Verbraucherpolitik ist durch die Globalisierung und Digitalisierung unserer Konsum- und Lebenswelt notwendiger denn je. Staatliche und nichtstaatliche Verbraucherarbeit suchen neue institutionelle Bahnen. In der Folge sind diverse Bachelor- und Masterstudienprogramme und Berufsfelder entstanden, die sich mit verbraucherpolitischen Fragestellungen befassen.Anhand von zahlreichen leicht verständlichen Fallstudien und Anwendungen gibt das Lehrbuch einen systematischen Überblick über Theorie und Praxis der Verbraucherpolitik. So können sich Studierende und Praktiker den gesamten Bereich der Verbraucherpolitik Stück für Stück anschaulich erarbeiten.

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Verbraucherpolitik
Ein Lehrbuch mit Beispielen und Kontrollfragen
- 312 Seiten
- German
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Über dieses Buch
Information
Thema
BetriebswirtschaftThema
Verwaltung1 Einleitung
„Ziel und Zweck aller Produktion ist der Verbrauch“ konstatiert Adam Smith 2009: S. 747 in seiner Untersuchung über den Wohlstand. Wohlstand ist für ihn wiederum die Grundlage für ein gutes Leben (Horn, K. 2017).
Aufgabe der Verbraucherpolitik ist die Durchsetzung von Forderungen und Zielen im Verbraucherinteresse. Für Verbraucherpolitik kann man eine lange Tradition geltend machen, etwa den Erlass des Reinheitsgebots für Bier im Jahre 1516 oder die Schaffung des preußischen Eichgesetzes 1816. Schutz der Gesundheit der Verbraucher und Maßnahmen gegen ihre Übervorteilung sind seither ständig Gegenstand der staatlichen Verbraucherpolitik gewesen (Egner, E. 1963: S. 259-264). Auch nichtstaatliche Eigeninitiative der Verbraucher entsteht im 19. Jahrhundert. 1844 wurde die erste Konsumgenossenschaft in Großbritannien gegründet, 1899 die National Consumers League in den USA.
Das erste deutschsprachige Buch zur Verbraucherpolitik, herausgeben von Bock, J./Specht, K. G., erschien 1958. Das Erscheinen des Buches fällt in eine Zeit, in der es in Deutschland, ausgehend von diversen Verbänden und Einzelpersonen, die ersten bedeutsamen Aktivitäten gegeben hat, eine umfassende Verbraucherorganisierung zu etablieren. Das erste und einzige Lehrbuch zur Verbraucherpolitik erschien leider erst Jahre später durch Kuhlmann, E. 1990, zu einem Zeitpunkt als Verbraucherorganisationen schon wieder um ihr Überleben kämpften und die Berufsfelder in der Verbraucherpolitik schon wieder rar wurden.
Inzwischen ist die Welt noch komplexer geworden. Die Reinheit der Lebensmittel und der Gebrauch des rechten Maßes, die Eindämmung von Tricksereien aller Art sind freilich weiter bedeutsame Themen geblieben. Hinzugekommen sind die Probleme, die Globalisierung, Deregulierung und Digitalisierung für den Verbraucher mit sich bringen: Bewahrung sozialer und ökologischer Standards, Sicherheit komplexer Produkte, Schutz der Daten, Sicherheit der Altersvorsorge u. a.m. Nicht nur die Anwendungsfelder haben sich erweitert. Auch die Theorien haben Zuwachs erfahren. Haben sich früher Ausführungen zur Verbraucherpolitik – und das oft selektiv – auf Ökonomik oder Sozialpsychologie gestützt, so geht es jetzt nicht mehr ohne breitere Perspektive, die zusätzlich neue Disziplinen wie Behavioral Economics und Neuro-Economics berücksichtigt.
In der Konsequenz stellt das vorliegende Lehrbuch traditionelle, neuere und neueste theoretische Grundlagen von Konsumökonomik und Verbraucherpolitik in Kap. 2.2 vor. Ökonomik und Recht bleiben in unserem Buch Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen (Kap. 2.3). Kap. 2.1 führt vorab grundlegende Begriffe ein. Politik und Institutionen sind Gegenstand des 3. Kapitels. Ziele und Instrumente der Verbraucherpolitik werden im 4. Kapitel besprochen. Im 5. Kapitel demonstrieren wir die verbundene Wirkung von Theorie und Politik anhand von sieben Handlungsfeldern. Obwohl diese alle bedeutsam genug sind, bleibt unser Buch hier zu einem gewissen Grad exemplarisch. Verbraucherpolitik ist auch in vielen weiteren Feldern wichtig und der Wandel ist schnell. Ein gedrucktes Lehrbuch kann nicht alle Facetten der Verbraucherpolitik und alles, was gerade tagesaktuell ist, behandeln. Doch gilt ja, dass nichts besser für eine gute Praxis ist, als über eine gute Theorie zu verfügen. Gerade dafür dass politische Pragmatik verständlich wird, dafür dass die Notwendigkeit der Rechtssetzung deutlich wird, dafür dass die Reflexion technischer und gesellschaftlicher Evolution systematisch gelingen kann, ist dieses Lehrbuch auf einer multiperspektivischen Darstellung der Sozialwissenschaften gegründet.
2 Theoretische Grundlagen
Lernziele
In diesem Kapitel stellen wir Ihnen die für die Verbraucherpolitik wichtigen Begriffe, Modelle und Theorien der Wirtschaftswissenschaften vor. Weiter belegen wir ihre interdisziplinären Verankerungen in den Verhaltens-, in den Kultur- und in den Naturwissenschaften. Dies ermöglicht Ihnen eine grundständige Lektüre dieses Buches. Es dient ferner der Orientierung hinsichtlich der nicht immer einheitlichen und oft konkurrierenden Begriffsbildungen und Verbraucherbilder in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Täglich lesen wir, dass Menschen beim Kauf von Gütern und Dienstleistungen über den Tisch gezogen wurden, wir erfahren, dass Lebensmittel Unverträglichkeiten auslösen und es jungen Erwachsenen an finanzieller Allgemeinbildung fehlt. Dies und noch vieles mehr verlangt nach Handlungen im Verbraucherinteresse.
Merke
Aufgabe der Verbraucherpolitik
Aufgabe der Verbraucherpolitik ist es, durch geeignete Maßnahmen seitens dazu legitimierter Instanzen (staatliche oder vom Staat legitimierte Institutionen, Gruppen und Parteien) auf die Verwirklichung von Verbraucherinteressen in Staat und Gesellschaft – hauptsächlich im Bereich der Wirtschaft – hinzuwirken.
Im Staat sind die Bürger über die Wahrung ihrer Interessen miteinander verbunden. Darunter sind Verbraucher, aber auch Anbieter von Gütern. Damit Verbraucherpolitik ihre Handlungsmöglichkeiten systematisch entfalten kann, muss sie daher eine wissenschaftliche Beschreibung der Interaktion von Verbrauchern mit Anbietern von Gütern leisten. Dies geschieht unter unmittelbarem Rückgriff auf die Begriffe, Modelle und Theorien der Wirtschaftswissenschaften und darüber hinaus über eine interdisziplinäre Verankerung, sowohl in den Verhaltens-, in den Kultur- und in den Naturwissenschaften.
Problemaufriss und Vorgehensweise
Verbraucherpolitik als Begriff geht von der Möglichkeit aus, dass in einer Wirtschaftsordnung das Interesse des Verbrauchers nicht ausreichend berücksichtigt wird. Dies kann dann den gestaltenden Eingriff gesellschaftlicher Institutionen oder der Zivilgesellschaft erfordern, um Defizite zu mindern, Ausgleich und Parität zu schaffen, Unerwünschtes zu verbieten und Erwünschtes zu fördern. Am Anfang dieses Buches ist demgemäß zu klären, was unter „dem Verbraucher“ eigentlich zu verstehen ist. Näheres dazu in Kap. 2.1.2.
Weiter ist zu klären, inwiefern die Gefahr seiner „Übervorteilung“ besteht. Was die „Täuschung“ des Menschen betrifft, hat die Philosophie in ihrer Geschichte zwei wichtige Ursachenkomplexe vorgetragen – „Verblendung“ und „Entfremdung“, auf die wir nachfolgend zurückgreifen werden.
Ist ein Verbraucher durch „Verblendung“ übervorteilt, dann heißt dies, dass er entweder durch Jemanden getäuscht wurde, oder, aufgrund seiner Unachtsamkeit und seines Leichtsinns, sich selbst getäuscht hat. Verbraucher können sich über Qualität und Quantität der konsumierten Güter täuschen. Wie und warum wir gar nicht, schlecht oder falsch informiert sein können, ist Gegenstand der Informationsökonomik (hierzu Kap. 2.1.3), spielt aber auch in vielen anderen ökonomischen Disziplinen eine wichtige Rolle (hierzu Kap. 2.3.1).
Güter konsumieren wir, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Ob Verbraucher sich jederzeit über den Umfang und Inhalt ihrer Bedürfnisse im Klaren sind, ist in der Verbraucherpolitik eine zentrale Fragestellung. Sie könnten verwirrt und deshalb nicht in der Lage sein, „echte“ Bedürfnisse von „künstlich geschaffenen“ zu unterscheiden, heißt es bisweilen. Sie wären dann im Sinne der Hegelschen Philosophie „entfremdete Verbraucher“.
In Kap. 2.1 werden die eben angesprochenen grundlegenden Begriffe näher vorgestellt. Es geht mithin um Bedürfnisse und in diesem Zusammenhang auch um Knappheit (Kap. 2.1.1) sowie um den Verbraucher und das Wechselspiel zwischen Produktion und Konsumption (Kap. 2.1.2). Noch etwas spezieller mit Bezug auf die Verbraucherpolitik sind die Kategorisierungen der Güter (Kap. 2.1.3), die in den späteren Kapiteln dann eine wichtige Grundlage für die Abgrenzung von Handlungsfeldern der Verbraucherpolitik bilden.
Kap. 2.2 stellt verschiedene Menschenbilder vor, vom Homo oeconomicus bis hin zu diversen sozialpsychologischen Differenzierungen. Diese bilden eine wichtige Voraussetzung bei der Bestimmung von Verbraucherleitbildern. Die Interaktionen der Menschen untereinander in Wirtschaft und Gesellschaft sind komplex. Alle Modelle, seien es die der Ökonomen, der Psychologen, Juristen oder Soziologen, sind daher grob vereinfachende Projektionen aus einer speziellen Perspektive mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen. Auf ihrer vereinfachenden Basis wird indessen in letzter Konsequenz Politik konstruiert, umgesetzt und gerechtfertigt. Wir geben Ihnen deshalb einen Überblick über die Vielfalt der wissenschaftlich begründeten Modelle zur Erklärung des Verbraucherverhaltens, speziell aus der Sicht der Verbraucherpolitik. Dies soll Ihnen dabei helfen, vorgetragene Positionen kompetent zu verorten und deren eventuelle Interessengeleitetheit aufzudecken.
Während in Kap. 2.2 anthropologische Grundanschauungen thematisiert werden, stellt Kap. 2.3 zielgenauer Ansätze der Ökonomie und Rechtswissenschaften vor, die für das Lehrbuch relevant sind.
2.1 Grundbegriffe
2.1.1 Bedürfnisse
„Ziel der Verbraucherpolitik ist die Förderung des Verbraucherinteresses (…)“ definiert Scherhorn, G. 2008: S. 782 f. im Wirtschaftslexikon von Woll, A. 2008.
Was die Interessen des Verbrauchers sind, bedarf einer „(…) kritischen Reflexion der individuellen Bedürfnisstruktur“, wie es im Gabler Wirtschaftslexikon (2004: S. 3101) unter dem Stichwort „Verbraucherpolitik“ heißt.
‚Bedürfnis’
Zur Definition des angesprochenen Begriffs „Bedürfnis“ ziehen wir die unten stehenden Ausführungen von Hermann, F.B.W. v. 1870 heran.
Merke
Bedürfnis
„Dieses Gefühl eines Mangels mit dem Streben ihn zu beseitigen, heißt B e d ü r f n i ß; in der Abhilfe eines solchen Mangels besteht die Befriedigung des Bedürfnisses (…). Alles, was nun geeignet ist, das Bedürfnis zu befriedigen, heißt ein G u t. Die Tauglichkeit desselben zur Befriedigung des Bedürfnisses heißt seine Brauchbarkeit, Nützlichkeit, sein W e r t h (Gebrauchswerth, Brauchbarkeit); das Quantum an Gütern, das zur Befriedigung eines Bedürfnisses erforderlich ist, heißt B e d a r f.“
(Hermann, F. B. W. v. 1870: S. 5 f.)
V. Hermanns Definition des Bedürfnisses verschiebt die Sache darauf, jetzt erklären zu müssen, was der Mangel ist: wohl eben, dass Bedürfnisse nicht befriedigt sind. Man wird daher nicht umhinkommen, positiv aufzuzählen, was zu den Bedürfnissen gehört und was zu den Mängeln zählt. Bedürfnisse leiten das Handeln und das bewerten wir ethisch. Wir müssen uns also fragen: Sind die Bedürfnisse gut für uns, wahr, eingeredet, erlernt oder aufgezwungen, sind sie gemeinschaftsverträglich oder nachhaltig? (vgl. Pfister, H./Böhm, G. 2012 und Nowak, M. 2013: S. 69 ff.).
‚Bedarf’ und ‚Nachfrage’
Wird das Bedürfnis in eine „objektorientierte Handlungsabsicht“ umgesetzt, so wird aus ihm ein Bedarf. Der Bedarf und die hieraus resultierende Nachfrage nach Gütern sind demnach „das Ergebnis der Konkretisierung und Spezifizierung von Bedürfnissen in den Objekten“ (Scherhorn, G. 1959: S. 89).
‚Gut’
Aus einem Bedarf kann die Nachfrage nach dem gewünschten Gut resultieren. Das Gut ist dann letztlich das Mittel zur Befriedigung der im Bedarf konkretisierten Bedürfnisse.
Güter bringen die Bedürfnisse zustande und umgekehrt Bedürfnisse die Güter
Aber Bedarfe sind nicht nur das Ergebnis eines Bedürfnisses, sondern sie sind zugleich abhängig von den Gegenständen und Gütern, die die historische und gesellschaftliche Realität ausmachen (vgl. Seel, B. 1991: S. 37). Diese Wechselseitigkeit von Bedürfnissen und Gütern führt zu nachfolgender Beschreibung für das Zustandekommen von Bedürfnissen:
Merke
Bedürfnis des Menschen und Gegenstand des Bedürfnisses
„Das Bedürfnis des Menschen und der Gegenstand des Bedürfnisses sind korreliert: Das Bedürfnis bezieht sich immer a...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Hinweis zum Urheberrecht
- Impressum
- Vorwort
- 1 Einleitung
- 2 Theoretische Grundlagen
- 3 Organisationen verbraucherpolitischen Handelns
- 4 Konzeptionen, Ziele und Instrumente der Verbraucherpolitik
- 5 Handlungsfelder
- 6 Schlusswort
- Literatur
- Stichwortverzeichnis
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