Aus tiefer Trauer in ein kraftvolles Leben zurückfinden"Jede Trauer ist individuell für sich betrachtet immer besonders, immer traurig, immer eine Herausforderung, aber immer auch eine Chance zu persönlichem Wachstum und Weiterentwicklung."In kurzen, aber empathischen Abschnitten bietet Christine Kempkes Impulse für den Alltag an, die behutsam dabei helfen, das Leben nach dem Verlust eines geliebten Menschen wieder aktiv zu gestalten und neue Perspektiven zu entwickeln. Nicht nur der Trauerprozess an sich wird thematisiert, sondern auch die alltäglichen "Handgriffe", die sich plötzlich so unendlich schwer anfühlen: • Wie begegne ich Kolleg*innen, Freund*innen etc.? Wie kommuniziere ich, was ich jetzt brauche?• Wie gestalte ich Feiertage wie Weihnachten freudvoll trotz und mit der Trauer?• Wie verarbeite ich intensive Gefühle von Traurigkeit, Wut, Angst oder Schuld?• Wie gehe ich mit Einsamkeit um?• Wie kann ich gut auf mich und meinen Körper achten, wenn sich alles sinnlos anfühlt?Das Buch wird ergänzt durch Videos und Podcastepisoden, in denen die Autorin einzelne Aspekte weiter ausführt und die Leser*innen persönlich begleitet."Durch die Lektüre habe ich Antworten auf Fragen bekommen, die ich mich selbst nicht zu stellen getraut habe."(Edeltraud, Leserin)

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eBook - ePub
Über dieses Buch
Information
1. Was ist Trauer eigentlich?
1.1 Was, wenn Trauer Heilung wäre?
Ja, Sie haben richtig gelesen! Ich starte mit einer auf den ersten Blick etwas provozierenden Frage in dieses Buch. Eine Frage, die Sie aufrütteln soll, gleich zu Beginn aus gewohnten Denkmustern auszubrechen. Die Sie einlädt, eine neue Perspektive auf Ihre Trauer einzunehmen. Die Sie neugierig macht auf ein Gedankenspiel.
Als Kind habe ich diese „Was-wäre-wenn-Spiele“ geliebt. Was wäre, wenn ich fliegen könnte, was wäre, wenn ich mich mit meinem Hund auf eine einsame Insel beamen könnte, was wäre, wenn ich eine Zeitmaschine hätte? Ganz unbefangen und in meinen Denkstrukturen noch nicht begrenzt, fantasierte ich vor mich hin. Die Gedanken waren frei, in meinem Kopf entstand meine eigene kleine Parallelwelt. Was wäre, wenn? So im Konjunktiv gefragt, ist es gleich viel leichter, auch Verrücktes, scheinbar Unvorstellbares zu denken.
Und genau das möchte ich Ihnen hier ermöglichen. Was, wenn Trauer Heilung wäre? Wagen Sie sich gemeinsam mit mir auf ungewohntes Terrain und entdecken Sie eine neue Perspektive, aus der Sie auf Ihre Trauer schauen können.
Trauer – ein ungeliebtes Gefühl
In unserer Gesellschaft gehört die Trauer zu den Gefühlen, die wir am liebsten aus unserem Leben ausklammern. Positive Gefühle wie Freude, Glück oder Zuneigung sind immer herzlich willkommen, sie bringen Glanz in unser Leben und scheinen die wesentliche Zutat für ein gutes Leben zu sein. Meterweise Ratgeberliteratur in den Buchhandlungen suggeriert uns, dass es jederzeit möglich ist, sorgenfrei und wie „aus dem Ei gepellt“ zu leben. In dieser strahlenden Welt haben (vermeintlich) negative Gefühle wie Angst, Wut oder eben Trauer keinen Platz. Sie gilt es, nach allen Regeln der Kunst aus dem Alltag zu verbannen. Bestenfalls bekommt der Leser ein paar Übungen an die Hand, wie das funktionieren kann.
Dabei ist Ihre Trauer gar nicht das Problem, sondern die Lösung! Trauer ist eine natürliche, (über-)lebensnotwendige und gesunde Reaktion auf einen Verlust. Das kann der Tod eines geliebten Menschen genauso sein wie der Verlust einer Partnerschaft, von Heimat (wie es z. B. Flüchtlinge erleben), von Fähigkeiten nach einer Erkrankung oder das Ende einer Lebensphase (beispielsweise wenn Kinder erwachsen werden und aus dem Haus gehen) oder auch der Eintritt ins Rentenalter und damit die Beendigung des Berufslebens. Diese Verluste gehören für jede:n von uns zum Leben dazu, und zwar von klein auf. Da stirbt das geliebte Haustier, wir verlieben und trennen uns, wir verlassen die Schule, beenden eine Ausbildung oder das Studium und so zieht es sich durch das ganze Leben. Und irgendwann, früher oder später, sterben Menschen aus unserem nächsten Umfeld. In allen diesen Verlustsituationen wirkt Trauer wie eine Salbe für die entstandenen Wunden. Indem Sie sich aktiv auf den Schmerz einlassen, ihn zulassen, statt vor ihm wegzulaufen, gehen Sie Schritt für Schritt einen Weg, der Sie schließlich in die Heilung führt.
Dieser Weg führt mitten durch den Schmerz hindurch, nicht an ihm vorbei. Das ist meist der Satz, den meine Klient:innen nicht gerne hören! Natürlich würde ich auch Ihnen als Leser:in gern Schmerz und Leid ersparen, aber zunächst braucht es eben ein Abtauchen und Eintauchen in den Schmerz. Dieses intensive Spüren der Trauer in ihrer ganzen Wucht ist ein zwingend notwendiger Teil des Verarbeitungsprozesses und hat sogar seine positiven Seiten, wie Sie in Abschnitt 4.1 ausführlicher nachlesen können. Ich bin überzeugt davon, dass Sie auch die positiven Gefühle in ihrer vollen Intensität nur spüren können, wenn Sie am anderen Ende der Gefühlsbandbreite die schmerzhaften Gefühle ebenso tief durchleben. Kapseln Sie sich von diesen ab, so beschneiden Sie gleichermaßen Ihre Lebensfreude. Gefühle wollen eben gefühlt werden – und zwar alle!
Wenn Trauer nicht gelebt wird
Was wäre denn die Alternative zur Trauer? Nicht trauern, weglaufen, sich in Aktivitäten stürzen, den Schmerz betäuben. Das mag für eine kurze Zeit gehen und durchaus eine attraktive Lösung sein. Die Trauer vorübergehend zur Seite zu schieben hilft auch, manche Situation im Alltag zu überstehen. Doch Trauer ist schlau! Wird sie dauerhaft nicht beachtet, kehrt sie in neuem Gewand zurück, meist durch die Hintertür, verkleidet z. B. als Migräne, Rückenschmerz, Angstzustand, Panikattacke oder Depression. Trauer selbst ist keine Krankheit, aber nicht gelebte Trauer kann krank machen. Ist es erst einmal so weit gekommen, fällt es Ärzten und Therapeuten oft schwer, den Verlust und die nicht gelebte Trauer als Ursache auszumachen. Nicht selten kommt es dann zu langwierigen Therapieverläufen, die sich wie ein „Stochern im Nebel“ anfühlen. Sollten Sie gerade an diesem Punkt stehen und sich fragen, ob Ihre körperlichen und / oder psychischen Symptome auf einen nicht verarbeiteten Verlust zurückzuführen sind, dann empfehle ich Ihnen, sich entweder eine gute Trauerbegleitung zu suchen oder einen Therapeuten mit Erfahrung im Bereich Trauer. Hinweise dazu finden Sie im Anhang.
Aktiv zu trauern bedeutet also, sich auf einen heilsamen Weg zu machen. Wie dieser Weg für Sie persönlich aussieht und in welchem Tempo Sie ihn gehen, das bestimmen Sie ganz allein. Sie werden auf steinige Passagen, Weggabelungen, Steigungen, Gefälle und Serpentinen treffen, aber es ist wie beim Bergsteigen: Die Mühen des Aufstiegs werden durch eine wunderschöne Aussicht, den weiten Blick und das Gefühl, etwas geschafft zu haben, belohnt. So werden Sie eines Tages auf Ihren Weg der Heilung zurückblicken und sagen können: Ja, es war ein verdammt harter Weg, den ich mir gern erspart hätte, aber ich weiß auch zu schätzen, was ich dadurch gewonnen habe.
Vielleicht erscheint Ihnen das aus heutiger Sicht noch unvorstellbar. Vielleicht regt sich in Ihnen gerade auch Widerstand, weil Sie doch eigentlich nur den alten Zustand wiederherstellen möchten, statt ohne den geliebten Menschen weiterleben zu müssen. Daher gehören eine Portion Vertrauen und Mut in Ihr Handgepäck. Vertrauen darauf, dass Sie alles in sich tragen, was Sie für Ihren Weg benötigen. Vertrauen auch darauf, dass Sie zur rechten Zeit wissen werden, was zu tun ist. Martin Walser beschreibt dieses Vertrauen mit dem Satz „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße“. Mut können Sie gut gebrauchen, um ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege auszuprobieren.
Gedankenspiel
Ich lade Sie ein, Ihre Trauer zu personalisieren und sich ihr mit diesen Fragen auf andere Art zu nähern:
- Wenn Trauer ein Tier wäre, welches wäre es für Sie und warum? Welche Eigenschaften hat dieses Tier? Welche seiner Eigenschaften könnten Ihnen auf Ihrem Weg behilflich sein?
- Wenn Trauer eine Person wäre, welchen Namen würden Sie ihr geben? Was würden Sie sie als Erstes fragen? Was würde sie antworten? Vielleicht kommen Sie nun miteinander ins Gespräch.
Diese Art der personalisierten Trauer kann Sie unterstützen, einen leichteren Zugang zu ihr zu entwickeln. Manche Trauernde geben bewusst einen Namen mit Augenzwinkern, z. B. „Miss Daisy“ oder „Agathe“ – das schafft bei allem Schmerz auch eine gewisse Leichtigkeit. Manche verabreden sich mit ihrer Trauer auf dem Sofa bei Kerzenschein und Wein, um Dinge auszusprechen, die ihr Herz beschweren, oder auch, um mal so richtig loszuschimpfen. Auch wenn es für Sie gerade etwas spooky klingt, es tut gut, auf die Antworten zu hören. Denn wie wir alle, möchte auch Ihre Trauer gesehen und gehört werden!

1.2 Die sechs Notwendigkeiten der Trauer nach Alan D. Wolfelt
Es gibt verschiedene Modelle, die helfen, das Phänomen Trauer besser zu verstehen. Die wohl bekanntesten sind sogenannte Trauerphasenmodelle, z. B. des amerikanischen Psychologieprofessors J. William Worden oder der Psychologin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Verena Kast. Demnach verläuft Trauer in verschiedenen Phasen, die in individuell unterschiedlicher Intensität und Länge durchlaufen werden.
Ich persönlich arbeite nicht gern mit solchen Phasenmodellen, weil sie suggerieren, Trauer lasse sich in Abschnitte einteilen, die in einer bestimmten Reihenfolge durchlaufen werden. Zudem lässt der Begriff „Phase“ darauf schließen, dass es einen definierten Anfang und ein Ende jedes Abschnitts gibt, bevor die nächste Phase beginnt. Dies führt meiner Erfahrung nach dazu, dass Trauernde sich „falsch“ fühlen, wenn sie in einer Phase feststecken und damit der Weg in die nächste Phase verschlossen bleibt. Oder wenn sie zwischen zwei Phasen hin und her springen, weil manche Themen immer mal wieder neu angeschaut werden wollen.
Umso glücklicher war ich, in meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin das Modell der „sechs Notwendigkeiten der Trauer“ nach Alan D. Wolfelt kennenzulernen. Diese sechs Notwendigkeiten können Sie sich wie Aufgaben vorstellen, die das Leben Ihnen in Zeiten der Trauer stellt. Es gibt dabei keine vorgegebene Reihenfolge, die Sie einhalten sollten, und vor allem können Sie auch mehrere Aufgaben parallel „bearbeiten“. Das passiert oft ganz automatisch, weil beispielsweise manche Rituale sich auf mehr als eine Notwendigkeit beziehen. Zudem können Sie einzelne Notwendigkeiten ruhen lassen, wenn Sie vorerst das Gefühl haben, nicht weiterzukommen. Manchmal ist die Zeit einfach noch nicht reif für bestimmte Verarbeitungsprozesse. Dann macht es Sinn, die Aufgabe beiseitezulegen in dem Vertrauen, dass der passende Zeitpunkt kommen wird.
Auch ist es nach diesem Modell möglich, zwischen Aufgaben zu springen und dennoch das Gefühl zu haben, dass es vorwärtsgeht. In meiner Arbeit mit Trauernden erlebe ich immer wieder, dass sie sich gut in die verschiedenen Aufgaben hineinversetzen und mit ihnen ihren persönlichen Trauerprozess gestalten können.
Die im Folgenden genannte Reihenfolge ist daher keine Vorgabe für Ihre Trauer. Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie zu allen Notwendigkeiten bereits Teilaufgaben erledigt haben. Sie ganz allein sind die Expertin oder der Experte Ihrer Trauer und entscheiden, welche Themen Sie wann angehen möchten.
1. Notwendigkeit: die Realität des Todes anerkennen
Es geht darum anzuerkennen, dass der geliebte Mensch wirklich tot ist. Er wird nicht, wie gewohnt, heute Abend zur Tür hereinkommen oder Ihnen ein fröhliches „Hallo“ entgegenrufen. Gerade bei sehr plötzlichen Todesfällen, z. B. durch Unfall oder Suizid, ist dies eine echte Herausforderung. Viele Trauernde haben auch Wochen oder Monate nach dem Tod noch das Gefühl, der Verstorbene sei nur vorübergehend verschwunden. Alles sei nur ein schlimmer Albtraum, aus dem sie bald erwachen würden.
Aus diesen Gründen ist es so wichtig, sich vom Toten zu verabschieden. Viele Angehörige, die im Rahmen der Bestattungsplanung bei mir sitzen, möchten sich nicht mehr am offenen Sarg verabschieden. „Wir möchten ihn oder sie so wie im Leben in Erinnerung behalten“ ist das Argument, das ich dann meistens höre. Doch mit Blick auf diese erste Notwendigkeit der Trauer ist genau das heilsam: zu sehen, dass der Mensch wirklich tot ist, dass er sich kalt anfühlt und dabei ganz friedlich aussieht. Wohltuend ist auch, persönliche Gegenstände wie Fotos, Schmuck oder andere Erinnerungsstücke in den Sarg zu legen und diesen mit dem Bestatter gemeinsam zu schließen. So wird die Realität des Todes im wahrsten Wortsinn be-„greif-“bar.
Natürlich wirkt auch die Beerdigung darauf hin, die Realität anzuerkennen. Je aktiver Sie diese selbst gestalten, indem Sie beispielsweise die Musik aussuchen oder persönliche Gestaltungselemente einbauen, desto besser.
Schließlich gibt es viele kleine und größere Zeichen, die Ihnen die Realität ohne Ihren geliebten Menschen vor Augen führen: das Bett, das Abend für Abend leer bleibt, der Besuch auf dem Friedhof oder die Pflege des Grabes.
2. Notwendigkeit: den Schmerz annehmen
Viele Trauernde möchten vor dem Schmerz am liebsten weglaufen. Der Tränensee staut sich, bis er überläuft – doch genau dann tritt endlich Erleichterung ein. Es gehört also zu den heilsamen Traueraufgaben, sich dem Schmerz zu stellen und ihn in seiner ganzen Intensität zu spüren und zu durchlaufen (siehe auch Abschnitt 1.2). Wundern Sie sich nicht, wenn Sie in den ersten Monaten das Gefühl haben, dass der Schmerz immer schlimmer statt besser wird. Das ist ein Schutz Ihrer Psyche, Bedrohliches nur Stück für Stück an Sie heranzulassen. Und zwar in dem Maße, wie Sie die Bedrohung vertragen können.
Augen auf und durch
Auch wenn Sie gern eine andere Botschaft hören würden: Es gibt nur diesen einen Weg durch den Schmerz hindurch, nicht an ihm vorbei. Ich empfehle Ihnen, eben nicht die Augen und Ihr Herz zu verschließen, sondern ganz bewusst mit offenen Augen und weit geöffnetem Herzen diesen schmerzvollen Weg zu gehen.
Manche meiner Klient:innen berichten mir nach der ersten Sitzung erleichtert, dass sie erstmals richtig weinen konnten. Allzu oft diktiert uns das Leben, für andere funktionieren zu müssen. Allzu oft meinen wir, stark sein zu müssen, und werten Tränen als Zeichen von Schwäche. Was h...
Inhaltsverzeichnis
- Über dieses Buch
- Geleitwort
- Vorwort und Dank
- 1. Was ist Trauer eigentlich?
- 2. Besondere Umstände
- 3. Was verbirgt sich noch hinter dem großen Gefühl der Trauer?
- 4. Wie sich Trauer auf unser Leben auswirkt
- 5. Mit der Trauer weiterLEBEN
- 6. Einsamkeit
- 7. Jahrestage, Gedenktage und andere besondere Zeiten
- 8. Glaube, Spiritualität & Co.
- 9. Einen Sterbenden begleiten
- Anhang
- Literatur
- Index
- Über die Autorin
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