Autismus – Frühförderung ganz praktischKleinkinder fördern, bei denen eine Störung innerhalb des Autismus-Spektrums diagnostiziert wurde: Eltern kommt hier eine ganz wichtige Rolle zu. Und es gibt eine bewährte Methode der Frühförderung: das Early Start Denver Model.Die Autorinnen geben ganz konkrete Anregungen, wie sich Elemente aus diesem Modell in den Familienalltag integrieren lassen. Das können "Kühlschrank-Zettel" sein oder auch Vorschläge für gemeinsame Aktivitäten. Alltagsroutinen wie das Frühstück oder das abendliche Bad werden zu Lernerfahrungen und zu Möglichkeiten der Entwicklung."Als mein Kind die Diagnose erhielt, war ich einfach nur fertig. Dieses Buch, geschrieben von Menschen, denen ich vertraue, gab mir die nötige Orientierung." – Laura Shumaker
TEIL II: ALLTAGSSTRATEGIEN, DIE IHREM KIND HELFEN, SICH EINZUBRINGEN, ZU KOMMUNIZIEREN UND ZU LERNEN
4. Treten Sie ins Rampenlicht: Die Aufmerksamkeit Ihres Kindes erregen
Ziel des Kapitels: Sie werden lernen, wie Sie Ihr Kinder stärker auf sich aufmerksam machen, damit es bei mehr Gelegenheiten von Ihnen lernen kann. Auf Menschen zu achten ist eine Grundvoraussetzung für das Lernen.
4.1 Warum es so wichtig ist, dass Ihr Kind seine Aufmerksamkeit auf andere richtet
Kleinkinder können vieles noch nicht. Was sie jedoch neben anderen Dingen sehr gut können, ist, auf ihre Umgebung zu achten und von dem, was sie sehen, zu lernen. Babys sehen schon sehr bald nach der Geburt recht gut und lernen viel über die Welt, die Menschen und die Gegenstände ringsum, indem sie Gegenstände und Menschen „in Aktion“ beobachten. Überraschend gut erkennen sie auch Muster in den Handlungen bzw. Aktionen der Menschen und Gegenstände in ihrem Umfeld. Sie lernen, typische Bewegungen und Handlungen der Personen zu erwarten; unerwartete Ereignisse überraschen und faszinieren sie. Um Neues zu ergründen, achten sie sogar stärker auf das Unerwartete als auf die Routine und das Vorhersagbare.
Menschen zu beobachten und ihnen zuzuhören sind sehr wichtige Lernerfahrungen für Kleininder – vielleicht die allerwichtigsten, weil sie so viel aus der Interaktion mit anderen Menschen lernen. Und die Lieblingsbeschäftigung der meisten Babys und Kleinkinder besteht darin, andere Menschen zu beobachten und mit ihnen zu interagieren. Ihr Gehirn ist so „verschaltet“, dass das Betrachten und Interagieren mit anderen Menschen die vergnüglichste Tätigkeit überhaupt darstellt (vorausgesetzt, sie haben keinen Hunger, sind nicht müde und fühlen sich nicht unwohl).
Wie ist das bei Autismus?
Kleinkinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zeigen allerdings kein so großes Interesse daran, Personen zu beobachten und mit ihnen zu interagieren wie andere Kinder. Warum ist das so? Es gibt zwei unterschiedliche mögliche Erklärungsansätze, über die Sie vielleicht schon etwas gelesen haben.
Der eine geht davon aus, dass Kinder mit Autismus größere Schwierigkeiten haben, komplexe und unvorhersagbare Anblicke und Geräusche zu verstehen als andere Kinder. Soziale Interaktionen sind zweifellos komplex und manchmal unvorhersehbar: Dafür muss ein kleines Kind die Bedeutung von Mimik, Sprechen, Geräuschen und Gesten verstehen. Gegenstände hingegen sind vorhersehbarer und im Allgemeinen weniger komplex als Menschen. Wenn ein kleines Kind auf einen Gegenstand einwirkt, dann reagiert dieser im Allgemeinen zuverlässig und vorhersagbar. Das Kind kann ihn den gleichen Vorgang immer wieder wiederholen lassen. Menschen agieren spontan und flexibler als Gegenstände; sie reagieren nicht jedes Mal gleich. Menschen, die versuchen, ein kleines Kind zum Mitmachen zu bewegen, können gelegentlich sehr stimulierend wirken. Sie sprechen vielleicht sehr schnell und mit viel Emotion und erzeugen dadurch viele Laute, die das Kind gleichzeitig verarbeiten muss. Menschen können sich bei Interaktionen auch bewegen und gestikulieren, mit ihren Händen reden und ihren Gesichtsausdruck rasch ändern, um ihn der Art und dem Tonfall des Gesprächs anzupassen. All diese Informationen können das Kind mitunter zu stark stimulieren; es wird dann vielleicht unruhig oder zieht sich in sich selbst zurück.
Das war früher eine weitverbreitete Auffassung von Autismus. Untersuchungen legen jedoch nahe, dass diese Sichtweise nicht zutreffend erklärt, warum kleine Kinder anderen Menschen weniger Aufmerksamkeit schenken.
Einer anderen Ansicht zufolge sind autistische kleine Kinder von Anfang an weniger auf andere eingestimmt. Diese Argumentation geht von der wissenschaftlichen Erkenntnis aus, dass Kinder üblicherweise so „konstruiert“ auf die Welt kommen, dass sie lieber als alles andere Menschen beobachten und mit ihnen interagieren. Wie bei jedem anderen Charakterzug auch ist bei manchen Kindern diese naturgegebene „Anziehung“ schwächer ausgeprägt als bei anderen. Und bei Autismus scheint das der Fall zu sein. Weil Menschen nicht so interessant sind, hat die Welt der Dinge in der Konkurrenz um die Aufmerksamkeit bessere Karten. Das ist bei einem Kind mit einer von Geburt an sehr stark ausgeprägten Anziehung zu Menschen halt anders.
Es fällt auf, dass letztlich beide Theorien darauf hinauslaufen, dass Kinder mit Autismus die Interaktion mit Gegenständen etwas interessanter finden und die Interaktion mit Menschen etwas weniger interessant als die meisten Kinder.
Warum ist das ein Problem?
Wenn kleine Kinder ihren Bezugspersonen nicht viel Beachtung schenken, entgehen ihnen sehr wichtige Lerngelegenheiten. Um zu lernen, müssen Kinder auf alles achten, was andere Menschen tun: auf ihre Bewegungen, die Körpersprache, den Gesichtsausdruck und die Worte. Was sehr kleine Kinder über Kommunikation, Emotionen, Sprache und soziales Miteinander lernen, rührt von zahllosen einzelnen Erfahrungen her, bei denen sie Menschen beobachtet, sie nachgeahmt und mit ihnen interagiert haben. Und wenn sie nicht viel Zeit darauf verwenden, sich auf ihre Eltern oder andere Personen einzustimmen – wenn sie sich also nicht ausgiebig auf die Gesichter, Stimmen und Handlungen anderer konzentrieren –, werden sie langsamer lernen. Und das gilt insbesondere für soziale Kommunikation und Spielen.
Um schneller zu lernen, müssen sie ihre Aufmerksamkeit häufiger auf andere Menschen richten. Aufmerksamkeit richtet den Scheinwerfer auf andere, macht sie heller und wirft ein Schlaglicht auf ihr Handeln, ihr Sprechen und ihre Emotionen. All das ist so entscheidend für soziales Lernen. Kurz gesagt, mehr Aufmerksamkeit auf andere heißt: mehr Gelegenheiten, von ihnen zu lernen.
4.2 Was Sie tun können, damit Ihr Kind stärker auf Menschen achtet
Wie nun treten Sie als Bezugsperson ins Rampenlicht der Aufmerksamkeit Ihres Kindes? Mit fünf konkreten Schritten können Sie seine Aufmerksamkeit stärker auf sich lenken:
Schritt 1: Stellen Sie fest, worauf Ihr Kind seine Aufmerksamkeit gerade richtet.
Schritt 2: Betreten Sie die „Bühne“; positionieren Sie sich.
Schritt 3: Schalten Sie die Konkurrenz aus.
Schritt 4: Ermitteln Sie die soziale Wohlfühlzone Ihres Kindes.
Schritt 5: Warten Sie zunächst ab, was Ihr Kind macht, und machen Sie dann mit.
Auf den folgenden Seiten beschreiben wir, wie Sie diese Schritte durchführen können. Wir geben Ihnen Anregungen für Aktivitäten, die Sie ausprobieren können, und wir machen Vorschläge, wie Sie möglicherweise auftretende Probleme lösen können.
Schritt 1: Stellen Sie fest, worauf Ihr Kind seine Aufmerksamkeit gerade richtet
Die meisten Kleinkinder mit ASS interessieren sich für Gegenstände und Spielsachen und verbringen viel Zeit damit, mit ihnen zu hantieren und zu spielen. Falls das bei Ihrem Kind so ist, finden Sie wahrscheinlich leicht interessante Spielmaterialien. Kleine Kinder haben oft sehr viel Freude an Gegenständen. Sie haben Lieblingsgegenstände, mit denen sie herumprobieren, um interessante Wirkungen zu erzielen, und sie lassen sich gerne im Umgang mit diesen Gegenständen helfen. Die meisten genießen auch lebendige körperliche Spiele, die ihre Eltern erfinden – Raufen, sich im Rhythmus zur Musik bewegen, Rennen, Hüpfen und Schaukeln. Indem Sie Materialien hinzunehmen, für die sich Ihr Kind interessiert oder die es gern mag (etwa ein Lieblingsspielzeug wie eine Eisenbahn, eine geliebte Zeichentrickfigur oder auch eine bevorzugte Aktivität wie Kitzeln), können Sie Lernsituationen kreieren, in denen sich Ihr Kind Ihnen wahrscheinlich zuwendet und mit Ihnen interagiert, also von Ihnen lernt. Zusätzlich können Sie die sozialen Fertigkeiten Ihres Kindes verbessern, indem Sie soziale Interaktionen mit seinem Interesse an speziellen Gegenständen verbinden. Für Ihr Kind sind soziale Interaktionen dann mit seinen Lieblingsbeschäftigungen verknüpft und erscheinen ihm dadurch lohnender.
Begründung: Äußerst verlockende Materialien und Spielaktivitäten motivieren Kinder, mit ihren Eltern zu interagieren. Ein motiviertes Kind ist ein glückliches Kind, es richtet seine Aufmerksamkeit auf seine Eltern und ist lernbereit. Eine hohe Motivation fördert aktives Lernen statt passives Beobachten; und aktiv lernende Kinder zeigen Initiative und Spontaneität – zwei wichtige Eigenschaften, die es bei kleinen Kindern mit Autismus zu fördern gilt. Ein motiviertes Kind will außerdem mit einer Aktivität weitermachen, was Ihnen als Eltern die Chance gibt, viele Lerngelegenheiten in die Aktivität einzubauen. Je länger die Aktivität dauert, desto mehr Lerngelegenheiten können Sie kreieren. Damit Sie also Lerngelegenheiten für Ihr Kind schaffen können, ist es wichtig zu wissen, welche Gegenstände und Betätigungen Ihrem Kind wirklich Freude machen.
Mit den folgenden Methoden finden Sie heraus, welche Beschäftigungen und Materialien Ihr Kind bevorzugt. Die Fragen helfen Ihnen, sich leichter auf das zu konzentrieren, worauf Ihr Kind seine Aufmerksamkeit richtet.
AKTIVITÄT
Stellen Sie fest, was Ihr Kind mag
Beobachten Sie Ihr Kind in den nächsten Tagen eine gewisse Zeit bei den folgenden sechs Aktivitätsarten:
Spielen mit Spielsachen oder anderen Gegenständen
soziales Spiel
Mahlzeiten
Versorgung (Baden, Wickeln, Anziehen, ins Bett bringen)
Beschäftigung mit Büchern
Hausarbeiten
Hier einige Anregungen, wie Sie feststellen können, wofür sich Ihr Kind interessiert und worauf es seine Aufmerksamkeit richtet:
Achten Sie bei jeder der sechs eben aufgeführten Aktivitätsarten darauf, wofür sich Ihr Kind interessiert und worauf es seine Aufmerksamkeit richtet. Erstellen Sie für jeden einzelnen Bereich eine Liste mit den Gegenständen, Materialien, Spielsachen oder körperlichen Spielen, die Ihr Kind allem Anschein nach aussucht und genießt. (Wir haben ein Formblatt vorbereitet, das Sie, wenn Sie mögen, dafür nutzen können) Falls Ihr Kind nicht von sich aus Gegenstände oder körperliche Spiele aussucht, stellen Sie ein paar Materialien oder Gegenstände bereit und ermuntern Sie Ihr Kind, sich damit zu beschäftigen oder zu spielen. Vielleicht finden Sie so heraus, was ihm gefallen könnte.
Beantworten Sie als Nächstes die folgenden Fragen. Berücksichtigen Sie dafür alles, was Ihnen aufgefallen ist, als sich Ihr Kind den genannten Aktivitätsarten widmete. Gehen Sie die Fragen für jede der sechs Aktivitäten durch:
Nach welchen Gegenständen oder Beschäftigungen sucht mein Kind?
Welche Gegenstände beobachtet, ergreift oder hält mein Kind gern?
Bei welchen Beschäftigungen kommt mein Kind zu mir oder zu einem anderen Familienmitglied, damit wir ihm dabei helfen oder sie gemeinsam mit ihm machen?
Was bringt mein Kind zum Lächeln und Lachen?
Was beruhigt mein Kind, wenn es wütend ist? Oder was muntert es auf, wenn es mürrisch ist?
Falls sich Ihr Kind nicht sonderlich für übliche Spielgegenstände interessiert, dann achten Sie darauf, wie es auf andere Alltagsaktivitäten reagiert. Nur sehr wenige kleine Kinder gehen auf gar nichts oder niemanden zu oder reagieren ohne Anleitung auf gar keine Gegenstände. Das kommt vor, ist aber sehr selten. Wenn Ihr Kind sich eigenständig bewegt, worauf bewegt es sich zu oder wovon bewegt es sich weg? Wenn Ihr Kind irgendetwas anfasst oder hält oder etwas beobachtet: was genau? Wenn Sie körperlich mit Ihrem Kind spielen – es kitzeln, mit ihm kuscheln, es drücken, herumwirbeln, was immer Sie spielen –, wie reagiert Ihr Kind da? Was scheint ihm zu gefallen?
Gelegentlich sind die Lieblingsgegenstände von Kindern ziemlich ungewöhnlich für ihr Alter oder sie verwenden sie auf stereotype, eingeschränkte Art und Weise.
Der 26 Monate alte Pablo beispielsweise hält den ganzen Tag die TV-Fernbedienung in der Hand. Er lässt den Fernseher laufen und schaltet zwischen den Programmen hin und her und steht dabei vor dem Ferns...
Inhaltsverzeichnis
Über dieses Buch
Anmerkung der Autorinnen
Danksagung
Einleitung
TEIL I: ERSTE SCHRITTE
TEIL II: ALLTAGSSTRATEGIEN, DIE IHREM KIND HELFEN, SICH EINZUBRINGEN, ZU KOMMUNIZIEREN UND ZU LERNEN
ANHANG
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