Nicht jede Coaching-Sitzung verläuft nach PlanOb Profi oder Anfänger – fast jeder Coach stößt beizeiten in seiner Arbeit an Grenzen, ist mitunter ratlos, überfordert, überrascht oder hilflos. In vielen Coaching-Büchern aber geht es hauptsächlich darum, wie ein Coach idealtypisch vorgehen sollte, und nicht so sehr um die Fallstricke, die im echten Leben lauern. Es gilt also, die Kluft zwischen Theorie und Herausforderungen im Alltag, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu überbrücken. Hierfür geben die Autorinnen eine leicht verständliche und strukturierte Hilfe für die tägliche Arbeit mit Klient*innen an die Hand.Sie untersuchen, was bestimmte Situationen überhaupt zu einer Herausforderung werden lässt und bieten zahlreiche praktische Werkzeuge an.U.a. folgende Themen werden behandelt: - Probleme und Krisen der Klient*innen als Herausforderung- Welchen Anteil hat der Coach an schwierigen Situationen?- Resilienz, Umgang mit Stress und Selbstfürsorge- Umgang mit Emotionen- Abgrenzung und Grenzen

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Herausfordernde Situationen im Coaching
Toolbox Best Practice
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Über dieses Buch
Information
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Verwaltung1. Was uns herausfordert
1.1 „Ich habe da ein Problem …“
Als Problem wird meist eine Aufgabe verstanden, deren Lösung mit Schwierigkeiten verbunden ist. Kurz: Bei einem Problem zeigt sich eine „Soll-Ist-Diskrepanz“. Taucht in Coachingprozessen ein Problem auf, liegt ihm – egal auf welcher Seite es sich zeigt – eine individuelle Bewertung zugrunde; es liegt im sprichwörtlichen „Auge des Betrachters“. Ob etwas als Problem angesehen wird, hängt also immer vom jeweiligen Blickwinkel ab. Ein und dieselbe Sache wird kaum universell als Problem erkannt, sondern in der Regel nur von einer bestimmten Person oder einer Personengruppe. Was für den einen also ein Problem darstellt, ist für jemand anderen vielleicht ein ganz normaler und für noch jemand anderen gar ein katastrophaler Zustand.
In Coachingprozessen können Probleme auf zwei Ebenen auftreten:
- Probleme, die der Klient mitbringt und die häufig der Anlass für das Coaching sind,
- Probleme in der Beziehung zwischen Coach und Klient.
Probleme, die der Klient mitbringt: Anlässe für ein Coaching sind oft Probleme, die ein Klient in seiner Lebenswelt hat. Für uns als Coaches ist es in der Interaktion mit dem Klienten wichtig, unsere Neutralität gegenüber dem Problem zu behalten. Damit meinen wir: Unser Klient hat ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, was für ihn ein Problem darstellt. Daraus lässt sich folgern, dass auch er allein Lösungen für sich definiert.
Auf dem Weg zu möglichen Lösungsansätzen kann es hilfreich sein, das Problem in kleine Teilaufgaben zu untergliedern. Manchmal haben unsere Klienten in der Vergangenheit bereits ähnliche Probleme gelöst und können auf den damals gewählten Lösungsweg zurückblicken. Eine heute ähnlich gelagerte Herausforderung wird damit vom Problem zur Aufgabe, und aus der Erfahrung der bereits vorhandenen erfolgreichen Problemlösung können wir gemeinsam mit unserem Klienten Strategien für das aktuelle Thema entwickeln. Im besten Fall kann er dann auch zukünftig für ähnlich gelagerte Probleme auf diese Vorgehensweise zurückgreifen.
Probleme in der Beziehung zwischen Coach und Klient entstehen für uns als Coaches oftmals dann, wenn unsere bisherige Routine versagt oder wenn wir wahrnehmen, dass unsere Vorgehensweise von unserem Klienten infrage gestellt wird oder der Klient auf unvorhersehbare Weise reagiert. Oft sind wir im ersten Moment irritiert und wissen nicht auf Anhieb, wie wir dieses Hindernis überwinden, diese Herausforderung bewältigen können. Aber genau das ist unsere Aufgabe, und wir sind hier gefordert, das Problem anzuerkennen, anzugehen und mögliche Optionen für eine Lösung zu finden.
Was sind herausfordernde Momente im Coaching?
Ein Problem kann also für uns zur Herausforderung werden. Doch was ist eigentlich eine Herausforderung? Versuchen wir es mit einer ersten Annäherung und schauen uns an, wie der Begriff in Wörterbüchern definiert wird. Dort finden sich allerlei kriegerische Verknüpfungen, wie „Aufforderung zum Kampf“, „Kampfansage“, „Kriegserklärung“ oder „Provokation“. Das ist für unseren Kontext jedoch wenig zielführend. Wir wollen Herausforderungen im Kontext Coaching deshalb schlicht als Anlass verstanden sehen, tätig zu werden. Wir müssen keine Kriege gewinnen, sondern uns Aufgaben stellen, die uns unsere aktuellen Grenzen bewusst machen.
In unseren Coachingprozessen begegnen uns im Hinblick auf Herausforderungen vor allem zwei Aspekte:
- Klienten kommen zu uns, weil sie aktiv eine Veränderung herbeiführen wollen.
- Klientinnen kommen zu uns, weil sie (meist ungewollt) von einer Veränderung betroffen und gefordert sind.
1.2 Krisen als Herausforderung
Der Begriff Krise kommt aus dem Griechischen (krisis) und bezeichnet eine „entscheidende Wendung“, also „eine schwierige Situation, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt“. Der Arzt und Familientherapeut Thomas Hülshoff (2017, S. 12) spricht von Krisen, „wenn wir mit einem bis dato zumindest in dieser Ausprägung unbekannten Ereignis konfrontiert sind, das eine Entscheidung verlangt und ein Problem darstellt, für dessen Lösung wir keine hinlänglichen Erfahrungen und bewährten Lösungsstrategien haben oder zu haben meinen“. Eine ähnliche Definition finden wir bei James und Gilliland (2001): [Eine] „Krise ist ein Ereignis oder eine Situation, die als untragbare Schwierigkeit wahrgenommen wird und welche die für die betroffene Person vorhandenen oder im Moment zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien überfordert.“
In einem durch eine Krise unterbrochenen Lebensverlauf scheinen Begriffe wie „Kontinuität“ und „Normalität“ zumindest vorübergehend außer Kraft gesetzt zu sein. Und doch sind Krisen etwas ganz Normales, wir alle kämpfen zeitweilig mit ihnen: Wir verlieren geliebte Menschen, werden vom Partner verlassen, müssen um unseren Job bangen oder werden krank. Lebenskrisen lassen diejenigen, die sie treffen, oft hilflos und ohnmächtig zurück, und manche Betroffenen suchen deshalb Unterstützung, z. B. in einem Coaching. Für uns als Coaches wiederum ist es sinnvoll, über Hintergrundwissen zu den verschiedenen Krisen-Typen und den dazugehörigen Krisenverläufen zu verfügen. Wir sind dann besser in der Lage zu erkennen, welche Interventionen und Vorgehensweisen in der Arbeit mit den jeweiligen Klientinnen angemessen sind.
1.2.1 Krisentypen
In der Literatur wird grob zwischen Lebensveränderungskrisen (= Entwicklungskrisen) und traumatischen (= situativen) Krisen unterschieden (Sonneck 2000).
Veränderungskrisen können in sozialen oder biologischen Übergangs- oder Ausnahmesituationen auftreten.
Beispiele für soziale Ausnahmesituationen:
- Geburt eines Kindes
- Partnerverlust
- Wohnortwechsel
- Arbeitslosigkeit
Beispiele für biologische Ausnahmesituationen:
- Pubertät
- Wechseljahre
- Krankheit
- Behinderung
Lebensveränderungskrisen zeichnen sich dadurch aus, dass der kritische Zustand erst nach einer längeren Phase erreicht wird. Zuvor hat die betroffene Person bereits Bewältigungsversuche unternommen, die aber gescheitert sind (Berger & Riecher-Rössler 2004).
Als traumatische Krise (Psychotrauma) wird in der Literatur ein überwältigendes Ereignis bezeichnet, das zu schnell, zu heftig, zu früh und / oder unvorbereitet auf den Menschen einwirkt. Folgende Beschreibung findet sich in der aktuellen Fassung der International Classification of Deseases (ICD-10, 2019): „Kurz oder lang anhaltende Ereignisse von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem tief greifende Verzweiflung auslösen würden.“
Was wir Coaches zum Thema Trauma wissen sollten
Menschen machen schreckliche Erfahrungen, die Ohnmacht, Todesangst und Hilflosigkeit hervorrufen, auf die der menschliche Organismus nicht eingerichtet ist. Deshalb erlebt er solche Ereignisse als übermächtige existenzielle Bedrohung, und die normalen Bewältigungsmechanismen sind wirkungslos und überfordert.
In vielen Coachingprozessen tauchen Themen aus der Vergangenheit auf, die bis heute Einfluss auf das Verhalten der Klienten haben. Handelt es sich um Folgen körperlicher Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit, sind diese ohne therapeutische Hilfe oft schwer zu bewältigen. Ohne Zulassung als psychologischer Psychotherapeut oder Heilpraktiker für Psychotherapie möchten wir davor warnen, Dienstleistungen durchzuführen, die die Diagnose und Behandlung aller katalogisierten Krankheiten nach ICD-10 beinhalten (siehe auch Kap. 3.3).
Folgende Themenbereiche sind ausdrücklich keine Inhalte für einen Coachingprozess:
- Phobien
- Depressionen
- Paranoia
- Angstzustände
- Magersucht / Bulimie
- Suchtkrankheiten wie Alkohol-, Drogensucht oder Medikamentenmissbrauch
- krankhafte Gewalttätigkeit bzw. krankhafte Aggressionszustände
- Allergien
- Traumata, z. B. nach sexuellem Missbrauch
- psychosomatische Leiden
1.2.2 Coaching in Krisen
Ob jemand eine herausfordernde Situation als Krise erlebt oder nicht, ist sehr individuell und hängt davon ab, wie der Betroffene die Umstände einschätzt. Es ist also gut möglich, dass zwei Menschen sich objektiv gesehen in der gleichen Situation befinden und der eine sie als Krise erlebt, während sie für den anderen eine Herausforderung des Alltags ist. Drei Fragen können Ihnen gut Aufschluss über den Zustand des Klienten geben:
- Wie hoch empfindet der Klient die Bedrohung durch die Situation?
- Wie schätzt er seine Handlungsmöglichkeiten ein?
- Wie denkt er über einen möglichen Erfolg seiner Handlungen?
Haben wir uns einen Überblick über die Krisenwahrnehmung verschafft, klären wir mit dem Klienten ab, ob der Coachingprozess zu diesem Zeitpunkt überhaupt Sinn macht.
Auf keinen Fall und zu keinem Zeitpunkt stellt ein Coach jedoch „Diagnosen“ über die Erkrankung seines Klienten. Vielmehr ist es ratsam, eine vorsichtige Vermutung über die Schwere der Krise zu äußern, die der Klient aufgreifen kann. Hier sollte man vor allem darauf achten, den Klienten zur Reflexion anzuregen. Erkennt er für sich keine Möglichkeit, eigene Ressourcen einzusetzen, und weiß nicht, wie er seine Selbststeuerung aktivieren kann, sollte ein Coach unbedingt wiederholt die Empfehlung aussprechen, sich einem Spezialisten anzuvertrauen. Es ist vollkommen in Ordnung, hierfür Unterstützung anzubieten oder eine Kontaktstelle zu empfehlen.
Wer an diesem Punkt als Coach die weitere Arbeit unterbricht oder beendet, handelt verantwortungsbewusst und auf jeden Fall zum Schutz des Klienten. Es folgen zwei konkrete Formulierungen für Ihre möglicherweise traumatisierten Klienten:
- „Mir scheint es sinnvoll zu sein, sich zunächst einmal mit einem Fachmann darüber auszutauschen,“
- Oder: „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich professionelle Unterstützung im Hinblick auf dieses Thema zu suchen?“
Diese Handlungsempfehlungen sind wichtig und richtig, um den Klienten zu entlasten und auch sich selbst. Wenn der Klient den Coachingprozess dennoch fortsetzen möchte, ist es für die weitere Zusammenarbeit unbedingt nötig, genau abzukl...
Inhaltsverzeichnis
- Über dieses Buch
- Vorwort
- Einführung: Warum dieses Buch?
- 1. Was uns herausfordert
- 2. Was uns als Coaches ausmacht: Wer sind wir, und wer sind unsere Klientinnen und Klienten?
- 3.Wie wir arbeiten: Ein Blick auf den Prozess
- 4.Womit wir umgehen können: Best Practise für konkrete Herausforderungen
- 5. Herausforderungen „aufknacken“: Mit Humor, Geschichten und Metaphern arbeiten
- 6. Damit Organisatorisches nicht zur Herausforderung wird
- Anhang I: Muster und Formulare *
- Anhang II: Geschichtensammlung
- Schlusswort
- Literatur
- Index
- Die Autorinnen
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