Achtsamkeit hat nachweislich eine heilsame Wirkung. Auch in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist sie inzwischen fest etabliert. Mit diesem Buch wird erstmalig eine umfassende Handreichung vorgelegt, wie Achtsamkeitsübungen störungsspezifisch und altersgerecht in der Therapie angewendet werden können. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten finden hier eine Fülle an Übungen zu den gängigen Störungsbildern dieser Altersgruppe wie: Angststörungen, Depressionen, Zwänge, Posttraumatische Belastungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Ess-Störungen, Borderline-Störung oder Problemen bei chronischen Schmerzen.Zudem wird erläutert•wie die Übungen sinnvoll in die Therapie integriert werden, •was es bei der Umsetzung zu beachten gilt und•wann bzw. in welcher Form Eltern oder andere Bezugspersonen mit einbezogen werden sollten.Ideal für den direkten Transfer in die therapeutische Praxis.
Eine Vorbemerkung zu den Übungen im praktischen Teil:
Die Übungen sind an diesem Icon
zu erkennen.
Bei einigen Übungen haben wir Zeitangaben gemacht, bei anderen nicht. Eine exakte Zeitdauer anzugeben ist nicht möglich und auch nicht sinnvoll, denn diese hängt immer vom Zusammenspiel zwischen Therapeut/in und Klient/in (also dem Kind, Jugendlichen bzw. Erwachsenen) ab. Dort, wo Angaben gemacht wurden, können sie der groben Orientierung dienen.
Die meisten Übungen werden für ein Einzelsetting beschrieben, sind vielfach jedoch auch für die Gruppenarbeit geeignet.
Die Übungen sind je Kapitel durchnummeriert und am Ende in einer alphabetischen Liste aufgeführt.
4. Achtsamkeitsübungen für Kinder
Die folgenden Übungen dienen der allgemeinen Förderung der Achtsamkeit und eignen sich für Kinder im Alter von etwa sechs bis zwölf Jahren. In dieser Altersgruppe wird Achtsamkeit vorwiegend über die Sinne erfahren, weshalb viele Übungen darauf gerichtet sind. Die Übungen eignen sich sowohl für Einzel- wie für Gruppenarbeit und dauern meist nur wenige Minuten.
4.1 Achtsames Atmen
Das achtsame Atmen ist eine der wichtigsten und grundlegendsten Übungen. Es wird daher nicht nur einzeln geübt, sondern ist in viele Interventionen integriert. Kinder verstehen sehr schnell, dass sie ihren Atem „immer dabei“haben, und machen die Übungen in der Regel sehr gerne, gerade weil sie so einfach und doch wirkungsvoll sind. Die folgende Instruktion kann natürlich sprachlich dem Alter des Kindes angepasst werden.
Übung 4.1: Die Atemzüge bewusst fühlen
Vorbereitung: Das Kind soll eine achtsame und doch bequeme Sitzposition einnehmen. Die Augen können entweder geschlossen sein oder in einem „weichen Blick“ nach unten gerichtet – je nachdem, was dem Kind lieber ist.
Du kannst jetzt deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem richten. Dabei kannst du spüren, wie sich dein Bauch ein bisschen hebt, wenn du einatmest. Wenn du ausatmest, dann senkt sich dein Bauch wieder und wird flach. Beim Einatmen wird dein Bauch dann wieder leicht gehoben – und beim Ausatmen geht er wieder zurück. Du kannst das gut fühlen, wenn du deine Hand auf deinen Bauch legst.
Auch an deinen Nasenflügeln kannst du deinen Atem spüren: Beim Einatmen kannst du die kühle Luft in deiner Nase fühlen … wenn du dann langsam ausatmest, fühlst du, dass die Luft nun wärmer ist. Spüre die Luft in deiner Nase … einströmen, kühl … ausströmen, warm.
Vielleicht kommen dir Gedanken in den Sinn – lass sie vorbeiwandern. Sie kommen und gehen wieder … Richte deine Aufmerksamkeit wieder auf deinen Atem: einatmen – ausatmen. Einatmen – ausatmen. Gut gemacht!
Übung 4.2: Der Drei Minuten Atemraum für Kinder
Vorbereitung: Diese Übung stammt aus der MBCT und umfasst die drei Stufen: bewusst werden – sich sammeln – ausdehnen. Zu Beginn unterstützt man das Kind, bewusst eine aufrechte und doch entspannte Körperhaltung zu finden. Während der Übung kann es die Augen geschlossen halten oder in einem „weichen Blick“ nach unten richten.
Jetzt kannst du dir Zeit nehmen für genau diesen Moment … Vielleicht gehen dir Gedanken durch den Kopf … Vielleicht ist ein bestimmtes Gefühl gerade da … Du kannst deinen ganzen Körper spüren, vom Kopf oben bis zu den Füßen hinunter. Lass dir Zeit, alle Gedanken, die kommen, deine Gefühle, alles, was du in deinem Körper spürst, ist in Ordnung.
Nun kannst du auf deinen Atem achten, dein Einatmen – dein Ausatmen, … ganz sanft. Und wieder … das Einatmen, … das Ausatmen (mehrere Atemzüge lang). Ganz ruhig wirst du innerlich, … beim sanften Einatmen … und Ausatmen.
Deine Aufmerksamkeit ist beim Atmen … ein … und aus … und sie weitet sich aus … sie umfasst deinen ganzen Körper, … wie du sitzt, … auch deinen Kopf und dein Gesicht. Du bist ganz da, … von oben bis unten, … und kannst dich ganz spüren.
4.2 Achtsames Sehen
Beinahe jeder ist davon überzeugt, dass seinem Blick kaum etwas entgeht; wir meinen, dass wir „gut sehen“ und auch „alles sehen“. Bei Kindern ist das ebenso. Wenn es um die Hinführung eines Kindes zu achtsamem Sehen geht, benutze ich deshalb häufig eine der bekannten optischen Täuschungen. Etwa das „Umspringbild“ von einer alten und einer jungen Frau (Vorlagen gibt es im Internet) eignet sich hier sehr gut. Das Kind bemerkt plötzlich, dass eine optische Wahrnehmung oft mehr Facetten hat als die gerade erkannte.
Denselben Effekt erziele ich, wenn ich ein Kind bitte, einen Alltagsgegenstand, an den es sich gut zu erinnern meint, aus dem Gedächtnis zu zeichnen, etwa die eigene Schultasche oder Kindergartentasche, den Schrank im Kinderzimmer, das Muster des Teppichs im Wohnzimmer, den Küchenherd, ein Bild, das zu Hause hängt, o. Ä. Anschließend nimmt das Kind das Bild mit nach Hause und vergleicht und korrigiert die Abweichungen vom realen Objekt. In der nächsten Stunde besprechen wir dann die Unterschiede und das Kind kann an der eigenen Zeichnung erkennen, dass Form, Farbe, Anordnung manchmal anders sind oder Details fehlen.
Bei vielen Kindern ist dies ein Anstoß, die eigene Wahrnehmung bewusster zu pflegen, und sie erzählen dann in der nächsten Stunde, dass ihnen nun plötzlich aufgefallen ist, welche Form eigentlich der Baum vor dem Klassenzimmer hat oder welches Muster das Lieblingskleid. In verschiedenen spielerischen Übungen wird das achtsame Sehen weiter gefördert; die meisten dieser Übungen sind auch für Gruppen gut geeignet.
Übung 4.3: Sehen und beschreiben
Benötigt werden: verschiedene Objekte wie Steine, Walnüsse, Mandarinen, getrocknete Bohnen
Vor dir liegen mehrere Walnüsse (bzw. Bohnen etc.) … Du darfst dir eine davon aussuchen und in die Hand nehmen. Nimm dir ruhig Zeit, die Nuss ganz genau anzuschauen; ihre Form, ihre Farbe, ihre Besonderheiten … Nun darfst du sie mit Worten beschreiben.“
(Anschließend wird das Objekt zurück in die Schale gelegt und mit allen anderen gleichartigen Objekten gut vermischt.)
Findest du „deine“ Nuss nun wieder heraus, aus all den anderen?
Bitten Sie das Kind, sich z. B. eine bestimmte Bildkarte genau anzuschauen und gut einzuprägen. Danach schließt es die Augen und versucht, sich das Bild vorzustellen. Anschließend beschreibt es das Bild aus dem Gedächtnis. Nun öffnet das Kind die Augen wieder und darf noch nach weiteren Details schauen, die ihm davor entgangen sind, und somit das „innere Bild“ vervollständigen.
Übung 4.5: Blitzfotos
Benötigt werden: Glocke, Klangschale o. Ä.
Nach einer kurzen Beschreibung der Übung fordern Sie das Kind auf, mit geschlossenen Augen langsam im Raum umherzugehen und immer mal wieder die Richtung zu wechseln (kann auch im Freien stattfinden). Jedes Mal, wenn Sie kurz eine Glocke anschlagen, öffnet das Kind ganz kurz die Augen und macht damit sozusagen ein „Blitzfoto“, indem es konzentriert und fokussiert genau den Raumausschnitt wahrnimmt, der jeweils im Blickfeld ist.
Übung 4.6: Spiegelpantomime
Wechselseitig übernehmen Therapeut/in und Kind die Rolle des Agierenden bzw. die des Spiegelbildes: Beide stehen einander gegenüber, mit ca. ein bis zwei Meter Abstand. Die agierende Person bewegt sich nach Belieben (Arme, Beine, Rumpf etc.), die andere vollzieht alle Bewegungen möglichst simultan nach, wie ein Spiegelbild.
Das Kind wird ermuntert, auch die kleinsten Bewegungen wahrzunehmen und zu „spiegeln“, etwa ein Verändern der Mundwinkel, ein Augenzwinkern, kleine Fingerbewegungen, ein Verschieben des Fußes.
Mit zunehmendem Tempo steigt der Schwierigkeitsgrad. Das Kind übt im Spiel, ruhig und konzentriert zu beobachten und zu folgen, minimale Veränderungen in Mimik und Gestik achtsam wahrzunehmen.
Übung 4.7: Farbensammler
Fordern Sie das Kind auf, im Raum (oder im Freien) nach einer vorher festgelegten Farbe Ausschau zu halten: Wo ist Orange, wo ist das dunkle Blau sichtbar? – An den Wänden, den Möbeln, der Kleidung, beim Blick aus dem Fenster etc.? Wie viele Varianten einer Farbe sind zu sehen? Ein dunkles Olivgrün, helles Apfelgrün, kühles Flaschengrün usw. Viele Kinder sind nachher erstaunt, wie breit die Farbpalette ist, die sie in der Regel kaum so differenziert wahrnehmen.
Übung 4.8: Zimmer-Steckbrief
Die Praxisräume sind dem Kind zwar gut vertraut, werden jedoch meist nicht bewusst wahrgenommen. Zur Förderung der bewussten Wahrnehmung eignet sich ein Fragespiel: Welche Farbe hat die Eingangstür der Praxis? Was steht auf dem Klingelschild? Welche Form hat die Türklinke? Wie sieht der Teppich aus? Welche Lampen gibt es im Vorraum? Wie viele Bäume stehen im Hof? Usw.
Als Variante kann man auch nach bestimmten Räumen zu Hause fragen.
Von dem folgenden bekannten Spiel zur Wahrnehmungsschulung gibt es etliche Varianten.
Übung 4.9: Kim-Spiel
Vorbereitung: Mehrere unterschiedliche Objekte (z. B. Muscheln, Steine, Glaskugeln, Würfel, Nüsse, Löffel, Zahnstocher, Strohhalme, Spielkarten, Wollknäuel, Kaugummi – alles ist möglich) werden in eine Schale gelegt oder einfach auf den Tisch bzw. den Boden.
Das Kind erhält genügend Zeit, um sich die vor ihm liegenden Objekte bewusst einzuprägen. Danach dreht es sich kurz um, während der Therapeut zwei dieser Objekte an eine andere Stelle rückt. Nun versucht das Kind zu erraten, welche Objekte verändert wurden.
Varianten: Es können auch Gegenstände entfernt werden und das Kind soll raten, welche. Je nach Alter und Übungsstand des Kindes können auch die Anzahl und die Ähnlichkeit der Objekte variiert werden.
Übung 4.10: Puzzlebild
Benötigt werden: Kalenderblätter, Poster, Ansichtskarten, Fotos o. Ä.
Wenn man ein gewohntes Bild plötzlich in veränderter Form sieht, nimmt man es weit intensiver wahr, der Blick für Details schärft sich.
Hierzu kann man Bilder (s. o.) in einzelne Teile zerschneiden. Das Kind soll sie wieder zum ganzen Bild zusammensetzen.
Varianten: Je nach Alter des Kindes kann der Schwierigkeitsgrad variiert werden, indem man die zerschnittenen Puzzleteile kleiner oder größer wählt.
Übung 4.11: Smarties-Suchspiel
Benötigt wird: eine Packung Smarties (oder andere verschiedenfarbige Bonbons)
Man legt jeweils einen Smartie auf den Tisch bzw. in eine kleine Schale. Das Kind sucht mit den Augen, ob es im Raum Gegenstände entdeckt, die die gleiche Grundfarbe wie das Bonbon haben. Dabei werden auch Farbnuancen entdeckt: „Der Vorhang ist auch orange wie der Smartie, aber heller.“ Na...
Inhaltsverzeichnis
Über dieses Buch
Grußwort von Günter Hudasch
Vorwort von Ulrike Anderssen-Reuster
Vorwort von Nils Altner
Einführung
TEIL I: THEORETISCHE GRUNDLAGEN
TEIL II: PRAXIS
Anhang
375,005 Studierende vertrauen auf uns
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