Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die mit Gewaltüberlebenden arbeiten, müssen sich auch mit den bösartigen Gedanken-, Gefühls- und Verhaltenszwängen ihrer Klienten beschäftigen – mit ihren Täterintrojekten. Während sich Wissenschaftler darüber streiten, ob nicht alle Gewalttäter "krank" seien und eher in die Forensik als ins Gefängnis gehörten, ringen Therapeuten darum, Wege der Integration für ihre Klientinnen zu finden: Wie lassen sich zerstörerische Impulse unter Kontrolle bringen? Welche Möglichkeiten gibt es, rechtzeitig zu verhindern, dass jemand zum Täter wird?Michaela Huber bündelt in diesem Buch ihre Erfahrungen, die sie mit traumatisierten Menschen gemacht hat. In eigenen Texten und in zahlreichen Interviews mit Fachkolleginnen und -kollegen und Betroffenen ergründet sie, wie das "innere Monster" denkt, was "die dunkle Seite" will und wie der "Feind im Innern" funktioniert. Und sie fragt, wie man ihn zur inneren Kooperation bewegen kann, damit er sich vom Zerstörer in einen inneren Beschützer verwandelt, der sich nicht mehr gewalttätig äußern muss.

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Der Feind im Innern
Psychotherapie mit Täterintrojekten. Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt?
- 368 Seiten
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Der Feind im Innern
Psychotherapie mit Täterintrojekten. Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt?
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Thema
Psychologie1. Lieber nichts fühlen?
I’ve been through the desert on a horse with no name
It was good to be out of the rain
In the desert you can’t remember your name
For there ain’t no one for to give you no pain
Lala-la-lalalala-lalala-la-la ...
It was good to be out of the rain
In the desert you can’t remember your name
For there ain’t no one for to give you no pain
Lala-la-lalalala-lalala-la-la ...
Dewey Bunnell (America)
Als der Song „A Horse with No Name“ 1972 herauskam (nein, es war nicht Neil Young, der ihn als Erster sang, auch wenn sich Songwriter Dewey Bunnell der Band „America“ von Youngs typisch lakonischem Stil inspiriert fühlte), dauerte es noch einige Monate, bis er auch in Deutschland bekannt wurde. Mich als Anfang Zwanzigjährige hat er sofort angesprochen. Ein Ohrwurm, den man beim Laufen wieder und wieder innerlich singen konnte: „For there ain’t no one for to give you no pain, lala-la-lalalala ...“ Das Lied ist einerseits völlig durchgeknallt, andererseits erschien es der jungen Frau mit ihrer milden Form von Verzweiflung, die ich damals war, wie ein inneres Echo: Mit einem namenlosen Tier in der Wüste sein, einfach nur raus aus dem Regen, und in der Wüste kann man sich nicht an den eigenen Namen erinnern, denn da ist niemand, der einem Schmerzen bereitet, lala-la ...
Doch, ich kann mich noch in die Stimmung von damals hineinfühlen. In das beobachtende Nichteinlassen, das einsame Laufen und Flüchten, immer wieder durch die Großstadt gehen, den Bürgersteig entlang, keinen ansprechen, nicht gesehen werden, nur beobachten, und niemand kann dir etwas tun, und den Rhythmus von „Horse with No Name“ in den Füßen, die Melodie in den Stimmbändern, im Kopf.
Neulich kam eine Klientin zur Tür herein und summte die Melodie vor sich hin – der Song war gerade wieder populär. Ob sie die gleiche beziehungslose, trotzig-einsame Beziehungs-Sehnsucht mitbringt, dachte ich. Wie ich sie damals hatte, als das Lied so gut passte und ich mir nie eingestanden hätte, dass hinter dem „Ihr könnt mich alle mal“ diese Sehnsucht steckte nach Begegnung? Ob die Klientin das Gefühl von „splendid isolation“, von beinahe schön schmerzvoller Einsamkeit bemerken würde, das in dem Lied zum Ausdruck kommt?
Manche, die meine Räume betreten – meist sind es junge Frauen mit langjährigen und frühen, wirklich äußerst schmerzhaften Beziehungs-Traumatisierungen –, haben schon einen Teil des Weges heraus aus der Wüste hinter sich. Bei anderen bin ich eine Weile sozusagen das namenlose „Pferd“, mit dem sie durch ihre Wüste traben, dem sie erzählen, dass ihnen dann wenigstens niemand wehtun kann. – So lange, bis sie wahrnehmen, dass ich auch eine Beziehungspartnerin bin; wie das Pferd in dem Song natürlich ein wichtiges, nicht nur rhythmisch tragendes lebendiges Element ist, so sind die Termine bei mir für sie nicht nur Möglichkeiten zur Selbstreflexion, sondern auch Einladungen, in Beziehung zu gehen und sich dabei auszuprobieren, aber auch den Schmerz zu benennen, der aus früheren Beziehungserfahrungen stammt.
„A horse with no name“ enthält ein Traumbild: Wenn du dich zurückziehst und keine Beziehungen eingehst, kann dir keiner etwas tun. Dann kannst du unterwegs sein, irgendwohin, kannst immer in Bewegung sein, und du musst trotzdem niemand Bestimmtes sein, wirst nicht angesprochen, nicht dingfest gemacht, nicht beschuldigt, nicht verletzt. Was ein junger Mensch vielleicht nur phasenweise erlebt – es gehört zum Heranwachsen dazu, sich gelegentlich so zu fühlen –, kann bei anderen auch chronisch sein. Wenn man sich sehr lange so sehr bemüht, sich vor (weiteren) Verletzungen zu schützen, kann das in eine namenlose innere Wüste führen. Eine innere Wüste, die wir Depression nennen, Angst, Einsamkeit, Aufgeben, wütende Verweigerung ...
Andererseits: Sich dem Schmerz der Begegnung mit der Gefahr erneuter Verletzung auszusetzen, kann eine/n weiterbringen. Kann weicher machen, offener, lebendiger, kann persönliche Entwicklung bedeuten. Das habe ich natürlich selbst erfahren, sonst würde ich meinen Beruf nicht mit solcher Freude ausüben, auch noch Jahrzehnte, nachdem ich ihn begonnen habe. Ja, ich kann gut nachvollziehen, wie schwer es ist, nicht nur freundlich-zugewandt zu sein, das können viele, es kann reine Äußerlichkeit sein. Sondern sich wirklich zu öffnen, mit dem unkalkulierbaren Risiko, sich zwischenmenschlichen Situationen auszusetzen, die man nicht hundertprozentig, manchmal nicht einmal zur Hälfte kontrollieren kann. Es wird für mich und die meisten Menschen nie einfach sein – wir alle möchten am liebsten jederzeit Kontrolle über Situationen haben und behalten –, und doch ist es das, was das Abenteuer der Begegnung und das Abenteuer Psychotherapie ausmacht: Um selbst weiterzukommen, gilt es, Risiken einzugehen; das Bisherige ein Stück loszulassen, um Neues zuzulassen.
1.1 Warum Alleinsein wichtig sein kann
Als Gegenstück zur Begegnung sind der Rückzug, das Alleinsein und die bewusst gefühlte Einsamkeit wichtig. Auch wenn man in Beziehung ist und dort lernt, dass es Begegnung geben kann, Trost, Hilfe, freundliches Angenommensein. Den bitteren Krug voller Erkenntnisse und schmerzvoller Wahrheiten bis zur Neige zu trinken, das kann man erst einmal nur allein. Sich versteckter, tabuisierter, vermiedener, geleugneter, verschämter, schuldbewusster Emotionen klar zu werden, sie sich einzugestehen – das geht zuallererst nur für sich allein. Durch das Tal der Tränen zu wandern, einzubrechen und unten zu liegen und das Gefühl zu haben: „Ich bin zu schwach, um je wieder aufzustehen“, und es dann doch zu tun – das muss man selbst tief im eigenen Innern erleben. Bei all dem kann man begleitet werden, doch erleben und durch alles das Hindurchgehen muss man selbst. Der Mythos von der „Reise des Helden“, vieltausendfach erzählt, von Jesu „40 Tagen in der Wüste“ bis zu heutzutage bewusst gesuchten Outdoor-Abenteuern, in Tausenden von Geschichten der Weltliteratur, in zahllosen Liedern wird diese Reise besungen. Wenn man am anderen Ende der Reise wieder herauskommt, aus dem Tal der Tränen, der Wüste, der Einsamkeit, der Kargheit, der Dunkelheit, fühlt man sich wie gehäutet. Es wurde etwas abgestreift, es kommt etwas hervor. Noch fühlt man sich wie rohes Fleisch und jeder Windzug schmerzt, doch da ist etwas neu und anders. Etwas, das immer da war und jetzt hervorkommt, das zu einem gehört hat, immer, und jetzt mehr gelebt werden kann – an der frischen Luft.
Die Rolle der anderen Menschen ist bei diesem Prozess: zu lassen und geduldig zu sein, zu ermutigen und herauszufordern, ohne je zu drängen oder zu zwingen. Auszuhalten, dass der oder die Suchende durch diesen Prozess geht, ohne ihm oder ihr etwas abnehmen zu können. Freundlich zu bleiben, ohne zunächst zu wissen, wer oder was einen da gegenüber gerade wütend anfunkelt. Das Fremd- und Anderssein zu ertragen. Und doch da zu sein und da zu bleiben. Sehr gute FreundInnen können das, sehr gute PartnerInnen können es und gute PsychotherapeutInnen sollten es können. Sie bestätigen: „Ja, das tut weh. Doch das schaffst du.“ Sie haben Mitgefühl: „Gerade ist es sehr schlimm, nicht wahr? Das tut mir leid für dich, dass du das jetzt erleben musst.“ Und sie hören nie auf zu ermutigen: „Da geschieht jetzt offenbar etwas Wichtiges. Vertrau auf deine Intuition, wohin auch immer sie dich führt.“ Meine Erfahrung ist: Wann immer ich die Geduld und die Sorgfalt hatte, mit jemand genau hinzuschauen, ohne etwas von mir aus drängend, abkürzend, wegmachend aktiv verändern zu wollen – dann konnte etwas im Innern dem kleinen oder großen Menschen, mit der oder dem ich beruflich oder privat zusammen war, „wie von selbst“ wachsen, sich sortieren, sich ausrichten, groß und stark werden. Es gibt dabei nur wenige Regeln einzuhalten. Die wichtigste: Keine Gewalt, weder nach innen noch nach außen, im Zusammenhang mit dem, was wir hier tun. Und schon das kann unendlich schwer einzuhalten sein.
1.2 Allein gelassen
Immer habe ich gut verstanden – auch aus meinem eigenen inneren Erleben –, dass es die Tendenz in einem Menschen geben kann, nichts mehr von der Welt zu wollen. Wer nichts fühlt, dem tut auch nichts weh. Wer einfach nur vorwärtstrabt, schmerzfrei und wie namenlos, kann nichts benennen. Wer nichts benennen kann, kann nichts begreifen, denn wir begreifen über Begriffe. Und so kann die „splendid isolation“, kann der Ritt durch die Wüste ein stolzes und abgegrenztes Gefühl machen – vielleicht sogar eines, das einem das Gefühl gibt, alles unter Kontrolle zu haben. „Alles easy“, „No problem“, „Alles klar“, „Alles o.k.“ – und wie’s da drinnen aussieht, geht niemanden etwas an. So leben durchaus viele Menschen. Und in vielen Menschen leben Zustände, Wesenheiten ..., die so denken.
Die wenigsten meiner schwersttraumatisierten KlientInnen – sie sind fast alle als Kind vielfach misshandelt und sexuell ausgebeutet worden, viele waren Opfer sogenannter „Kinderpornografie“ und „Kinderprostitution“, etliche sind immer noch mit Menschen verwickelt, die ihnen geschadet haben und es nach wie vor tun – die wenigsten also dieser KlientInnen würden im Alltag irgendwo auffallen. Sie gleiten durch die Schule, die Ausbildung, die Uni – bis sie irgendwann ganztags irgendwo berufstätig funktionieren müssen. Und dann geht auf einmal gar nichts mehr. Dann starren sie stundenlang auf ihren Bildschirm, ohne sich zu bewegen. Dann ertragen sie keine anderen Menschen mehr. Dann laufen sie türenknallend davon. Dann verkriechen sie sich im Bett und ziehen die Decke über den Kopf. Dann vermüllt ihre Wohnung. Dann brauchen sie eine Kur oder Hals über Kopf einen Psychiatrieaufenthalt, weil sie sonst nicht mehr leben könnten und sich immer wieder an den Bahngleisen wiederfinden. Dann schlucken sie, kaum wieder daheim, eine Überdosis gehorteter Tabletten und werden gerade noch gefunden. Dann fällt plötzlich auf, dass sie an den Innenseiten der Arme, der Oberschenkel oder anderswo Schnittnarben haben. Dann nehmen sie immer mehr Schmerzmittel oder trinken noch mehr Alkohol. Dann folgen Aufenthalte in psychosomatischen oder Suchtkliniken. Dann werden sie frühberentet, mit Anfang 30 zum Beispiel. Irgendwann im Laufe dieser „Karriere“ versuchen sie, eine ambulante Psychotherapie zu bekommen, möglichst von der Krankenkasse bezahlt. Dann beginnt ein Spießrutenlaufen: Alle guten TraumatherapeutInnen oder überhaupt gute PsychotherapeutInnen sind ausgebucht, ebenso alle guten stationären Traumatherapieprogramme. Die Kasse will nicht zahlen. Widerspruch. Es gibt ein paar Probestunden. Dann eine quälend lange Wartezeit. Wieder lehnt die Kasse den Antrag auf ambulante oder stationäre Psychotherapie ab. Suizidversuch. Albträume, Verlust der Alltagsstruktur. Verzweiflung. Es droht die dauerhafte Berentung und damit die lebenslange Armut ...
Dass es in ihrem Innern Zustände oder „Wesenheiten“ gibt, die mehr oder wenige milde oder wütend den Kopf schütteln und der Alltagspersönlichkeit sozusagen den Vogel zeigen: „Was strengst du dich eigentlich so an? Meinst du, es bringt etwas, wenn du deinen Jammer zu irgendwem trägst? Es kann dir doch sowieso niemand helfen – schau dir das Desaster doch an!“ – das verstehe ich gut (siehe auch Interview 7, das Gespräch mit Sandra in diesem Buch).
Übertrieben? Keineswegs. Die Traumaabteilungen und psychosomatischen Kliniken sind voll mit jungen Frauen (und ein paar jungen Männern), die klug, begabt und kreativ sind und nicht – derzeit nicht, vielleicht nie mehr – arbeitsfähig. Viele andere Traumatisierte, vor allem männlichen Geschlechts, werden nicht in Kliniken landen – sondern im Gefängnis. Ein lebender Albtraum: So viele junge Menschen zu verlieren kann sich eigentlich keine Gesellschaft leisten. Aber warum ist das so?
Meine Vermutung ist: Unser Sozial- und Gesundheitswesen sowie unser System der Strafvereitelung oder juristischer Sanktionierung sind extrem ineffizient für diese jungen, früh traumatisierten Menschen. Statt ihnen so früh wie möglich so dezent und freundlich und niedrigschwellig wie möglich Unterstützung anzubieten – damit sie nicht sehr lange allein durch ihre „innere Wüste reiten“ und so tun müssen, als wäre alles in Ordnung –, wird das Thema familiärer Gewalt, sexueller Ausbeutung und komplexer Traumata weitgehend ausgeblendet. Man schaut nicht genau hin, geht nicht an die Seite dieser Mädchen und Jungen, fragt nicht: „Sag mal, du bist so blass, kann es sein, dass es dir gerade gar nicht so gut geht?“ Oder: „Du schlägst derart um dich – komm, ich setze mich neben dich und du sagst mir mal, was dich wirklich so zornig macht.“ Aufmerksame und mitfühlende PädagogInnen, NachbarInnen, Familienmitglieder scheuen sich nachzufragen, weil sie Angst vor den Eltern haben, Angst, sich etwas „ans Bein zu binden“, mit dem sie nicht fertig werden. Und die jungen Menschen tun sehr lange so, als sei nichts. Auch vor sich selbst.
Nur den Dingen keine Namen geben, sich durchschlängeln, irgendwie durchkommen, sehr lange. Und wenn sie zusammenbrechen oder immer mehr ausrasten, verweigern ihnen die Institutionen die Hilfe: Es gibt viel zu wenige, vor allem längerfristige, pädagogische sowie Beratungs- und Psychotherapiemöglichkeiten. Wenn KlientInnen nicht selbst zahlen können – und viele fallen einfach über kurz oder lang aus dem bezahlten Berufsleben heraus –, dann verweigern die Krankenkassen sehr oft und sehr lange die Behandlung. Ambulant gibt es – wenn man das Glück hat, in Deutschland eine Kassen-PsychotherapeutIn zu finden – maximal 80 bis 100 Stunden Psychotherapie. Das sind zusammen genommen zwei- bis zweieinhalb Arbeitswochen; für eine Kindheit und Jugend, oft auch noch eine gegenwärtige Situation voller Schrecken und Gewalt ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Zumal es bei schwer bindungs-traumatisierten Menschen lange dauern kann, bis überhaupt ein ausreichend sicheres Vertrauensverhältnis aufgebaut ist, um eine tiefere psychotherapeutische Arbeit beginnen zu können.
Wenn man dann eine Therapie begonnen hat, müsste man dranbleiben können, denn zunächst geht es den Menschen oft gar nicht so gut: Alles „kommt raus“. Wenn erst einmal jemand zuhört und dem Leid einen Raum gibt, dann quillt es geradezu aus dem verzweifelten Menschen heraus. Und wenn der Geist erst einmal aus der Flasche ist – wer will ihn wieder hineinstopfen? Und doch müssen die Rat- und Hilfesuchenden genau das immer wieder tun: Ihr Leid wieder hinunterstopfen, ihre Tasche packen und gehen. Weil die Stunde (oder die pädagogische / therapeutische Maßnahme) zu Ende ist. Weil die Kasse nicht mehr zahlt. Weil die wenigen Wochen (heute manchmal weniger als sechs Wochen!) bewilligter stationärer Therapie zu Ende sind. Weil die TherapeutIn in Urlaub oder krank ist. Weil man kein Geld für die Fahrkarte hat. Weil man manchmal nicht mal aus dem Bett kommt vor Verzweiflung oder sich – wenn man sehr dissoziativ ist – im inneren Grabenkrieg so verheddert, dass man den Therapietermin „vergisst“ oder sich so aufführt, dass man weggeschickt wird (etwa wenn man dann kommt, wenn die TherapeutIn da schon jemand anderen sitzen hat, oder indem man völlig betrunken oder voll mit Drogen oder in einem akut suizidalen Zustand ankommt).
1.3 Defizite im Gesundheitswesen
Weiter: Es gibt die unselige evidenzbasierte Medizin auch im Bereich der Psychotherapie. Was nicht doppelblindgetestet sich für alle Menschen in allen ähnlichen Situationen als effizient herausgestellt hat, wird nicht bezahlt. Was für ein Blödsinn! Als ob sich ein Mensch – ein Universum von Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Handlungsimpulsen, Erfahrungen, sozialen Situationen –, was seine / ihre seelische Entwicklung angeht, in das Prokrustesbett solcher Gleichmacherei pressen ließe. Dabei hat jede Psychotherapie-Wirkungsstudie, seitdem es solche überhaupt gibt, immer wieder ergeben, dass der wichtigste Wirkfaktor überhaupt in einer Psychotherapie – ebenso wie in jeder pädagogischen Maßnahme die Beziehung ist (siehe Grawe et al. 2003; Eirund et al. 2009). Internationale Psychotherapieforscher haben das so formuliert: „Etwa 85 % der Wirkung von Psychotherapie sind auf Beziehungsvariablen zurückzuführen und nur 15 % der Technik geschuldet“ (Lambert et al. 1983).
Bei frühen Bindungs-Traumatisierungen muss die therapeutische Beziehung langfristiger und verlässlicher als bei allen anderen Hilfesuchenden sein, damit ein tragfähiges therapeutisches Arbeitsbündnis überhaupt zustande kommt. Langfristig aber wollen die Krankenkassen, wollen die Sozialsysteme keine Behandlung mehr zahlen, da es immer mehr schwer seelisch verletzte Menschen gibt, die nicht mehr sozial eingliederungs- bzw. arbeitsfähig sind. Außerdem werden immer mehr Kliniken privatisiert. Von daher sind sowohl die ambulanten wie die stationären Therapien einem Gewinnstreben und einem Effizienzdenken ausgesetzt, die zynischste Kosten-Nutzen-Rechnungen enthalten. Doch selbst nach diesen müssten für so viele junge Menschen, viele davon mindestens mit Realschulabschluss plus Berufsausbildung, wenn nicht mit Abitur und sogar Studienabschlüssen, Wege gefunden werden, sie so gezielt zu unterstützen, dass sie von ihren schweren frühen Wunden heilen und „produktive“ SteuerzahlerInnen werden, die weder immer wieder teure (z. B. Psychiatrie-)Klinikaufenthalte noch Arbeitslosengeld oder andere Transferleistungen benötigen; von den ersparten sozialen und Gesundheitskosten für ihre Kinder ganz zu schweigen. Und wenn man die horrenden Kosten für Strafmaßnahmen und Gefängnisaufenthalte sieht und wahrnimmt, wie wenig in der Prävention für die gefährdeten Kinder und Jugendlichen getan wird, kann man sich manchmal nur fragen, mit welcher Blindheit unsere Gesellschaft wohl geschlagen ist. Kann man oder will man die Zusammenhänge nicht erkennen?
1.4 Ein einsam-zweisamer Weg
Noch scheint das Tabu, in Familien, in sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen zu erkennen, dass frühes Eingreifen entscheidend ist, stärker zu sein; man reicht den gequälten Kindern nicht die Hand und treibt sie in ihre innere Einsamkeit. Kein Wunder, dass viele junge traumatisierte Menschen sich enttäuscht, frustriert oder noch gerade eben im Funktionsmodus in ihre „innere Wüste“ zurückziehen.
Sie daraus hervorzulocken muss jeden Versuch wert sein. Seien wir also der treue, namenlose „Klepper“ (Begleiter) für unsere scheue und verwirrte KlientIn in der Wüste; tragen wir sie ohne Murren sanft durch das schwere Gelände. Geben wir ihr Halt und Würde und Stolz und das Gefühl, im Zweifelsfall immer „alles im Griff“ und die Zügel in der Hand zu haben. Vermitteln wir ihr auf ganz dezente Art, dass sie nicht allein ist. Denn wenn sie aus ihrer Trance gelegentlich erwacht, wird sie merken, vielleicht erschreckt, dass sie abhängig ist von uns. Das wird ihr Angst machen: Wenn wir sie jetzt verlassen – dann wäre sie ganz allein in der Wüste und würde sich absolut verloren fühlen. Dann wird es Phasen in unserer Begegnung geben, in denen sie uns kritisch beäugt: Ob wir auch durchhalten, ob wir auch den Weg wissen, ob wir auch da bleiben, ob wir das alles auch können? Manche KlientInnen weigern sich auch ganz lange, die Abhängigkeit überhaupt wahrzunehmen: Da ist diese „Thera“, dieser „Shrink“, diese „Psycho-Tusse“ bzw. der „Psycho-Heini“, nichts wirklich Ernstzunehmendes. Man bleibt ohnehin einsam, ob man mit der / dem jetzt redet oder nicht ... KollegInnen, die geliebt werden wollen, sollten sich einen anderen Beruf suchen, denn oft zeigen uns unsere KlientInnen eher die kalte Schulter. Sie behandeln uns (und sich selbst) nicht selten so, wie ihre Eltern sie behandelt haben: kalt, verächtlich, zynisch, abwertend. Ganz besonders die Jungs. Gefühle? „Alles fit im Schritt oder was?“ Nur ja nicht. „Das einzige Gefühl, das ein Mann in unserer Gesellschaft benennen darf, ist – Durst“, habe ich einmal einen Kollegen sagen hören, der mit männlichen Spielsüchtigen arbeitet....
Inhaltsverzeichnis
- Danksagung
- Einleitung: Brief aus Rom – und aus anderen Ecken der Welt
- 1. Lieber nichts fühlen?
- 2. Krieg im Alltag – und was wir tun sollten
- 3. Erleben, erinnern und reagieren – alles in unterschiedlichen „Abteilungen“
- 4. Kleine Studie in Bösartigkeit – und ihrer Verwandlung
- 5. Was macht Gewalt mit dem Gehirn und der Psyche?
- 6. Cherchez la Femme – Frauen transportieren die Gewalt weiter
- 7. Die Gewaltkarriere sexuell ausgebeuteter Jungen[1]
- 8. Wie kommt „das Böse“ in die Menschen?
- 9. Wann werden Täterintrojekte aktiv?
- Interview 1: „Täterintrojekte befinden sich noch im ‚alten Film‘“
- 10. Kann man mit Täter(introjekte)n arbeiten?
- 11. Therapie – aber wie?
- 12. Mit „schwierigen“ Gewaltüberlebenden arbeiten – eine Herausforderung
- 13. Der Krampfanfall – Ausdruck eines inneren Kampfes
- 14. Begegnung
- Interview 2: „Wir sprechen von täterimitierenden Anteilen“
- 15. Psychotherapeutin Renate Stachetzki berichtet über Frau K.
- Interview 3: „Wir wollen verstehen, was ‚Er‘ für eine Bedeutung hat“
- Interview 4: „Wir ringen um ein erträgliches Miteinander im Innern“
- Interview 5: „Die Bilder waren vor den Worten da“
- 16. Gewissenlos: Sind Gewalttäter grundsätzlich „krank“?
- 17. Schuldfähig? Steuerungsfähig? Wegsperren?
- Interview 6: „Es ist eine Möglichkeit, aktiv etwas gegen Gewalt zu tun“
- Interview 7: Gespräch mit Sandra: „Ich bin kein Introjekt“!
- Interview 8: „Vom Verleugnen bis Abschaffenwollen aller anderen da innen: Alles hat es gegeben. Nun bewegen wir uns langsam aufeinander zu“
- Interview 9: „Es gibt keine kindlichen Psychopathen – aber bindungsgeschädigte Kinder!“
- Interview 10: „Zwangsfantasien muss ich mir nicht gefallen lassen!“
- Interview 11: „Das Prinzip der Prävention muss gleichrangig sein mit dem Schuldprinzip“
- Nachwort
- Literatur
- Anmerkungen
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