Die Konstruktivistische Psychotherapie (KPT) fokussiert auf die Bedeutung, die Klienten ihrer Welt zuschreiben und darauf, wie diese Zuschreibungen zu Problemen führen können. Sie entlehnt Elemente aus mehreren therapeutischen Traditionen, z.B. aus der humanistischen oder systemischen Therapie, erweitert diese und interpretiert sie neu vor dem Hintergrund charakteristischer postmoderner Themen, welche insbesondere mit der Vorrangstellung der persönlichen Bedeutung, der Konstruktion von Identität in einem sozialen Umfeld und der Revision von inkohärenten oder restriktiven Lebensnarrativen zu tun haben.Mit diesem zweiten Band unserer neuen Reihe "Therapeutische Skills kompakt" ermöglicht Robert A. Neimeyer " interessierten Kandidaten und Praktikern eine sichere Passage durch das gelegentlich beängstigende postmoderne Terrain".

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Konstruktivistische Psychotherapie
Reihe "Therapeutische Skills kompakt", Bd. 2 Aus dem Amerikanischen von Guido Plata
- 144 Seiten
- German
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Konstruktivistische Psychotherapie
Reihe "Therapeutische Skills kompakt", Bd. 2 Aus dem Amerikanischen von Guido Plata
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Thema
PsychologieTEIL II – DIE PRAKTISCHEN GRUNDLAGEN DER KPT
Im Einklang mit dem epigenetischen Modell erstreckt sich die konstruktivistische Diagnostik über das gesamte Spektrum des Person-Umwelt-Systems, mit einer Konzentration auf die mittleren Ebenen (also die persönlich-agentischen und dyadisch-relationalen), welche die größte praktische Relevanz für die Psychotherapie besitzen. Jedoch wird der Fokus der klinischen Arbeit auch durch Untersuchungen auf konkreter biologischer und abstrakter kultureller Ebene bestimmt, da es manchmal unabdingbar ist, eine spezifische organische Ätiologie (etwa im Falle neurologischer Beeinträchtigungen, physischer Erkrankungen oder einer Neigung zu affektiven Störungen) und breit gefächerte soziale Faktoren (etwa ökonomische Benachteiligung, rassistische oder sexuelle Diskriminierung) zu verstehen, um effektiv mit Individuen und Gruppen arbeiten zu können, die sich mit intransigenten Problemen konfrontiert sehen. Aber selbst in diesen Fällen sind konstruktivistische und sozialkonstruktionistische Ansätze dadurch gekennzeichnet, dass sie sich auf die persönlichen und sozialen Bedeutungen konzentrieren, die ebenso prägend wie belastend für den Hilfe suchenden Klienten sind. Dieser Umstand zeigt sich beispielsweise auch in Sacks’ (1987) plastischer Darstellung der phänomenologischen Welt von Patienten mit Hirnverletzungen oder Browns (2000a) einsichtsvoller Kritik der breit gefächerten sozialen und linguistischen Faktoren, welche die Identitätsoptionen, die den Frauen zur Verfügung stehen, begrenzen.
Im klinischen Kontext bedeutet die Tendenz zu multisystemischer Diagnostik, dass postmoderne Therapeuten gelegentlich konventionelle diagnostische Kategorien verwenden (wie bipolare Störung, Schizophrenie), und zwar insbesondere dann, wenn diese den Kliniker für möglicherweise zu berücksichtigende biogenetische Eigenschaften des Problems sensibilisieren. Jedoch werden die konventionellen Kategorien typischerweise vorsichtig und nur bedingt verwendet, da psychiatrische Diagnosen ebenfalls fehlbare menschliche Konstruktionen sind, die lediglich eine grobe Orientierung bieten können (Raskin & Lewandowski, 2000). In der Folge ist eine sehr viel detailliertere Erkundung der Bedeutungswelt des Klienten erforderlich, um dessen Individualität, distinktive Schwierigkeiten und relevante Ressourcen zu enthüllen. Mein Ziel im zweiten Teil des Buches ist es, die diversen hierfür notwendigen Prozeduren kurz vorzustellen und den Leser auf weiterführende Quellen hinzuweisen (Fransella, Bell & Bannister, 2004; G. J. Neimeyer, 1993), in denen sich ausführliche Darstellungen entsprechender Methoden finden.
Wie die Vertreter vieler anderer prozessorientierter Psychotherapieansätze ziehen es auch postmoderne Therapeuten vor, die Grenze zwischen Evaluation und Intervention zu verwischen. Hintergrund dieser Vorgehensweise ist die Annahme, dass die hilfreichsten Arten von Diagnostik solche sind, die sowohl aufseiten des Klienten als auch des Therapeuten das Bewusstsein für die wesentlichen Themen, Probleme, Schwierigkeiten und Ressourcen steigern (R. A. Neimeyer, 1993c). Derartige diagnostische Maßnahmen treten selten in Gestalt „alleinstehender“ Prozeduren auf, die vor Beginn der Therapie abgeschlossen sind; vielmehr kommen sie während der Therapie zu Zeitpunkten ins Spiel, an denen sie das Potenzial haben, nicht nur Klärung zu bieten, sondern auch Veränderungen herbeizuführen. In diesem Abschnitt des Buches werde ich einige der Methoden, die von konstruktivistisch, narrativ und sozialkonstruktionistisch orientierten Therapeuten angewendet werden (und von denen einige in der später behandelten detaillierten Fallstudie eine Rolle spielen), vorstellen und sie mit Beispielen veranschaulichen.
10. Die Annäherung an Kernprobleme durch Laddering
Die erstmals von Hinkle (1965) vorgestellte Methode des Laddering (abgeleitet vom englischen Wort „ladder“ für „Leiter“) ist eine diagnostische Strategie auf der persönlich-agentischen Ebene, die hierarchische Merkmale des persönlichen Konstruktsystems eines Individuums direkt erfasst, indem sie konkrete Wahrnehmungen, Verhaltensweisen oder Rollenbeschreibungen mit den dadurch implizierten Problemen auf höheren Ebenen in Verbindung bringt. Im Laufe einer Therapie ist diese Methode oft dann hilfreich, wenn ein Klient ein bestimmtes Problem reflektieren soll oder wenn subtile Arten der Verstrickung zwischen der Selbstwahrnehmung eines Patienten und einem Symptom aufzudecken sind. Wie die meisten konstruktivistischen Methoden kann auch diese in umgekehrter Richtung angewendet werden und wichtige Wertvorstellungen und Stärken eines Klienten identifizieren, die anschließend als Ankerpunkte für ein „bevorzugtes Selbst“ (Eron & Lund, 1996) fungieren. Dies steht im Einklang mit dem Grundsatz, dass jedes Bedeutungssystem sowohl Probleme als auch Chancen beinhaltet, und dass die effektivste mögliche Therapie stets die Heranziehung der Chancen zur Lösung der Probleme beinhaltet.
Laddering kann bei nahezu allen persönlichen Konstrukten (Kelly, 1986) oder auffälligen Gegensätzen beginnen, die im Verlauf der Therapie von Interesse sind. So könnte eine Klientin im Gespräch über einen permanenten Konflikt zwischen den Eltern ihren Vater als den Ehrgeizigen beschreiben. Auf den impliziten Gegensatz aufmerksam geworden, könnte der Therapeut daraufhin vorgeben: „... wohingegen ihre Mutter eher ...“, und die Klientin könnte wiederum antworten: „Also, sie ist eher zufrieden mit sich selbst.“ Dieses Konstrukt, ehrgeizig vs. zufrieden mit sich selbst, kann dann zur ersten „Sprosse“ einer Leiter werden, die mithilfe des unten beschriebenen und veranschaulichten Frage-Schemas „erstiegen“ wird. Ebenso könnte ein Klient eine lähmende Unentschlossenheit empfinden, entweder in einem vertrauten Job zu verbleiben (oder auch einer vertrauten Beziehung) oder etwas Neues zu versuchen. Auch dieser Kontrast ließe sich durch Laddering erkunden, indem die Auswirkungen der beiden Alternativen verfolgt werden. Schließlich kann Laddering bei der Erkundung konfligierender Aspekte des Selbst, wie etwa antagonistischer Gefühle, Handlungen oder Merkmale der eigenen Persönlichkeit, hilfreich sein, ähnlich wie in der folgenden klinischen Vignette.
Im Wesentlichen besteht Laddering aus einer Reihe direkter rekursiver Fragen, wobei der Therapeut zunächst ein bipolares Initial-Konstrukt identifiziert und dann fragt, welchen der beiden Pole der Klient lieber mit sich selbst assoziiert. Der Therapeut schreibt das Konstrukt nieder, notiert die Präferenz des Klienten und fragt „Warum?“ oder „Was ist der Vorteil davon?“ (oder stellt eine linguistische Variante dieser Fragen), um die übergeordneten Implikationen dieser Auswahl zu eruieren. Anschließend verbindet der Therapeut den präferierten Pol mit dem von ihm implizierten übergeordneten Konstrukt grafisch mit einem Pfeil, erfragt das Gegenteil und ordnet dieses dem nicht präferierten Pol unter. Auf diese Weise fährt der Therapeut fort, indem er zyklisch immer wieder nach Präferenzen, Beweggründen oder Vorteilen sowie den dazugehörigen Kontrasten fragt, bis der Klient Antworten wiederholt oder Schwierigkeiten hat, ein weiteres Konstrukt zu formulieren. Die so entstandene grafische Darstellung der Leiter kann dann dem Klienten vorgelegt werden, um ihre Bedeutungshierarchie und die Auswirkungen für das Verhalten weiter zu hinterfragen. Abbildung 2 illustriert eine Leiter, wie sie während eines Therapiegesprächs entstand, das später noch erläutert wird. Über die Technik des Laddering darzustellen, wie sich die Gedanken eines Klienten in Bedeutungshierarchien anordnen und sich den Kernprobleme annähern, ist ein einzigartiges Merkmal der konstruktivistischen Therapie, das außerdem hervorhebt, dass die Verbindungen zwischen den Konstrukten von Individuen ebenso wichtig sind wie die Konstrukte selbst.

Abbildung 2: Die Leiter der persönlichen Konstrukte von Michael D.
Michael D. war ein verheirateter, 45-jähriger Vertriebsmitarbeiter, der sich wegen quälender Depressionen, die er auf die „Leere“ in seinem Leben zurückführte, in Therapie begab. Obwohl er mit seinen Kollegen im Büro auffallend gut gelaunt und heiter umging, reagierte er auf mein einfühlend ernsthaftes Auftreten als Therapeut schon bald mit dem zögerlichen Eingeständnis, sich einsam zu fühlen und enge Beziehungen zu vermeiden. Als ich ihn nach seiner „persönlichen Theorie“ über die Beständigkeit dieses Problems in seinem Leben befragte, antwortete Michael, dass es seiner Ansicht nach mit seiner Tendenz zusammenhinge, gegenüber allen Menschen in seinem Umfeld „eine Rolle zu spielen“, sogar in normalerweise intimen Beziehungen wie seiner Ehe. Um dieses wichtige Konstrukt durch einen Kontrast weiter zu klären, fragte ich: „Und was wäre das Gegenteil von diesem Verhalten, eine Rolle zu spielen?“ Michael schaute kurz zur Seite und antwortete nach einigen Sekunden des Schweigens, während er seinen Blick wieder auf mich richtete: „Den Leuten einfach zu zeigen, wer ich bin.“ Unmittelbar darauf begann er zu weinen.
Verblüfft von der Härte und Schmerzlichkeit, die dieser Kontrast für Michael bedeutete, entschied ich mich, durch Laddering die tieferen Implikationen dieses Konstrukts zu erkunden.
Bob (B): Michael, wenn Sie die Wahl hätten, entweder eine Rolle zu spielen oder den Leuten einfach zu zeigen, wer Sie sind, was davon würden Sie vorziehen?
Michael (M): Ich schätze, ich wäre am liebsten jemand, der den Leuten einfach zeigt, wer er wirklich ist, wie schwierig das auch sein mag.
B: Können Sie sagen, warum? Was wäre der Vorteil davon?
M: Es wäre ehrlicher und auch aufrichtiger.
B: Im Gegensatz zu ...?
M: Einfach trügerisch zu sein.
B: Und vor die Wahl gestellt, entweder ehrlich oder trügerisch zu sein, wären Sie lieber ...
M: Ehrlich.
B: Warum das?
M: Weil ich dann beständiger sein könnte. Ich fühle mich, als ob ich unbeständig wäre, jeweils eine andere Person in jeder Situation – bei der Arbeit, Zuhause und in sozialen Beziehungen. Es ist, als ob ich mich nicht als dieselbe Person von Ort zu Ort bewegen würde.
B: Hmmm. Und nun vor die Wahl gestellt, in diesem Sinne entweder beständig oder unbeständig zu sein, wären Sie lieber ...?
M: Beständig.
B: Weil ...
(Denkpause)
M: Weil ich mich dann frei fühlen würde, anstatt das Gefühl zu haben, ich müsste mich in jeder Beziehung erinnern, was ich sagen soll, als ob ich mich an mein Drehbuch zu halten hätte.
B: Und bei der Entscheidung zwischen der drehbuchartigen Form der Interaktion und dieser Art von Freiheit ...?
M: Ich würde frei sein wollen.
B: Können Sie sagen, warum?
M: Hmm ...
(Lange Pause)
M: Weil ich dann ... mit mir selbst glücklich sein könnte.
B: Und der Kontrast dazu ist ...?
M: Einfach ... Selbstverachtung. Die Wahrheit ist, ich verachte Menschen, die so sind wie ich. Eines Tages möchte ich ganz einfach aufrichtig lachen können, ohne daran arbeiten zu müssen, ohne es für sozialen Erfolg erzwingen zu müssen.
Die Leiter abschließend gestand Michael, wobei Tränen über seine Wangen rollten: „Sie sind der erste Mensch, dem ich in meinen 45 Jahren je erzählt oder je eingestanden habe, dass mein ganzes Leben eine Lüge ist.“
Sobald die Leiter abgeschlossen ist, kann sie direkt in die Diskussion über ihre tiefer liegenden Themen einbezogen werden (im Fall von Michael berührt dies den Kontext seiner Selbstverachtung aufgrund seines letztlich trügerischen Verhaltens sowie auch seine Sehnsucht, das unnatürliche Verhalten in Form seiner gekünstelten Selbstdarstellung gegenüber anderen abzulegen). Alternativ kann der Therapeut den Fokus auf die Wahrnehmung von Selbstkongruenz oder auf Selbstwiderspruch verlagern, indem er zeitlich einen Schritt zurückgeht und den Klienten fragt, wo dieser sich bei jedem der Konstrukte tatsächlich einordnen würde, um Vereinbarkeiten oder Konflikte zwischen tatsächlicher und bevorzugter Sichtweise des Selbst aufzudecken. Schließlich hat der Therapeut die Möglichkeit, aus einer Reihe von „erleichternden Fragen“ selektiv einzelne auszuwählen, um die weitere Abarbeitung der Leiter gemeinsam mit dem Klienten anzuregen, entweder innerhalb der Sitzung oder im Rahmen von schriftlichen „Hausarbeiten“ zwischen den Terminen (siehe Tabelle 1). Bezeichnenderweise stoßen einige der betreffenden Fragen diese persönlich-agentische diagnostische Technik in die Richtung einer dyadisch-relationalen Erkundung. Weitere Instruktionen zum klinischen Einsatz des Ladderings nebst einer Erörterung komplexerer Muster von Konflikten oder Ambivalenzen finden sich bei R. A. Neimeyer (1993c) und R. A. Neimeyer, Anderson und Stockton (2001). Das letztgenannte Buch liefert auch empirische Belege dafür, dass Laddering den Klienten tatsächlich zu abstrakteren, existenziell reichhaltigeren Themen führt, die in Worten schwer zu formulieren sind – genau so, wie es von der konstruktivistischen Theorie vorhergesagt wird.
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| Quelle: Angepasst nach Neimeyer, R. A., Anderson, A. und Stockton, L. (2001). „Snakes versus ladders: A validation of laddering technique as a measure of hierarchical structure“, Journal of Constructivist Psychology, 14: 85–105. |
Tabelle 1: Hilfreiche Fragen für die Erkundung einer „Leiter“ hierarchisch angeordneter persönlicher Konstrukte
11. Die Kartierung sozialer Ökologien von Bedeutung mithilfe des Schleifeninterviews
Das erstmals von Procter (1987) entwickelte Schleifeninterview ist am Übergang zwischen den persönlich-agentischen und dyadisch-relationalen Ebenen des epigenetischen Modells lokalisiert. Es verbindet persönliche Prozesse der Bedeutungskonstruktion mit der fein verästelten sozialen Ökologie der intimen zwischenmenschlichen Beziehungen, die diese Prozesse stützen. Die Methode ist insbesondere für die Klärung komplexer Interaktionssequenzen in konfliktgeladenen Paar- und Familienbeziehungen hilfreich, dient darüber hinaus jedoch auch als Ideenquelle für Interventionspläne. In dieser Eigenschaft kann man das Schleifeninterview als Sammlung zirkulärer Fragestellung...
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Raum
- Eine illustrative Therapie
- TEIL I – DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN DER KPT
- TEIL II – DIE PRAKTISCHEN GRUNDLAGEN DER KPT
- Schlusswort
- Literatur
- Anmerkungen
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