Von der Überlebensstrategie zum selbstbestimmten und freien LebenDer Mensch tut nichts ohne Grund! – Unser Verhalten ist darauf ausgerichtet durch Bedürfnisbefriedigung inneres Gleichgewicht zu erreichen und aufrecht zu erhalten. Lernprozesse lassen dabei im Laufe des Lebens bestimmte Regeln, Gebote und Verbote entstehen. Solche automatisierten, nicht bewusstseinspflichtigen Verhaltensanweisungen werden in der SBT als "Überlebensstrategien" bezeichnet. Im Falle psychischer Erkrankung sind sie jedoch dysfunktional geworden. In diesem Buch werden die theoretischen Grundlagen der SBT sowie die verschiedenen Interventionsmodule praxisnah beschrieben. Das Embodimentkonzept prägt dabei insbesondere die praktische, für Patienten und ihre Therapeuten erfrischende und aktivierende, Arbeitsweise. Durch das Embodiment wird der heute erweiterte Kognitionsbegriff – Denken und Handeln mit dem Körper – berücksichtigt. Dies erlaubt es, auf wissenschaftlich fundierte Weise, nicht nur die wichtige emotionale Aktivierung sondern auch die problemlösenden Aktivitäten zu unterstützen.

eBook - ePub
Strategisch Behaviorale Therapie (SBT)
Therapeutische Skills kompakt, Bd. 14
- 144 Seiten
- German
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Strategisch Behaviorale Therapie (SBT)
Therapeutische Skills kompakt, Bd. 14
Über dieses Buch
Information
Thema
PsychologieTEIL II: PRAKTISCHE GRUNDLAGEN DER SBT
6. Von der Fallkonzeption zur Strategie der Therapie
Während die Überlebensstrategie das Kernstück des funktionalen Bedingungsmodells bildet, bietet die Lebensstrategie nicht nur für den Therapeuten, sondern auch für den Patienten eine leicht verständliche Orientierung für die Behandlungsplanung. Beides zusammen bildet den roten Faden im therapeutischen Prozess der SBT, auf den immer wieder zurückgegriffen wird. Der Fall von Herrn B. wird im Folgenden zur Veranschaulichung der Vorgehensweise und der sieben Module genutzt. In Kapitel 8 gibt eine weitere Fallbeschreibung vertieften Einblick in die Arbeit im Rahmen der SBT.
BEISPIEL
Herr B., 40 Jahre alt, Sachbearbeiter mit mittelgradig depressiver Episode, sozialer Phobie und Zügen einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeit
Der jünger wirkende Sachbearbeiter einer Versicherung mit leicht untersetzter Figur ist im Kontakt unsicher. Auf Fragen antwortet er sehr zögerlich. In der Körperhaltung wirkt er steif und die Mimik ist nicht sehr ausgeprägt. Er berichtet, dass er schon seit 20 Jahren Single sei und zunehmend darunter leide. Er habe bisher nur eine Freundin im Alter von 18 Jahren gehabt, die ihn nach zwei Jahren für einen anderen Mann verließ. Herr B. berichtet, wie schwer es ihm falle, soziale Kontakte aufzubauen, zu halten und sich für Hobbys zu motivieren. Momentan lebt er alleine in einer Mietwohnung, geht selten aus und verbringt die meiste freie Zeit im Internet. Er fühlt sich immer häufiger einsam. In letzter Zeit hat Herr B. an Gewicht zugenommen, da er sich kaum bewegt und aus Frust vor allem abends Chips und Schokolade isst. Der Schlaf ist ebenfalls durch Grübeln beeinträchtigt. Anlass zur Therapie ist die Rückmeldung seiner Vorgesetzten, dass seine fachlichen Leistungen zwar in Ordnung seien, jedoch nicht seine sozialen Kompetenzen. Er kommuniziere zu wenig mit seinen Kollegen und zeige kaum Eigeninitiative. Der Patient fürchtet nun um seinen Arbeitsplatz. Das Verhältnis zu seinem jüngeren, sehr temperamentvollen Bruder beschreibt er als schwierig und mit den folgenden Worten: „Er brauchte schon als Kind so viel Aufmerksamkeit von meinen Eltern, da blieb für mich nichts mehr übrig.“ Als Schüler wurde er aufgrund seiner rundlichen Figur gemobbt. Gerade unter gleichaltrigen Männern tut sich der Patient sehr schwer und lehnt das typisch männliche Gehabe ab. Er selbst beschreibt sich als sensiblen Mann, der gerne von Frauen als Kumpel gesehen werde. Männliche Freunde finden sich in seinem Freundeskreis nicht.
6.1 Aus der Überlebens- wird eine Lebensstrategie: der rote Faden in der SBT
Die Überlebensstrategie birgt nicht zuletzt deswegen so viele Risiken, weil sie zur Aufrechterhaltung der inneren Homöostase eine unauflösliche kausale Folge suggeriert. Die Begriffe „immer“ und „nie“ verdeutlichen die Vorhersagbarkeit des eigenen Verhaltens und geben so der Identität ein stabiles Fundament. Die Verknüpfung „Nur wenn … dann …“ zeigt, dass es genau einen einzigen Weg gibt, sich die lebenswichtigen Bedürfnisse zu erfüllen und die zentralen Ängste zu vermeiden. Andere Wege sind für die Patienten im wahrsten Sinne des Wortes oft noch nicht mal „denkbar“, geschweige denn „begehbar“, was sich häufig auch in der Schwierigkeit, Therapieziele zu benennen, widerspiegelt.
Im Gegensatz zu den kindlichen Erfahrungen in der Primärfamilie, in der die Überlebensstrategie ihren Ursprung hat, reagiert die Umwelt des Erwachsenen häufig nicht entsprechend. Typischerweise kommt es dann in Stresssituationen zu einer noch rigideren Anwendung der Überlebensstrategie. Die Folge ist, dass der Betroffene sich im Hamsterrad der eigenen Verhaltensroutinen sprichwörtlich „tot“ läuft. Denn er tut immer mehr des Gleichen und scheitert kläglich, weil sich trotz seiner Anstrengung die lebensnotwendigen Folgen nicht einstellen oder sogar das Gegenteil eintritt. Findet dann in einer solchen Situation keine Flexibilisierung der Überlebensstrategie statt, kommt es zur Symptombildung bis hin zur akuten Krise. Denn das Symptom hilft, wie in Abschnitt 3.2 beschrieben, die Überlebensstrategie trotz veränderter Umweltbedingungen aufrechtzuerhalten und das System vor einer Veränderung zu schützen.
BEISPIEL
Die Überlebensstrategie von Herrn B. – Ausgangspunkt für die Förderung der Veränderungsbereitschaft
Die Überlebensstrategie wird zumeist mithilfe der in Abschnitt 5.1 beschriebenen Methodik bereits innerhalb der Probatorik erhoben. Ausgangspunkt ist, wie für die SBT üblich, eine typische problematische Situation des Patienten. Herr B. entschied sich für eine Situation aus seinem Privatleben. Seine Überlebensstrategie lautet:
- Nur wenn ich immer passiv abwarte und meine Umgebung genau beobachte
- und wenn ich niemals auffalle, den ersten Schritt mache und mich durchsetze,
- dann bewahre ich mir Sicherheit und Zuneigung
- und verhindere Abwertung und Ausgrenzung.
Seine Überlebensstrategie bringt auf den Punkt, was sich für einen Außenstehenden bereits in der Fallbeschreibung von Herrn B. offenkundig zeigt. Herr B. hat sich aufgrund seiner Passivität in eine Sackgasse manövriert, die zunehmend zu einer depressiven Symptomatik führt. Die sozialen Ängste und seine generelle Zurückhaltung sind eine große Barriere auf seinem Weg in ein erfülltes Leben.
Nachdem die Überlebensstrategie die gerade wirkenden Automatismen des Patienten auf den Punkt bringt, gilt es nun, eine ebenso griffige Formulierung für die zukünftig zu erlernenden Verhaltensweisen zu finden – die Rede ist von der Lebensstrategie. Hier kann der Rückgriff auf Embodimenttechniken sehr hilfreich sein. Denn das Aufrechterhalten der Überlebensstrategie unter den Belastungen des Alltags fordert einen hohen Preis, den auch der Körper deutlich zu spüren bekommt. So sind beispielsweise Schlafstörungen, verändertes Essverhalten, Rücken-, Bauch- oder Kopfschmerzen häufige Begleiterscheinungen von psychischen Erkrankungen. Der Körper ist deshalb auch derjenige, dem es zumeist leichter fällt, den ersten Schritt aus der engen Corsage der Überlebensstrategie zu wagen. Die Verkörperung von Ist- und Soll-Zustand bietet daher eine hilfreiche Möglichkeit, gleich zu Beginn der Behandlung auch ohne Worte den Therapieplan gemeinsam mit dem Patienten zu skizzieren. Denn das Embodiment einer erfolgreichen Zielerreichung ist ein Weg, der im Raum nach vorne führt (Natanzon & Ferguson, 2012). Definiert wird er durch
- einen Anfangszustand, den sog. Ist-Zustand,
- einen Zielzustand, den sog. Soll-Zustand,
- sowie eine Barriere, die die Überführung des Ist-Werts in den Soll-Wert behindert oder sogar vereitelt.
Diese Gliederung bringt die therapeutische Situation auf den Punkt und bietet für das Wahrnehmen und das Tun eine hilfreiche Struktur.
Es muss eine alternative Herangehensweise gefunden werden, die den Weg vom Ist-Zustand zum erwünschten Soll-Zustand überbrückt. Diese Zusammenhänge bringen jegliches Problem in ein überschaubares Format. Problembezogene Gespräche münden dann in die an den Patienten gerichtete Bitte, mithilfe von Gegenständen den momentan gefühlten problematischen Ist-Zustand sowie den in der Zukunft liegenden gewünschten Ziel-Zustand zu symbolisieren. Weiterhin wird der Patient aufgefordert, eine Barriere aufzustellen, die den Weg vom Ist-Zustand zum Ziel blockiert. Dieses einfache räumliche Arrangement ist im Sinne der Embodimentperspektive als eine konzeptuelle Metapher zu verstehen. Sie ermöglicht es, mit recht komplexen Sachverhalten umzugehen, indem man sie in einfache körpernahe Handlungen umsetzt. In der täglichen Arbeit mit Patienten sahen wir, dass dabei das Wissen über konkrete Quelldomänen (z. B. der Startpunkt eines Weges, hier der Ist-Zustand) genutzt werden kann, um davon ausgehend komplexere Konzepte, wie z. B. den Anfangszustand eines interaktiven Problems, bei dem es etwa um eine Bedürfnisfrustration geht, zu realisieren. Quellkonzepte repräsentieren einfache körperbezogene Interaktionen mit der physikalischen und sozialen Umwelt, z. B. die Bewegung nach vorne zum Soll-Zustand, von dort die Rückwärtsbewegung zum Ist-Zustand. Beobachtungen aus dem therapeutischen Alltag zeigen, dass diese Bewegungen auch eine zeitliche Bedeutung verkörpern. Vorwärtsbewegungen sind mit dem Konzept der „Zukunft“ und Rückwärtsbewegungen mit dem Konzept der „Vergangenheit“ assoziiert (Miles et al., 2010). Wenn wir den Patienten bitten, sich auf den Ist-Zustand zu stellen und sich von dort auf den Soll-Zustand hin zu bewegen, so entspricht dies gleichzeitig einem Herstellen von Zukunft (Koch et al., 2008, 2009). Diese konkreten und greifbaren Quellkonzepte sowie die dadurch vermittelte Spannung zwischen Ist- und Soll-Zustand helfen dem Patienten,
- deutlicher zu erfahren, wie der psychische Ausgangszustand beschaffen ist und wie er sich vom erwünschten Zielzustand unterscheidet,
- und zu entscheiden, was in einer Situation nicht mehr geduldet und was die Person nicht mehr sein will bzw. was sie in der Zukunft sein will und was sie hier erleben will.
Die sehr konkreten und greifbaren Quellkonze...
Inhaltsverzeichnis
- Über dieses Buch
- Geleitwort
- Vorwort
- TEIL I: THEORETISCHE GRUNDLAGEN DER SBT
- TEIL II: PRAKTISCHE GRUNDLAGEN DER SBT
- Literatur
- Index
- Über die Autoren
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