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Hilflose Augen
Über dieses Buch
Ein Zyklus von vier Erzählungen, die der Autor vermutlich – mit einer Ausnahme – an einem Tag im Mai 1914 verfasste: Es geht um Visionen vom Untergang und des Paradieses, einen Sohn, der sich auf tragische Weise der Enge seines Elternhauses bewusst wird und einem Dichter auf der Suche nach sich selbst. Was alle Erzählungen eint ist das Streben nach Identität, doch dieses Suchen bleibt meist erfolglos...-
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Information
Thema
LiteraturDie Wunde des Ludwig Perls
Als Kind durfte er keine Spielgefährten haben und ging mit Stühlen und Kissen um wie mit Personen, denen er Namen und Ämter gab. Jahrelang unterrichtete ihn ein Hauslehrer.
Als er hinaustrat, empfand er es schmerzlich, warten zu müssen, bis die Frage an ihn kam, und er konnte sich nie der grausamen Sachlichkeit eines Betriebes für die Allgemeinheit einordnen.
In den Pausen zwang man ihn, Schmähungen gegen sich selbst zu deklamieren, in den Pflicht-Stunden wurde er der Früchte seiner Vorbildung beraubt.
Was man ihm gewährte, konnte er entbehren; aber was man ihm versagte, blieb ihm für ewig Stachel.
Als er den Gleichaltrigen ihre Gesten und Reden so glaubte, als ob sie Offenbarungen eines tieferliegenden Gewissens wären, wurde ihm auch der Begriff Freundschaft zur Unmöglichkeit.
Die unverwüstliche Lebensbejahung derjenigen, an die er sich als an erhabene Ausnahmen gehalten hatte, kränkte ihn mehr, als er sich’s merken ließ. Was als werktätige, um den Fortschritt bemühte Gutwilligkeit maskiert war, erkannte er nach und nach für eine häßlichere, weil vor sich selbst feige, Abart des nämlichen Gepräges.
So kehrte er von allen Etappen seiner Weltbetastung immer wieder zur eignen Form zurück und wurde seiner Seele, mit allen Narben arg mitgenommener Einfalt, wichtiger, als er den anderen war. Er schuf sich aus Worten einen Spiegel. Das erste, zweite Mal erschien ihm der trüb, – mit dem dritten Versuch geschah seiner Selbstzucht genug. Dieser Weg war der dornigste.
Hier galt nur die eigne Zielsetzung, aber sie hatte himmelhoch zu sein, sollte sié von seiner Scham ernst genommen und wahrhaftig erstrebt werden. Er vernichtete auch die dritte Niederschrift und vergaß sie, indem er sich dazu zwang, sie zu vergessen.
Er begann von Urgrund an.
Baute ein Abbild seiner selbst aus sich heraus, gedrängteste Beschauung seiner Kreatürlichkeit, doch vom Willen zur eignen Wertgebung und darum einseitig bestimmt.
Immerhin hatte er sich die Hände wund gerissen, als er nach sich selber tappte. Eine unbändige Wut drohte.
Er packte blind zu, ihrem Altare Opfer zu schlachten. Hatte diesen und jenen schon, wie mit unwiderstehlichem Griffe, am Haar, – aber das Haar war oft falsch, und mittendrin verstummte sein Hohnlachen bisweilen wie plötzlich blöde gemacht.
Was zurücktönte, war nichts als Echo überlegenen Übelwollens, – auch das nicht ganz rein.
Und im letzten Winkel wußte er, daß er immerzu ein Werbender war und trotz allem die Hand suchte, die seine Hand halten mochte.
Er hing über einem Hefte, seine Lippen bewegten sich. Er schrie in sich hinein . . . in Telegraphenmasten Rumoren:
»Ist dir doch einer zuvorgekommen, und wie sehr!
Wie sehr!. . .
Hier lebt ja, was du träumtest! Hier spricht ja einer mit der Sprache deiner Sehnsucht! Hier ist eines Bruders Antlitz! Bruders!«
Er stürzte durch Schneestürme, sang, schluckte Flüssig-Jähes wie Feuer in sich und schrieb einen taumelnden Brief. Verbrannte ihn vor dem nüchternen Weiß der Frühe und schickte einen verzerrt-durchschnittlichen ab, der keine Antwort fand.
Rang dann keuchend in dreifach verriegelter Zelle mit seinem Abgott.
Fing an, seine schwerfällig klammen Gelenke abzurichten.
O, wie war bei dem andern alles so leicht hingefetzt, hüpfend vor überschüssiger Kraft, schmaler Spann und rosa schimmernd durch dünnsten Seidenstrumpf! –
Monate in Kasteiung, Kniebeuge, Fingerübung und ferienloser Schule mit verkrampftem Ehrgeiz.
Als er eineinviertel Jahr drauf wieder ausging, hatte er Gebärden und Gedanken eines noch etwas wirrsäligen Burschen, der nach bestandenem Examen dem Internat entrinnt.
Diesen Brief, dem ein Manuskriptband beigefügt war, erwiderte Ottokar Witteck mit einer herzlichen Einladung. Und am nächsten Tage schon reiste Ludwig Perls zu Ottokar.
Weinte, als er abfuhr, und wunderte sich, warum er weinte; fühlte nur, wie stark er weinte.
Das erste, was er von der neuen Umgebung in sich aufnahm, war ein seltsam kränkelndes Schnarcher-Seufzen, das durch die papiernen Wände des Hotels aus einem Nebenzimmer her schlaflos hielt.
Etwas stieg in ihm auf, ein ganz eigenartiger Vers, ein unerlebter, doch irgendwie geahnter und gewohnter Rhythmus, der Leid und Lust zu gleichen Teilen vergab und für die Zukunft unfaßbar besorgt machte.
Und er sah sich und den andern, wie in einem Drama, über dem jenes Schnarchen aus dem Nebenzimmer als Schicksal schwebte, und eingelullt gegen Morgen hin wurde ein keimendes Wechselgespräch Ludwig-Ottokar zu der Stille eines einzigen, kurz und heftig stoßenden Atems beruhigt.
Sie begannen damit, einander unentbehrlich zu werden. Ihren Arbeiten kam die Glut zweier Flammen zugute.
Ungefähr gleichaltrig, bedienten sie sich unwillkürlich derselben geistigen Mundart ihrer Epoche, ohne daß jedesmal der gleichen Formel ein gleicher seelischer Inhalt entsprach. Dieser Irrtum begünstigte die Dauer ihres Bündnisses.
Ottokar, von der Gesellschaftsklasse seines Umganges daran gewöhnt, daß seine Ausführungen kaum ernsthaft in Betracht gezogen wurden, gab sich in seinen nächtlichen Schwarmreden ohne Umschweife hin. Und er argwöhnte kaum, wenn er eine Nische enthüllte, in der ein zerbrochener Kelch und etwas schmutziges Regenwasser Bewun...
Inhaltsverzeichnis
- Titel
- Kolophon
- Hilflose Augen
- Des Kreuzwegs letzter Stern
- Himmelfahrt zu »Gott Vaterlos«
- Die Wunde des Ludwig Perls
- Über Hilflose Augen
Häufig gestellte Fragen
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