Das schlafende Heer
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Das schlafende Heer

  1. 450 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Das schlafende Heer

Über dieses Buch

Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts. Preußen besitzt an seiner damaligen Ostgrenze große vor allem von Polen besiedelte Gebiete, die nun "germanisiert" werden sollen. Bauer Peter Bräuer wandert, von den staatlichen Versprechen angelockt, vom Rheinland in jene Grenzgau aus. Während seine Frau und seine Tochter sich leicht in der neuen Heimat einleben und Sohn Valentin danach trachtet, sich durch die Heirat mit einer schönen Polin in der neuen Heimat zu verwurzeln, bleiben Peter Bräuer Land und Leute fremd. Und die Hochzeit des Sohnes bietet neuen Zündstoff... Viebigs sozialkritischer und alles andere als deutschnationaler Roman, der den polnischen Landarbeitern und ihrem Konflikt mit dem Deutschen Reich viel Sympathie entgegenbringt, erntete von den deutschen Zeitgenossen heftige Kritik. Heute gilt es ein (fast) vergessenes Meisterwerk wiederzuentdecken.-

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Information

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Ein paar Tage nach der Wahlversammlung im deutschen Krug hatte sich der junge Wirt aufgemacht zu einem Gang, aber er sagte nicht, wohin er gehen wollte. Der Michalina, die sich alle Augenblicke eine Ausrede machte, von den Bräuers zu ihm hinüberzulaufen, übergab er den Schlüssel. Sie sollte auf die Wirtschaft aufpassen, lange würde er ja auch nicht ausbleiben.
Aber er blieb doch länger aus. Vergebens schaute Michalina alle Stunden nach ihm aus, er kam noch immer nicht. Wohin war er gegangen? Ach, gewiss nach dem Tupadlo, wo jetzt in der smaragdgrünen Wiese die Rosen des Sumpfes blühten, schneeweisse reine Blumenkelche mit goldnen Staubgefässen. Aber deren Stengel, die tief unten im Grunde festwurzelten, waren wie Schlangen, lang und dehnbar, und rissen nicht ab, sondern zogen herunter.
Dass ihm nur kein Leides geschah! Am liebsten wäre die Magd ihm nachgelaufen, aber das ging doch nicht an, sie musste ja auf sein Haus aufpassen. So hockte sie sich auf seine Schwelle nieder, schlang die Arme um die Knie, wiegte sich hin und her und sang sich eins. Eintönig traurig klang es, obgleich es ein Tanzliedchen war, monoton war es wie die Felder, in die ihr Blick starrte. —
Michalina hatte recht vermutet, Valentin war nach dem Tupadlo gegangen, führte doch daran vorbei der Weg ins Forsthaus. Er musste Stasia sehen, sie sprechen. All die Nächte, seit sie fort war, hatte er keinen Schlaf gefunden; rot waren seine Augen, ganz überwacht. Mit offenen Lidern hatte er gelegen und ins Dunkel gestiert und gedacht und gedacht, so viel, so eindringlich nachgedacht wie noch nie in seinem Leben.
War sie denn wirklich so schuldig? Ja, ja! Er musste die Fäuste ballen und mit den Füssen stossen. Aber wenn er’s dann so recht bedachte, wusste er eigentlich nicht zu benennen, was sie ihm angetan hatte. Dass sie mit Pan Szulc gut Freund war — zu gut Freund für seinen Geschmack —, das war sicher; aber wenn es ihm nun auch nicht behagte, war es darum schon ein Unrecht? ‚Du‘ hatte sie zu dem gesagt — sagen die Polen nicht immer ‚du‘? — und ‚mein Lieber‘ hatte sie zu dem gesagt — Jesus, sie kannte ihn ja schon so lange, als sie noch ein blutjunges Dingelchen mit kurzem Rock war, schon! Abscheulich war’s, ganz unerträglich, dass sie immer miteinander tuschelten und lachten — aber eine Untreue war das doch nicht. Nein, er hatte sich übereilt! Wenigstens anhören hätte er sie müssen, sie nicht von sich stossen dürfen, als sie so lieb sich anschmiegen wollte. Die arme kleine Frau, wie weh hatte er ihr wohl getan mit seinen groben Fäusten! Ein Bedauern erhob sich in Valentin. Aber dann dachte er an Vater und Mutter: der Vater war auch oft grob, aber die Mutter nahm’s weiter nicht übel — wie war das doch so anders bei denen!
Zwischen ihm und Stasia war immer ein Missverstehen. Und sie hatten sich doch auch so lieb, wie sich die Eltern hatten — o nein, noch viel tausendmal lieber, denn sie waren ja noch so jung! Noch kein Jahr, noch kein einziges Jahr miteinander verheiratet. Er fühlte noch dasselbe Begehren in sich, das in ihm gebrannt, als er sie zum Altar geführt hatte.
„Stasia, Stasia!“ Er stöhnte auf in der Nacht und schlug die Fäuste gegen seine Stirn, auf der Schweisstropfen standen. Was hatte er angerichtet?! Nun war sie böse mit ihm — auf immer —?! Sie hatte der Michalina gesagt, man solle ihr anderntags ihre Kleider und Sachen schicken; er hatte die zurückbehalten, denn er hatte gehofft, dann würde sie danach kommen, oder ihr Vater wenigstens würde kommen, oder ein Bote, oder ein Brief. Aber niemand war erschienen. Nein, sie wollte wirklich nichts mehr von ihm wissen, es war nicht nur eine Rederei. Nun sass sie drüben bei ihren Eltern, und er sass hier. Und zwischen ihnen lag das Tupadlo.
Ob sie sich wohl um ihn grämte, wie er um sie? Das hätte er gern gewusst. Aber hatte er denn je gewusst, woran er mit ihr war? Oft hatte er ihr sehnsüchtig in die Augen geschaut, aber sie hatte weggeguckt. Wie ging’s nur zu, Vater und Mutter verstanden sich doch mit einem Blick, die Stasia musste man erst immer fragen und fragen, und dann hatte sie doch noch oft den Kopf geschüttelt: „Ich verstehe nicht.“
Wer wollte ihr einen Vorwurf daraus machen? Sie verstand eben wirklich nicht deutsch, wohl die Sprache — oh, die Sprache ganz gut! —, aber das andre, all das andre, was sich nicht sagen lässt, das nicht!
Sich im Bett aufsetzend und den Kopf zwischen beide Hände nehmend, hatte der arme Junge ganz verwirrt um sich geschaut. Wenn er nur wüsste, woran das lag, dass sie nicht zum Glück kommen konnten, zum friedlichen Glück. Hatte er ihr nicht gern was zuliebe getan — oh, so vieles! Hatte sie ihm nicht was zuliebe getan? Oh, auch! Bekreuzten sie sich nicht vor demselben Gott? Gewiss! Und waren sie nicht verliebt miteinander? Das sicher! Und trotz allem und allem — eins waren sie darum doch nicht.
Und das peinigte. Das hatte Valentin gepeinigt fast vom ersten Ehetag an, das peinigte ihn auch jetzt mehr als die Eifersucht auf Szulc. Diese Eifersucht war ja töricht — begreiflich zwar —, aber zu töricht doch! Die Stasia ihrem Walenty untreu sein?!
Und Stasia tauchte vor ihm auf im Dunkel der Nacht — silbrig und seidig schimmerte die blonde Tolle, darunter blütenzart ihr weisses Gesicht. Mit brennenden Augen starrte er sie an: sei doch gut, komm wieder, wir wollen nun glücklich sein! Sie lächelte und nickte — da sprang er aus dem Bett. Wenn es nicht Nacht gewesen wäre, die Hähne in den Höfen nicht erst zum erstenmal gekräht hätten, er wäre zu ihr gelaufen. Ja, er wollte sie zurückholen! Das Miteinander-böse-Sein war dummes Zeug. Sie sollte wiederkommen, sie musste wiederkommen, dann wurde alles gut!
Und so hatte er sich aufgemacht gleich anderntags. Wie ein Liebender war er gegangen, der um die Braut werben will. Beim Tupadlo fing er an, Trab zu laufen. Ihn ärgerte der weite Bogen, den er machen musste, denn nah, ganz nah winkte hinter den Kusseln die Försterei, und smaragdgrün, mit weissen Rosen besternt, glänzte freundlich die Wiese zwischen ihm und dem Waldrand drüben. Aber nur die Torfgräber, die vergangnes Jahr hier Torf gestochen hatten für Chwaliborczyce, kannten vielleicht die sichere Furt.
Seufzend gab er sich drein, dem Umweg zu folgen.
Schon vor der Tür der Försterei traf er den Schwiegervater. Freundlich war die Begrüssung nicht.
„Wo ist Stasia?“ rief Valentin atemlos.
„Nicht da.“
„Sie ist doch da!“ Das sollten sie ihm nicht wieder vormachen wie damals! „Ich will mein’ Frau holen“, sagte er trotzig. „Sie soll nach Haus kommen!“ Er wollte am Schwiegervater vorbei in die Tür eilen.
Aber der Förster stellte sich breit vor: das wäre! Frech sein wollte der Schwabb jetzt noch, nachdem er seine Tochter so gekränkt hatte?! Die blieb vorderhand hier. Später würde sich’s finden. Da musste der Ehemann mal erst ganz andre Saiten aufziehen, bis die versöhnt war. Beleidigt war die — oh! Und Frelikowski hatte die Hände erhoben und sich dann den langen Bart gestrichen mit unnahbarer Miene.
Da hatte sich der Schwiegersohn aufs Bitten gelegt, treuherzig die Hand des Vaters ergreifend: es tat ihm ja so leid, dass er die Stasia gekränkt hatte, bitter leid! Ja, er hatte unrecht, er wollte auch gern alles, alles tun, sie zu versöhnen. Nur versprechen müsste sie ihm, nicht mehr mit dem Inspektor, dem polackischen Szulc, zu tuscheln — nicht, dass er was Böses dabei dächte, nein, er vertrug’s nur nicht! Das war doch ein Kleines, dass sie ihm das versprach!
Aber Frelikowski hatte die Achseln gezuckt: vorschreiben liess sich die Stasia nun einmal nichts. Mit der Zeit vielleicht würde wieder Einigkeit kommen; die Stasia war ja so fromm, die ging fast alle Tage zur Kirche.
So tröstete er den Betrübten. Und dann versicherte er dem Schwiegersohn, dass er, der gute Schwiegervater, indes kommen würde, ihm ab und zu Kunde zu bringen von der Stasia.
Damit hatte sich der junge Ehemann vorderhand begnügen müssen.
Peter Bräuer schalt mit dem Sohn, dass der sich so demütigte und dem Weibsbild nachgelaufen war: ‚Keine Sorg’, die Katz’ findet sich schon wieder in’t Haus, wo die Milch süss is!‘ hatte er gesagt. Es kränkte Valentin, dass der Vater also sprach — der hatte eben die Stasia doch nie recht leiden gekonnt.
Und auch mit der Mutter, die sonst so mild war, war der Sohn nicht zufrieden. Frau Kettchen hatte es hart getadelt, dass Stasia davongelaufen war. ‚Dat is doch kein’ Mod’, dat sind mir nit gewöhnt — ’wahr, Peter? Un nachlaufen hättste ihr nit sollen, Jung’! Die Frau muss den ersten Schritt tun, nit der Mann — ’wahr, Peter?‘
Was verstanden die, wohin sein Sehnen ging! Konnte er denn dafür, dass es ihn zog, stärker als mit hänfenen Seilen? Einzig mit der Michalina war noch ein Wort zu reden. Die hatte wenigstens Zeit für ihn. Früh morgens, wenn er seine Kammer verliess, hatte sie schon Feuer angezündet und die Stube gefegt und die Gläser gewaschen und den Kaffee gekocht — er sah sie meist nicht mehr, wohl aber, dass sie dagewesen — und dann, wenn die Dämmerung sank und Feierabendruh über den Feldern lag, dann kam sie wieder. Sie wäre nicht spröde gewesen gegen den jungen Mann, aber er merkte das gar nicht; nur um von Stasia zu reden, darum verlangte ihn nach ihr.
Und sie hatte allezeit ein williges Ohr. Und sie tröstete ihn: Geduld, nur Geduld! Wenn das Korn gehauen wurde, war auch der Trotz geknickt, dann würde Stasia kommen. Und sie würde sprechen: ‚Walenty, mein Geliebter, meine Seele, meine Taube, du mein Stern, der einzig mir am Himmel strahlet, küsse mich!‘ Mit bebender Stimme, recht aus Herzensgrund, hauchte die braune Michalina diese Worte. Sie wagte es, seinen Ärmel zu streicheln: „Geduld, Walenty, Geduld!“
Aber er hatte keine Geduld. Wenn Michalina von ihm gegangen war und die Lichtlein der Ansiedlung erloschen, machte er sich auf. Er ging durch die dunkle Sommernacht, immer nur den einen Weg — zum Tupadlo. Stimmen waren in der Nacht der reifenden Felder, die ihn riefen, Sterne über dem Geheimnis der wispernden Ebene, die ihn führten. Immer zum Tupadlo. Da kreiste er herum, wie ein Verirrter: „Stasia, Stasia!“
Wie einst als lediger Bursch, dem die junge Verliebtheit im Blut loderte, rief er den geliebten Namen. Beim Dornbusch am Sumpf sass er stundenlang. Der Busch trug jetzt Blüten, flache, zartrosige Flatterblumen, die davonflogen, wenn man sie pflücken wollte. Geheimnisvoll schimmerten die Rosen der Sumpfwiese; am Tage waren sie geschlossen gewesen, aber jetzt öffneten sie sich zu leuchtenden, weissen Sternen. Ein Duft stieg von ihnen auf, berauschend wie Jasmingeruch. Sumpfrosen sollen nicht duften, sie haben keine Seele, er aber fühlte ihren süssen Hauch. Und seine Seele verging vor Sehnsucht. Alles, alles wollte er ihr ja zuliebe tun, wenn sie nur wieder zu ihm kam!
Aber noch war sie böse, so hatte ihm der Vater gesagt, der jetzt alle Tage kam. Aber konnte ihn dessen Kommen trösten? O nein, im Gegenteil! Es ärgerte ihn, wenn der sich in der Wirtsstube breit machte, als sei er der Herr, und Kumpane mitbrachte, die er traktierte, gastfrei, nach gut polnischer alter Sitte. Wo blieb das Geld für das Bier und den Schnaps? Michalina hatte die Hände gerungen, aber ‚pst, still‘ hatte Valentin geflüstert und ihr die Hand auf den Mund gelegt. Was sollte er tun? Würde er etwas sagen, so kam der Schwiegervater nicht wieder, und er hörte nichts, gar nichts mehr von Stasia. Aber ein Ekel hatte ihn doch erfasst vor dem Mann mit dem roten Bart, der auf drei Ehrenzeichen niederwallte. Valentin konnte es im eignen Haus nicht mehr aushalten. Morgens um zehn schon, oft auch schon um neun, sassen der Förster und seine Genossen in der Wirtsstube, sie sassen bis gegen Mittagläuten, und abends, sowie die Sonne sank, waren sie wieder da. Vertrieben war der Wirt so aus dem eignen Heim. Das würde auch nie, nie mehr wohnlich werden — es war ihm verleidet. Was sollte er noch hier, wo nur polnisch gesprochen, polnisch gesungen, polnisch gedacht wurde? Gern wäre er bei seinen Eltern eingekehrt — ach, mit einer stillen Trauer gedachte er jener Tage, da er noch kein Wort Polnisch verstanden hatte, da er hierhergekommen war, voller Begier aufs Neue, sich Wunder vom weiten Acker versprochen und sich lustig geneckt hatte mit den braunen, lachenden Mädchen am Weg, und da er das ‚daj mi buzi‘ noch nicht gelernt!
Wenn er jetzt zu seinen Eltern kam, fühlte er: er war ihnen fremd geworden. Freundlich waren sie zu ihm, wieder gut wie ehedem, die Mutter sah ihn mitleidig an, der Vater machte ein bekümmertes Gesicht, sie litten mit ihm unter seinem Kummer, aber fremd waren sie sich doch. Etwas hatte sich zwischen sie gedrängt, Vertrauen, Herzlichkeit, Verstehen gestört — das war die Stasia. Er redete nicht von ihr, und sie redeten nicht von ihr. Da trieb es ihn auch endgültig aus dem Elternhaus.
Rastlos, freudlos ging der Einsame umher, her und hin — hin und her — aus und ein — ein und aus. Die Türen klappten in einem fort; es litt ihn nicht in der Stube, nicht in der Kammer, nicht in der Küche, nicht im Stall, nicht im Schuppen, nicht auf dem Hof. Es zerrte ihn immer und zog ihn und stiess ihn voran wie mit Fäusten, er musste zum Tupadlo. Dort fand er einzig Ruhe. Wusste er doch, drüben wohnte sie. Wenn er sie nun nicht sehen, nicht sprechen sollte, wenn sie noch immer trotzte und nicht zu ihm kam, wenigstens nahe sein wollte er ihr. Ging sie denn nicht aus, würde sie denn nicht einmal hier vorüberkommen?
Oft glaubte er im schwimmenden Abendlicht ihr helles Kleid drüben hinter den Kusseln zu sehen — mit wem ging sie da? Ging sie allein? Oder war wohl gar Pan Szulc drüben, sie zu besuchen? Eine wahnsinnige Eifersucht ergriff ihn jäh. Nun lag er lauernd hinterm Dornbusch: der sollte nur kommen! Aber auch der kam nicht.
Ganz menschenleer war die selten befahrene Strasse zum Forst. Wer zu schaffen hatte, schaffte in den fruchttragenden Feldern, hier am Moor knarrte kein Ackerwagen, kein Ochsengespann brüllte. In träger Ruhe lag das Tupadlo, schwermütig bei Sonnenschein, schwermütiger noch beim Mondenlicht.
Die braune Michalina sah mit Schrecken, wie mager der Walenty wurde. Noch waren es keine drei Wochen her, dass Stasia ihm davongelaufen war, und schon schlotterten ihm die Kleider am Leibe. Sie redete ihm herzlich zu, dass er doch essen möchte. Wenn man auch Kummer hat, essen muss man doch, wie soll man denn sonst arbeiten?!
Und sie schlug sich auf die volle Brust und zeigte ihm ihre dicken Arme.
Er aber lächelte trüb: das wollte er wohl glauben, dass es ihr schmeckte. Was wusste sie von Kummer!
Da seufzte sie aus Herzensgrund und sah ihn beweglich an.
Er aber merkte es nicht. Wenn die Stasia wiederkäme, ja, dann würde auch er wieder essen. Dann sollte Barschtsch gekocht werden, die Suppe von roten Rüben, die ihm eigentlich zuwider war, und Schaschlik, und alle die Gerichte, die sie gerne ass. Er würde kein Wort mehr dagegen sagen, alles würde ihm ja schmecken. Nur den Pan Szulc, nein, den Pan Szulc wollte er nicht an seinem Tische haben und auch nicht immer den Förster. Die quälten ihn noch zu Tode.
Er vermied den Schwiegervater jetzt ganz; selbst um den Preis, von Stasia zu hören, konnte er sich nicht entschliessen, dem freundlich zu sein. Ein Widerwille erfüllte ihn, dessen er sich nicht erwehren konnte. Der würde ihm ja doch nicht die Wahrheit sagen — der log! Sie logen alle hier. Selbst Stasia, die über alles geliebte Stasia, war die immer ganz wahr gewesen?
Es war ein furchtbarer Zweifel, der ihn anfiel wie ein bissiger Hund. Wenn sie ihn nun belogen, wenn sie nun doch mit Pan Szulc geliebelt hätte? Wenn der nun lachte jenseit mit ihr und er, als der Betrogene, hier diesseit sass?
Er hätte sich am liebsten gar nicht mehr vom Tupadlo fortgetraut. Er musste jetzt aufpassen, aufpassen, aufpassen. In seinen Augen brannte es, und in seinem Herzen auch. Liebe und Hass, Zärtlichkeit und Strenge, Sehnsucht und Widerwille stritten miteinander. Aber die Sehnsucht war doch die grösseste unter ihnen.
„Er ist verhext, er hat die Mora gesehen, weh“, jammerte Michalina und schlich nachts hinter ihm drein zum Tupadlo. Sie sah, dass er ging, gleich einem, der nicht möchte und doch muss, der gezogen wird an einem Seil; sie sah, wie er niedersank beim Busch, auf die Knie fiel und die Arme ausstreckte, verlangend, begehrend. Ein züngelndes Flämmchen rollte über das Moor — huh, fuhr sie da nicht auf dem Rade, die Hexe, die Mora?!
„Helfe dir Gott!“ schrie Michalina laut.
Da bemerkte er sie. Und er war zornig: was lief sie hinter ihm her? Er wollte allein sein.
„Mach, dass du nach Haus kömmst!“
Da schlich sie weinend fort.
Das Irrlicht war untergetaucht, aber nun ging der Mond auf hinter dem Nachtgewölk und überschauerte Busch und Gras. Lange, silberne Strahlen warf er über die Wiese, dass sie besponnen schien wie von seidigem Haar. Tauperlen blitzten in den Sternen der weissen Rosen, dass sie glänzten und glitzerten wie Sterne am Firmament. Schimmernd blau ward der beschattete Grund, dem sie entstiegen — der Himmel war niedergesunken in den Sumpf. Eine Brücke von Strahlen wob sich über den tückischen Boden.
So klar konnte man sehen, so sicher konnte man gehen — hier war keine Gefahr. Und nah, ganz nah, nur an die hundert Schritt, und man war drüben beim schlafenden Haus! Nur die Hand ausgestreckt und auf die Klinke gelegt — die wich leisem Druck. Verschlossen war die Tür nicht, das wusste Valentin wohl; zu stehlen hätte sich hier keiner getraut, böse Hunde machten die Runde. Horch, ihr Gebell! Sie heulten den Mond an.
Aber ihn, den Valentin, kannten sie ja, sie würden ihn nicht festpacken und festhalten mit grimmigen Zähnen, leis winselnd würden sie sich an seine Füsse schmiegen und die Hand lecken, die sie oft freundlich geklopft hatte. Die Hunde waren kein Hindernis, Schloss und Riegel waren auch nicht, und der Förster schlief.
Darum sacht, schnell hinauf die wacklige Stiege! Die Kammertür steht offen in der schwülen Nacht — Mondschein fällt auf buntes Kissen — Mondschein auf blondes, silbriges Haar — auf ein geliebtes weisses Gesicht — —
„Stasia, Stasia!“
Er schrie laut auf in der Mondnacht, wie der Hirsch schreit nach der Hindin — und dann, wie die Seele schreit in Todesnot. —

Als Valentin Bräuer am Morgen nicht zu Hause war, schlug Michalina Lärm.
Sie warteten auf ihn den ganzen Tag, und als er nicht kam, fingen sie an, ihn zu suchen. Am Tupadlo war er zuletzt von der Michalina gesehen worden, da suchten sie nun zuerst. Peter Bräuer setzte dreihundert Mark Belohnung aus; das ging fast über seine Kraft, aber war ihm der Sohn nicht tausendmal mehr wert? Er wollte mit d...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  7. Sechstes Kapitel
  8. Siebentes Kapitel
  9. Achtes Kapitel
  10. Neuntes Kapitel
  11. Zehntes Kapitel
  12. Elftes Kapitel
  13. Zwölftes Kapitel
  14. Dreizehntes Kapitel
  15. Vierzehntes Kapitel
  16. Fünfzehntes Kapitel
  17. Sechzehntes Kapitel
  18. Siebzehntes Kapitel
  19. Achtzehntes Kapitel
  20. Neunzehntes Kapitel
  21. Zwanzigstes Kapitel
  22. Einundzwanzigstes Kapitel
  23. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  24. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  25. Über "Das schlafende Heer"
  26. Kolophon