In der Beratung von Non-Profit-Organisationen ergeben sich immer wieder Fragen, die nicht aus der vorhandenen Fachliteratur beantwortet werden können, sondern speziell auf diesen Bereich zugeschnittene Antworten brauchen. Der Aufbau und die Führung von Organisationen im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen sowie im öffentlichen Dienst ist anspruchsvoll. Das Coaching und die Organisationsentwicklung in diesen Bereichen verlangen viel Erfahrung und Wissen um die Gesetzmäßigkeiten. Essentiell sind Kenntnisse zu den Organisationsformen, Rahmenbedingungen und Eigenheiten. Das Buch zeigt neue Blickwinkel für die Arbeit in und mit Non-Profit-Organisationen, zur Geschichte des Organisierens und heutige Ausprägungen von Organisationsparadigmen. Vor diesem Hintergrund stellt Claudio Harder Methoden und Instrumente vor, wie Non-Profit-Unternehmen gegründet werden können und zeigt selbstgeschaffene Instrumente zur Gestaltung von Positionierung, Machtfragen und Wirkung von Organisieren.

eBook - ePub
Organisationen wirksam entwickeln
Impulse für die Coaching-, Beratungs- und Führungsarbeit in NPOs
- 366 Seiten
- German
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Organisationen wirksam entwickeln
Impulse für die Coaching-, Beratungs- und Führungsarbeit in NPOs
Über dieses Buch
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ManagementTeil 1: Organisationen, Strukturen, Netzwerke gestalten und entwickeln
1 Zu Geschichte und Ausrichtung des Organisierens
Wenn wir heute Organisationen in ihrer Entwicklung (beg-)leiten, stehen wir auf einem weiten Feld: Es gibt seit mindestens zwei Mio. Jahren eine Tradition des Organisierens. Viele psychologische, ideologische, wirtschaftliche und weitere Faktoren prägen das Thema. Mythen ranken sich sowohl darum, was eine Organisation will, wie auch darum, wie man sich verhalten soll und wie man die Organisation gestalten kann. Es werden neue Strategien erfunden, neue Organisationsformen postuliert, immer mit der Hoffnung, das Beste und damit gleich auch die Zukunft gefunden zu haben.
Wer definitiv weiß, was Organisieren bedeutet, kann nur noch gewinnen, denn das Feld ist komplex. Mit welchen Systemen kann man eine fruchtbare Zusammenarbeit eingehen? Was darf übersehen werden und was nicht? Was ist eine zukunftsträchtige Organisationsform? In dieser Suche und Auseinandersetzung zeigt sich eine von mehreren Weichenstellungen, die heute möglich sind. Wer die leidenschaftlichen Diskussionen über die Gültigkeit alter und neuer Modelle, Verfahren und Lösungsansätze mitverfolgt, die innerhalb der Branche der OrganisationsberaterInnen und Coaches am Laufen sind, erkennt, dass eine Profession um einen Entwicklungsschritt und vielleicht gar um ihre Identität ringt. Mit diesem Buch soll ein Beitrag geleistet werden. Möglicherweise steht die Branche selbst vor dem Schritt von der Moderne in die Postmoderne – doch später mehr dazu.
Ein Rückblick in die Geschichte könnte vielleicht einen etwas größeren Blick auf die Situation vermitteln – gemäß Silvia Staub-Bernasconi2 kann die Erkenntnis über die Entstehung einer Situation Aufschluss über die mögliche Entwicklungspotenziale und -stränge geben. Was sind also die Entwicklungslinien des Organisierens? Woher kommt Organisieren und wozu dient es?
1.1 Entwurf einer Entwicklungsgeschichte des Organisierens
Organisationsformen seit 60.000 v.u.Z., Überblick über die historische Entwicklung und die Suche nach der idealen Lösung, der immer etwas fehlt
1.1.1 Zugang zum Wissen über früheres Organisieren
Vorab: Was meint eigentlich Organisieren? Bezüglich der Herkunft hat das Wort (lat. organum für Werkzeug) mit einer »Funktion oder Hilfe, um etwas zu erreichen« zu tun; es kann auch als »Organe schaffen und ordnen« verstanden werden, was eine aufeinander abgestimmte, sich ergänzende Aufgaben- oder Rollenteilung mit zugeordneten Funktionen andeutet.
Wie Funktionen, Rollen, Arbeitsteilung und Abläufe beschrieben werden, macht das Organisieren aus. Wo man darüber keine direkte Kenntnis hat, muss von den bewältigten Aufgaben auf die Organisationsform rückgeschlossen werden. Denn schon immer haben Lebewesen sowohl Überleben wie Freude organisiert: Wenn ein Vorhaben in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten in Angriff genommen wird – und erst recht, wenn mehrere Individuen sich ergänzend oder gar arbeitsteilig daran beteiligt sind – wird organisiert. Um eine Geschichte des Organisierens zusammenstellen zu können, muss viel hergeleitet werden. Zum Glück ist das Wissen über die Lebensweisen der letzten paar Zehntausend Jahren aufgrund erweiterter wissenschaftlicher Möglichkeiten rasant am Wachsen; doch da in Archäologie und Geschichtsforschung kaum OrganisationsberaterInnen am Werk sind, muss das Organisieren aus den Beschreibungen herausgelesen werden.
Bei der Suche nach frühen menschlichen Organisationsversuchen findet man keine Dokumente – die Erfindung der Schrift war schon ein enorm großer Entwicklungs- und Abstraktionsschritt,3 lange galt nur die mündliche Weitergabe von Wissen als korrekt. Denn nur dann konnte sichergestellt werden, dass die Bedeutung und Rahmung einer Situation zutreffend übertragen wird: Einerseits schwingt bei der mündlichen Kommunikation viel mehr mit als nur die Worte, zum anderen wird häufig gleich offensichtlich, ob das Gesagte verstanden wurde oder ob nachgebessert werden muss. Bei schriftlichen Dokumenten – siehe exemplarisch die Bibel – ist es offensichtlich, dass, auch wenn alle dasselbe lesen, doch sehr Verschiedenes verstanden wird, was bekanntlich sogar (Religions-) Kriege auslösen kann. Denn mit der Verschriftlichung wurden viele Aussagen zu Abstraktionen, die einer Interpretation bedürfen. In der Folge merkte man, dass z. B. das Wort Baum erklärungsbedürftig ist, weil damit verschiedene Bäume gemeint sein könnten – mündlich war die Aussage aufgrund des Kontextes und para- wie nonverbaler Signale eindeutig, im Falle von Missverständnissen konnte schnell korrigiert werden. Es ist sogar anzunehmen, dass lange alles Wichtige, das vermittelt werden musste, nicht schriftlich, sondern mündlich weitergegeben wurde. In manchen Religionen und auch Familien wird das noch heute so gehandhabt. So war es denn für die Forschung auch eine Überraschung, dass die ersten Schriftzeugnisse nicht von schwerwiegenden Gedanken oder Organisationsbeschreibungen, sondern von der Dokumentation von Lagerbeständen und Verkaufsbelegen geprägt sind.
Für die Zeit vor der Schriftentwicklung (je nach Weltregion zwischen 3.000 und 1.500 Jahre v.u.Z.) kann davon ausgegangen werden, dass sich die Menschen während Hunderttausenden von Jahren erfolgreich organisierten – ihr Umfeld war herausfordernd, die Ansprüche an das Organisieren sicherlich vielfältig und wechselhaft, Überleben eine Kunst. Anhand von archäologischen Funden, überlieferten Riten und Ritualen, tradiertem medizinischen Wissen, Sagen und anderen Überlieferungen haben Menschen mit verschiedensten Hintergründen versucht, diesen immensen Zeitraum menschlichen Wirkens, Lebens und Organisierens zu verstehen. Zugänge wurden gesucht über die Archäologie,4 Anthropologie,5 Ethnologie,6 den Rechtswissenschaften7, die Wissenschaftstheorie,8 Psychologie9 und die Geschichtswissenschaft.10
Alle Funde und Relikte weisen darauf hin, dass Frauen und Mütter zentrale Aufgaben hatten und das Organisieren prägten. Sie leisteten Enormes (Kinder gebären, Nahrung beschaffen, Alltag organisieren) und bestimmten und entschieden damit vieles. Zum einen bezüglich der Ernährung, da diese lediglich zu rund 15 %11 aus tierischem Eiweiß (aus Jagd und Schlachtung von domestizierten und Wildtieren) bestand, der Rest war pflanzliche Nahrung, die primär von Frauen zusammengetragen wurde. Daher müsste diese Zeit – in treffender Reihenfolge – als die der Sammlerinnen und Jäger bezeichnet werden. In einem Wildpflanzenbuch12 ist beschrieben, dass bei 2.000 Wildpflanzenarten in der Schweiz nur rund 20 ungenießbare respektive giftige Pflanzen vorkommen. Die Weitergabe dieses umfassenden und überlebenswichtigen Wissens musste organisiert und gesichert sein und erforderte ein gutes und präzises Übermittlungs- und Lehrsystem.
Frauen waren aber auch bezüglich des Ermöglichens von neuem Leben die zentralen Figuren im Lebenszyklus, in dem die Seelen von Mutter Erde durch Frauen geborgen, ausgetragen, geboren, genährt, aufgezogen, gepflegt, geliebt und schließlich wieder der Erde übergeben wurden.
Gemäß aktuellen Studien13 beschäftigten sich Menschen zwischen den Eiszeiten14 (60.000 bis 28.000 Jahre v.u.Z.) damit, faszinierende Elfenbeinfiguren zu schnitzten, Flötenmusik zu machen und zu malen. Sie lebten in Gruppen von jeweils ca. 40 Personen, in Kernregionen lebten vier solcher Gruppen nebeneinander mit jeweils rund 200 Kilometer Aktionsradius innerhalb des Jahreszyklus. Erst rund 400 Kilometer weiter lebten die nächsten Gruppen, was für die Region Mittel- und Westeuropa eine Population zwischen 800 und 3.300 Menschen ergab. Sie hatten einen Austausch von Werkzeugen über Tausende Kilometer hinweg. Bei Vulkanausbrüchen, Epidemien und anderen Gefahren kamen viele um, die Menschheit überlebte diese Zeit nur knapp – minimal haben damals weltweit nur zwischen 2.800 und 11.000 Menschen gelebt. Mit den damaligen, laut der Forschung matriarchalen Organisationsformen15 wurde diese Zeit offenbar überstanden.
Matriarchal,16 wie der Begriff hier verwendet wird, meint explizit nicht ein Matriarchat im Sinne eines gegengeschlechtlich belegten Patriarchats, denn »arché« bedeutet »geboren aus, geschaffen von, am Anfang« ebenso wie, »vorangehen, führen, der Erste sein, herrschen«. Das Wort ist mehrdeutig und wird beim Begriff Matriarchat ebenso verwendet wie beispielsweise beim Begriff Archäologie (die Lehre vom Anfang) mit der Bedeutung von »Am Anfang die Mütter«. Dies im Unterschied zur Bedeutung beim Begriff Patriarchat, wo »-archat« wie auch beispielsweise bei der Oligarchie »Herrschaft« bedeutet. Im Matriarchat in diesen meist übersichtlichen Gruppen ging es nicht ums Herrschen, sondern darum, für das Überleben eine Gemeinschaft zu bilden, die zentriert und organisiert ist – da kam den Gebärenden die Rolle der Schöpferinnen zu, jene, die für das Kollektiv den Rhythmus bestimmten und gleichzeitig das Überleben sicherten. Der Rhythmus war geprägt von geboren werden, wachsen, gemeinsam gestalten, alt werden, sterben, in der Erde ruhen und (analog zu den Naturzyklen) wieder via die Mutter in das Leben eintreten. Die Fähigkeit, Leben zu gebären und damit die Zukunft aller zu sichern war so respektiert, dass die Mütter eben an den Anfang gesetzt wurden. Die Organisation des Lebens unter sehr anspruchsvollen Bedingungen gelang offensichtlich erfolgreich, sonst gäbe es uns nicht mehr. Insofern war Organisieren Alltags- und Lebensgestaltung.
Die Organisationsform des Matriarchats wurde lange vermutet, konnte aber erst in jüngerer Zeit mit DNA- und Genuntersuchungen definitiv bewiesen werden. Marija Gimbutas wurde deswegen verfemt, Heide Göttner-Abendroth17 angefochten.
Aus heutiger Sicht (gemessen an unseren Organisationen) war die damalige Art des Organisierens ein absolutes Erfolgsmodell: resilient, dynamisch, flexibel. Nur wenige Organisationsmodelle heute halt...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Hinweis zum Urheberrecht
- Impressum
- Vorwort
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Einleitung
- Teil 1: Organisationen, Strukturen, Netzwerke gestalten und entwickeln
- 1 Zu Geschichte und Ausrichtung des Organisierens
- 2 Ideen generieren – unterschiedlich Denken
- 3 Systeme aufbauen und organisieren
- 4 Elemente einer Betriebslehre für NPO und kleine Organisationen
- Teil 2: Mit Organisieren Wirkung erzeugen, modellieren, verstärken
- 5 Handeln: Was alles möglich ist
- 6 Reflexion: Auswerten, Weiterentwickeln, neu beginnen
- Literatur
- Stichwortverzeichnis
- Anhang
- Der Autor
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