Das ist der Liebe mächt’ger Götterstrahl,
Der in die Seele schlägt und trifft und zündet,
Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet.
Da ist kein Widerstand und keine Wahl!
Anneliese ging Buchfeld ein paar Schritte entgegen. Ihre linke Hand ruhte noch am Halsband des Hundes, die Rechte bot sich dem Nahenden in freundlichem Gruss entgegen: „Wir haben uns lange nicht gesehen, und doch hätte ich gern gewusst, ob Sie sich gut in Birkenfelde eingelebt haben?“
Er umschloss ihre schlanken Finger mit kurzem, beinahe krampfhaftem Druck: „Hätte ich solch freundliche Teilnahme voraussetzen dürfen, Gräfin, würde ich vielleicht den Mut gefunden haben, an Ihre Thüre zu klopfen!“
„Gehört zu der einfachsten Form der Geselligkeit Mut?!“
„Für einen Mann meiner Art, ja. Wenn man nicht weiss, ob man der Geselligkeit willkommen ist, so wird man ihr gegenüber zum Feigling. Ich habe traurige Erfahrungen im Leben gemacht, und wenn man mit hungerndem Herzen und hungernder Seele Brot suchte und doch immer nur Steine gereicht bekam, dann fürchtet man schliesslich die Enttäuschung und verlernt es, noch an der Menschen Thür zu klopfen!
Sie sah mit mildem Lächeln in sein herbes Angesicht.
„Sie suchten Brot, Herr von Buchfeld, haben Sie auch jemals offen und ehrlich darum gebeten, oder warteten Sie es im scheuen Stolze ab, dass man es Ihnen bieten solle? Sie haben immer nur von den Menschen verlangt, aber nie selber gegeben, und die Welt ist mit tausend Riegeln verschlossen, man muss sich Mühe geben, will man sie offen sehen!“ Er schaute gross und erstaunt auf, nickte aber sehr einverstanden mit dem Kopf. „Das heisst mit anderen Worten: Wie man in den Wald hinein ruft, so hallt’s zurück. Sie haben recht, es lag wohl zumeist an mir selber, dass ich unliebenswürdiger und schroffer Gesell es nicht verstand, mich den Menschen richtig anzupassen. Es ist ein ewiger Fluch, wenn man von Kind auf allein und unwissend nach dem rechten Weg tasten muss, und keiner da ist, der ihn zeigt!“
„Ist’s nicht ein viel grösserer Fluch der Selbstverschuldung, wenn man sich durch solch ein Alleinstehen verbittern lässt und trotzig der Welt abschwört, anstatt sie durch nimmermüdes Vertrauen und Werben zu eigen zu gewinnen?“
Wieder war seine Antwort ein fast betroffener Aufblick. „Wo gehen Sie hin, Gräfin, darf ich mich Ihnen ein Stück Weges anschliessen?“
„Gewiss. Ich muss Vetter Roland vertreten und nach dem Vorwerk hinaus gehen. Eine Scheune bedarf der Reparatur, doch möchte ich zuvor einen Kostenanschlag aufsetzen lassen!“
„Ich störe Sie nicht?“
„Nicht im mindesten. Wenn wir jagdbares Wild antreffen sollten, wäre ich Ihnen sogar sehr dankbar für einen Sonntagsbraten. Ich kenne die Grenzen unseres Gebietes genau, und falls es Ihnen Freude bereitet, die Damnitzer Jagd öfters zu begehen, so steht sie zu Ihrer Versügung.“
Er verneigte sich dankend. Anneliese schritt neben ihm. Der Wind lockerte das Haar über ihrer Stirn und legte ein paar kleine Löckchen bis tief an die feingezeichneten Brauen, das gab dem rosigen, ernsten Antlitz etwas ganz ungewohnt Jugendliches und Anmutiges. „Haben Sie sich je in der Lage befunden, Gräfin, auf die grausamste Weise vom Schicksal vernachlässigt zu werden, und hatten Sie dann doch noch soviel Glauben an das Gute, sich um die Gunst der Welt zu bemühen?“
„Was nennen Sie, vom Schicksal vernachlässigt?“
„Arm zu sein an Liebe, Glück und Jugend, immer zu entsagen, immer opfern zu müssen, immer ein Stiefkind zu sein.“
„Ich weiss, Sie hatten eine traurige Kindheit; als Ihre Mutter Sie vernachlässigte — hatten Sie da nicht das sehnende Bedürfnis, sich einem anderen Wesen anzuschliessen, welches solche Liebe ersetzen konnte?“
„Nein, ich lernte nur unsympathische Frauen kennen und hasste sie darum!“
„Frauen, welche fremder Wille Ihnen zuführte? Sie hatten nie selber die Energie, sich Ihren Umgang zu wählen? Denken Sie nach, haben Sie nie ein weibliches Wesen gesehen, welches Ihnen liebenswert erschien?“
Als Kind? o ja! Ich hatte einen Schulkamerad, den sah ich einst im Garten mit seiner Mutter spielen. Sie war so fröhlich, so sanft und herzlich und trug noch einen kleineren Sohn auf dem Arm, so dass ich an das Muttergottesbild daheim denken musste!“
„Warum gingen Sie nicht zu ihr? Ich bin überzeugt, an ihrem Herzen wäre auch für den fremden Knaben Platz gewesen!“
„Ich war voll Neid, ich gönnte es den anderen Kindern nicht, dass eine Mutter sie herzte; das trieb mich davon. Auch hätte sie mich ja rufen können, wenn sie mir Gutes erweisen wollte!“
Anneliese lachte. „Aha! unser alter Standpunkt. Sie waren von jeher ein Trotzkopf und wollten nur den Mund aufmachen, der gebratenen Tauben zu harren! Je nun, ich weiss, dass die Charaktere verschieden sind, aber ein schwieriger Charakter ist in meinen Augen nie ein Entschuldigungsgrund. Man muss Selbstzucht üben, von Kindesbeinen an, wenn es manchmal auch viel bequemer ist zu sagen: „Ich kann das nicht, das geht mir völlig wider die Natur.“
„Führten Sie ein solch strenges Regiment über sich?“
„Ja, sonst stünde ich heute an einem ganz anderen Fleck!“
„Sie waren früh verwaist, auch Sie hatten eine traurige und frendenlose Kindheit?“
„Ich hätte sie gehabt, wenn ich mich dem Leid so haltlos hingegeben hätte, wie Sie! Ach ja, ich habe auch schwere Stunden durchkämpft, aber ich habe in diesem Kampfe gesiegt! Sehen Sie — dort in dem kleinen Häuschen, dessen Dach aus den Parkwipfeln schaut, lebte einstmals die Grosstante Friederike. Sie war eine rauhe, harte Frau, und alle Kinder auf dem Hof fürchteten sie, denn sie schlug uns, wenn wir im Garten eine Blume zertraten, und scheuchte uns mit drohenden Worten davon, wenn wir in die Nähe des Häuschens kamen. Sie hatte keine eignen Kinder, ihr einziges Söhnchen war vor ihren Augen ertrunken, und das hatte ihr Herz bitter und feindselig gemacht. Ich war allein, ich hatte niemand, der mich lieb hatte, und doch sagte mein Vater zu mir: „Halt’ dich zur Tante Friederike, sie ist deine einzige Anverwandte!“ Da nahm ich mein scheues Herzlein — wie man zu sagen pflegt — fest in die Hand und klopfte an die Thür der gefürchteten Frau. Sie that mir unwirsch auf. „Bei mir bleiben willst du?“ fragte sie erstaunt, „gut, geh in die Nebenstube und spiel’! Wenn du aber Flecke machst oder etwas zerbrichst, gibt es arge Prügel!“
Da sass ich eine Weile allein in der düsteren Stube und fürchtete mich und hatte nicht mehr, wie daheim. Und zaghaft kam ich wieder zu der Tante, die hatte eine grosse Hornbrille auf der Nase und las — und ich streichelte ihre Hand und bat: „Ich möchte gern bei dir sein!“ Sie sah mich mit ihren grossen, kalten Augen an, dass mich fror. „Meinetwegen“, sagte sie, „aber stör’ mich nicht!“ Da sass ich mäuschenstill zu ihren Füssen. Und am anderen Tag kam ich wieder. „Liebe Tante!“— „Was? bist du schon wieder da? dachte, du hättest am gestrigen Amüsement genug gehabt!“ „Ich möchte so gern stricken lernen, liebe Tante!“ Sie schob erstaunt die Brille auf die Stirn, aber sie ging an die Kommode und holte zwei Nadeln und Wolle. Sie war keine geduldige Lehrmeisterin, sie schlug mich tüchtig auf die ungeschickten Hände. Aber am folgenden Morgen stand sie scholl in der Thür und schaute mir entgegen. Sie schob mir heute einen Apfel hin und sagte unwirsch: „Da! aber keine schmutzigen Finger!“ O, es war keine Freude bei der Tante zu sein. Tags darauf lag sie im Bett und war krank, aber sie schickte mich nicht fort, als ich kam. Ich streichelte ihr die Wangen, was sie „dummes Zeug“ nannte, holte ihr Wasser, gab ihr herzu, was sie verlangte. „Bleib draussen, Dorta, das Kind ist ja hier!“ herrschte sie die Dienerin an. Als sie gesund war, nahm sie mich mit in den Garten und schnitt Blumen ab. Sie duldete, dass ich dabei half. Dann wand sie einen Kranz. „Für Mäxchens Bild!“ sagte sie mit schluchzender Stimme, als ich fragte. Drinnen in der Schlafstube, über ihrem Bett, schmückte sie das kleine Kinderbildchen, und dann faltete sie die Hände und stand regungslos. Der kleine Knabe, der so früh hatte sterben müssen, jammerte mich. Als die Tante hinaus ging, vergass ich alle Angst und kletterte auf das Bett, das verblichene Bildchen zärtlich zu küssen. Da fassten mich zwei Arme, und die Tante hob mich mit krampfhaftem Schluchzen an die Brust und küsste mich auf die Stirn. Dann führte sie mich hinaus und hiess mich gehen. Es war das einzige Mal, dass sie mich geliebkost hat, aber sie war seit jenem Tage anders zu mir, eine treue, strenge Mutter, die mich doch mit ernster Milde an ihr Herz zog. Ihr verdanke ich viel, manch harte Züchtigung, aber auch manch goldene Lehre. Als sie starb, kam mir zuerst das Bewusstsein, dass sie mich wahrhaft geliebt hatte.“
Aurel blickte starr vor sich nieder. „Ich hätte nie zum zweitenmale den Weg zu ihr gefunden. Was für ein mildes, weiches und versöhnliches Herz müssen Sie haben. Das musste ich, der Fremde selbst, zu meiner Beschämung erfahren.“
„Inwiefern?“
„Mein unfreundliches, ja verletzendes Wesen in der Residenz musste Sie mir entfremden, dennoch hiessen Sie mich, anstatt über meinen Sturz zu triumphieren, hier wie eine Freundin willkommen, und wenn ich je eine Osterfreude im Leben hatte, so bereitete sie mir Ihre liebe, freundliche Gabe!“ —
Sie leugnete nicht, sie sah ihn treuherzig an. „Sie waren so allein und freudlos, — bei uns soviel Festjubel — ich wollte Ihnen gern davon ein wenig abgeben!“
Er blieb stehen und sah sie mit seltsam ernstem Blicke an. „Gräfin Anneliese, warum waren Sie nicht immer so gut zu mir, warum standen Sie mir nicht damals im Wintergarten so gegenüber wie heute?“
Sie erglühte und senkte das Haupt. „Weil ich eben nicht eines solch versöhnlichen und milden Gemüts bin, wie Sie glauben, weil es auch bei mir der Zeit bedarf, bis ich eine Kränkung verwinde, bis ich mich jenes alten, wackern Sprüchleins entsinne: „Kränkt dich ein Freund, so wisse, vergib ihm und versteh’, ihm ist es selbst nicht wohl, sonst thät er dir nicht weh!“ Sie sprach sehr leise, dann hob sie frisch und fröhlich das Antlitz. „Aber warum sich an Vergangenes —“
Er fiel ihr hastig ins Wort: „Eine Kränkung? — Habe ich Sie jemals gekränkt? Meine Art und Weise, Ihnen in dem Wintergarten Hilfe beim Aufrichten des Blumenstockes anzubieten, war gewiss recht unhöflich und schroff, — aber ... dass ich Sie dadurch kränken und beleidigen würde, Gräfin ...“
Sie lachte leise auf. „O nein, Herr von Buchfeld, jener Begegnung in der Orangerie entsinne ich mich kaum. Lassen Sie sich, bitte, keine grauen Haare darum wachsen, denn —“
Abermals unterbrach er sie; sein erst so bleiches Antlitz färbte sich höher. „Also nicht jene kurze Zwiesprache? Und sie war doch die erste, welche uns persönlich zusammenführte. Aber ganz recht, Sie waren schon da kalt und abweisend gegen mich. Wie um alles in der Welt könnte ich Sie aber schon vorher im Leben gekränkt haben, ohne Sie zu kennen?“
Sie lächelte still vor sich hin. „Das eben war das Beleidigende, dass Sie mich gar nicht kannten und mich doch wie Ihre ärgste Feindin behandelten. — Sie sehen mich so zweifelnd an, — Sie haben gewiss das reinste Gewissen von der Welt, und darum lassen Sie solch kleine Wolke vergessen sein, welche gottlob längst vor der Sonne besserer Überzeugung verflogen ist.“
Er schüttelte heftig das Haupt. „Ich mag viele Fehler haben, Gräfin, aber ich habe auch eine gute Eigenschast, ich sage stets die Wahrheit und ertrage es, sie selber in jeder, selbst der härtesten Form zu hören. Hier kann nur ein Missverständnis obwalten, und darum wird es Ihnen zur Pflicht, dasselbe zwischen uns klar zu legen.“
Sie sah ihm offen und gerade ins Auge. „Sie haben recht, Herr von Buchfeld! Selbst eine geheilte Wunde hinterlässt ihre Narben, und so oft man sie sieht, wird man trotz alles Vergessens und Vergebens doch wieder an den Schmerz erinnert, den sie ehemals bereitet. So sagen Sie mir denn — warum duldeten Sie es damals, an jenem Trauertag, welcher die Erde über Ihres Bruders Sarg deckte, nicht, dass ich den Blumenschmuck des Grabes ordnete und dem Verstorbenen auch meinerseits eine schlichte Gabe treuer Erinnerung brachte?“
Aurel zuckte empor; er wurde blutrot. „Wer sagte Ihnen das wieder?“ stiess er kurz hervor.
„Niemand; — ich sah es.“
„Unmöglich! — wie das?“
„Indem ich umkehrte, meinen vergessenen Handschuh zu holen, unbemerkt mich näherte und Zeugin Ihrer für mich so unbegreiflichen und schmerzlichen Handlungsweise wurde.“
Er neigte das Haupt und blieb tiefatmend stehen. Dann strich er langsam mit der Hand über Stirn und Haupt, von welchem er den Jagdhut abgezogen. Er sah ihr fest, wie mit einem Blick der Erlösung in die Augen. „Es ist gut, dass Sie mich danach fragten, Gräfin, ich danke Gott, dass er mir Gelegenheit gibt, aus Ihrem Munde selber die Lösung eines Rätsels zu hören, welches mir grössere Qualen geschaffen, als Sie je ahnen mögen. Lassen Sie mich aber nicht nur Worte sprechen, sondern auch einen Beweis, und gewissermassen einen Beleg bringen für die damals in meinem Sinne völlig gerechtfertigte Feindseligkeit, keine Blume von Ihnen auf Ortwins Grab zu dulden. Darf ich morgen meinen Besuch im Hause Ihrer Eltern abstatten, und werden Sie Zeit haben, eine Viertelstunde der Aufklärung all dieser Wirrnisse zu opfern? Ich bitte Sie von ganzem Herzen darum!“
Sie reichte ihm mit festem Druck die Hand. „Sie werden uns allen aufrichtig willkommen sein und nicht nur uns Damnitzern, sondern auch all den anderen Familien in Birkenfelde — es sind deren ja nicht viel — welche in dem Kasinokreise verkehren. Eine kleine Stadt duldet mancherlei, nur keine Ausnahmen von langjährig respektierten Regeln!“
Er lächelte zerstreut. „Wird man mich auch freundlich aufnehmen?“
„Ich glaube es garantieren zu können. Aber gleichviel, habe ich Ihnen etwa umsonst die Geschichte von Tante Friederike erzählt? Die Welt hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr, man muss anklopfen, nicht nur einmal, nein hundertmal, bis die Liebe und Freundschaft hinter der Thür steht und uns öffnet.“
Er nickte; eine wundersame Erregung hatte sich seiner bemächtigt. „Also morgen. Jetzt lasse ich Sie allein, Fräulein Anneliese. Man darf einen Mann, welcher sein Lebenlang dürstete, nicht allzu freigebig aus frischem Quell erquicken, er erträgt solche Wohlthat nicht. Ihre Worte aber waren solch köstliches und fremdes Labsal für mich, dass ich mich erst tropfenweise daran gewöhnen muss. — Gott befohlen!“
Sie lächelte ihm freundlich zu. „Der kranke Mann soll bald gesund werden! Auf Wiedersehen!“ Er schied hastig und schritt querfeldein davon, wie von einem Sturmwind getrieben. Aber nach kurzer Zeit blieb er stehen und sah sich um. Sie war den kleinen Hügel, durch das trockene Heidekraut und die welken Rispengräser, empor gestiegen. Ihre schlanke, hoheitsvolle Gestalt hob sich in dunkler Silhouette scharf gegen den Himmel ab, wie eine Heilige, die auf goldenen Hintergrund gemalt ist. Das blaue Kleid wehte ihm Grüsse zu, langsam verschwand sie am jenseitigen Abhang. Er stand und schaute, er sah sie noch immer, obwohl sie längst verschwunden. Nicht einmal, nein hundertmal soll man anklopfen, bis aufgethan wird. Nur an die Thür des Nächsten, — oder auch an Menschenherzen? Aurel hatte noch niemals Einlass begehrt, weder dort noch hier, — nun aber stand er vor dem heiligen Tempel eines lautern Mädchenherzens, und er blickt zum Himmel auf, als wolle er sich Mut erflehen, nicht einmal, nein hundertmal voll treuer Geduld daran anzuklopfen, bis es sich ihm als Heimat öffnen wird.
Lipps steckte den Kopf durch die Thüre der blauen Stube und liess einen leisen Pfiff ertönen. „Du — Lore, komm mit! ich mache jetzt einen Ulk!“
Die Komtesse sass am Fenster und „knüttete“ eine feuerrote Socke, hart und steif wie ein Brett. Die Schweissperlen standen ihr auf der Stirne. Nur ganz flüchtig schaute sie auf. „Wo?“
„Entweder beim Alten, oder nachher, wenn der Besuch kommt im Salon. Vielleicht bei beiden, wenn mir Vater nicht die Schweinsblase zerplatzt!“
Lorchen interessierte es allerdings lebhaft, was es mit der Schweinsblase geben sollte, aber sie sah nur strafend den kleinen Übelthäter an und antwortete kurz: „Es ist sehr frech von dir, Lipps, dass du mich erwachsene Dame immer zu deinen Streichen aufforderst! Du siehst, dass ich mit häuslicher Arbeit beschäftigt bin.“
„Nu schlag’ einer lang hin! Hat dich die alsch Jungfer bereits untergebuttert? Meinetwegen! Sitz’ du dir man Hühneraugen hier oben, — ich lache mir einen Ast derweil!“ und die Thüre schmetterte zu. Was er wohl vorhat? Die erwachsene Dame Lorchen hätte es doch für ihr Leben gern gewusst. Aber gemeinsame Sache konnte sie nicht mehr mit dem Bengel machen, denn Roland fand das sehr unpassend. Schnell schob sie ihr Strickzeug in den Arbeitskorb und huschte die Treppe hinab. Vielleicht konnte sie von aussen in Papas Stube sehen! Richtig, wenn sie einen Stuhl vor das Parterrefenster stellte, vermochte sie durch das Blattgewirr des Asklepiastockes, welcher das innere Fensterbrett schmückte, die Stube zu überschauen. Gedacht, gethan. Noch sass der Graf oben am Frühstückstisch, und sein Arbeitssessel, ein altmodischer Lehnstuhl, dessen schwerseidener Bezug durch geblümten Kattunüberzug geschützt wurde, stand leer. Schon öffnete sich behutsam die Thür, und Herr Lipps erschien. Seine Halunkenäuglein richteten sich sofort, vor Eifer funkelnd, auf besagten Stuhl. Behend wie eine kleine Gnomengestalt glit er näher, zog aus seiner Civilbluse ein seltsames Instrument und prüfte es noch einmal auf seine Tüchtigkeit hin. Es war ein hölzernes Pfeifchen — Lorchen sah’s genau! — um dessen Mundstück eine aufgeblasene Schweinsblase festgebunden war. Behutsam schob Lipps dieselbe unter den Kattunüberzug des Sesselkissens, und dann huschte er flink wie der Blitz zur Seite, seinen gedeckten Beobachtungsposten unter dem teppichbelegten Tisch zu nehmen. Es w...