Führen live
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Führen live

30 Praxisfälle in der Analyse

  1. 379 Seiten
  2. German
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Führen live

30 Praxisfälle in der Analyse

Über dieses Buch

Profitieren Sie von praxiserprobtem Führungswissen und holen Sie sich Anregungen für den Führungsalltag. Dieses Buch stellt konkrete Problemsituationen und Lösungsmöglichkeiten vor. Die Detailanalysen der Autoren und das Hintergrundwissen, das sie vermitteln, helfen Ihnen Ihr Repertoire an Führungstechniken zu erweitern.Inhalte: - Effizienter Einstieg in neue Führungspositionen.- Motivation, Entwicklung, Kritik und Konflikte: Führen schwieriger Mitarbeitergespräche.- Umgang mit Teamdynamiken und Teamkonflikten.- Führung in Change Prozessen.- Führung des eigenen Vorgesetzten.

Information

Verlag
Haufe
Jahr
2014
eBook-ISBN:
9783648049891

1 Teams führen

1.1 Abstieg oder Klassenerhalt – sich selbst und das Team in Krisenzeiten motivieren

Marius Nolte, Mannschaftskapitän der Fraport Skyliners (Basketball-Bundesligamannschaft)

1.1.1 Fallbeschreibung

Ich bin jetzt im dritten Jahr Mannschaftskapitän der Fraport Skyliners, einer der erfolgreichsten Basketball-Bundesligamannschaften; davor war ich drei Jahre lang Kapitän bei den Paderborn Baskets. Anfangs habe ich für mich nie wirklich definiert, was genau meine Aufgaben als Kapitän sind und welche Dinge ich tun muss. Aber ich merke gerade in den letzten Jahren, wie ich mich zunehmend über diese Rolle definiere und (auch mit einem gewissen Stolz) versuche, sie mit ganzem Herzen auszufüllen.
Wie sehr man dabei Führung leben kann, hängt sicherlich von vielen Faktoren ab: Was für ein Typ ist man selbst als Kapitän, wie stabil sind der Club und die Mannschaft, wie dominant ist der Trainer und wie ist das Verhältnis des Kapitäns zum Coach, zum Vorstand und zur Mannschaft. Denn genau hier liegt eine wichtige Aufgabe des Kapitäns: Er muss an vielen Stellen Schnittstelle und Vermittler sein. Die Mannschaft moniert müde Beine und zu hartes Training, der Trainer beschwert sich über die unprofessionelle Einstellung Einzelner oder des gesamten Teams, der Fanclub ist sauer, weil nach der letzten Niederlage aus Frust nicht abgeklatscht wurde, der Vorstand ist nicht wirklich damit zufrieden, wie die Kabine nach dem letzten Heimspiel aussah ...
All dies sind ziemlich alltäglich Beispiele, bei denen sich der Kapitän als Schnittstelle überlegen muss, wie er die Probleme am besten angeht und auf welche Weise er sie den entsprechenden Adressaten vermittelt. Das kann spannend sein – oder auch sehr unangenehm –, lustige oder auch sehr ernste Unterhaltungen mit sich führen. Klar ist nur eines: Man muss sich als Kapitän darum kümmern und die Dinge angehen. Versäumt man dies, dann leidet die Glaubwürdigkeit und aus kleineren Schwierigkeiten wird schnell ein riesiges Problem, das dann wirklich größere Konsequenzen nach sich ziehen kann. Im schlimmsten Fall leidet der sportliche Erfolg – der Faktor, an dem sich jeder Club messen lassen muss.
Die Hauptaufgabe eines Kapitäns ist allerdings, dazu beizutragen, dass innerhalb des Teams ein starkes „Wir”-Gefühl entsteht und man dadurch sportlich erfolgreich ist. Es ist sehr wichtig, Saison für Saison so schnell wie möglich ein Team zu formen und in der Folge dafür zu sorgen, dass man auch ein Team bleibt. Genau hier sollte sich aus meiner Sicht ein guter Kapitän einbringen: Streitigkeiten innerhalb des Trainings schlichten, ausschweifende Mitspieler bremsen oder deprimierte Mitspieler aufrichten, aufbauende (hoffentlich filmreife) Motivationsansprachen halten etc. Vielleicht sind all dies nur kleine Dinge, aber genau diese können am Ende einer langen Saison den Unterschied ausmachen. Wichtig ist, dass der Kapitän für alle spürbar involviert ist. Nur wenn die Mitspieler merken, dass man wirklich ernst meint, was man sagt, wird man als Vorbild und Führungspersönlichkeit anerkannt und akzeptiert. In sportlich erfolgreichen Zeiten geht das in der Regel leicht von der Hand. Was aber, wenn der Erfolg ausbleibt und die Nerven blank liegen? Dann wollen sich zwei streitende Spieler gegebenenfalls nicht mehr vertragen und bei den Ansprachen hört vielleicht schon gar keiner mehr zu, weil sie ja bei den letzten Spielen auch nichts geholfen haben. Die Kunst des Kapitäns ist es, auch in schwierigen Zeiten noch Führungsqualitäten zu zeigen.
In der Saison 2012/13 hatte unser Team genau so ein Tal zu durchschreiten: Wir standen kurz vor dem Abstieg in die zweite Liga. Als Vize-Meister und Vize-Pokalsieger 2010 und Halbfinalist um die deutsche Meisterschaft 2011 waren wir eigentlich eher erfolgsverwöhnt. Wie es dann so weit kommen konnte, dass wir um den Klassenerhalt zu kämpfen hatten, kann ich mir bis heute nicht wirklich erklären. Im Sport reichen manchmal Kleinigkeiten aus, um eine Saison in die eine oder die andere Richtung driften zu lassen. In unserem Fall waren diese „Kleinigkeiten” mehrere Verletzungen und ein (nennen wir es mal so) Kommunikationsproblem zwischen Trainer und Mannschaft.
Jedenfalls waren wir mit der dramatischsten Endspielkonstellation konfrontiert, die es in der ersten Basketball-Bundesliga je gegeben hat. Unser letztes Spiel der Saison lief gegen den Tabellenvorletzten, und es ging um alles: Der Gewinner bleibt in der Liga, der Verlierer steigt ab. Die Medien liebten es, für uns aber war es furchtbar. Der Druck und die Anspannung waren in der Woche vor dem Spiel in der gesamten Mannschaft mehr als deutlich zu spüren. Die Trainingseinheiten wurden zur Farce. Es wurde gestritten, es wurde geschubst, es wurden Schuldige gesucht. Nur richtig trainiert wurde nicht. Ich wusste, dass ich als Kapitän hätte eingreifen müssen, aber ich konnte nicht. Im Verlauf der Saison fiel es mir immer schwerer, selbstbewusst mit der Situation umzugehen. Ich begann zu zweifeln, ob meine Motivationsreden noch irgendetwas bewirkten. Kurz gesagt: Inzwischen befand ich mich in einer Art Stockstarre angesichts des drohenden Abstiegs.
In dieser verfahrenen Situation kam Hilfe von außen. Unsere Fans schickten uns Nachrichten, die uns aufbauen und helfen sollten. Der Club druckte diese Botschaften auf große Zettel, mit denen er unsere Trainingshalle förmlich tapezierte. Die Rückmeldungen unserer Fans waren für mich die Motivation, die mich aus meiner Starre befreite. Aussagen wie „Egal was passiert, wir stehen hinter euch” nahmen mir den Druck und sorgten gleichzeitig dafür, dass ich verstand, wie viele mit uns im Boot saßen und dass es die falsche Zeit war, um sich zu verstecken. Ich dachte: Wenn wir schon untergehen, dann will ich mir später nicht vorwerfen müssen, ich hätte nicht alles versucht, um es zu vermeiden.
Ich war wieder da! Zuerst knöpfte ich mir die Streithähne vor und erinnerte sie daran, worum es eigentlich ging und an unser Versprechen, zusammenzuhalten. Dann ging ich mir unserem Aufbauspieler, der auf dem Feld die Spielzüge organisiert und der zu dieser Zeit Probleme hatte, die Führung zu übernehmen, essen und erzählte ihm zwei Stunden lang, wie sehr ich an ihn glaubte. Am Spieltag selbst, nachdem der Trainer seine Ansprache gehalten hatte, richtete ich noch einige Worte an die Mannschaft. Ich sagte ihr, wie stolz ich sei, dass wir trotz vieler Rückschläge nicht aufgegeben hatten und es jetzt selbst in der Hand hielten, in der ersten Liga zu bleiben. Das Spiel begann und wir kämpften, waren voller Emotionen und traten als eine starke Einheit auf. Unser Aufbauspieler übernahm seine Verantwortung und jeder war voll da. Es war ein tolles Spiel. Und wir gewannen.
Heute bilde ich mir ein, ich hätte ein kleines bisschen dazu beigetragen. Aber selbst, wenn nicht: Ich bin sehr, sehr glücklich über den Sieg und zufrieden mit meiner Leistung als Kapitän. Eine solche Situation erfolgreich gemeistert zu haben, hat mich viel gelehrt und mich stärker gemacht. Ich weiß jetzt, dass für eine Führungsperson Aufgeben immer die falsche Entscheidung ist und dass es sich lohnt, motiviert zu bleiben – manchmal ruhig mit ein bisschen Hilfe von außen. Mittlerweile bin ich dankbar, auch diese schwierige Zeit miterlebt zu haben. Eines ist allerdings auch klar: Ich werde alles dafür tun, nicht noch einmal in eine solche Situation zu kommen.

1.1.2 Analyse

Erscheint Ihnen dieser Fall ungewöhnlich für ein Buch mit Praxisfällen von Führungskräften? Kein Wunder: Marius Nolte ist weder CEO eines Wirtschaftsunternehmens noch Führungskraft in einer Organisation der öffentlichen Hand, sondern Kapitän eines Basketball-Teams. In seinem Beispiel geht es nicht um den Gewinn von Marktanteilen oder das Erreichen von Umsatzzielen, sondern um den Klassenerhalt in der 1. Basketball-Liga. Und auch die Instrumente, die Marius Nolte beschreibt, entsprechen kaum denen einer Führungskraft im Unternehmen: Er hat keine Weisungsbefugnis, kann weder mit Boni noch mit Abmahnungen arbeiten und hat nicht die Möglichkeit, gute „Mitarbeiter” zu befördern. Dennoch ist der Führungsfall von Marius Nolte eine wahrhafte Fundgrube für das Thema Mitarbeiterführung. Zum einen beschreibt er sehr pointiert einige der ureigenen Aufgaben in der Führung. Zum anderen thematisiert er die zentrale Frage der Selbstmotivation von Führungskräften.
Wenden wir uns zunächst den Kernaufgaben von Marius Nolte in seiner Rolle als Führungskraft zu. Er berichtet, dass er seine Aufgaben als Kapitän weitestgehend für sich selbst definiert hat. Ähnliches erleben wir bei vielen Führungskräften in der Wirtschaft. Sie verfügen zwar meist über eine offizielle Aufgabenbeschreibung (z. B. „Aufgabenprofil Leiter Vertriebscontrolling”) und treffen mit ihren Chefs Zielvereinbarungen (wie etwa „Steigerung des Marktanteils in der Region Südwest um 7 Prozent”). Wie sie diese Vorgaben aber in tagtägliches Führungshandeln übersetzen, bleibt häufig den Führungskräften selbst überlassen.
Mit Sicherheit ist Kommunikation im „Außenverhältnis”, d. h. außerhalb des selbst geführten Teams, eine der Kernaufgaben von Führungskräften. Im Spannungsfeld von Kunden, Lieferanten, Führungskräften anderer Abteilungen, eigenen Vorgesetzten, Vertretern der Nebenhierarchie (wie z. B. Betriebsräten) und anderen Stakeholdern müssen sie ständig kommunizieren, um beispielsweise Informationen abgestimmt weiterleiten zu können, für das eigene Team notwendige Ressourcen zu bekommen, Schnittstellenkonflikte zu lösen oder die Erfolge des eigenen Teams sichtbar zu machen.
Ganz ähnliche Aufgaben muss auch Marius Nolte als Kapitän einer Basketballmannschaft erfüllen – bei ihm sind die primären „externen Kommunikations-Stakeholder” der Trainer, die Geschäftsführung des Vereins und die Fans.
Wie aber sieht es im „Innenverhältnis”, also in der direkten Führung der Teammitglieder aus? Auch hier definiert Marius Nolte, so wie viele andere Führungskräfte, seine wichtigsten Aufgaben selbst. Auf Basis vieler Gespräche mit Führungskräften haben wir das sogenannte Führungs-Cockpit entwickelt. Dieses – zwar wissenschaftlich nicht fundierte, aber von vielen Seminarteilnehmern und Coachees als sehr hilfreich erlebte – Modell beschreibt als die vier Kernaufgaben der Führung:
  1. Entwicklung
  2. Steuerung
  3. Delegation
  4. Motivation
Betrachten wir nun nacheinander alle vier Kernaufgaben und analysieren, inwiefern diese für Marius Nolte eine Rolle spielen:
1. Entwicklung
Eine der Kernaufgaben von Führung ist es, die eigenen Mitarbeiter weiterzuentwickeln, ihre Potenziale zu entdecken und zu fördern, Stärken systematisch zu stärken und an Schwächen zu arbeiten, die der Zielerreichung im Wege stehen. Diese Dinge erreichen Sie durch Feedbackgespräche, Verteilung neuer Aufgaben und Projekte oder Trainingsmaßnahmen. In manchen Unternehmen (z. B. in vielen amerikanisch geprägten Unternehmensberatungen) verstehen sich Führungskräfte sogar primär als „Coaches” ihrer Mitarbeiter und nehmen das Thema Entwicklung sehr ernst. In anderen Organisationen bewerten manche Führungskräfte dieses Thema fälschlicherweise als weit weniger wichtig. Obwohl sie selbst von ihren Vorgesetzten selbstverständlich Möglichkeiten zur Weiterentwicklung erwarten, halten sie ihre Mitarbeiter gerne klein, damit diese ihnen nicht „über den Kopf wachsen”. Dies hat häufig fatale Auswirkungen, zunächst auf die Mitarbeitermotivation, aber langfristig auch auf die Zielerreichung.
Die Entwicklung der Teammitglieder steht nicht im Zentrum der Aufgaben von Marius Nolte, da diese Tätigkeit per definitionem in Händen des Trainers und nicht des Kapitäns liegt. Jenseits dieser offiziellen Aufgabenverteilung ist jedoch durchaus erkennbar, dass Marius Nolte als Kapitän gefordert ist, bei Mannschaftstrainings entwickelnd mitzuwirken, Feedback zu geben und Stärken zu fördern.
2. Steuerung
Die Zielerreichung immer fest im Blick, haben Führungskräfte dafür zu sorgen, dass ihre Mitarbeiter an den richtigen Aufgaben mit den richtigen Ressourcen zur richtigen Zeit arbeiten. Die Steuerung umfasst dabei sowohl die Vereinbarung oder Vorgabe von Zielen als auch das regelmäßige „Monitoring” und ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Hinweis zum Urheberrecht
  3. Impressum
  4. Geleitwort
  5. Don't panic – ein praktisches Handbuch für Führungskräfte
  6. Danksagung
  7. 1   Teams führen
  8. 2   Mitarbeiter führen
  9. 3   Führungskräfte führen
  10. 4   Organisationen führen
  11. 5   Vorgesetzte führen
  12. Führungsfälle in der Praxis – ein Überblick
  13. Literaturverzeichnis
  14. Stichwortverzeichnis
  15. Autoren

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