Perspektiven des Entrepreneurships
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Perspektiven des Entrepreneurships

Unternehmerische Konzepte zwischen Theorie und Praxis

  1. 569 Seiten
  2. German
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Perspektiven des Entrepreneurships

Unternehmerische Konzepte zwischen Theorie und Praxis

Über dieses Buch

Wo steht die Entrepreneurship-Forschung aktuell und welchen Nutzen stiftet sie für die Gründungspraxis? Das Buch gibt einen repräsentativen Querschnitt durch das breite Spektrum des Entrepreneuerships und zeigt den aktuellen State-of-the-Art auf.Schwerpunktthemen sind: - Entrepreneur-Persönlichkeit- Unternehmerische Organisation- Spezifische Erscheinungsformen des Entrepreneurships- Systemische Betrachtung des Entrepreneurships- Entrepreneurial Ecosystem- Entrepreneurial EducationDas Buchprojekt versteht sich als Beitrag zum Theorie-Praxis-Transfer und richtet sich neben Wissenschaftlern auch an Entrepreneure in der Praxis.

Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783791044712
eBook-ISBN:
9783791044729

1 Aspekte, Standpunkte und Ausblicke: Perspektiven des Entrepreneurships

Katharina Hölzle, Victor Tiberius, Heike Surrey

1.1 Einführung

Entrepreneurship ist ein omnipräsentes Thema. Täglich hören und lesen wir von neuen Gründungen, die mit innovativen Produkt- oder Dienstleistungsideen Dinge einfacher, schneller oder günstiger machen, von Venture-Capital-Unternehmen, die große Summen in Ideen und Köpfe investieren, und von jungen Unternehmen, die es nach kurzer Zeit zum sogenannten »Unicorn« geschafft haben, also eine Unternehmensbewertung von einer Milliarde US-Dollar überschreiten. Politiker rufen zu mehr Gründergeist auf, und die deutsche Förderlandschaft sucht weltweit ihresgleichen. Die Zahl der Gründungslehrstühle an deutschen Hochschulen hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt, die Anzahl der Publikationen ebenso. Speziell für Gründer zugeschnittene MBA-Programme erfreuen sich großer Beliebtheit, genauso wie Gründungsservices an Hochschulen. Kurz: Das Thema Entrepreneurship floriert.
Dieser gesteigerten Aufmerksamkeit diametral entgegengesetzt ist die Zahl der tatsächlichen Gründungen. Lag die Anzahl der Existenzgründer im Jahr 2003 noch bei knapp 1,5 Millionen, ist sie, unter anderem auch durch den nun bereits mehrjährigen Beschäftigungsrekord auf dem Arbeitsmarkt, im Jahr 2018 auf fast ein Drittel – 547.000 Existenzgründungen – abgestürzt (Metzger, 2019). Gleichzeitig scheitert der überwiegende Teil aller Unternehmensgründungen und diese Zahl bleibt seit vielen Jahren gleich.
Doch so erschreckend die Zahlen auf den ersten Blick wirken mögen: Mit Vorsicht zu genießen sind die hohen Gründungszahlen vor rund 15 Jahren schon allein wegen der im Rahmen von »Hartz II« eingeführten »Ich-AGs«. Und viel wichtiger: Auf die bloße Zahl der Gründungsakte kommt es nicht an. Interessanter ist, wie gut die neuen Ideen sind, wie viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden, welche neuen Unternehmenswerte generiert werden und welcher Kundennutzen durch Produkt- und Dienstleistungsinnovationen entsteht. Werte, die teilweise weitaus schwieriger zu ermitteln und häufig nicht Gegenstand aktueller Statistiken sind. Hinzu kommt, dass Entrepreneurship nicht nur von Individuen oder kleinen Gründerteams betrieben wird. Auch viele etablierte Großunternehmen stehen vor der Herausforderung, unternehmerisches Denken und Handeln in ihren Organisationen zu verankern, mit innovativen Start-ups zu konkurrieren, eigene Spin-Offs zu gründen und sich selbst immer wieder neu zu erfinden.

1.2 Aufbau des Bandes

Bei der Konzeption des Buches haben wir als Herausgeber*innen uns an Relevanz und Inhalt orientiert. Welche Themen treibt die Gründungspraxis derzeit um, mit welchen Forschungsfragen setzt sich die Entrepreneurship-Forschung aktuell auseinander und welche neuen Erkenntnisse hat sie hervorgebracht? Der vorliegende Band gibt hierüber einen repräsentativen Überblick.
Der mehrdeutige Perspektivenbegriff im Titel des Bandes ist dabei bewusst gewählt. Ähnlich wie im Gleichnis »Die blinden Männer und der Elefant«, bei dem die Blinden den Elefanten als Säule (Bein), Seil (Schwanz), Ast (Rüssel), Segel (Ohr) oder Wand (Bauch) beschreiben, beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren mit Teilausschnitten des komplexen Phänomens Entrepreneurship und gehen ihnen auf den Grund. Unterschiediche Standpunkte werden so zum Ausdruck gebracht. Selbst wenn Wissenschaft Neutralität anstrebt, sind Forschungsschwerpunkte subjektive Entscheidungen, die auf Annahmen beruhen – z. B. dass Verhalten relevanter für den Gründungserfolg ist als Persönlichkeit. Schließlich umspannen Perspektiven neben dem Eindruck auch Ausblicke.
Abbildung
Abb. 1-1: Konzentrisches Modell des Entrepreneurships (Quelle: Eigene Darstellung)
Steht die Bedeutung von Perspektiven als Aspekte im Vordergrund, ist es zunächst hilfreich, sich einen groben Überblick über die einzelnen Themenfelder des Entrepreneurships zu verschaffen. Aus Sicht der Herausgeberinnen und des Herausgebers bietet sich hierzu ein konzentrisches Modell des Entrepreneurships (vgl. Abb. 1-1) an. Diese Form soll verdeutlichen, dass die Felder einer fortwährenden Komplexität unterliegen, ineinander übergehen und sich gegenseitig befruchten. Die Übergänge in den spezifischen Kontexten sind fließend und dynamisch. Weiterhin impliziert das Modell, dass heute noch verborgen liegende Kreise angeregt und entstehen können.
Die vier Perspektivkreise Entrepreneur, unternehmerische Organisation, Erscheinungsformen und systemische Betrachtung des Entrepreneurships bringen facettenreiche 40 Beiträge hervor.
Der Entrepreneur: Im Inneren des Modells stehen der Entrepreneur, die Person und die Persönlichkeit. Der Trait-Ansatz nimmt in der psychologisch orientierten Entrepreneurship-Forschung nach wie vor einen großen Raum ein und wird in dem vorliegenden Buch auf seine Erfolgsdeterminanten kombiniert mit Kognition und Kompetenzen diskutiert. Daneben werden Persönlichkeits- und Führungsmerkmale untersucht, Resilienz von Gründern oder das Schlüsselereignis der Unternehmensnachfolge.
Die unternehmerische Organisation: Diese unterscheidet sich oft von klassischen Organisationsformen. Dies gilt sowohl für ihren Aufbau, ihren Ablauf als auch ihre strategische Ausrichtung. Nicht nur die Finanzierung und die Unternehmenskultur sind grundlegend anders ausgeprägt als in etablierten Organisationen, sondern insbesondere die Herangehensweise, das sogenannte unternehmerische Denken. Viele etablierte Unternehmen schauen neidisch auf die Flexibilität und die Kreativität von jungen Unternehmen. Die Autoren entwerfen ein Framework zum Management disruptiven Wandels, beleuchten Konzepte wie Design Science und Design Thinking als unternehmerische Prozessmodelle, untersuchen unternehmerisches Denken mit Hinblick auf unternehmerisches Lernen und unternehmerische Planung. Von der besonderen Bedeutung der kulturellen Vielfalt leiten wir dann über zum Entrepreneurial Finance und beleuchten die Bedeutung verschiedener Finanzierungformen (vom Initial Coin Offering hin zum Crowdinvesting) sowie die Schwierigkeiten bei der Finanzierung und dem Investitionsverhalten junger Unternehmen. Auch hier lassen sich Ansatzpunkte auch für etablierte Unternehmen finden, z. B. wie Finanzierung anders gedacht werden kann.
Erscheinungsformen des Entrepreneurships: Unternehmertum kann die unterschiedlichsten Ausprägungen annehmen. Sei es Unternehmertum in etablierten Unternehmen, in wissenschaftlichen Einrichtungen oder das unternehmerische Denken, um soziale oder ökologische Herausforderungen zu lösen. Im Kontext Corporate Entrepreneurship versuchen etablierte Unternehmen unternehmerischer zu werden. Unternehmerisches Verhalten kommt aber nicht einfach so, sondern benötigt der gezielten Unterstützung durch das Management, sei es durch gezielte Allokation von Ressourcen, der Einrichtung von Corporate Accelerators oder gezielter Open Innovation Initiativen.
Die Digitalisierung bringt neue Geschäftsmodelle und ganz neue Formen von Unternehmen hervor. Hier ist es notwendig zu schauen inwieweit existierende Definitionen auf diesen neuen Kontext angewandt werden können oder es neue Begrifflichkeiten braucht, um das Phänomen der digitalen Transformation besser zu verstehen. Gleichzeitig ist eine kritische Betrachtung der Digitalisierung notwendig, um wirklich abschätzen zu können, was und in welcher Ausprägung benötigt wird. Erste empirische Erfahrungen aus dem Mittelstand beschließen dieses Teilkapitel.
Ausgründungen aus der Wissenschaft sind Grundlage für High-Tech Gründungen – verbunden mit der Aufgabe, wissenschaftliche Expertise und wirtschaftliches Denken zu verbinden. In diesem Feld muss Deutschland deutlich stärker werden und die beiden Beiträge zu unternehmerischen Verhalten von Wissenschaftlern sowie dem Female Entrepreneurship (der Anteil weiblicher Gründerinnen insbesondere aus der Wissenschaft heraus ist in Deutschland nach wie vor sehr gering) tragen zum Verständnis dieses Teilgebiets bei.
Die Beiträge zum Social, Sustainable und Accidental Entrepreneurship übertragen Unternehmertum auf nicht originär unternehmerische Gebiete und Akteure, um gesellschaftlichen und politischen Wandel voranzutreiben.
Systemische Betrachtung des Entrepreneurships: Durch Unternehmertum können existierende Strukturen und Gesellschaften ganzheitlich verändert werden. Unternehmer*innen und Start-ups disruptieren Industrien und schaffen kunden- und marktorientiert Lösungen, die gesellschaftliche und individuelle Probleme anders adressieren. Doch dazu bedarf es veränderte Rahmenbedingungen, Lehrkonzepte und einen neuen Umgang mit Unsicherheit. Dieses Kapitel ist in zwei Unterkapitel eingeteilt, die sich der Schaffung von unternehmerischer Ökosysteme widmen sowie dem Lernen und Lehren von Unternehmertum. Bei den unternehmerischen Ökosystemen geht es nicht nur um eine generelle Beschreibung der Schlüsselfaktoren, sondern auch um konkrete Anwendungsbeispiele aus der digitalen Stadt oder ländlicher Regionen. Bei dem Unterkapitel zur Entrepreneurship Education beschreiben die Autoren unterschiedliche Ansätze und Typologien wie unternehmerisches Denken und Handeln gelehrt und gelernt werden kann genauso wie konkrete Anwendungsbeispiele aus Deutschland und aus Afrika.
Als Herausgeber*innen freuen wir uns nicht nur über den großen Anklang, den unser Call for Papers in der wissenschaftlichen Community gefunden hat und ein breites und interessantes Themenspektrum an eingereichten Beiträgen ergeben hat, sondern hoffen natürlich auch, dass Sie als geneigte Leser neue Impulse und Denkanstößen aus dem vorliegenden Herausgeberband erhalten mögen.
Literatur
Metzger, G. (2019): Gründungstätigkeit in Deutschland stabilisiert sich 2018 auf niedrigem Niveau. KfW Research Volkswirtschaft Kompakt Nr. 177, 16.04.2019, abrufbar unter: https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Volkswirtschaft-Kompakt/One-Pager-2019/VK-Nr.-177-April-2019-Gruenderzahl.pdf (Abruf am 04.05.2019).

I Person und Persönlichkeit des Entrepreneurs

2 Traits, Kognition, Kompetenzen, Verhalten? Erfolgsdeterminanten im Entrepreneurship

Victor Tiberius
Abstract
Der vorliegende Beitrag untersucht die Determinanten der Gründungsintention, des Gründungserfolgs und des kontinuierlichen Unternehmenserfolgs. Nach wie vor finden sich oftmals zur Erklärung von Erfolg die Persönlichkeitsmerkmale (Traits) der Gründer. Hier wird auf den Big-3-Ansatz fokussiert. Im Vordergrund steht eine kritische Reflexion von Trait-Ansätzen, um Wissen und Fähigkeiten, kognitive Muster, Verhaltensmuster, Handeln und situative Faktoren als zusätzliche Erfolgsdeterminanten zu identifizieren, die in der künftigen Forschung stärker berücksichtigt werden sollten.

2.1 Einleitung

Was unterscheidet erfolgreiche von erfolglosen Entrepreneuren und Nicht-Entrepreneuren? Diese Frage ist nicht nur für jeden relevant, der mit dem Gedanken spielt, selbst ein Unternehmen zu gründen, sondern ebenso für Investoren, die Venture Capital zur Verfügung stellen.
Bei der Suche nach den Determinanten, die für die Gründungsintention, den Gründungserfolg und den kontinuierlichen Unternehmenserfolg verantwortlich sind, dominieren in der Entrepreneurship-Forschung nach wie vor die Persönlichkeitsmerkmale (Traits) der Gründer. In Sinne der differenziellen Psychologie wird davon ausgegangen, dass sich Gründer von Nicht-Gründern im Hinblick auf solche Charakterzüge unterscheiden. Die Liste dabei betrachteter Charaktereigenschaften ist lang. Im vorliegenden Beitrag werden aus der Menge denkbarer und untersuchter Traits die von Ahmed (1985) fokussierten Merkmale Leistungsmotiv, internale Kontrollüberzeugung und Risikobereitschaft herausgegriffen, die Chell (2008) später – in Anlehnung an die bekannten Big 5 – als Big 3 bezeichnet.
Nachdem diese charakterisiert werden und auf teilweise nicht eindeutige empirische Erkenntnisse eingegangen wird, erfolgt eine kritische Reflexion des Trait-Ansatzes innerhalb der Entrepreneurship-Forschung, um alternative Erfolgsdeterminanten zu identifizieren, die in der künftigen Forschung stärker berücksichtigt werden sollten.

2.2 Entrepreneur und Traits

Der Begriff Entrepreneur wird uneinheitlich verwendet. Zudem bestehen auch Abgrenzungsprobleme zu anderen verwandten Begrifflichkeiten wie Gründer, Existenzgründer, Selbstständiger, Small Business Owner oder Unternehmer, die teilweise unscharf auch als Synonyme betrachtet werden. Um den hiesigen Rahmen nicht zu sprengen, wird auf eine dezidierte Ausdifferenzierung der Begrifflichkeiten hier verzichtet. Im Vordergrund steht hier die Person des Entrepreneurs i. S. einer Person, die neuartige, innovative, möglicherweise sogar visionäre (vgl. Fueglistaller et al. 2012, S. 23)1 Geschäftsideen mit hohem Risiko und großem Wachstumspotential am Markt eigenverantwortlich umsetzt (vgl. Klandt 2005, S. 101 f.; für eine Literaturauswertung zum Entrepreneur-Begriff vgl. Hébert & Link 1989). Anders als der etablierte Unternehmer, der möglicherweise das Unternehmen geerbt hat, befindet sich der Entrepreneur mit seinem Unternehmen in der Gründungs- und Expansionsphase (vgl. Pott & Pott 2012, S. 3).
Der Persönlichkeitsbegriff findet sich in mehreren Wissenschaftsdisziplinen, insbesondere in der Philosophie und in der hier interessierenden Psychologie, wo er nicht weni...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Hinweis zum Urheberrecht
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. 1. Aspekte, Standpunkte und Ausblicke: Perspektiven des Entrepreneurships
  6. I Person und Persönlichkeit des Entrepreneurs
  7. II Die unternehmerische Organisation
  8. II.b Entrepreneurial Finance
  9. III Erscheinungsformen des Entrepreneurships
  10. III.b Digital Entrepreneurship
  11. III.c Academic Entrepreneurship
  12. III.d Andere Formen des Entrepreneurships
  13. IV Systemische Betrachtung des Entrepreneurships
  14. IV.b Entrepreneurship Education
  15. Die Herausgeberinnen und der Herausgeber
  16. Die Autorinnen und Autoren

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