November
Allerheiligen.
So schönes Wetter, und wir immer noch dabei.
Wir schauen nach unserem kleinen Grundstück in Ohlsdorf; es trägt ein Kleid aus gefallenem Laub, in Gelb- und Ockertönen. Camouflage.
Die Sonne spielt mit.
Der Arktische Ozean zögert bedrohlich, zuzufrieren. Wie wir vom Nationalen Institut für Polarforschung Japans erfahren, fehlen derzeit fast eine Million Quadratkilometer Eisfläche, verglichen mit Ende Oktober 2016. Deutschland passte drei Mal in dieses Areal.
An den großen Einkaufsstraßen in Washington D. C. und New York verbarrikadieren besorgte Geschäftsleute ihre Läden und schützen die Schaufenster durch robuste Holzverkleidungen.
Nicht aus Furcht vor einem Tornado oder einer anderen Naturkatastrophe; die Präsidentenwahl steht unmittelbar bevor. Auch Facebook und Twitter treffen Sicherheitsvorkehrungen, wie sonst nur, wenn Wahlen in Myanmar oder Sudan anstehen.
Im leeren Darmstädter Staatstheater wurde Elke Erb mit dem Büchnerpreis geehrt. Zur besten Sendezeit sollen es nicht mehr als achtzig Zuschauer gewesen sein, die die Preisverleihung per Livestream verfolgt haben.
Achtzig Hansel, im Jargon unserer alten Bekannten. Sie kann sich glücklich schätzen, dafür nicht die Strapazen einer Reise nach Darmstadt auf sich genommen haben zu müssen.
Tagessonate 11.1
Ein andermal war ich dabei, als er vier Kerle niedergestreckt hat, praktisch mit einem Schlag.
»Er spricht meine Sprache«, sagte ein Mann.
Der Gelbschnabel-Glanzvogel sonnt sich gerne auf den oberen Ästen der Regenwald-Bäume.
In seinem Roman Letzte Grüße schickt Walter Kempowski den Schriftsteller Alexander Sowtschick, der, ein paar Jahre älter, seinem Autor ansonsten oft ähnlichsieht, auf Lesereise in die USA. Deutsche Wochen, im Herbst 1989. Der Kulturtrip als Altersabenteuer. Ein Parcours beginnt, und die Hindernisse sind sehr unterschiedlicher Natur. Komisch, peinlich, überraschend, aus Klischees gezimmert. Alexander Sowtschick, Träger des Hebbel-Preises und des Keyserling-Ringes, Ehemann Mariannes und Vater der Tochter Klößchen und des Sohnes Schitti, Besitzer eines Anwesens in Sassenholz bei Bremen, mit Schwimmgang und Bücherturm als Inbegriff des selbsterschriebenen Wohlstandes, reist als exzentrischer deutscher Kulturpatriot durch eine schöne neue Lebenswelt, einen obskuren Kulturbetrieb und durch sein Alter; durch sein Zeitalter. Eine Art literarischer Kneipp-Kur voller Wechselbäder und heilsamer Zumutungen. In kurzen Prosapassagen entsteht ein Fahrtenbuch aus Erlebnissen, Wahrnehmungen und Reflexionen. Was sich da verquickt: Der Blick des Kindes aus dem Märchen von Andersen auf den nackten Kaiser und das generationsspezifische Vorurteil, mal hinreißend, mal verblendet, Anmut und Schamlosigkeit, Grazie und Starrsinn, das Kokettieren mit der eigenen Provinzialität und die Bereitschaft, sein Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein für beginnende Klassizität zu halten.
Zarte Empirie und bräsige Borniertheit auf engstem Raum.
Diese Prosa trägt, und das macht vermutlich ihren Rang aus, auf jeder Seite das Wasserzeichen existenzieller Komik.
Und doch ist da ein falscher Ton: Sowtschicks fixe Idee, auf einen Bomberpiloten zu treffen, der unschuldige deutsche Barockkirchen in Schutt und Asche gelegt hat. Der – für Sowtschick – unüberbietbare Inbegriff der Barbarei. Sentimentalnationale Selbststilisierung; deutsches Opfer-Moll.
»Ach, du lieber Sowtschick, jetzt liegst du da, und blutest noch nicht einmal aus dem Mund!«
So enden Buch, Protagonist und Reise.
Letzte Grüße erschien 2003, vor fast zwanzig Jahren. Heute löste der Roman wahrscheinlich einen Shitstorm aus, weil er sich nicht die Bohne um die Reinheitsgebote und Auftrittsvorschriften scherte, die neuerdings die Revolutionsgarden des Sprach- und Genderfortschritts allenthalben einfordern und überwachen.
Abends im ZDF Wiener Blut. Eine Staatsanwältin ägyptischer Abstammung, ehrgeizig und karrierebewusst. Ihre Tochter verfällt dem glutäugigen Jamal, trägt in der Schule plötzlich Kopftuch und tappt in die Falle der Islamisten. Hier breche ich die Nacherzählung ab. – Solchen Zeitvertreib scheut nicht, wer interniert und nach seinem Tagewerk seiner Augenblödigkeit wegen kaum noch imstande ist zu lesen. –
Synchron: Terror in Wien. Ein zwanzigjähriger, vorbestrafter, einschlägig bekannter Mann albanisch-nordmazedonischer Herkunft schießt im I. Bezirk mit einer langläufigen Waffe wahllos und planvoll auf Passanten. Am Schwedenplatz, in der Nähe der Synagoge.
Dort haben wir vor Jahresfrist Quartier genommen, im Hotel Zur Post, am Fleischmarkt.
Tagessonate 11.2
Die Lücke zwischen Mensch und Tier, sie lässt sich nicht schließen.
Komm doch, Brexit.
Was am Ende zählt, ist das Ergebnis.
Das letzte Wahllokal in den USA hat geschlossen; die Zitterpartie beginnt.
Biden knapp vor Trump, bislang.
Keine blue wave.
Offen gestanden, so meldet sich Trump zu Wort, wir haben die Wahl gewonnen.
Damit ihm die anderen den Sieg nicht mehr stehlen können, will der Präsident den Supreme Court anrufen, dass er das Auszählen weiterer Stimmen verbieten möge.
Verfassungskrise. Legalistischer Staatsstreich.
Worauf sollten wir gefasst sein.
Immerhin ist noch kein Blut geflossen.
Tagessonate 11.3
Boss kann auch gemütlich.
Der Tote hieß Wladimir Marugow und besaß mehrere Wurst- und Fleischwarenfabriken.
Oder dass der Schoßhund auf dem Schoß sitzt, der Schäferhund aber nicht auf dem Schäfer.
Im Hochsommer 1989, kurz bevor Kempowski seinen ihm sehr vertrauten Kollegen Alexander Sowtschick zu den Deutschen Wochen in die USA schickt, war ich dort unterwegs, zum ersten Mal.
Vier Wochen kreuz und quer, eingeladen und begleitet vom German Marshall Fund.
Mein Reiseroman, schriebe ich ihn, fiele anders aus.
Wenige Jahre zuvor erst aus der DDR ausgereist, galt ich nun plötzlich, in vielen Gesprächen und Diskussionen, als Experte für alles, was sich gerade in Leipzig oder Ostberlin zutrug, von Phoenix, Arizona oder Oxford, Mississippi her schwer zu deuten und zu verstehen.
Ich irrte mich gründlich. Ich vermochte mir, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vom 4. Juni vor Augen, eine friedliche Lösung nicht vorzustellen. Dass die Sowjets die DDR freigeben könnten und würden, kam mir undenkbar vor.
(Ich erinnere mich, dass Martin Mosebach einmal die semantische Fantasie geäußert hat, der Name von Kempowskis durch Amerika reisendem und irrendem Romanhelden, Sowtschick, bedeute womöglich, sinngemäß: der von den Sowjets Beschädigte.)
An dieser Hürde scheiterte meine Zuversicht. Ich blieb pessimistisch.
Auf jener Reise bin ich Andrei S. Markovits begegnet, 1948 als Kind jüdischer Eltern in Rumänien geboren, seit 1967 in den USA. Geselliger Melancholiker. Sozialwissenschaftler. Verfasser eines Standardwerkes über die Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland.
Ich glaube, es war in Washington D. C.
2004, fünfzehn Jahre später, erschien in Hamburg sein Buch Amerika, dich haßt sich’s besser, eine Studie, die mit ihren Exkursen und Ausgrabungen zu und in Geschichte und Kulturgeschichte bedrückend unabweislich zeigt, wie eng Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa seit jeher verschränkt sind.
»Reisen ist tödlich für Vorurteile«, lautet ein Diktum von Mark Twain.
An dem deutschen Dichter Nikolaus Lenau, der 1832 Amerika bereist hat, scheiterte diese Maxime, leider. Auf dem Land liege ein poetischer Fluch, und die kulturelle Ödnis sei so groß, dass sich auch die Nachtigall weigere, dort zu singen. »Die N...