Sich krank fürchten
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Sich krank fürchten

Welche Rolle Kindheitstraumata für Erkrankungen im Erwachsenenalter spielen

  1. 320 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Sich krank fürchten

Welche Rolle Kindheitstraumata für Erkrankungen im Erwachsenenalter spielen

Über dieses Buch

Könnte es sein, dass herkömmliche Krankheiten eine Ursache haben, die wir bislang übersehen haben? Ist es möglich, dass Erbanlagen und Alter vielleicht doch nicht den ihnen zugeschriebenen großen Einfluss auf Herzerkrankungen, Diabetes, Fettleibigkeit, Depression und Sucht haben?In diesem Buch regen Robin Karr-Morse und Meredith Wiley dazu an, traumatische Erfahrungen aus der frühen Kindheit als Ursache für zahlreiche Erkrankungen sowie emotionale und Verhaltensauffälligkeiten von Erwachsenen in Betracht zu ziehen. Die Autorinnen zeigen auf, dass die ersten Monate unseres Lebens unseren gesamten weiteren Lebensweg beeinflussen können.Unser angeborenes Kampf-oder-Flucht-System, das sich entwickelt hat, um uns vor lebensbedrohlichen Gefahren zu schützen, kann für chronische Erkrankungen oder frühe Sterblichkeit verantwortlich gemacht werden – wenn es in den frühen Lebensjahren überstrapaziert wurde. Basierend auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und 35 Jahren klinischer Erfahrung bietet dieses Buch eine revolutionäre Sicht auf die Auswirkungen frühkindlicher traumatischer Erlebnisse auf die Gesundheit von Erwachsenen.

Information

Jahr
2013
ISBN drucken
9783873878907
eBook-ISBN:
9783873879379

1. Gespenster im Wandschrank: Wie sich traumatische Erfahrungen körperlich widerspiegeln

Heutzutage ist es praktisch unmöglich, in einer Zeitschrift oder einem Magazin zu blättern oder den Fernseher einzuschalten, ohne dass man mit den neuesten Studien über Fettleibigkeit und Abhilfe versprechende Diäten bombardiert wird. Und nahezu täglich bekennt irgendeine prominente Persönlichkeit, dass auch sie mit einem Suchtproblem zu kämpfen hat. Die Gesichter kommen und gehen, die Ratschläge ändern sich, doch die Botschaft bleibt dieselbe: Wir leiden an schädlichen Gewohnheiten. Unsere „Verhaltensgesundheit“ ist zu einem Topthema avanciert, denn die Schwierigkeiten machen vor keiner gesellschaftlichen Gruppe Halt und üben auf jeden von uns einen direkten oder indirekten Einfluss aus. Zwar neigen wir dazu, Fettleibigkeit und Suchterkrankungen resignativ als genetisch vorprogrammierte, gewissermaßen schicksalhafte Aspekte des modernen Lebens zu betrachten und uns nicht weiter mit dem Thema zu befassen. Doch wenn uns die Problematik im eigenen Alltag näher rückt, ist es mit der Gelassenheit nicht mehr weit her. Angesichts einer ernsthaften Diagnose wird es schwierig, eigene gesundheitliche Beeinträchtigungen oder die Beschwerden eines Menschen, den wir lieben, zu ignorieren – vor allem dann, wenn wir erfahren, dass die Erkrankung unmittelbar mit einer Gewichtszunahme oder mit einer Sucht zusammenhängt.
Doch was wäre, wenn weder Sucht noch Adipositas unvermeidlich wären? Wenn diese Erkrankungen in der Mehrzahl aller Fälle nur deshalb aufgetreten sind, weil wir nicht sehen wollen oder können, was Menschen brauchen, um sich gesund zu entwickeln?
Entsprechende Hinweise liegen seit langem vor. Die Suchterkrankungen – unser Hunger, die innere Leere zu „füllen“, indem wir zu viel essen oder uns in den Alkohol-, Drogen-, Spiel- oder Kaufrausch flüchten – waren die ersten Symptome von Verhaltenserkrankungen, die nichtsahnenden Forschern die Augen für die Bedeutsamkeit unserer frühen Erfahrungen öffneten. Das mit Abstand am weitesten verbreitete Symptom eines gestörten Gesundheitsverhaltens ist Übergewicht bzw. Adipositas. Oprah Winfrey ist für Millionen von Zuschauern zur Personifizierung des Problems geworden. Jahrelang hat sie gegen ihr Gewicht angekämpft, obwohl ihr die besten Diäten, die besten Personal Trainer und die besten Fitnessprogramme zur Verfügung standen. Nachdem sie die „gefürchtete 2-Zentner-Marke“ übertroffen hatte, bekannte Winfrey Ende 2009, dass die auserlesene Robe, die zur Amtseinführung von Präsident Barack Obama für sie persönlich entworfen worden war, ungetragen bleiben müsse, weil ihre expandierenden (wiewohl erotischen) Kurven nicht mehr hineinpassten. Zerknirscht und niedergeschlagen bekannte Oprah: „Es geht gar nicht ums Essen. Es geht um den Umgang mit dem Essen. Um den Missbrauch von Essen. Zu viel Arbeit. Zu wenig Spiel. Keine Zeit zum Runterkommen. Keine Zeit, um wirklich zu entspannen. Ich hungere nach mehr Ausgewogenheit in meinem Leben.“23 Sie sprach Millionen Frauen aus dem Herzen, als sie gestand: „Hier stehe ich, 20 kg schwerer als vor drei Jahren. […] Ich bin so wütend auf mich. Ich schäme mich. Ich kann es einfach nicht fassen, dass mein Gewicht nach all den Jahren noch immer ein Thema ist. Und wenn ich mein schlankeres Selbst auf Bildern sehe, frage ich mich: ‚Wie konnte ich das noch einmal zulassen?‘“24
Der Schlankheitsmarkt verspricht Riesengewinne. Für die steigende Anzahl übergewichtiger Menschen werden mannigfaltige Faktoren verantwortlich gemacht: Fastfood; der Zeitmangel, der es nicht erlaubt, Mahlzeiten frisch zuzubereiten; der höhere Preis frischer Nahrungsmittel, der immer mehr Menschen veranlasst, zu Fertigprodukten zu greifen; zu viel Fernsehen, zu wenig Bewegung, zu wenig Sport – unsere Schulkinder werden immer träger. Genetische Anlagen und Organerkrankungen, etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, können gleichfalls eine Rolle spielen. Doch die genannten Faktoren erklären nicht alle, ja nicht einmal die meisten Fälle von Fettsucht. Die schiere Anzahl der beworbenen Diäten und anderen Produkte, die eine Gewichtsreduzierung versprechen, beweist, dass wir etwas Wichtiges übersehen. Oprah Winfrey, deren Kindheit von Armut, Chaos und Misshandlung geprägt war und die sich dank ihrer Intelligenz zu einer unglaublich beeindruckenden Persönlichkeit entwickelt hat, räumt intuitiv ein: „Mein größter Fehler bestand darin, zu glauben, mein Gewichtsproblem hätte nur mit dem Gewicht zu tun. Das war ein Irrtum. Es hat mit sexuellem Missbrauch zu tun. Es hat mit all den Dingen zu tun, die Menschen zu Alkoholikern und Drogensüchtigen machen.“25
Übergewicht und Fettsucht haben weitreichende gesundheitliche Folgen und geben Anlass zu größter Sorge. Wer übergewichtig ist (das heißt, einen Body-Mass-Index [BMI] von 25–29.9 hat) oder adipös (BMI > 30), ist auch wesentlich krankheitsanfälliger; besonders häufig treten Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, koronare Herzkrankheit, Schlaganfälle, Erkrankungen der Gallenblase, Gelenkserkrankungen sowie bestimmte Krebsformen auf, etwa Brust- und Dickdarmkrebs. Mit der Adipositas hängen annähernd vierzig verschiedene Krankheiten zusammen. Die Konsequenzen sind schwindelerregend. 34 Prozent aller amerikanischen Erwachsenen sind adipös. 68 Prozent der Erwachsenen und ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in diesem Land (das heißt insgesamt 25 Millionen Heranwachsende) gelten als adipös oder übergewichtig.26 (Im Vergleich dazu: In Deutschland waren im Jahr 2010 rund 14 Prozent der Erwachsenen adipös – Tendenz steigend). Roland Sturm, einer der Chefökonomen der Rand Corporation, hat mehrere Studien über den Einfluss der Adipositas auf die Lebensqualität geleitet und sagt: „Ein übergewichtiger 30-Jähriger leidet unter genauso vielen chronischen Beeinträchtigungen wie ein normalgewichtiger 50-Jähriger; die subjektive Beurteilung seiner Lebensqualität fällt negativer aus als die eines 20 Jahre älteren Menschen mit normalem Gewicht.“ Auf die Frage, was seiner Ansicht nach zu tun sei, schlägt Sturm vor: „Vermutlich sollten wir versuchen, vor allem für unsere Kinder eine Umwelt zu schaffen, in der niemand übergewichtig wird.“27
Der Anstieg der Adipositas-Prävalenz geht mit einem explosionsartigen Anstieg der Diabetes-Neuerkrankungen einher. Die Zahl hat sich zwischen 1980 und 2009 mehr als vervierfacht: von 5,6 Millionen auf 24 Millionen Ersterkrankungen. Gleichermaßen alarmierend ist der Anstieg von Typ-2-Diabetes-Erkrankungen bei Kindern.28 Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) prognostizieren, dass eines von drei Kindern, die seit 2003 in den USA geboren wurden, einen Diabetes entwickeln wird. Die Wahrscheinlichkeit von Herzerkrankungen und Schlaganfällen ist bei Diabetikern viermal höher als bei Gesunden; ihr Risiko, an Komplikationen im Zusammenhang mit einer Grippeerkrankung oder Lungenentzündung zu sterben, ist um das Dreifache erhöht. Ebenfalls adipositasbedingt ist ein massiver Anstieg der Hauptrisikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Im Frühjahr 2010 veröffentlichten die CDC Untersuchungen, wonach fast die Hälfte aller US-Amerikaner unter Bluthochdruck, erhöhtem Cholesterinspiegel oder Diabetes leidet.29
Auch Gelenkerkrankungen infolge von Übergewicht treten gehäuft auf. Jedes Extrapfund belastet die Gelenke, denn die Natur hat sie darauf nicht vorbereitet. Den CDC zufolge leiden 51,2 Millionen US-Amerikaner unter Gelenkarthrosen (in Deutschland leiden mindestens acht Millionen Menschen unter dem Gelenkverschleiß30); im Jahre 2030, wenn die Angehörigen der geburtenreichen Jahrgänge ins Seniorenalter kommen, wird sich die Zahl der Erkrankungen um mehr als 40 Prozent erhöhen.31
Dass die Amerikaner drauf und dran sind, den Kampf gegen das Fett zu verlieren, steht außer Frage. Sicher ist aber auch, dass sie keineswegs resigniert haben: Der Schlankheitsmarkt boomt. Trotz der unüberschaubaren Fülle an Büchern und Zeitschriften, die Theorien über Methoden zur unkomplizierten, raschen Gewichtsabnahme propagieren, herrscht allgemeine Verwirrung. Tagtäglich sind Millionen von Amerikanern auf Diät; dauerhaften Erfolg haben nur wenige.
Übergewichtige und adipöse Teenager machen einen neuen und wachsenden Markt für chirurgische Magenbänder aus. Bei mehr als eintausend US-amerikanischen Jugendlichen wurden im Jahr 2007 chirurgische Maßnahmen zur Gewichtsreduktion ergriffen. Doch solche Operationen sind „nicht der Abschluss der Behandlung, sondern lediglich ein Anfang“ – so Reginald Washington aus Denver, ein Kinderarzt und Kardiologe, der als ehemaliger Stellvertretender Vorsitzende die von der American Medical Association einberufene Arbeitsgruppe „Adipositas im Kindesalter“ leitete.32 Chirurgische Eingriffe zur Fettreduktion mögen aus der Verzweiflung geboren sein, doch die Realität sieht laut Washington so aus, dass herkömmliche Diäten und sportliche Betätigung lediglich in 30 Prozent der Fälle dauerhaft greifen. Dr. Emma Patterson, medizinische Leiterin des Obesity Institute at Oregon’s Legacy Research Project, sagt stellvertretend für eine stetig wachsende Gruppe US-amerikanischer Chirurgen: „Warum abwarten, bis der Cholesterinspiegel dieser Kids erhöht ist und sie Nieren- und Herzprobleme bekommen oder ein neues Knie brauchen?“33
Werbekampagnen, die sich direkt an Kinder und Jugendliche wenden, das allgegenwärtige Angebot an Softdrinks und Junkfood, Zeitmangel, Informationsmangel, die relativ hohen Preise frischer, naturbelassener Nahrungsmittel, die fehlende Sicherheit in benachteiligten Wohnvierteln – all dies hat zweifellos dazu beigetragen, dass Kinder und Heranwachsende, die in Armut leben, gegenüber Gleichaltrigen aus gut situierten Familien ein um 50 Prozent höheres Risiko haben, übergewichtig und adipös zu werden. Wir wissen, dass Armut und soziale Benachteiligung Familien zusätzlich belasten, und damit drängt sich die Frage auf: Ist hier ein tiefer gehender Faktor am Werk?
Dr. Sonia Lupien, Ärztin am Douglas Hospital in Montreal, Kanada, beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“. Gegenüber einem Reporter des Globe and Mail erklärte sie: „Ich halte den Stress für ausschlaggebend.“34 Dass sozialer Status unsere Gesundheit direkt beeinflusst, ist unumstritten; schwierige soziale Verhältnisse steigern das Vorkommen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von Diabetes und anderen Krankheiten, die mit der Lebensführung zusammenhängen. Das Ergebnis ist letztlich eine insgesamt niedrigere Lebenserwartung. Arme Menschen ernähren sich nicht nur schlechter; sie sind auch höherem Stress ausgesetzt; zudem können sie sich keine Krankenversicherung leisten und haben infolgedessen keinen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung. Lupien kam in ihrer Studie, an der 450 Kinder aus Familien mit niedrigem bis hohem Einkommen teilnahmen, zu dem Ergebnis: „Die Ausschüttung von Stresshormonen war bei Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen dreimal höher als bei Gleichaltrigen aus reichen Familien.“35
Sind wir möglicherweise blind für einen tiefer gehenden Faktor? Diese Frage wird von immer mehr Ärzten, Forschern, Suchtexperten oder Menschen wie Patty Worrell gestellt. Pattys Geschichte erschien in einem Medium, in dem man dergleichen gewiss nicht suchen würde, nämlich im Wall Street Journal. Patty war esssüchtig: Morgens um drei vertilgte sie 2 kg Eiscreme, um sich dann später zum Frühstück acht Zimtbrötchen einzuverleiben.36 Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Patty war Mitte vierzig, brachte bei einer Größe von 164 cm nicht weniger als 130 kg auf die Waage, war Diabetikerin und litt unter Arthrose. Sie ließ einen Magenbypass legen und nahm innerhalb eines Jahres 65 kg ab. Sie war begeistert: Sie konnte wieder Auto fahren und fliegen, Restaurants besuchen und sich in den überfüllten Gängen der Einkaufszentren bewegen. Dann veränderte sich ihr Leben aufs Neue. Eineinhalb Jahre nach der Operation verspürte sie zwar keine Essgelüste mehr, schüttete aber Abend für Abend 18 bis 20 Tequilas in sich hinein. Patty, eine normalerweise leise, zurückhaltende Frau, erwarb sich einen Ruf als wilde Partygängerin und wachte morgens immer häufiger mit blauen Flecken und Schürfwunden auf, die sie sich nicht zu erklären vermochte. Ihre Lebenspartnerin sagte: „Sie verwandelte sich in ein Monster!“
Patty sagt: „Ich wusste, dass ich sterben würde.“ Sie erkannte das Muster. Ihr Vater war an Alkoholmissbrauch gestorben, und ihre Schwester war drogensüchtig. Um ihrer Mutter die Erkenntnis zu ersparen, dass es in der Familie noch eine weitere Alkoholikerin gab, gab Patty sich monatelang die größte Mühe, ihr Trinken zu verbergen. Die Wende kam, als sie wieder einmal randalierte. Für ihre Partnerin war das Maß nun voll. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer von Pattys Mutter: „Hör dir deine Tochter an“, sagte sie und positionierte den Hörer so, dass er das Fluchen der Betrunkenen einfing. Dass ihre Mutter nun Bescheid wusste, versetzte Patty anderntags in Panik; sie besuchte zum ersten Mal ein Treffen der Anonymen Alkoholiker. Drei Wochen später rief ihre Mutter an. Sie hatte katastrophale Nachrichten: Pattys Schwester war an einer Medikamentenüberdosis gestorben. Patty erinnert sich, wie dankbar sie dafür war, nüchtern zu sein und ihrer Mutter zur Seite stehen zu können.
Als der Artikel für das Wall Street Journal verfasst wurde, war Patty auf dem Weg der Besserung. Viermal wöchentlich nahm sie an den Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker teil, musste aber immer wieder mit Rückfällen fertigwerden. Ihre Entwicklung von der Esssucht über die Magenoperation zum Alkoholismus ist beileibe kein Einzelschicksal. Behandlungszentren wie das Betty Ford Center in Rancho Mirage, Kalifornien, berichten, dass immer mehr Patienten nach chirurgischen Eingriffen, die ihnen halfen, Gewicht zu verlieren, wegen neuer Suchterkrankungen Hilfe suchen. Der Alkoholmissbrauch ist auch für die Online-Unterstützungsforen des Weight Loss Surgery Center, dessen Newsletter-Verteiler mehr als 10.000 Adressaten enthält, ein heißes Thema.37 Magenbypass-Patienten sind extrem anfällig für Alkoholmissbrauch; je nach Schätzung ersetzen zwischen fünf und 30 Prozent die Esssucht nach der Operation durch den erhöhten Alkoholkonsum. Kaum geringer ist offenbar die Anzahl derjenigen, die sich nach dem Eingriff zu Kettenrauchern entwickeln.38
Dass eine Sucht durch eine andere ersetzt wird – die Experten sprechen vom „Suchtwechsel“ –, beschränkt sich nicht auf das Essen bzw. Trinken. Das Betty Ford Center weist darauf hin, dass etwa ein Viertel der rückfälligen Alkoholiker den Alkohol durch andere Drogen, häufig Opiate, ersetzt.39 Die Forscher sind sich zunehmend darin einig, dass der Suchtwechsel auf einer biologischen Grundlage beruht. Anders als in der Vergangenheit suchen sie die Ursache allerdings nicht mehr in der genetischen Anlage, sondern in der Hirnchemie: „Die Schaltkreise, die an den mit Suchterkrankungen und mit der Adipositas einhergehenden Prozessen beteiligt sind, weisen Ähnlichkeiten auf“, sagt Dr. Nora Vokow, Direktorin des National Institute on Drug Abuse.40 Von besonderem Interesse ist die Beobachtung, dass adipöse Menschen, Alkoholiker und Drogenabhängige allesamt Dopaminspiegel aufweisen, die unterhalb des normalen Levels liegen, und Dopamin ist ein Hormon, das mit unserem Lustempfinden zusammenhängt und unsere Gelüste anregt. Durch Suchtstoffe wiederum wird die Dopaminausschüttung vorübergehend deutlich erhöht.
Die Erforschung der an Suchtphänomenen beteiligten Hirnschaltkreise und der ihnen zugrunde liegenden chemischen Vorgänge ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. An den National Institutes of Health (NIH) laufen Dutzende klinischer Versuche, die sich teils auf die Entwicklung neuer Medikamente konzentrieren, teils auf die Untersuchung der Wirkungen von Medikamenten, die man früher bei anderen Erkrankungen eingesetzt hat. Topiramat, ein Mittel zur Epilepsiebehandlung, das unter der Bezeichnung Topamax auf dem Markt ist, wird mittlerweile auf seine Einsatzmöglichkeiten bei Alkohol-...

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Dank
  3. Einleitung
  4. 1. Gespenster im Wandschrank: Wie sich traumatische Erfahrungen körperlich widerspiegeln
  5. 2. Nächtliche Poltergeister: die Biologie von Stress und Trauma
  6. 3. Sich krank fürchten: Wie aus Erfahrung Biologie wird
  7. 4. Kleine Traumata: pränatale und perinatale Phase
  8. 5. Kleine Traumata: Säuglings- und Kleinkindalter
  9. 6. Ausweglos: Wenn Eltern ihre Kinder traumatisieren
  10. 7. Kein Zufluchtsort: Genetik und Epigenetik
  11. 8. Sicherheitsnetz und doppelter Boden: zur Biologie der sicheren Bindung
  12. 9. Zur Ruhe kommen: Therapie und mehr
  13. 10. Und die Welt ist doch klein
  14. Anhang A: Scheidungskinder – dem Trauma vorbeugen
  15. Anhang B: Kindesmisshandlung und -vernachlässigung
  16. Anhang C: Das Trauma erkennen
  17. Anhang D: Die Arbeit mit traumatisierten Kindern
  18. Anhang E: Präventionsprogramme, die sich bewährt haben
  19. Endnotenverzeichnis
  20. Index

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