Im ersten Themenfeld dieses Teils II beginnt der Weg in die Zukunft unserer Sprachberufe – und zwar bei Ihnen, bei uns allen, beim Menschen, der sich mitteilt und so über sich hinauswächst. Sie vergegenwärtigen sich, wie Sprachen es Ihnen erlauben, mit anderen Menschen in Kommunikation zu treten und dadurch an Gemeinschaften, Organisationen und der Gesellschaft teilzuhaben und mitzuwirken. Soll sprachliches Handeln darüber hinaus zu Ihrem Beruf werden, gilt es, an wichtigen kommunikativen Schnittstellen Sprache und Sprachen so zu nutzen, dass Sie die wesentlichen Diskurse mitgestalten und steuern können.
Im ersten Kapitel II1.1 erkennen Sie: Nicht alles im Berufsleben ist Kommunikation – aber ohne gelingende Kommunikation ist alles nichts. Sie erleben, warum es nicht selbstverständlich ist, richtig verstanden zu werden – und dass ein solcher Erfolg maßgeblich davon abhängt, wie Sie kommunikative Situationen einschätzen und sprachlich zu nutzen wissen. Beispiele aus dem mehrsprachigen und interkulturellen Berufsalltag zeigen, dass es dabei häufig auf vermeintliche Details ankommt. Diese zu kennen und deshalb zielführend zu handeln, macht aus Sprachtalenten Sprachprofis.
Im zweiten Kapitel II 1.2 stellen Sie scharf auf die kommunikativen Schnittstellen in den Diskursen zwischen Einzelnen, Gemeinschaften und der ganzen Gesellschaft. Von der Zweierbeziehung bis zu weltumspannenden Gemeinschaften – jede Form gesellschaftlicher Organisation bildet ihre eigenen kommunikativen Schnittstellen aus, an denen wir so handeln, dass die Kommunikationsversuche möglichst selten misslingen und möglichst oft gelingen. Dabei helfen Muster, Praktiken und Routinen des Sprachgebrauchs: regelmäßige, wiederkehrende Strukturen in unseren Kommunikationsprodukten und -prozessen.
Nachdem Sie die beiden Kapitel zu Sprache und Mensch durchgearbeitet haben, sind Sie bereit zum Schreiben einer Portfolio-Arbeit von etwa drei Seiten. Sie tun dies wieder allein oder in kleinen Gruppen, Arbeitsaufwand etwa vier Stunden. Beschreiben und analysieren Sie auf je einer Seite drei Fälle aus Ihrer Lebenswelt, denen ein sprachliches Kommunikationsproblem zugrunde liegt. Zeigen Sie für jeden Fall, wie der Sprachgebrauch zum Problem beiträgt – und mit welchen anderen sprachlichen Mitteln das Problem aus Ihrer Sicht vermieden wird. Begründen Sie jeden Lösungsvorschlag kurz. Leitfragen dabei:
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Welche Bedingungen prägen die Kommunikationssituation, in der das Problem entstanden ist, und sind diese Bedingungen veränderbar?
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An welchen kommunikativen Schnittstellen ist das Problem entstanden, und wer gestaltet die Kommunikation an diesen Schnittstellen?
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Welche sprachlichen Muster an diesen Schnittstellen haben zum Problem beigetragen, und welche würden eine Lösung begünstigen?
II.1.1 Man kann nicht nicht? – Zugänge zur Kommunikation
Dr Oliver Winkler ZHAW, Winterthur, Schweiz
Ursula Stadler Gamsa ZHAW, Winterthur, Schweiz
Unser Alltag ist geprägt von Tätigkeiten. Welche davon sind kommunikativ? Worauf achten wir, bewusst oder unbewusst, beim kommunikativen Handeln, und was entscheidet über Erfolg oder Misserfolg von Kommunikation? Durch Veranschaulichung, Analyse und Diskussion praktischer Beispiele aus den Berufsfeldern lernen Sie in diesem Kapitel, wie kommunikative Situationen den Kommunikationserfolg mitprägen, und zwar im interpersonellen wie im interkulturellen Studien- und Berufskontext.
Haltung: Sie werden sich bewusst, wie Sie zu kommunikativen Normen und Konventionen stehen und wie man auch noch dazu eingestellt sein könnte. Wissen: Sie verfügen über die Grundbegriffe zum zielführenden Erfassen menschlicher Kommunikation im Kontext. Können: Diese Haltung und dieses Wissen können Sie anwenden und später einfließen lassen in berufliches sprachliches Handeln als Reflective Practitioner.
Das Kapitel führt vom kommunikativen Handeln a zu Bedingungen fürs Gelingen von Kommunikationsversuchen b. Dann stellt es scharf auf den Beziehungsaspekt von Kommunikation c und beleuchtet, was Kommunikationssituationen ausmacht, etwa in interkultureller Kommunikation d.
a Verhalten, Handeln, Kommunizieren: Wo beginnt communicare?
b Darstellung, Ausdruck, Appell: Wie Kommunikation gelingt
c Der Beziehungsaspekt in der Kommunikation: Zum Beispiel Facework
d Modi, Medien und mehr: Kommunikationssituationen richtig einordnen
Ursula Stadler Gamsa und Dr. Oliver Winkler nutzen bei der inhaltlichen und didaktischen Ausgestaltung dieses Kapitels ihre Erkenntnisse aus Lehr- und Forschungsprojekten im Bereich der domänenspezifischen Kommunikation und greifen zurück auf ihre beruflichen Erfahrungen in interkulturellen Berufskontexten im akademischen und nicht-akademischen Bereich. https://www.zhaw.ch/de/ueber-uns/person/stur/ https://www.zhaw.ch/de/ueber-uns/person/wino/
Thema 1.1.a Verhalten, Handeln, Kommunizieren: Wo beginnt communicare?
Sobald wir unser Verhalten mit Absicht auf Ziele hin steuern, spricht die Soziologie von Handeln. Handeln muss aber noch nicht kommunikativ sein: Wenn Sie allein Gemüse schneiden oder Schnee schaufeln, tun Sie dies zwar mit Absicht und Ziel, aber ohne sich dabei mit anderen auszutauschen. Erst wenn Handlungen auch andere Menschen miteinbeziehen, sprechen wir von kommunikativem Handeln, kurz: von Kommunikation. Miteinbeziehen meint, dass wir im Moment des Kommunizierens in Beziehung zu einem Gegenüber treten, und zwar auch wieder mit Absicht.
Um dem Begriff Kommunikation auch sprachwissenschaftlich näher zu kommen, hilft ein Blick in die Begriffsgeschichte, die Etymologie: communicare (lat.) bedeutet etwas gemeinsam machen, also etwas mit jemandem teilen. Kommunikation braucht ein Gegenüber. Dieses Gegenüber kann menschlich sein oder nicht (wir kommunizieren ja auch mit unserer Katze), real (tatsächliches Gespräch) oder fiktiv (di...