssel unserer emotionalen Schwierigkeiten zu erkennen. Und dabei zu verstehen, dass sie am stärksten diejenigen unserer Reflexe konditionieren, mit denen wir reagieren, wenn Unbehagen und Schmerzen das erträgliche Maß übersteigen. Diese Reflexe umfassen vermeidende Verhaltensweisen und Flucht, das Erleben innerer Blockaden oder Hemmungen, Aggressivität und – dies eher unerwartet – auch Machtausübung1.
Angst entsteht in einem Menschen dann, wenn er zuvor eine erste unangenehme Erfahrung gemacht hat. Bei Tipi geht es darum, diese Erfahrung auf dem Weg über ihre konkreten Auswirkungen im Alltagsleben wiederzufinden, um die von ihr hervorgerufenen spezifischen Verhaltensweisen deaktivieren zu können. Noch kennen wir nicht mit absoluter Sicherheit den biologischen Mechanismus zu dem von uns erforschten Phänomen. Jedoch zeigen die Resultate der Untersuchungen: Wenn ein Mensch eine emotionale Situation wiedererlebt, die auf der Konfrontation mit einer ursprünglichen Angst beruht, wird diese Angst vollkommen aufgelöst. Voraussetzung dabei ist, dass dieses „Wiedererleben“ keine intellektuelle Projektion darstellt, sondern als emotionale und körperbezogene Realität erlebt wird. Oder anders ausgedrückt: Es ist notwendig, dass die Person den Ursprung der Angst über die eigenen Körperempfindungen sucht und erlebt und nicht über ihren Intellekt. Und genau an dieser Stelle ergeben sich häufig die größten Schwierigkeiten: Wir sind es so viel mehr gewohnt nachzudenken, als nachzuempfinden. Dabei sind es unsere Sinne, die es jedem von uns erlauben, bis zu den ältesten Spuren unserer Ängste zurückzugehen. Zu jenen Ängsten, die in unserem Leben die entscheidende Rolle spielen. Kurz und gut: Es ist möglich, auf diese Art und Weise mit den vielfältigen Erlebnissen in Kontakt zu kommen, die beispielsweise während unserer Geburt stattfanden, ja selbst mit Erfahrungen aus der Zeit im Mutterleib.
Es gibt heute eine Vielzahl von anderen therapeutischen Herangehensweisen, die mehr oder weniger in diese Richtung gehen. Was den besonderen Erfolg von Tipi erklären kann, hängt mit dem Zusammentreffen von vier entscheidenden Grundsätzen zusammen, die im Folgenden dargestellt werden.

1.1 Angst

Angst ist definiert als eine Emotion, die bei Gefahr oder Anzeichen von Gefahr auftritt. Auf der ursprünglichsten Ebene offenbart sich Angst in zwei verschiedenen Formen: Bei der passiven Angst fühlen sich Menschen gehemmt, blockiert oder wie gelähmt. Bei der aktiven Form der Angst reagieren sie kopflos in ihren körperlichen Bewegungen und verbalen Ausdrucksweisen. Die spezifischen Reaktionen auf Anzeichen von Angst können sehr unterschiedlich ausfallen. Zu ihnen gehört der Ausdruck von Sorgen und Furcht, physische und psychische Stressreaktionen, Unruhe, Ängstlichkeit bis hin zu regelrechter Panik. Alle diese Reaktionen entstehen durch ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der Gefahr und der als bedrohlich erlebten Welt. Der Begriff „Gefahr“ sollte in diesem Zusammenhang in seiner stärksten Bedeutung verstanden werden: als Konfrontation mit dem Tod. Bei einer direkten Auswirkung führt sie zum physischen Tod. Indirekt spürt ein Mensch die Wirkung von Gefahr, wenn er beispielsweise materielle oder soziale Verluste erleidet, die seine Überlebenschancen vermindern.
Für unsere Vorgehensweise ist der Zusammenhang zwischen Angst und Konfrontation mit dem Tod wesentlich. Es handelt sich in der Tat darum, über die Manifestation der Angst die Gefahr herauszufinden, die sie hervorgerufen hat. Wie wir im Weiteren sehen werden, führte uns unsere Forschungsarbeit im Fall von schwerwiegenden Pathologien und bei allen Formen von Phobien in die vorgeburtliche Phase oder zum Erlebnis der Geburt. Dabei wurde stets eine direkte Konfrontation mit dem eigenen Tod als verantwortlich für die aktuellen Leiden identifiziert. Der Fötus im Bauch der Mutter kann beispielsweise durch einen Mangel an Sauerstoff, ungenügende Nährstoffzufuhr, Vergiftungserscheinungen oder eine interne Funktionsstörung mit dem physischen Tod konfrontiert werden. Auch eine äußere Störung kann im Fötus unerträgliche Zwänge oder körperliche Empfindungen hervorrufen. Tatsächlich werden auf dieser ursprünglichen Ebene des Lebens spezifische Ängste erzeugt, die für die Entstehung der hartnäckigsten emotionalen Leiden verantwortlich sind.
Es ist klar, dass die ursprüngliche Angst auslösende Gefahr mit einem traumatischen Erlebnis verknüpft sein kann. Dieses ist gewöhnlich der Schlüssel, der von den Therapeuten bei ihren Patienten gesucht und für die weiterführende Therapie genutzt wird. Die Trauma-Suche ist jedoch im Allgemeinen psychologisch gefärbt und betrachtet das ursprüngliche Erlebnis hauptsächlich auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn beispielsweise ein Fötus im Mutterleib mit einem Zwilling zusammen gewesen ist, der nicht überlebte, wird das Trauma (falls es identifiziert wird) in der Regel insbesondere vom Beziehungsaspekt aus analysiert werden. Bei einem Menschen, der im Bauch der Mutter einen solchen Verlust erlebt hat, können tiefe Traurigkeit und Einsamkeit festgestellt werden, das Gefühl des Verlassen-worden-Seins, die verzweifelte Suche nach einem Seelen-Gefährten, die Unfähigkeit, dauerhafte Beziehungen zu leben oder Trennungen verarbeiten zu können ... Dasselbe Ereignis kann wie bei der Vorgehensweise mit Tipi ausgehend von den Manifestationen der damit verbundenen Angst analysiert werden. Bei dieser Vorgehensweise erlebt ein Mensch über den Weg der körperlichen Empfindungen beispielsweise eine Ohnmacht wieder, die durch den extrem starken Sog bei dem natürlichen Abgang eines Zwillings hervorgerufen wurde. Grundlage sind hier also die unangenehmen körperlichen Empfindungen, die durch eine bestimmte Situation hervorgerufen werden. Die erlebte physische Gefahr steht hier im Vordergrund. Bei der psychologischen Analyse desselben Ereignisses hingegen wird die gefühlsmäßige Beziehung der Person zu ihrer Umgebung ergründet.
Um es noch einmal anders zu beschreiben: Von der physischen Seite aus erscheint das Verschwinden des Zwillings als ein heftiges Erlebnis, da hier das körperliche Überleben des verbleibenden Zwillings in Gefahr war. Von der psychologischen Seite aus wird dieses Verschwinden des Zwillings insbesondere als ein enormer Mangel auf der Gefühlsebene angesehen, der schwer zu überwinden ist.
Zusammenfassend erscheint folgender Zusammenhang eindeutig: Es sind die von einem unangenehmen physischen Ereignis ausgehenden körperlichen Empfindungen, welche im Menschen unerwünschte psychologische Phänomene hervorrufen. Wenn die Bearbeitung dieser Phänomene nur die psychologischen Auswirkungen umfasst, erreicht sie nicht den Ursprung des physischen Leidens. Der bleibt im Körpergedächtnis erhalten und wird immer wieder aktiv. Sicherlich hilft uns der psychologische Ansatz dabei, uns wohler zu fühlen. Eine Heilung im Sinne des vollständigen Auflösens eines Leidens aber führt über das körperliche Empfinden.

1.2 Körperliche Empfindungen

Die Suche nach dem Ursprung eines Leidens über den Ausdrucksweg der Angst erlaubt, sich auf ganz konkrete und leicht zu identifizierende körperliche Empfindungen zu stützen. Wer sich bei Feuer unwohl fühlt, kann beschreiben, was er in diesem Moment im Köper spürt. Vielleicht wird er überrascht sein, einen heftigen Schmerz an der Schulter und am Arm zu spüren, als würde ihn jemand gewaltsam nach hinten ziehen und so aus dem Gleichgewicht bringen. Diese körperliche Empfindung kann ein Hinweis auf eine Situation sein, in der dieser Mensch eine Angst erlebte, für die das Feuer gar nicht verantwortlich war, eine Situation aus der Zeit als Kleinkind. Damals hatte jener Mensch womöglich einmal erlebt, dass jemand ihn heftig gepackt und von einem lodernden Feuer weggezogen hatte, damit er sich nicht verbrennt. Seine Angst vor dem Feuer ist also nicht die Angst, dass er sich verbrennen könnte, sondern vielmehr Angst davor, dass ihn jemand plötzlich angreifen und aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Jemand anderes wiederum könnte dazu vollkommen unterschiedliche Empfindungen beschreiben, die auf einer völlig unterschiedlichen, aber ebenso persönlich geprägten Situation beruhen.
Das Beispiel mit dem Feuer illustriert übrigens gut, auf welche Art und Weise Angst sich während eines unangenehmen Ereignisses in unserem Körper einprägt: Die physische Empfindung, die in dem Moment der Konfrontation vorhanden ist, wird genau in dieser Form gespeichert und ist bereit, sich in einer ähnlichen Situation erneut bemerkbar zu machen. Das bedeutet: Sie wird sich in genau jener Form manifestieren, in der sie damals abgespeichert wurde, und zwar immer wieder, sobald wir eine Situation erleben, die wir – meist unbewusst – als ähnlich empfinden. Genau diese sensorische Spur, die Spur unserer Körperempfindungen, eröffnet die Möglichkeit, verlässlich und präzise bis zum ursprünglichen Ereignis, jenem Ereignis, das die Angst auslöste, zurückzugehen.
Dazu müssen wir uns lediglich dem Körpergedächtnis anvertrauen. Jeder Mensch hat diese Fähigkeit, die man auch als „natürliche Ressource“ bezeichnen könnte, sich auf derart natürliche Art und Weise mithilfe seines Körpers zu erinnern. In dem afrikanischen Land Mali beispielsweise gingen freiwillige Probanden, die an einem derartigen Experiment teilnahmen, sofort auf der körperlichen Ebene in Kontakt mit ihren Empfindungen, ohne jegliche Aufforderung! Sie haben sich ohne zu zögern ihrem Körper anvertraut und so den Weg zu ihrer Angst beschritten. In unserer westlichen Kultur ist es so, dass Menschen bei Konfrontation mit ihren Ängsten meist ihren Intellekt benutzen, anstatt ihrem Körper „zuzuhören“. Es ist daher notwendig, ihnen zu helfen, ihre übliche analytische Vorgehensweise kurzfristig sozusagen in den Stand-by-Modus zu schalten, damit sie die körperlichen Empfindungen wahrnehmen können. Verschiedene Techniken und Methoden wurden schon entwickelt und vorgeschlagen, um diesen Zustand zu erreichen. Tipi, die Technik, die ich hier vorschlage, hat den Vorteil, dass sie sehr einfach und schnell anzuwenden ist: Sie setzt praktisch während eines normalen Gesprächs ein. Die Beteiligten bleiben während der Tipi-Sitzungen vollkommen wach und behalten die Kontrolle über ihren Willen.
Entscheidend für die erfolgreiche Durchführung von Tipi ist die „physische Verbindung“ mit dem Ursprungsereignis. Alle bisher untersuchten Fälle zeigen deutlich, dass diese Verbindung die unverrückbare Bedingung ist, damit die Angst deaktiviert werden kann. Die mentale Herangehensweise bewirkt keinerlei Veränderung. Ein Mann erlebt beispielsweise immer wieder, dass seine Kehle beim Versuch, ein materielles Hindernis (etwa einen Baumstamm im Wald) zu überschreiten, wie zugeschnürt ist, dass er Atembeschwerden hat und sich durch irgendetwas behindert fühlt. Diese Empfindungen sind offenkundig so unangenehm, dass der Mann im Alltag immer wieder große Umwege in Kauf nimmt, um ein Hindernis zu vermeiden. Er weiß aus den Erzählungen seiner Mutter, dass sich bei seiner Geburt die Nabelschnur um seinen Hals gelegt hatte und dass dies natürlich ein gewaltiges Hindernis darstellt, auf die Welt zu kommen. Doch das Wissen allein hilft ihm nicht, seine aktuelle Schwierigkeit im Umgang mit Barrieren und Hindernissen zu überwinden. Im Gegenteil, er braucht dieses Wissen nicht einmal dazu. Selbst wenn der Mann diese Geburtskomplikation rein kognitiv gar nicht für seine Nöte verantwortlich macht, genügt es in der Regel, dass er die körperlichen Empfindungen wiedererlebt, um die Angst, die ihn an Hindernissen und Barrieren zurückhält, zu entschärfen. Anders ausgedrückt: Verstehen, ohne die Empfindungen wieder zu erleben, deaktiviert emotionale Leiden nicht, aber Wiedererleben der Empfindungen, ohne sie notwendigerweise zu verstehen, erlaubt Auflösung. Diese Erkenntnis ist grundlegend. Ein rein kognitives Vorgehen bringt Menschen der Deaktivierung nicht näher, auch wenn die Versuchung groß ist, aus den vielen untersuchten Fällen Gemeinsamkeiten abzuleiten und eine Liste von psychologischen Profilen oder typischen Verhaltensweisen zu erstellen. Diese Vorgehensweise kann vielmehr gefährlich sein, denn jeder erlebte Prozess ist einzigartig. Und die Gefahr ist groß, eine stereotype Erklärung zu geben und bestimmte Empfindungen nicht zu berücksichtigen. Das führt zu Irrtümern in der Interpretation.

1.3 Passivität

Beruht ein Ansatz, wie oben beschrieben, auf Körperempfindungen, ist es für viele Menschen erfahrungsgemäß am schwierigsten zu akzeptieren, passiv zu bleiben. Es gibt für sie nichts zu tun, nichts zu wollen, nichts zu verstehen, nichts zu interpretieren. Es geht nur darum, auf Körperebene zu empfinden und sich von diesen Empfindungen weitertragen zu lassen. Es geht darum, zu beobachten, was geschieht, sowie Schritt für Schritt die sensorischen Empfindungen zu verfolgen und loszulassen. Und dies, ohne dabei ein spezielles Ziel zu haben, ohne Erwartungen an bestimmte Bilder, die all diese Empfindungen begleiten und die sich uns eingeprägt haben, an Geräusche, Gerüche oder an den Geschmack.
Auch für jene Menschen, die einen solchen Prozess begleiten, gilt es, passiv zu bleiben und die eigene Passivität zu akzeptieren. Tatsächlich besteht bei der vorgeschlagenen Herangehensweise die einzige Hilfe eines Begleiters, einer Begleiterin darin, der Tipi durchführenden Person zu erlauben, sich mit dem Körpergedächtnis und den damit verbundenen Empfindungen zu verbinden und diesen Kontakt während des Prozesses nicht zu verlieren.
Üblicherweise übernehmen Therapeuten oft sehr weitreichende Verantwortung für das Wohlergehen der Menschen, die mit Schwierigkeiten zu ihnen kommen. Das heißt, es ist der Therapeut, der das Wissen hat und der heilt. Das Ergebnis der Therapie beruht demnach hauptsächlich auf seinen persönlichen Kenntnissen und seiner Fähigkeit, diese Kenntnisse anzuwenden. Im Gegensatz dazu soll bei der hier vorgeschlagenen Herangehensweise jeder seinen eigenen Weg finden können. Sich damit zufriedenzugeben, Zeuge dessen zu sein, was abläuft, ohne etwas Bestimmtes zu wollen, zu wissen und zu beeinflussen, ist die Bedingung dafür, dass der Kontakt zu den körperlichen Empfindungen, auch in seiner Chronologie, nicht gestört wird. Um es vollkommen klar auszudrücken: Die einzige Fähigkeit, die eine Begleitperson wirklich sehr notwendig braucht, ist jene, Menschen helfen zu können, ihren Intellekt abzuschalten, auch wenn dieser noch so großen Widerstand leistet und sich immer wieder aufdrängt. Keinerlei medizinische Kompetenz ist notwendig.
Das macht auch deutlich, dass die Anwendung der hier beschriebenen Technik keine Therapie darstellt. Sie ähnelt vielmehr einer Ausbildung darin, eine natürliche Ressource zu aktivieren, nämlich unser körpereigenes Gedächtnis selbst und eigenständig benutzen zu lernen. Jedoch bedeutet – anders als vielleicht zu vermuten wäre – die strukturelle und inhaltliche Einfachheit dieser Herangehensweise nicht, dass sie auch einfach zu vermitteln ist. Tatsächlich ist es für diejenigen, die sie vermitteln und die solche Prozesse begleiten, oft nicht leicht, auf die Hauptrolle zu verzichten und zu akzeptieren, dass sie nicht das Wissen über den jeweiligen Inhalt und Ablauf des Prozesses haben. Und sich damit zu begnügen, der solchermaßen begleiteten Person als Vermittler und Initiator zu erlauben, sich in ihrem Inneren auf die körperliche Abenteuerreise zu begeben, bis hin zu dem Punkt, an dem die Auflösung ihres Leidens einsetzt.
Auch im Prozess des Auflösens selbst ist Passivität bedeutsam. Auch hier geht es darum, geschehen zu lassen. Offensichtlich löst sich das emotionale Leiden allein dadurch auf, dass die Person sich auf der Ebene der körperlichen Empfindungen mit dem Ursprung ihres Leidens bewusst verbindet. Für dieses spezifische Anliegen, die Deaktivierung eines emotionalen Leidens, bedarf es auch in der Begleitung keinerlei therapeutischer Handlungen. Es ist lediglich darauf zu achten, dass der Intellekt die körperlichen Empfindungen nicht stört und die natürliche und spontane Auflösung des emotionalen Leidens nicht bremst.

1.4 Die Auflösung des emotionalen Problems oder Leidens

Die am Ende des komplett durchlaufenen Prozesses auftretende Auflösung, das heißt die Deaktivierung des emotionalen Problems, ist vollständig. Es gibt hier nichts Halbes. Die Deaktivierung eines spezifischen emotionalen Leidens geschieht vielmehr nach dem Motto „Alles oder nichts“. Die Angst verschwindet, sobald ihr Ursprung auf sensorischer Ebene erneut berührt wurde. Falls in manchen Fällen eine Angst nach wie vor aktiv ist, dient sie als Träger, um tiefer in die Empfindungen zu kommen. Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass nach einem Angst auslösenden Erlebnis immer wieder neue, sehr ähnliche Situationen erlebt werden können, die neue Ängste auslösen und sich aneinanderreihen. Diese Wiederholungen vergrößern jedes Mal ein wenig mehr die ursprüngliche Angst. Um bis zum Kern der ursprünglichen Angst vorzudringen, ist es manchmal notwendig, sich durch die unterschiedlichen Schichten hindurchzuarbeiten. Im Klartext: Wir wissen, dass wir am Ziel angekommen sind, wenn die Angst sich nicht mehr manifestiert. Und wenn die Angst nicht mehr da ist, verschwinden damit ebenfalls die Verhaltensweisen und Strategien, die sie hervorgerufen hatte.
Auf dem derzeitigen Stand unseres Wissens über die hier beschriebene Herangehensweise ist es wichtig anzumerken, dass die systematische Auflösung emotionaler Leiden dennoch Grenzen hat. Sobald eine emotionale Schwierigkeit mit einem physischen Leiden, beispielsweise mit Magersucht, Stottern, Zwangsverhalten, Tics, verknüpft ist, haben wir festgestellt, dass die Auflösung dieser körperlichen Leiden nur rein zufallsbedingt geschieht. In einem Fall erscheint das Ergebnis spektakulär. In anderen Fällen, ohne dass wir einen Grund dafür kennen, funktioniert die Herangehensweise überhaupt nicht. Daher berücksichtige ich in diesem Buch nur emotionale Leiden ohne physische Komplikationen: Phobien, chronisch depressive Zustände, Hemmungen, Reizbarkeit, tief gehende Ängste und Zwangsvorstellungen.

2. Einige Zahlen zum Einstieg

(zum Vorwort)
Unter den 278 an der Studie beteiligten Personen mit großen emotionalen Schwierigkeiten, wie Phobien, heftigen Ängsten, Depressionen, Hemmungen und Reizbarkeit, befanden sich nur sieben2 Probanden (zwei Prozent), bei denen sich die emotionalen Leiden nicht auflösten. Bei 79 Prozent der Teilnehmer trat die Deaktivierung während einer einzigen Sitzung, bei den restlichen 19 Prozent nach einer weiteren Sitzung ein.
Diese Zahlen erscheinen auf provozierende Art unwahrscheinlich und doch reflektieren sie die realen und ernst zu nehmenden Ergebnisse der Forschungsarbeit, wie sie von meinen Mitarbeitern und mir im Rahmen des „Tipi-Verbands“ in der für wissenschaftliche Untersuchungen üblichen Transparenz durchgeführt wurde und in diesem Buch dargestellt ist.

2.1 Das Forschungsprotokoll

Das Forschungsprotokoll wurde auf der Grundlage einer freiwilligen Teilnahme aller Probanden erstellt und standardisiert. Alle Teilnehmenden erlebten den gleichen Ablauf, beginnend mit einer ersten individuellen Sitzung von maximal zwei Stunden. In den Fällen, in denen es sinnvoll erschien, nahmen Probanden danach an einer weiteren Sitzung teil. Die Teilnehmenden erklärten sich mit Ton-Mitschnitten einverstanden und verpflichteten sich, nach Beendigung ihrer Sitzung über ihr Befinden in Bezug auf ihr vorheriges emotionales Problem zu s...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Vorwort der Übersetzerin
  3. Zum aktuellen Stand: Update des Autors
  4. Einleitung
  5. 1. Die Grundlagen
  6. 2. Einige Zahlen zum Einstieg
  7. 3. Emotionale Leiden entstehen größtenteils im Mutterleib
  8. 4. Der Weg der Empfindungen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse über pränatale und Geburtsabläufe
  9. 5. Eine Sitzung, die unbewusste Angst auf Körperebene identifiziert
  10. 6. Phobien
  11. 7. Depressionen
  12. 8. Hemmungen
  13. 9. Aggressivität
  14. 10. Panikattacken
  15. 11. Allergien, Hautreaktionen, Essstörungen
  16. 12. Zweifel und Einwände
  17. 13. Perspektiven
  18. Anhang 1: Zusammenfassung der hauptsächlichen wiedererlebten Ereignisse während der pränatalen Periode
  19. Anhang 2: Die Entwicklung des Fötus
  20. Literaturverzeichnis
  21. Anmerkungen

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