Resilienz in der Schule
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Resilienz in der Schule

Wie Kinder stark werden

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Resilienz in der Schule

Wie Kinder stark werden

Über dieses Buch

So werden Kinder stark – und Sie zu ihrem VorbildResilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, ist unerlässlich, um schwierige Situationen und Herausforderungen im Leben bewältigen zu können. Für Lehrerinnen und Lehrer ist Resilienz im Schulalltag eine wichtige Kompetenz, die dabei hilft, gelassener mit individuellen Verhaltensauffälligkeiten einzelner Kinder und mit klassendynamischen Prozessen umzugehen. Resilienz setzt sich unter anderem aus den Aspekten Optimismus und Fehlerfreundlichkeit, Lösungsorientierung, persönliche Verantwortungsübernahme, Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenzen zusammen. Pädagogen, die ihren Schülern diese Werte vorleben, unterstützen sie in einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung – und vermitteln über das reine Schulwissen hinaus grundlegende Ressourcen für ein selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben.Mit neurobiologischem Hintergrundwissen und vor allem praktischen Übungen unterstützt dieses Buch Sie in der Entwicklung Ihrer Resilienz und bietet Ihnen Ideen und Anregungen für die Resilienzförderung Ihrer Schüler und Schülerinnen.

Information

Jahr
2019
ISBN drucken
9783955718053
eBook-ISBN:
9783955718060

TEIL II: RESILIENZ IN DER (SCHUL-)PRAXIS

4. Resilienz ganzheitlich gefördert

„Es sind nicht die äußeren Umstände, die das Leben verändern,
sondern die inneren Veränderungen, die sich im Leben äußern.“
(Wilma Thomalla)
In den ersten drei Kapiteln dieses Buches …
  1. … wurden Ihnen die Schlüssel zur Resilienz vorgestellt.
  2. … konnte herausgestellt werden, dass die eigene Haltung entscheidend ist, wenn man Resilienz fördern und vermitteln möchte.
  3. … wurde die Rolle des Gehirns in diesem Zusammenhang erklärt.
So weit die Theorie. Sie haben dieses Buch, so vermute ich, in erster Linie aber gekauft, um schnell und möglichst einfach umsetzbare Übungen zu erhalten und nach der Lektüre oder währenddessen gleich praktisch loslegen zu können – für sich allein oder zusammen mit Ihren Schülern. Und genau darum soll es in diesem und den folgenden Kapiteln gehen: ums Machen!
Was uns davon abhalten könnte? – Nun, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Sicherlich wissen Sie aus eigener Erfahrung, wie sehr Gewohnheiten Ihr Handeln und Erleben beeinflussen können. Wie groß der Einfluss tatsächlich ist, wird meistens deutlich, wenn wir versuchen, alte Gewohnheiten zu verändern. Wenn Sie sich beispielsweise vorgenommen haben, mehr Sport zu treiben, wird es Sie nach anfänglicher Euphorie Kraft kosten, dem heimischen Sofa zu widerstehen und stattdessen die Sportschuhe anzuziehen und loszulegen. Oder Sie erwischen sich dabei, wie Sie unbewusst in den Süßigkeitenteller greifen, der im Lehrerzimmer steht, obwohl Sie doch kein Süßzeug mehr essen wollten.
Die eigenen Gewohnheiten zu verändern bedeutet innere Arbeit und braucht Zeit. Durchschnittlich 30 Tage brauchen wir, um routinierter mit der neuen Gewohnheit umgehen zu können. Je nach Art und Umfang des zu ändernden Verhaltens kann es auch mehrere Monate dauern, bis das neue Verhalten stabil und unbewusst abläuft. Erinnern Sie sich auch an Abbildung 1.3: Veränderung geschieht nicht linear, wir fallen also auch immer mal wieder in ein altes Muster zurück. Das sollte uns jedoch nicht entmutigen: Trotz des „Rückfalls“ haben wir bereits eine Veränderung erreicht, da das neue Verhalten parallel aufgebaut wird und wir immer leichter Zugriff darauf bekommen.

4.1 Veränderung beginnt im Kopf!

Um in einer komplexen Umwelt handlungsfähig zu bleiben, sind Automatismen grundsätzlich hilfreich. Nur mit ihrer Hilfe können wir die Vielzahl von Entscheidungen und Anforderungen, mit denen wir täglich konfrontiert werden, bewältigen. Automatismen führen jedoch dazu, dass wir die Welt oftmals unkritisch anhand unseres grundsätzlichen Erfahrungsmodells einschätzen. Unsere Wahrnehmung ist daher „getrübt“ und selektiv. Warum das so fatal ist, demonstrieren unter anderem Experimente mit Tieren: Elefanten in Indien zum Beispiel, die in Gefangenschaft großgezogen werden, bekommen, wenn sie klein sind, eine Fessel an den Fuß, die sie daran hindert, wegzulaufen. Wenn die Elefanten ausgewachsen sind, würde sie die Fessel eigentlich nicht mehr aufhalten können. Sie wären kräftig genug, die Fessel mitsamt Pflock aus dem Boden zu ziehen und zu flüchten. Doch die Tiere haben gelernt (die Gewohnheit entwickelt), zu bleiben, solange die Fessel sich an ihrem Fuß befindet. Sie reicht also aus, dass die Elefanten sich angekettet fühlen. Den argentinischen Autor und Psychotherapeuten Jorge Bucay hat diese traurige Tatsache übrigens zu einer poetischen Geschichte inspiriert, die als Lehrgeschichte für uns Menschen gelesen werden kann („Der angekettete Elefant“ in Bucay, 2008).
Ein anderes Beispiel2: Im Rahmen einer Studie mit Menschenaffen wurden Schimpansen in einen Raum gebracht, in dem sich eine Leiter befand, auf der Bananen lagen. Die Schimpansen wollten sich natürlich gleich über die Bananen hermachen. Jedes Mal jedoch, wenn ein Affe die Leiter hinaufkletterte, wurden die anderen mit kaltem Wasser abgespritzt. Das hatte zur Folge, dass, wann immer ein Affe versuchte, die Leiter zu erklimmen, die anderen Affen ihn gewaltsam daran hinderten. Es dauerte nicht lange und kein Schimpanse ging mehr an die Bananen ran. Es hatte ein Lernprozess stattgefunden.
Dann begann das eigentliche Experiment: Ein Affe wurde durch einen neuen, der diese Lernerfahrung noch nicht gemacht hatte, ausgetauscht. Als er die Bananen erblickte und sich der Leiter näherte, hielten ihn die anderen wieder davon ab, sie zu berühren. Auf diese Weise „lernte“ auch der neue Affe, dass er die Leiter nicht zu berühren hatte, auch wenn ihm wohl nicht klar gewesen sein dürfte, warum.
In weiteren Schritten wurden alle Affen nach und nach ausgetauscht, bis keiner der Schimpansen, die einst die „Wasserdusche“ erhalten hatten, mehr im Raum war. Und dennoch: Keiner der neuen Affen ging jemals an die Leiter (Michalko, 2012).
Nun könnten Sie einwenden, dass wir aufgrund unserer hochgeschätzten mensch­lichen Intelligenz solchen Mechanismen wohl nicht erliegen. Doch weit gefehlt! Eine ganze Reihe von Experimenten beweist uns das Gegenteil. Im Internet können Sie sich ein Video von solch einem sozialen Experiment anschauen: In dem gefilmten Wartezimmer sitzen diverse Statisten und eine tatsächliche (nicht eingeweihte) Patientin. Jedes Mal, wenn ein Tonsignal ertönt, stehen die Statisten kurz auf und setzen sich nach wenigen Sekunden wieder. Die „echte“ Wartende beobachtet das Schauspiel eine Weile und ahmt das Verhalten dann – zwar etwas irritiert, aber bereit­willig – nach.
Auch hier werden nach und nach die Statisten einzeln „abgezogen“ und weitere nicht eingeweihte Personen betreten das Wartezimmer. Was passiert? Alle Patienten passen sich beim Ertönen des Tonsignals ihren Vorgängern an und stehen auf, auch wenn keiner weiß, warum eigentlich (Quelle: https://www.cartoonland.de/archiv/soziales-experiment-aufstehen-piep).
Unser Gehirn scheint anfällig dafür zu sein, vorgegebene Strukturen unhinterfragt zu übernehmen. Machen wir uns solche Mechanismen bewusst! Eine kritische Hinterfragung dieser Prozesse ist der erste Schritt, um verstehen zu können, wie die eigenen Überzeugungen entstanden sind und sich verfestigt haben. Durch die Bewusstwerdung haben Sie die Chance, (neu) zu entscheiden, welche Veränderungen für Sie sinnvoll sind.
Mir ist es beispielsweise beim typischen Begrüßungsritual in der Schule so ergangen: Der Lehrer stellt sich zu Beginn der Stunde vorne hin und begrüßt alle mit einem „Guten Morgen“, worauf die ganze Klasse im Singsang zurückgrüßt. Warum machen wir das eigentlich so?
Unser Schulsystem stammt aus einer Zeit, in der es darum ging, Menschen zu gehorsamen Pflichterfüllern zu erziehen. Die Lehrkraft war die Obrigkeit, der man zu gehorchen hatte. So sind zum Teil „Hierarchiestatusspiele“ entstanden, die heute noch Anwendung finden, im gesellschaftlichen Miteinander aber nicht mehr recht passen.
Mir fiel auf, dass ich besonders die ruhigen Kinder an manchen Tagen kaum wahrnehme. In der Gruppe binden meist die lauten und unruhigen Kinder unsere Aufmerksamkeit. Ich wollte jedoch bewusst auch den zurückhaltenden Kindern meine Aufmerksamkeit schenken. Daher entschied ich mich dazu, dieses Begrüßungsritual zu verändern (vgl. dazu auch Abschnitt 7.1). Wenn ich heute in eine Klasse / Gruppe hineinkomme, begrüße ich jeden Schüler persönlich mit Handschlag. So habe ich die Möglichkeit, jeden einmal direkt anzuschauen und vielleicht ein persönliches Wort zu wechseln. Ich zeige auf diese Weise jedem, dass es schön ist, dass er da ist und dass er mir wichtig ist.
Die Schüler reagierten zu Beginn ganz unterschiedlich darauf. Die eher auffälligen gaben mir anfangs oft gar nicht die Hand. Sie waren misstrauisch und erwarteten prinzipiell eine Ermahnung, sobald ein Erwachsener in ihre Nähe kam. Andere schauten mich zunächst nicht an oder meinten, sie müssten mir die Hand geben, auch wenn sie das eigentlich gar nicht wollten. Ich ermutigte sie dazu, das neue Begrüßungsritual lediglich als Angebot zu verstehen, und erklärte ihnen, dass sie mir keinesfalls die Hand geben müssten. Das irritierte die meisten noch mehr. Ein Schüler fragte mich, ob das ein Trick sei. Diese eine kleine Musterunterbrechung zeigt bereits, woran unser Schulsystem krankt: Meinen Sie, in einem von Misstrauen und hierarchisch geprägten Umfeld ließe sich gut lernen? Für mich hat das Handgeben einen symbolischen Charakter, verdeutlicht es doch, dass es um eine Kooperation zwischen Lehrperson und Schülern geht. Wir können junge Menschen aufgrund der Schulpflicht zwar zwingen, in die Schule zu gehen, doch Lernen ist immer ein innerer Prozess. Wir können in der Schule die Lernbedingungen, die Atmosphäre und die Beziehungskultur mitgestalten, um diesen inneren Prozess bestmöglich zu fördern.

4.2 Überzeugungen und Glaubenssätze: Resilienz durch Mentaltraining

Ich möchte Sie zu einer kleinen Übung einladen:
ÜBUNG
Fingermagnete
Setzen Sie sich entspannt hin, stellen Sie Ihre Füße auf den Boden, legen Sie Ihre Hände auf die Oberschenkel und schließen Sie die Augen. Konzentrieren Sie sich einen Moment auf Ihren Atem. Atmen Sie durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Spüren Sie, wie sich Ihr Körper mit jedem Ausatmen mehr und mehr entspannt.
Dann öffnen Sie Ihre Augen wieder.
Falten Sie Ihre Hände und winkeln Sie Ihre Arme an, als würden Sie beten. Dann strecken Sie beide Zeigefinger nach oben und ziehen Sie diese möglichst auseinander. Die Zeigefinger bilden so den Buchstaben V. Konzentrieren Sie sich nur auf Ihre Fingerspitzen – alles andere ist für diesen Moment unwichtig – und stellen Sie sich vor, Ihre Finger seien Magnete, die sich anziehen. Verstärken Sie diese Vorstellung und schauen Sie zu, wie Ihre Finger sich wie von Geisterhand anziehen. Einfach nur, weil Sie Ihre Vorstellungskraft aktiviert haben.
Spannend, oder nicht? Sie konnten gerade erleben, wie Ihr Körper durch die Kraft Ihrer Gedanken reagiert hat, ohne dass Sie bewusst die Finger bewegen mussten. Alles, was wir in unserem Leben erfahren haben, ist innerlich gespeichert und an Erwartungen geknüpft. Da Sie Magnete kennen, haben Sie eine bestimmte Erwartungshaltung, was passieren würde, wenn Ihre Finger Magnete wären. Das zeigt sich dann in Ihrer Physiologie, indem sich die Finger, scheinbar automatisch, aufeinander zu bewegen. Voraussetzung ist lediglich, dass Sie Ihre Vorstellungskraft aktivieren. Unsere innere Überzeugung hat demnach direkten Einfluss auf unsere Muskulatur und unseren Körperausdruck.
Unser Gehirn und unser Körper bilden eine Einheit und stehen untrennbar miteinander in Beziehung. Jeder Gedanke löst ein Gefühl aus und dieses spiegelt sich in unserer Physiologie wider. Alexander Hartmann bezeichnet dies in seinem Buch Mit dem Elefant durch die Wand: Wie wir unser Unterbewusstsein auf Erfolgskurs bringen als „Reality-Loops“ (vgl. hierzu auch Abbildung 4.1).
Abbildung 4.1: Reality-Loops (nach Hartmann, 2015)
Vielleicht kennen Sie das auch aus dem Sport? Wenn Sie in einem Wettkampf zurückliegen, ist es oft schwer, noch an den eigenen Sieg zu glauben. Die Niederlage vollzieht sich bereits im Kopf und die Muskulatur wird verspannter. Bewegungen, die sonst leichtfielen, misslingen. Anders herum ist es ebenso: Sie liegen in Führung und wehren Pässe ab, wie Sie es selbst nicht für möglich gehalten hätten. Im Leistungssport wird schon lange mit den Methoden des Mentaltrainings gearbeitet.
Wenn Sie das Wissen um den Einfluss dieser Vorerwartungen in der erzieherischen Arbeit nutzen, steigert das Ihre persönliche Resilienz. Sie lernen, aktiv Einfluss auf Ihre eigenen Emotionen zu nehmen, und fühlen sich somit Situationen nicht so ausgeliefert. Ihnen ist klar, dass Ihr Gegenüber durch sein Tun und seine Aussagen einen Impuls in Ihnen freisetzt, und zugleich ist Ihnen bewusst, dass es Ihre Entscheidung ist, wie Sie auf diesen Impuls reagieren. Im Seminar mache ich das meist deutlich, indem ich auf jemanden zugehe und ihr / ihm die Hand entgegenstrecke. Die meisten erwidern ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Über dieses Buch
  2. Einleitung
  3. TEIL I: MERKMALE VON RESILIENZ
  4. TEIL II: RESILIENZ IN DER (SCHUL-)PRAXIS
  5. Nachwort
  6. Literatur
  7. Über die Autorin

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