Purpose Driven Organizations
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Purpose Driven Organizations

Sinn Selbstorganisation Agilität

  1. 338 Seiten
  2. German
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Purpose Driven Organizations

Sinn Selbstorganisation Agilität

Über dieses Buch

Während die Mehrzahl der Unternehmen nach wie vor zahlenorientiert und traditionell organisiert ist, sprießt an vielen Stellen Neues wie Pilze aus dem Boden. Organisationen rund um den Globus finden innovative Antworten auf den sich rasch wandelnden Markt, die steigende Komplexität und den Wunsch vieler Arbeitnehmenden nach Sinn.Das Buch erläutert die fünf Disziplinen der Purpose Driven Organizations in Theorie und Praxis: - Sinn als Steuerungsinstrument- Agile Aufbauorganisation- Partnerschaftliche Personalsysteme- Hochflexible Organisationskultur- Co-Evolution im Business ÖkosystemZwölf Best-Practice-Beispiele blicken hinter die Kulissen sinn-orientierter Unternehmen. Eine Toolbox mit konkreten Methoden liefert das Handwerkzeug für Purpose Driven Organizations - zum Beispiel: - Wie steuern sich Unternehmen über Sinn statt Mehrjahrespläne und Strategien?- Wie entwickelt man eine Firmenstruktur, die Agilität und Überlebensfähigkeit sichert und auf Selbstorganisation setzt?- Wie gelingt Selbstorganisation, wenn niemand mehr sagt, wo es lang geht?Die Autorinnen diskutieren das Konzept im Licht der Systemtheorie und berichten aus ihrer Arbeit und Forschung, in der sie Unternehmen in der Transformation begleiten.Einblicke in die Arbeit der Autorinnen erhalten Sie unter purpose-driven.world

Information

Jahr
2018
eBook-ISBN:
9783791040363

Teil 1: Welt, Sinn und Organisation

1 Die Herausforderung

„Purpose Economy löst die Information Economy ab!“ – „Das posthierarchische Zeitalter beginnt“ – „Firmen ohne Führungskräfte“ – „Das Ende der Hierarchie?!“ – „Digitalisierung wird alles verändern“ – „Die vierte industrielle Revolution nimmt Fahrt auf“. Diese und ähnliche Schlagzeilen dominieren seit Jahren die Wirtschaftspresse und die Management-Fachliteratur. Wir begegnen ihnen auch in unserer Beratungspraxis und in Anfragen aus Unternehmen an uns als Beratende: Wie kann das gelingen? Was ist zu tun? Wie können wir das bei uns umsetzen? Neben einem sicherlich auch vorhandenen Hype ist spürbar, dass etwas in Bewegung gekommen ist und dass viele Menschen und Organisationen das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts als eine große Umbruchphase erleben. Ein grundlegender Entwicklungszyklus von Wirtschaft, Gesellschaft und Management kommt langsam an sein Ende und wird von etwas Neuem, das sich noch nicht exakt beschreiben lässt, abgelöst. Was ist damit gemeint?
Da man soziale Systeme, als die wir Organisationen betrachten, nur in Verbindung mit der sie umgebenden Umwelt begreifen kann, macht es Sinn, sich an dieser Stelle einen Überblick zu verschaffen, was sich in diesem Umfeld tut. In Summe ergibt sich dabei für uns folgendes Bild: Der wirtschaftliche, technische aber auch soziale Fortschritt der letzten 200 Jahre ist spürbar. Fast überall. Aber nicht alles läuft gut. In Wirtschaft und Gesellschaft sind die Fliehkräfte inzwischen unübersehbar. Das kann nicht mehr (lange) so weitergehen. Wir brauchen eine neue Entwicklungskurve in Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem verändern sich die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Menschen, die verstärkt auch nach Sinn in der Arbeit suchen. Mit ihnen verändert sich die Gesellschaft, aber auch was Wirtschaft und Organisationen ausmacht und was sie leisten müssen. Und gleichzeitig sind Organisationen historisch betrachtet noch ein recht junges Phänomen. Wir meinen, dass sie jung genug sind, um sich neu zu erfinden. Und es ist Zeit, dass sie erwachsen werden. Dabei werden sie noch besser lernen müssen, mit Komplexität und Widersprüchen umzugehen. Schauen wir uns diese Punkte im Folgenden genauer an.

1.1 Der Fortschritt ist spürbar – fast überall

Technologische Innovationen, Kapitalismus bzw. Marktwirtschaft, Globalisierung und Demokratie haben einen noch nie dagewesenen Wohlstand geschaffen und das Leben vieler Menschen nicht nur auf der Nordhalbkugel enorm verbessert. Der tägliche Blick in die Nachrichten lässt uns dies leicht vergessen. Dieser gewaltige Fortschritt hat eine Situation geschaffen, in der immer mehr Menschen nicht mehr um das tägliche Überleben kämpfen müssen.
Harvard-Professor Steven Pinker hat sich die Mühe gemacht, eine ganze Reihe von Daten und Fakten zusammenzutragen, die dies belegen und den Blick über den täglichen Nachrichtentellerrand hinaus schärfen sollen (Economist 2018):
  • Die Welt ist heute rund 100-mal wohlhabender als noch vor 200 Jahren, und dieser Wohlstand ist auch gleichmäßiger verteilt. Handel und technischer Fortschritt erlaubten es reichen Ländern weiter zu wachsen, aber auch Ärmeren aufzuschließen.
  • Die Zahl der extrem Armen ist weltweit deutlich gesunken. Während 1990 noch rund 1,9 Milliarden Menschen in Armut lebten, waren es 2005 „nur“ mehr 836 Millionen. Besonders stark war der Rückgang in China, wo 1990 noch mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebten, während es inzwischen weniger als 2 Prozent sind (Kohlenberg/Schieritz 2018, S. 14).
  • In Kriegen sterben derzeit jährlich rund drei Viertel weniger Menschen als noch in den 1980er-Jahren.
  • Im Laufe des 20. Jahrhunderts sank die Wahrscheinlichkeit, in den USA bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, um 96 Prozent und bei einem Brand zu sterben um 92 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Arbeitsunfalls reduzierte sich um 95 Prozent.
  • Ein großer Teil auch der ärmeren Bevölkerungsschichten kann heute Annehmlichkeiten nutzen, die vor 150 Jahren nicht einmal den Superreichen im Alltag zur Verfügung standen: Elektrizität, Heizungen und Klimaanlagen, Kühlschränke, Autos, Telefone oder Fernsehgeräte.
  • Die enormen Verbesserungen der Versorgung mit Medizin, Trinkwasser und Nahrungsmitteln sowie der sanitären Bedingungen ermöglichen es, dass Menschen heute länger, gesünder und besser leben können.
  • Sogar der durchschnittliche Intelligenzquotient ist weltweit in den letzten 100 Jahren um erstaunliche 30 Punkte gestiegen, so dass 98 Prozent der heute Lebenden diesbezüglich höhere Werte erreichen als die Menschen vor 100 Jahren.
  • Vor 200 Jahren lebte nur ein Prozent der Weltbevölkerung in Demokratien, in denen jedoch Frauen und Männern der Arbeiterklasse in der Regel das Wahlrecht verweigert wurde. Inzwischen leben zwei Drittel der Menschheit in einer Demokratie und auch autoritäre Staaten wie China erlauben heute mehr Freiheitsrechte als früher.
  • In 45 von 52 im World Values Survey erfassten Ländern ist das gemessene Glück und Wohlbefinden der Bewohnerinnen zwischen 1981 und 2007 gestiegen (World Value Survey 2018).
  • Nach Unicef-Daten hat sich zudem die Kindersterblichkeit weltweit seit 1990 halbiert (Unicef 2018).
Dieses positive Bild der Gesamtentwicklung der Welt korrespondiert so gar nicht mit den krisenhaften und bedrohlichen Eindrücken, die die Tagesnachrichten und Postings in sozialen Medien bei uns hinterlassen. Das Gesamtbild gibt durchaus Anlass zu Optimismus, aber selbstverständlich nicht dazu, die Augen vor den Problemen und Herausforderungen der Gegenwart zu verschließen.

1.2 Fliehkräfte in Wirtschaft und Gesellschaft

In Gesellschaft und Wirtschaft werden gerade in den letzten Jahren auch enorme Fliehkräfte spürbar. Immer mehr Menschen in den vergleichsweise reichen Ländern der Nordhalbkugel sehen sich als Globalisierungsverlierende, wirtschaftlich und gesellschaftlich ausgegrenzt. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in vielen Ländern immer weiter auseinander. Der gesellschaftliche Grundkonsens bezüglich einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, eines Sozialstaats und einer an Freihandel und funktionsfähigem Wettbewerb orientierten Marktwirtschaft wird zunehmend infrage gestellt. Immer mehr Wählende stimmen für populistische Parteien und deren einfache Rezepte. Der liberale Vordenker Ralf Dahrendorf prognostizierte schon 1997, dass die Globalisierung die Konkurrenz stärke und das Gemeinschaftsgefühl schwäche. Infolgedessen gerate die Demokratie unter Druck, weil der Weltmarkt die Teilhabesuchenden fresse und die, die Anteile haben, ungeschoren lasse. Keine Gesellschaft könne es sich ungestraft leisten, so viele ihrer Mitglieder einfach auszuschließen (Heuser 2017, S. 9).
Über 20 Jahre später nach Finanzkrise und Bankenrettungen (2008ff.), Euro- und Staatsschuldenkrise (2010ff.) und Zustrom von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten des Nahen und mittleren Ostens sowie aus armen Ländern Afrikas (2015ff.) wird auch in Europa erkennbar, wie recht Dahrendorf hatte: Viele Menschen fühlen sich unfair behandelt, empfinden Wut gegenüber einem politischen und wirtschaftlichen Establishment, von dem sie sich ausgegrenzt und vergessen fühlen, und sehen sich als Verlierende der Globalisierung und zunehmenden Digitalisierung. Immer mehr zweifeln am System, machen ihren Unmut in sozialen Medien deutlich und laufen populistischen Parteien, die die Unzufriedenheit ausnutzen und eine Art neuen Nationalismus begründen, in die Arme.
Der britische Historiker Niall Ferguson hat in einem Vortrag 2016 das Rezept für Populismus beschrieben. Es besteht aus fünf Zutaten: eine große Zahl von Einwandernden, eine große ökonomische Ungleichheit in der Gesellschaft, dem Eindruck vieler Menschen, sie würden benachteiligt und es gehe unfair zu, einem schweren wirtschaftlichen Schock oder einer Finanzkrise und dem Auftritt einer demagogischen, populistischen Politikerin (Fergusson zitiert nach Heuser 2016, S. 19 f.). Kommt uns irgendwie bekannt vor – inzwischen.
Die Mittelschicht fühlt sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz zunehmend bedroht und Institutionen wird immer mehr misstraut. Dabei greift ein Denken um sich, dass die Welt einteilt in „Wir“ und „Die“, in „für mich“ und „gegen mich“. Ein Gefühl von „es geht nicht fair zu“ und „die da oben richten es sich auf unsere Kosten ein“. Die Folge ist ein Rückzug in die eigene Erklärungswelt der Ungerechtigkeit, die nicht daran glaubt, gemeinsam etwas ändern zu können, sondern gegen die anderen wettert. Eine Flucht in die einfachen „Raus“-Konzepte der Demagoginnen, in Globalisierungs-, Technik- und Fremdenfeindlichkeit.
Der kritische Blick in Wirtschaft und Gesellschaft zeigt, dass wir längst nicht dort sind, wo wir gerne wären. Angesichts der Problemflut, die täglich durch die Medien schwappt, stellt sich uns manchmal die Frage, ob unsere Organisationen – und wir mit ihnen – nicht irgendwo eine wichtige Abzweigung in die erhoffte Zukunft verpasst haben. Einige Beispiele sollen dies illustrieren:
  • Der jährlich erhobene Gallup Engagement Index zeichnet seit vielen Jahren ein verheerendes Bild der emotionalen Bindung und des Engagements von Mitarbeitenden. Im Mittel der Jahre 2014 bis 2016 zeigt sich, dass nur 15 Prozent der Mitarbeitenden deutscher Unternehmen eine hohe emotionale Bindung zu ihrer Firma haben, 70 Prozent eine geringe und 15 Prozent gar keine. In Österreich haben sogar nur zwölf Prozent und in der Schweiz 13 Prozent ein hohes Commitment und Engagement (Gallup 2017a und b). Betrachtet man die Indexwerte über die letzten 15 Jahre, ergibt sich ein fast durchgängig ähnliches Bild (Gallup 2017c). Haben wir uns damit abgefunden, dass Organisationen ihre Mitarbeitenden nicht begeistern können und sich viele darin unmotiviert und im Zustand innerer Kündigung bewegen – oder ihre Zeit absitzen?
  • Die Millennials sind enttäuscht. Diese auch als Generation Y bezeichnete Gruppe der zwischen 1980 und 2000 Geborenen hat inzwischen einige Jahre Arbeitserfahrung in den heutigen Organisationen gesammelt. Ihre Erwartungen, im Job Sinnvolles zu tun, laufend Feedback zu erhalten und sich weiterentwickeln zu können, wurden ebenso enttäuscht wie ihre Hoffnungen, dass sich Unternehmen sozial engagieren, fair bezahlen und Flexibilität gestatten. Diesen Befund liefert eine Studie von Deloitte, für die mehr als 10.000 Beschäftigte in 36 Ländern interviewt wurden (Bauer 2018). Danach erklärten zudem nur 28 Prozent der befragten Angestellten, länger als fünf Jahre bei ihrer derzeitigen Firma bleiben zu wollen, und nur 47 Prozent waren der Meinung, dass Unternehmen überhaupt einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten.
  • Psychische Erkrankungen werden zunehmend bedeutsamer. Depressionen, Angststörungen und andere psychische Leiden verursachten (2017) nach einer Untersuchung der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK-Gesundheit) 16,7 Prozent aller Fehltage. Sie waren die zweithäufigste Ursache für Krankmeldungen und verdreifachten sich gegenüber 1997. Bei keiner anderen Krankheitsart gebe es eine vergleichbare Entwicklung (DAK-Gesundheit 2018, S. 18 ff.).
  • Eine Studie der Universität Wien mit mehr als 2.000 Beschäftigten von Unternehmen aus den Bereichen Verwaltung, Gesundheitswesen und IT ging über fünf Jahre dem Phänomen der sozialen Beschleunigung nach. Während die permanenten Lernanforderungen durch die sich wandelnde Arbeitswelt von den meisten Beschäftigten noch durchweg positiv erlebt werden, steigen gleichzeitig auch Zeitdruck und Arbeitsverdichtung. Die meisten Beschäftigten erleben beides als belastend. Letztlich würden so Engagement, Wohlbefinden und Zufriedenheit sinken und Erschöpfungszustände zunehmen (Der Standard 2017). Warum lassen wir zu, dass unsere Arbeitswelt immer mehr Menschen auszehrt, statt sie zu stärken?
  • Als 2008 die US-Bank Lehman Brothers in Insolvenz ging, konnten viele Banken und Versicherungen nur durch Milliardenkredite der Steuerzahlerinnen davor bewahrt werden, mit ihr in die Tiefe gerissen zu werden. Viele Investmentbanker hatten über Jahre in zweit- und drittklassige („Subprime“) amerikanische Hypothekenkredite investiert. Als immer mehr Kreditnehmende im Jahr 2007 ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, platzte die Spekulationsblase. In den Jahren danach wurden durch eine umfangreiche Regulierung der Banken in den USA, die Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen und durch die Schaffung einer europäischen Bankenunion neue Regeln für die Finanzwirtschaft etabliert. Eine nachhaltige Veränderung brachte das nicht. In den USA wurde die Bankenregulierung 2018 wieder gelockert und viele Risiken schlummern weiterhin in Schattenbanken, Bad Banks und unsicheren Krediten. Gleichzeitig steigt die Risikoneigung der Investmentbanker wieder und die Jagd auf Boni und Renditen hält unvermindert an und Unternehmen wie die Deutsche Bank AG gewähren trotz eines anhaltenden Konzernverlusts Bonuszahlungen an Topmanagerinnen und Investmentbanker in Milliardenhöhe. Wie kann es sein, dass Personen und Organisationen in einem volkswirtschaftlich derart wichtigen Sektor relativ ungehemmt wirtschaftliche Eigeninteressen verfolgen und Risiken auf die Allgemeinheit abwälzen können?
  • Im Jahr 2015 wurde bekannt, dass bei VW und anderen Automobilkonzernen Abgastests und Stickoxidwerte von Diesel-Pkw systematisch manipuliert wurden. Kundinnen und Aufsichtsbehörden wurde vorgegaukelt, dass Dieselautos wesentlich sauberer seien, als dies im Verkehrsalltag tatsächlich der Fall ist. Anfang 2017 gab VW die Gesetzesverstöße zu und verständigte sich mit der US-Justiz auf Strafen sowie Schadenersatzzahlungen in Milliardenhöhe. Intern waren die Gesetzesverstöße jedoch schon mindestens seit 2013 bekannt und wurden totgeschwiegen (Süddeutsche ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Hinweis zum Urheberrecht
  3. Impressum
  4. Warum wir dieses Buch schreiben
  5. Teil 1: Welt, Sinn und Organisation
  6. Teil 2: Der Ansatz – 5 Disziplinen
  7. Teil 3: Purpose Driven Organizations
  8. Teil 4: Tools und Methoden
  9. Check-out
  10. Literaturverzeichnis
  11. Autorinnenporträts
  12. Stichwortverzeichnis

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