Die Geschichte eines Mannes, der zu seinem Glauben steht: Als Luzian, ein wohlhabender und von allen geschĂ€tzter Bauer, sich gegen den Pfarrer stellt, der sagt, Gott bestrafe die Bauern mit einer Missernte aufgrund ihres sĂŒndigen Lebens, wird er mit dem Kirchenbann belegt. Nach einer GefĂ€ngnisstrafe ist klar, dass er nicht im Dorf bleiben kann, und so fasst Luzian eine groĂe Entscheidung...

- 136 Seiten
- German
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Lucifer. Eine SchwarzwÀlder Dorfgeschichte
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Thema
LiteraturEin Herz ist aufgegangen.
Schliessen wir uns an Wendel und Egidi an. Wir treffen Luzian hemdĂ€rmelig hinter dem Tische sitzen heitern Blickes dreinschauend. Die Angehörigen aber standen in der Stube und auf der Hausflur, so in starrem Schmerz in sich gebannt als lĂ€ge in der Kammer nebenan eine geliebte Leiche, deren ewiger Schlaf wie zu leisem Auftreten gemahnte. Die Schwiegertochter, die hochschwangere Frau Egidiâs, hielt die Kinder behutsam zum Schweigen an; sie wussten nicht was all der stille Kummer bedeute und liessen sichâs gefallen, dass sie gegen alle Hausregel kurz vor dem Mittagsessen ein Butterbrod bekamen. Das Feuer auf dem Herde war ausgegangen und schickte seine Rauchwolken in die Hausflur und in die Stube sobald sich diese öffnete; Niemand blies das Feuer an. Die Knechte und MĂ€gde trieben sich draussen umher, alle Ordnung schien aufgelöst.
âWillstâs mithalten, Wendel?â fragte Luzian den Eintretenden, ,,von den Meinigen will keins an den Tisch; sie meinen, das sei mein Henkermahl, jetzt gleich nach dem Essen werde ich geköpft. Und ich sagâ dir, ich habe einen weltsmĂ€ssigen Hunger, so habâ ich mein Lebtag keinen gespĂŒrt, grad wie wenn ich ĂŒbers Hungerkraut gangen wĂ€râ. Ich möchteâ nur wissen, ob die Hauptketzer, die den Pfaffen ins Zeug gefahren sind, auch allemal so einen Hunger gehabt haben, so einen grundrĂŒhrigen. Weisst nicht?â
âIch habâ noch nichts davon gehört, was der Doktor Luther zu Mittag gessen hat wie er vom Reichstag in Worms in seine Herberge heimkehrt ist,â entgegnete Wendel, Luzian die Hand schĂŒttelnd und dieser begann wieder: ,,Also du musst mir doch auch Recht geben?â
âFreilich, es ist genug Heu unten gewesen.â
âDu bist halt der Wendel, du weisst, dass man die Birnen schĂŒtteln kann,â sagte Luzian aufstehend. Er ging die Stube auf und ab, in seinem Blicke, in seiner Haltung lag etwas Hoheitliches, wie wenn er plötzlich zum Feldherrn ausgerufen worden wĂ€re und draussen harrten seiner die geschaarten Völker. Er schlug sich ruhig mit beiden HĂ€nden mehrmals auf die Brust, als wollte er die sich bĂ€umende Kraft darin beschwichtigen. âAlso wie Ein Mann muss die Gemeinde zu mir stehen,â sagte er endlich stillhaltend.
âO Luzian!â sagte Wendel und schaute mitleidsvoll zu dem Abgewandten auf.
,,Was ist?â rief Luzian in halber Wendung sich umkehrend sprĂŒhenden Auges, âwas ist? wollen sie nicht?â fuhr er in scharfem Tone fort, indem er Wendel mĂ€chtig schĂŒttelte, als wĂ€re dieser der Unterbefehlshaber der aufrĂŒhrerisch gewordenen Truppen.
âO Luzian!â sagte Wendel kopfschĂŒttelnd, âlehrâ mich die Menschen nicht kennen. Ich bin nur um ein Jahr Ă€lter als du, aber ich bin weit in der Welt herumkommen. Guck, da zerren und bellen sie das ganze Jahr und wenn Einer heraustritt und er packt die Niedertracht bei der Gurgel und er kommt dafĂŒr in die Patsch, hui! da ist das KĂ€tzle auf der Mauer, da will Keiner was dabei haben, da duckt sich ein Jedes und sagt: ja warum hat erâs auch so dumm angefangen? warum hat er sich so weit eingelassen? Er dauert mich â das ist noch das Höchste. Und wenn sie ja zusammenhalten thĂ€ten, wĂ€râ ihnen geholfen, aber da denkt Keiner dran, da ââ
,,Also du glaubst ââ fuhr Luzian auf und seine Hand fasste krampfhaft den Sprecher.
âDass du allein schaffst,â fuhr Wendel fort. ,,Du bist ein reicher Mann, du kennstâs nicht aus Erfahrung, weisst aber doch: das schwerste GeschĂ€ft ist â allein dreschen. Wennâs mehr bei einander sind, thut sichâs noch so ring, es ist wie wenn der Gleichschlag den Flegel von selber heben thĂ€t. Lieber allein tanzen als allein dreschen. So istâs recht, lachâ nur. Es geschieht dir auch nicht so viel. Der Pfarrer hat in der Predigt auf dich angespielt, das darf ââ
âNichts da, davon will ich nichts,â entgegnete Luzian. ,,Er oder ich. Aber du bist immer so ein Schneesieber gewesen. Lass du nur mich machen. Egidi! hol jetzt das BĂ€bi, es soll das Essen ârein thun, ich muss bald fort.â
Egidi kam nach einer Weile wieder und sagte, BĂ€bi sei in ihrer Kammer eingeschlossen, sie weine, gebe keine Antwort und mache nicht auf.
âEs wird gleich da sein,â sagte Luzian, die Lippen schĂ€rfend. Die Frau hielt ihn unter der ThĂŒre fest und rief: âUm Gotteswillen gieb doch Friedâ, ich will das Essen bringen.â
âNein, das BĂ€bi muss her.â
Er machte sich los und ging die Treppe hinauf. Droben rief er: âBĂ€bi! mach auf!â
Keine Antwort.
,,BĂ€bi, ich, dein Vater ruftâ
Man hörte Jemand schwer sich vom Boden aufrichten; ein Riegel wurde zurĂŒckgeschoben.
Luzian stand selbst eine Weile erschĂŒttert beim Anblick des MĂ€dchens.
âWas hast? was ist? komm abi,â sagte Luzian sanft.
âVater, schlaget mich todt, aber ich kann mich vor keinem Menschen mehr sehen lassen,â rief BĂ€bi schluchzend und warf sich auf das Bett.
âWarum? warum? Gieb Anwort, redâ, redâ, sagâ ich.â
,,Wenn ich nur todt wĂ€re und der Paule auch,,â stöhnte in BĂ€bi endlich.
âBĂ€bi!â fuhr Luzian auf, die Haare standen ihm zu Berge, es ĂŒberrieselte ihn eiskalt, ,,BĂ€bi, ich will nicht hossen, dass es Gilâ hat mit deiner Hochzeit; BĂ€bi, ich erwĂŒrg? dich jetzt da gleich,â fuhr er zitternd fort, ,,wennâs an dem ist. Soll der Pfaff sagen: so gehtâs bei dem Gottlosen her und so sind seine Kinder? BĂ€bi, redâ oder ich weiss nicht was ich thuâ.â
âVater! Ich machâ Euch keinâ Schand,â erwiderte BĂ€bi.
UnwillkĂŒrlich hatte sie das Wort Ich so scharf betont, dass es Luzian durchzuckte; er hielt an sich und plötzlich kam eine seltsame Wandlung ĂŒber ihn. Blitzschnell kam ihm der Gedanke, dass er seinem Kinde Unrecht thue, weil er selber in Wallung war. Er schalt sich, dass er seinen Zorn an dem unschuldigen Kinde auslasse und er sagte: âVerzeih mir BĂ€bi, ich habâ dir Unrecht than â ich will keinem Menschen Unrecht thun, sonst bin ich verloren,â sprach er wie zu sich selber und fuhr dann fort: ,,BĂ€bi, dein Vater macht dir auch keinâ Schand.â
Diese letzten Worte sprach er wie mit stockender Stimme, so dass BĂ€bi allen Kummer aus dem Antlitz wischte und wie erhoben zu ihm aufschaute.
Wie rasch schossen hier die Empfindungen hin und wieder. BĂ€bi wĂ€re gern niedergekniet vor dem Vater, der sich so vor ihr demĂŒthigte.
Man muss sich die machtvollkommene, ĂŒber Widerspruch und Einrede erhabene Stellung des Vaters im Bauernhause vergegenwĂ€rtigen, um zu ermessen, was es heisst, dass Luzian sich seinem Kinde wie ein BĂŒssender gegenĂŒberstellte. Ist es schon in anderen Kreisen fĂŒr einen abgeschlossenen in sich ruhenden Charakter schwer, sich zu beugen, Irrthum, Fehl und Uebereilung offen zu bekennen, umgeht man gern das GestĂ€ndniss in Worten und will solches stillschweigend aus der nachfolgenden That erkennen lassen â wie unsĂ€glich mehr war solche rasche ReumĂŒthigkeit fĂŒr den Vater hier. Das empfand BĂ€bi und es that ihr tief wehe, dass sie den Vater so niedergedrĂŒckt hatte.
Heischt man auch in augenblicklichen Unmuthe oft ein merkliches Reubekenntniss, so wird doch ein edles GemĂŒth die Beugung rasch aufheben und möchte lieber sich selbst niederwerfen und um Verzeihung flehen, dass man es so weit getrieben.
Wie vieler an Ton und Zeichen gebundener Worte bedarf es, um dem unendlich raschen Fluge der Empfindung schwerfÀllig nachzugehen.
Vater und Tochter standen hier einander gegenĂŒber und in ihrer Haltung schien nichts erkennbar von der WeichmĂŒthigkeit, dem sanften Fassen und Heben in ihrem Geiste.
Der BlĂŒthenkelch eines MenschengemĂŒthes öffnete sich, das, wer weiss wie lange noch, verschlossen in sich geruht hĂ€tte.
BĂ€bi erkannte nur einfach, dass sie ihrem Vater helfen und beistehen mĂŒsse, statt ihr zu hĂ€rmen; und schwingt sich ein Herz ĂŒber das eigene Leid hinaus und sucht fremdes zu heilen, so ist die Erlösung gefunden.
Zum erstenmale in ihrem Leben wagte es BĂ€bi, die Hand ihres Vaters zu fassen, dann sagte sie: âKommet, ich will das Essen auftragen.â
Victor ward herbeigerufen und sprach das Tischgebet. Luzian hörte zu, als vernehme erâs zum Erstenmale, ero schien jedes einzelne Wort in seinen Gedanken zu prĂŒfen.
Wie er verkĂŒndet, so warâs. Luzian hatte in der That einen weltsmĂ€ssigen Hunger, wie erâs genannt hatte; er war dabei ĂŒberaus heiter und wohlgemuth. ,,Mich freut das Essen und ich thue ihm seine Ehrâ und Respect an, ich meinâ das wĂ€râ der beste Dank gegen Gott,â sagte er einmal. Niemand antwortete. Die Frau schöpfte sich auch heraus, aber sie ass nicht. Egidi war eben so lautlos.
BĂ€bi betrachtete den Vater immer mit freudestrahlendem Antlitze, als hĂ€tte er ihr eben erst das Köstlichste und Herrlichste geschenkt. Niemand ahnte was in dem MĂ€dchen vorging und selbst Luzian wusste nicht, welch eine Wunderblume neben ihm aufgesprossen war. BĂ€bi, die es sonst nie gewagt hatte, bei Tische im Beisein des Vaters ungefragt ein Wort zu reden, sagte jetzt, lange nachdem der Vater gesprochen hatte: âJa Vater, lasset Euch nur nichts zu Herzen gehen.â
âSei ohne Sorgâ, es geschieht mir nichts, an Leib und Leben,â erwiderte Luzian staunend, âaber jetzt haltâ der Ahne das Essen warm und pass auf, dass es nicht anbrengelt.â
Die Ahne war nÀmlich bald nach der Morgenkirche in der Kammer eingeschlafen. Luzian schöpfte ihr bei Tische zuerst und das Beste heraus.
BÀbi ging immer ab und zu, sie verkostete keinen Bissen, es kam ihr fast sonderbar vor, dass die Menschen durch Speise und Trank ihr Leben auffrischen, sie betrachtete die Speisen wie Etwas das sie gar nichts anginge; sie war so satt, so tiefgetrÀnkt, dass sie glaubte, hundert Jahre so fortleben zu können.
In dem Hause, wo sie geboren und erzogen war, das sie noch nie verlassen hatte, schaute sich jetzt BĂ€bi um, als kĂ€me sie eben aus der Luft herabgeflogen und hĂ€tte sich nur hier niedergelassen; fragend schien sie zu forschen, wer denn gekocht habe, wer das Haus gebaut und eingerichtet, wie der Mensch so vielerlei nöthig habe â sie wollte doch von Allem nichts; sie schien fragen zu mĂŒssen, ob denn frĂŒher schon eine Welt da war, wĂ€hrend ihr eigen Leben jetzt erst aufging. Ein neugeboren Kind, das reden könnte, mĂŒsste so die Welt erfassen.
BĂ€bi stand oft still, schloss die Augen und schaute in sich. Sie konnte es nicht in Worte und feste Gedanken setzen, aber sie fĂŒhlte es, in dieser Stunde war sie zum Bewusstsein ihrer selbst erwacht, wieder geboren. Wie hatte heute am Morgen namenloser Schmerz ihr ganzes Wesen aufzehren wollen, die sĂŒsseste, zuversichtliche Hoffnung war in unabsehbare Ferne gerĂŒckt. Jetzt warâs ihr, als ob ein fremder Mensch in all den Klagen gerungen habe, sie selber war ja froh, wie abgelöst aus einer fremden HĂŒlse. Sie musste sich fast gewaltsam die Erinnerung zurĂŒckrufen, dass sie Braut sei, dass sie auf der Schwelle stehe, ein eigen Heimwesen zu grĂŒnden. Das war ein Kind das solches erlebt hatte, wo ist es hin? Sie wĂ€re gern zu allen Menschen hingeeilt und hĂ€tte ihnen gesagt, dass sie ihren Vater ĂŒber Alles liebe, dass er mehr sei als die ganze Welt. Und Paule? Der war ja eins mit ihr, der musste ja Alles mit erfahren und gedacht haben wie sie â oder warâs nicht so?
Ein MĂ€dchen, das den Vater verlassen, besinnt sich jetzt erst in der Entfernung der stillen Verehrung, die es fĂŒr den WĂŒrdigen gehegt, sehnsuchtsvoll öffnet sich das innerste Heiligthum des Herzens, und hell strahlt das erhabene Bild aller Kraft und alles Edelsinns. Wie ganz anders tritt dann wieder die Tochter dem Vater entgegen.
BÀbi hatte sich von ihrem Vater mehr als rÀumlich entfernt und sie erschaute ihn jetzt wie einen Heiligen, der ihr geraubt war. Nicht durch Àussere Lehre, aus dem innersten Zusammenhang der Familie sollte BÀbi zum höchsten Leben erweckt werden.
Wir werden vielleicht das geheimnisvoll dunkle Walten in der Seele des MÀdchens noch nÀher kennen lernen, wenn es nicht die scharfe Wirklichkeit in sich bricht.
âWas ist das fĂŒr ein LĂ€rm?â rief plötzlich Alles in der Stube. Man sprang ans Fenster. Des SchĂŒtzen Christoph drehte vor dem Hause die grosse âRĂ€tschâ das ist der Kasten aus gesspannten Brettern, die ein Kammrad in Bewegung jetzt. Die RĂ€tsch dient statt der Kirchenglocken, wenn diese zur Fastenzeit nach Rom zur Beichte wallfahren. Was sollte das aber jetzt mitten im Sommer? Ein Theil der Tischgenossen rannte auf die Strasse, um Erkundigungen einzuziehen, die Uebrigen eilten in die Kammer, wo die Ahne von dem plötzlichen Knattern der RĂ€tsch aufgewacht war und laut schrie: das Haus stĂŒrze ein.
Bald erfuhr man was vorging. Der Pfarrer hatte verordnet, dass, weil die Kirche entweiht sei, keine Glocken gelĂ€utet werden dĂŒrfen; er musste wohl, dass die Kirche das Herz der Gemeinde, zumal am Sonntage, und dieses Herz kehrte er um und um; er liess den Altar, die GefĂ€sse u. s. w. aus der Kirche bringen und im Freien aufstellen, um dort den Mittagsgottesdienst zu halten.
âKannst du das lesen?â fragte Luzian den Wendel, als sie in der Kammer waren und deutete auf die innere Seite der ThĂŒre.
,,Ja,â entgegnete Wendel und las das mit Kreide hingeschriebene Wort: Thomasius!
âKomm heraus, ich muss dir was erzĂ€hlen,â sagte Luzian und fuhr dann in der Stube fort: âGuck, wenn ich den Namen wieder sehâ und hörâ, da weiss ichâs ganz deutlich, wie es bei mir angefangen hat, dass ich den Pfaffen so auf den Haken sitze; die Hexen sind daran schuld und die Ahne drin.â
,,Wie so? HĂ€ltst du denn die Ahne, fĂŒr eine Hexâ?â
,,Umgekehrt ist auch gefahren. Ich habâ mir so denkt, wenn die Ahne in alten Zeiten gelebt hĂ€ttâ, wer weiss ob sie nicht verbrannt wĂ€râ, sie hat oft so gewundrige Sachen an sich. Und da, da ist mirâs siedig heiss eingefallen, wie doch vor Alters, die Welt so grausam verdammt dran gewesen ist. Ich habâ den alten Pfarrer darĂŒber befragt, warum denn die Geistlichkeit das so lang zugeben hat, und da hat er mir bestanden, dass man wirklich und wahrhaft an Hexen glaubt hat. Wie ein Blitz ist mirâs da ins Herz geschlagen: also so? Euer Sachâ ist auch nicht unfehlbar? Ihr könnet auch den letzen (falschen Weg gehen und die Weihe und der heiligâ Geist hilft nicht? . . . Und da habâ ich dem Pfarrer gesagt, warum denn die LĂŒge von den Hexen und der Zauberei in der Bibel steht. Da hat er die Achseln zuckt und mir ein Prisâ anboten, weisst, wie er oft than hat, wenn er nimmer hat reden dĂŒrfen. Er hat hernach wieder seinâ alt Sach vorbracht, ich soll das Bibellesen sein lassen, das passâ nicht fĂŒr einen katholischen Christen, da kuspern die Lutherischen immer drin ârum. Wie ich fortgehâ, giebt er mir ein Buch mit zum Lesen. Da steht Alles drin. Der Hexenglaube ist ein Bestandvieh, das der altâ Moses aus Aegyptenland bei uns eingestellt hat und wir mĂŒssen KĂ€lber davon ziehen, oder aber es mĂ€sten mit dem besten Futter von unseren Matten. Die LĂŒgengeschichtâ von den Hexen ist uns von den Juden und aus der Heidenzeit verblieben. Der Doktor Luther hat dem Teufel auch nicht den Genickfang geben, er hat ihm nur das Tintenfass an den Kopf geschmissen und er ist schon vorher schwarz. Guck, und weil ich jetzt gewusst habâ, das es keine Hexen und keinen Teufel giebt, da ist Alles bei mir zusammengepoltert, grad wie wenn man bei einem alten Haus auf der einen Seite eine Wand einreisst und auf der andern fĂ€lltâs von selber ein.â
âWas hast du denn aber mit dem Thomasius?â
âJa, der Mann hat dem Fass den Boden ausgeschlagen. Jetzt horch. Von all den tausend und aber tausend Geistlichen ist Keiner dem LĂŒgenwesen von Teufel und Hexen auf den Leib gangen, Narr, es steht ja in der Bibel und sie brauchenâs zum PelzmĂ€rte, der Thomasius allein hat die Sach am rechten Zipfel gefasst. Die Geistlichen sind immer mit gangen, wenn man so eine arme alte Frau verbrannt hat und haben noch betet aus ihrer Bibel und aus Anderem. Ich habâ dem alten Pfarrer offen bestanden, dass Vieles bei mir nichts mehr gilt, da hat er nur so geschmunzelt und hat gesagt: das sei schon lang und wird immer so sein, dass die Gescheiten auf Vieles nichts mehr halten, aber der grosse Haufe, das Volk kann nicht davon lassen. Was meinst, wie mich das grimmt hat? âJetzt wenn ich nicht von selber drauf kommen wĂ€râ, so stecketâ ich auch noch im grossen Haufen? Eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit istâs, ihr Geistlichen, dass Keiner in der Geschichte stecken bleibt und an Teufel und Hexen glaubt, die es gar nicht giebt. Da predigen und lehren sie das ganze Jahr Sachen, von denen sie so wenig wissen wie wir, da stopfen sie die Kinder voll mit Zeugs â ich möchtâ oft die WĂ€ndâ ânauf, wenn ich hörâ, was mein Victor Tag fĂŒr Tag auswendig lernen muss â und wenn sich das hernach in den Gedanken verhĂ€rtet und verbuttet, da schreien sie: man darf dem Volk nicht an seinem alten Glauben anrĂŒhren. Ja wer hat ihn denn hineingepflanzt? . . . Das Volk! das Volk! Weisst denn, wer das Volk ist? Wenn ich das Wort hörâ, geht mir allemal die Gallâ ĂŒber. Wer halt nicht mit regiert, geistlich oder weltlich, der ist Volk.
Der neue Pfarrer ist doch gewiss mein Mann nicht, aber da hat er Recht: was die Herren nimmer mögen, das sollen wir, das soll das Volk auffressen. Aber es ist grad das Gegentheil von dem was er gesagt hat: die AufklĂ€rung istâs nicht, hingegen aber der Lutschebrei.
Aber die Bibel? das Wort Gottes? Es steht die Geschichtâ von den Hexen und dem Teufel und der Zauberei drin â ich will nichts von der Bibel. Guck, noch jetzt wenn ich das sag, ist mirâs, wie wenn ich einen Stich mitten durch den Leib bekĂ€mâ, aber es geht nicht anders. Dazumal bin ich dir Tage und Wochen herumgelaufen, wie wenn mir Einer das Hirn aus dem Kopf genommen hĂ€ttâ! Es nĂŒtzt aber Alles nichts, in die Bibel hinein kriegt man mich nimmer.â
âJa, Luzian,â schaltete Wendel ein, âich sehâs wohl, du bist weit ab vom Fahrweg.â
âFreilich, aber ich habâ doch ganz allein den Weg zu unserem Herrgott gefunden, ganz allein, ohne Pfaff. Ich werdâ die Nacht nie vergessen, es ist mir wie wennâs heut wĂ€râ! Ich bin im SpĂ€tjahr in G. und machâ mit dem R. einen Bretterhandel ab, du kennst ihn ja, er ist ein gescheiter Mann, er kĂ€mmt sich seinen borstigen Backenbart allfort mit einem WeiberkĂ€mmle und macht viel SpĂ€ssâ, er ist auch beim Landtag. Wie wir nun beim Weinkauf sitzen, geht mir das Herz auf und ich klagâ ihm meinâ Noth; da lacht er, dass er sich am Tisch heben muss und die Butellen mit wackeln. Ich magâs nimmer sagen, was er vorbracht hat, und wie er sieht, dass es mir bitterer Ernst ist, klopft er mir auf die Achsel und sagt: â âLuzian, folget mir und schlaget Euch die Sachen aus dem Kopf, das SprĂŒchwort sagt: es ist kein Strick so ...
Inhaltsverzeichnis
- Titel
- Kolophon
- In die wogende Saat.
- Ein Blick ins Haus und in die Rathsstube.
- Es donnert und blitzt abermals.
- Das Nachspiel und ein kalter Schlag.
- Ein Herz ist aufgegangen.
- Das Haus wankt.
- Es regt sich im Dorfe.
- Ein KĂ€mpfer in seinen Gedanken allein.
- Wie endet der Sonntag!
- SĂŒhneversuch und neuer Zerfall.
- Ein Kind bleibt, und ein Kind geht.
- Ueber sich hinaus.
- Verlassen und verstossen.
- Ein neues Familienglied.
- Ein Kind im Walde und ein Ruf im Munde der Menschen.
- Ich bin der ich bin.
- Ein Gang ins Pfarrhaus.
- Nicht mehr daheim.
- Die Befreiung.
- Ăber Lucifer. Eine SchwarzwĂ€lder Dorfgeschichte
- Anmerkungen
HĂ€ufig gestellte Fragen
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