Emotionen als Quelle für VeränderungDieser Band aus der Reihe Therapeutische Skills kompakt gibt eine fundierte und praxisnahe Einführung in die Emotionsfokussierte Therapie (EFT). Für die EFT sind Emotionen zentraler Bezugspunkt für therapeutische Ziele und Interventionen. Eingebettet in die therapeutische Beziehung werden Klienten unterstützt, sich ihrem schmerzhaften emotionalen Erleben bewusst und akzeptierend zuzuwenden, dieses zum Ausdruck zu bringen und zu reflektieren. So bekommen sie Zugang zu wichtigen Bedürfnissen, Handlungsimpulsen und adaptiven Emotionen, die ein Motor für förderliche Veränderungen sind.Der Band vermittelt die für das praktische Vorgehen relevanten Grundlagen und Konzepte. Fallbeispiele und Praxistipps erleichtern das Verständnis für die zentralen Interventionsprinzipien und therapeutischen Aufgaben wie Stuhl-Dialoge oder systematisches evokatives Erschließen, die diagnoseübergreifend angewendet werden können.

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Applied PsychologyTEIL II: PRAKTISCHE GRUNDLAGEN DER EMOTIONSFOKUSSIERTEN THERAPIE
9. Der therapeutische Prozess
„War er einsam? Hatte er Angst? Glaubte er an höhere Wesen? Niemand weiß es. Nicht einmal er selbst hätte es sagen können, denn er verfügte über keine Sprache, keine Vorstellungen, keine Möglichkeit zu wissen, ob er lebte oder wo er lebte oder warum er dort lebte.“
(T. C. Boyle, Das wilde Kind)
Die Grundprämisse für das therapeutische Handeln ist, dass Emotionen, adaptive wie auch schmerzhafte maladaptive, eine Ressource für Veränderung sind, wenn dieses emotionale Erleben zugelassen wird. Emotionale Schemata sind eine reichhaltige Informationsquelle für unsere Bedürfnisse, Handlungsimpulse und Werte. Klienten sollen, getragen durch die therapeutische Beziehung und ein emotionsfokussiertes Therapieangebot, einen Zugang zu ihren Schemata und damit die in ihnen eingebetteten Informationen finden. Therapeut und Klient werden dabei vom Schmerzkompass geleitet. Für erfolgreiche Therapieverläufe ist es wichtig, schmerzhafte Emotionen ins Gewahrsein zu bringen, zu versprachlichen, mit einem empathischen Gegenüber zu teilen und in der Bedeutung für die persönliche Lebensgeschichte (Narrativ) zu reflektieren sowie mittels adaptiver Emotionen und korrigierender interpersoneller Erfahrungen zu transformieren.
9.1 Therapiephasen
In der EFT gibt es drei Phasen therapeutischen Handelns, um diese Prozesse zu fördern. Die Phasen werden immer wieder durchlaufen, wechseln einander ab oder überlappen sich:
- Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung und Förderung emotionaler Bewusstheit,
- Aktivieren emotionalen Erlebens und Zugänglichmachen zentraler emotionaler Schemata, um diese zu explorieren,
- Transformation maladaptiver emotionaler Schemata und Konstruktion eines neuen Selbst-Narrativs.
Phase 1
Über eine empathische und präsente Validierung des Erlebens der Klienten wird die therapeutische Allianz aufgebaut und gestärkt. Die Themen der Klienten aufgreifend, werden Rationale für das Arbeiten mit und an Emotionen gegeben, sodass eine Einigkeit über das therapeutische Vorgehen, den thematischen Fokus und die Ziele entstehen kann. Hierbei ist es wichtig, über die Bedeutung von Emotionen für die Entstehung und Lösung von Problemen zu sprechen. Von Beginn an sollen die Klienten eine erste Bewusstheit über ihr emotionales Erleben entwickeln, indem ihre aktuell gezeigten Gefühle benannt werden und sie eingeladen werden, ihre Aufmerksamkeit nach innen zu lenken – sofern es für die ersten Kontakte angemessen erscheint.
Phase 2
Meistens beginnen therapeutische Prozesse auf der Ebene sekundärer Emotionen, die sich in Form von Symptomen gemäß der ICD-10-Kriterien oder globalem Distress zeigen. Therapeuten achten deshalb auf die Eindringlichkeit des Erlebens, also Anzeichen primärer Emotionen. In jeder Sitzung wird aufs Neue die Bedingung dafür geschaffen, dass sich Klienten ihrem emotionalen Erleben zuwenden, dieses tolerieren und akzeptieren. Therapeuten unterstützen sie dabei, schmerzhafte Emotionen über Focusing und fokussierende Fragen, evokative empathische Reaktionsweisen, systematisches evokatives Erschließen oder Stuhl-Dialoge zu aktivieren. Sobald die Komponenten eines maladaptiven Schemas (körperliches Erleben, Erinnerungen, Gedanken, Handlungstendenzen) in das Gewahrsein gelangen, ist es die therapeutische Aufgabe, ihnen dabei zu helfen, diese zu explorieren, um Bedeutung und Sinn in ihnen zu finden.
Phase 3
Über die Aktivierung und Exploration gelangen Klienten an ihre in den primären Emotionen gebundenen unerfüllten zentralen Bedürfnisse. Es gilt nun, sie darin zu unterstützen, diese ebenfalls in Worte zu fassen und zu akzeptieren. Das Ziel ist, dass sie sich berechtigt fühlen, diese Bedürfnisse (beispielsweise nach Liebe, Zuneigung, Schutz und Unterstützung) zu haben, aber auch, auf adaptive Weise betrauern zu können, dass sie in der Vergangenheit frustriert wurden. Über diese Trauer können Klienten ein Mitgefühl für sich entwickeln. Dieses sowie adaptiver Ärger ermöglichen die Transformation der maladaptiven Schemata in neue, adaptive Reaktionsweisen auf die alten Verletzungen. Diese neuen adaptiven Emotionen sollen die Klienten bewusst spüren, in ihrer individuellen Bedeutung reflektieren und in die Erzählung über sich selbst integrieren: „When a client’s awareness of self becomes more fully articulated and organized in narrative form, new understandigs of self and others often emerge that lead to behavioral change and new ways of being in the world“ (Angus & Greenberg 2011, S. 139).
Hieran können sich Überlegungen und Ideen anschließen, wie dieses neue Erleben, die veränderte Sichtweise auf sich und die anderen, in die Welt hinausgetragen werden kann. Erfahrungsgemäß geschieht dies oft wie von selbst, ohne explizite Hausaufgaben. Es ist wichtig, genau hinzuhören, wie sich das, was Klienten über sich und ihr Leben erzählen, verändert.
9.2 Narrative: Wie Klienten über sich und ihre Probleme sprechen
Narrative, also die Geschichte/-n, die wir über uns und die Welt erzählen, beeinflussen und organisieren unsere Emotionen und diese wiederum verleihen den Narrativen eine Bedeutung. Lynne Angus beforscht die Bedeutung von Narrativen für die Bildung einer Selbstidentität und die Gestaltung von Beziehungen. Sie liefert damit wichtige Impulse für den emotionsfokussierten Therapieprozess.
Wir wachsen mit Geschichten auf, sei es, dass wir als Kinder welche erzählt oder vorgelesen bekommen, sei es, dass gesellschaftliche Normen, Werte oder Mythen über Erzählungen transportiert werden. Darüber entstehen soziale und emotionale Bindungen. Wir lernen die Soziokultur, in der wir aufwachsen, kennen und kreieren letztendlich unser Bild von uns selbst – unsere Identität.
Klienten erzählen in der Regel Geschichten über sich, die geprägt sind von Unsicherheit, Ängsten, Selbstzweifeln, dem Gefühl, nicht geliebt oder akzeptiert zu werden. Ihre Erinnerungen sind von entsprechenden Narrativen geprägt.
„Telling a story is not simply a rehearsal or redescription of a lived experience but an interpersonal act of creation that is, in turn, a memorable relational experience. Therefore, a client’s disclosure of emotionally salient life experiences in therapy sessions is both an act of personal memory (re)construction and the creation of a new relational experience with the therapist.“
(Angus & Greenberg 2011, S. 84)
Das Erzählen von Geschichten, in denen Klienten ihre verletzliche Seite zeigen und über schmerzhafte Erfahrungen berichten, diese im Moment der Begegnung mit dem Therapeuten emotional wieder aufleben zu lassen, ist ein sozialer, interpersonaler Akt. Diesem sollten Therapeuten mit Empathie, Wertschätzung und emotionaler wie auch inhaltsbezogener Aufmerksamkeit begegnen. Die Art, wie Therapeuten auf die Schilderungen ihrer Klienten eingehen, kreiert deren Narrative mit.
„Therapists play an essential role in helping clients to disclose their most vulnerable stories for further emotional differentiation and new meaning making (…). In addition, therapists help clients organize their painful emotions for further reflection by actively identifying specific situational contexts and cues that help contain and explain emotional experience.“
(Angus & Greenberg 2011, S. 143)
In der EFT achten wir sowohl auf den Inhalt, als auch auf die Art und Weise, wie Klienten über sich sprechen. Denn dies gibt Aufschluss über die emotionale Produktivität des therapeutischen Prozesses und leitet damit das therapeutische Handeln. Angus und Greenberg (2011) unterscheiden zehn unterschiedliche narrative-emotion process markers, die sich zu drei Obergruppen zusammenfassen lassen:
- problem markers
- transition markers
- change markers
Mit ihnen wird die Beziehung zwischen dem Inhalt an sich, der Struktur der Erzählung (Plot, Kohärenz), dem emotionale Prozess (wie Emotionen erlebt und ausgedrückt werden) sowie der Bereitschaft des Klienten zur Veränderung beschrieben und damit beobachtbar gemacht.
Mit problem markers sind unter- oder überregulierte Emotionen gemeint, die sich in derselben alten Geschichte, einer emotional leeren Geschichte, inhaltsleeren Emotionen (unstoried emotion) oder einem flüchtigen, oberflächlichen Erzählen, den superficial stories, zeigen. Diese Marker zeigen also an, dass Klienten emotionale Verarbeitungsschwierigkeiten haben, bei deren Überwindung sie Unterstützung brauchen.
Transition markers sind Zeichen dafür, dass sich die Selbstreflexion, die Kohärenz des Narrativs sowie die Emotionsregulation verbessern. Angus bezeichnet diese als reflective story, inchoate (unvollständige, unausgereifte) story, experiential story, competing (konkurrierende) plotlines. Die Klienten befinden sich in einem Prozess der Bedeutungsbildung, der von den drei Fragen geleitet wird:
- Was habe ich erlebt?
- Wie fühlt sich das für mich an?
- Was bedeutet das für mich?
Zu guter Letzt beschreibt sie change markers und unterteilt diese in: unexpected outcome und discovery story. Diese sind daran zu erkennen, dass sich Emotionen und Verhaltensweisen der Klienten in eine positive, resiliente Richtung verändert haben, genauso wie sich auch positivere Grundüberzeugungen und eine neue Sicht auf sich selbst und die eigene Biografie entwickelt haben.
Narrative finden ihre Berücksichtigung auch im EFT-Fallformulierungsmodell, das ich im folgenden Abschnitt beschreiben werde.
9.3 Fallformulierung, (Makro-)Marker und Aufgaben
Die EFT hat sich als markergeleitetes Therapieverfahren entwickelt. Marker, in dem hier beschriebenen Kontext auch als Makromarker bezeichnet, sind Hinweise darauf, dass ein Klient ein bestimmtes emotionales Verarbeitungsproblem hat, an dem er bereit ist zu arbeiten. Für jeden Marker gibt es eine empirisch geprüfte therapeutische Aufgabe. Oft bringen Klienten von Sitzung zu Sitzung unterschiedliche Themen ein. EFT-Therapeuten folgen keinem manualisierten Ablauf, der vorschreibt, welche inhaltlichen Interventionen aufeinander zu folgen haben. So ist es möglich, dass in einer Sitzung ein Zwei-Stuhl-Dialog zu einem selbstkritischen Prozess durchgeführt wird, es dem Klienten in der Woche darauf wichtig ist, über eine Situation zu sprechen, in der er verwirrende Gefühle erlebt hat, sodass der Schwerpunkt auf dem systematischen evokativen Erschließen liegt. Sitzungen können mit unterschiedlichen Fragen begonnen werden, in...
Inhaltsverzeichnis
- Über dieses Buch
- Vorwort
- Einleitung
- TEIL I: THEORETISCHE GRUNDLAGEN DER EMOTIONSFOKUSSIERTEN THERAPIE (EFT)
- TEIL II: PRAKTISCHE GRUNDLAGEN DER EMOTIONSFOKUSSIERTEN THERAPIE
- Literaturverzeichnis
- Index
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