Absolvo te!
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Absolvo te!

  1. 392 Seiten
  2. German
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Über dieses Buch

"›Die Ratten, hu, die Ratten!‹ schrie die schöne Frau Tiralla, als sie mit der Magd im Keller war." So beginnt Clara Viebigs Psychodrama in Romanform und verweist sogleich auf die finsteren Schatten und Geschöpfe, die in Frau Tirallas Anwesen und in ihrer Seele hausen. Doch bald sind es nicht nur die Ratten, die sie in Angst und Schrecken versetzen, und dunklere Gestalten nagen an ihrem Gewissen... Viebigs Roman über eine unglückliche Ehe, der sich die Frau durch einen Giftmord zu entziehen trachtet, gehört zu den eindrücklichsten Werken der wohl bedeutendsten naturalistischen Erzählerin Deutschlands. Der Roman war ein großer Erfolg und wurde später von der Autorin in eine Oper mit dem Titel "Die Môra" umgearbeitet, zu der ihr Sohn, der begabte Komponist Ernst Viebig, die Musik schrieb.-

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Information

VIII.

Marianna erzählte im ganzen Dorfe herum, wenn sie einkaufen geschickt wurde zum Krämer, dass nun bald ein lustigeres Leben anheben würde auf Starydwór: der junge Herr kam nach Hause und brachte noch einen mit! „Ei, schöne junge Herrchen!“ Sie hob zwei Finger in die Höhe: „Gleich zweie,“ und lachte dabei so vergnügt, so unverbesserlich, so unverschämt, mit tanzenden Augen und breiten, weissen Zähnen, dass jeder, dem sie’s erzählte, mitlachte aus vollem Halse.
Nur Jendrek lachte nicht. Das war ihm gar nicht recht, dass nun noch zweie einkehrten; gegen den Alten konnte er ja nichts sagen, der steckte ihm manche Zigarre zu und manchen Schnapsgroschen, aber die Jungen, die passten ihm nicht. Da suchte er sich lieber einen anderen Platz und auch einen anderen Schatz.
Herr Tiralla hätte es nicht übers Herz gebracht, dem Jendrek zu kündigen, nun war er aber ganz froh, dass der gehen wollte. Denn wenn erst der Mikolai da war, sein lieber Mikolai, hatte er ja Hilfe an dem!
Und auch Marianna machte sich nicht viel daraus, dass Jendrek zog — mochte er! Jetzt kamen zwei junge, zwei schöne Herren! Sie hatte den Sohn vom Haus zwar noch nicht gesehen, so lange diente sie noch nicht auf Starydwór, aber nach dem, was Rózia ihr erzählt und ihr vorgeschwärmt hatte von dem Brüderchen, musste der ja etwas ganz Besonderes, etwas ganz Herrliches, etwas noch nie Gesehenes sein! Und der andere, sein Freund? ‚Oh, wen mein Brüderchen liebt, den liebe ich auch‘, hatte Rózia gesprochen. —
„Gott mit dir,“ sprach Marianna ganz gelassen zum Jendrek und reichte ihm Hand und Mund zum Lebewohl. Weit zog er ja auch nicht, er kam zu Herrn Jokisch. „Wenn du einmal Lust haben wirst, mich zu besuchen, so pfeife nur unter dem Fenster; ich komme heraus,“ sprach sie.
Frau Tiralla aber schien es nahe zu gehen, dass der Jendrek den Hof verliess. „Ich sehe es ungern, dass du scheidest,“ sprach sie zu ihm und drückte ihm, während sie ihm die Hand reichte, einen harten Taler in die seine. „Nimm ein gutes Andenken von uns mit!“ Sie sah ihm so ernst und so tief dabei in die Augen, dass es ihm ordentlich ans Herz ging. Ah, die Pani, ordentlich weniger war sie geworden in der letzten Zeit, was fehlte ihr nur?! Bleich war sie, so bleich war sie heute wie dazumal, als sie sich so ängstigte über der Marianna Übelsein. Ei, die war’s gar nicht wert, dass die Pani sich so um sie gesorgt hatte! Für die war die Pani viel zu gut, für Herrn Tiralla auch viel zu gut, überhaupt für die ganze verdammte Wirtschaft hier viel zu gut!
Hätte Frau Tiralla des Jendrek Gedanken lesen können, so hätte sie sich nicht darum geängstigt: was wusste er oder was wusste er nicht, oder was würde er erzählen, wenn er nicht mehr in ihren Diensten stand?! Mit Unruhgefühl sah sie ihn in eines anderen Dienste treten. Sie hatte jetzt immer dieses Gefühl angstvoller Unruhe. Der Doktor schob’s auf die Nerven. Herr Tiralla hatte es nicht anders getan: ein Arzt hatte herkommen müssen, und sie selber sogar hatte nach einem verlangt — ach, dass ihr vielleicht der helfen konnte!
Nun nahm sie fortgesetzt beruhigende Tropfen und Stärkendes für die Nerven ein und fand doch keine Ruhe, nicht am Tage, nicht in der Nacht. Ihre Augen waren übergross vom vielen Wachen, von dem schlaflosen Starren ins Dunkel. Ihre Hände wurden mager, so dünn fast wie Rózias Händchen. Sie hätte nahezu der Tochter Kleider tragen können, so mädchenhaft schlank war sie geworden. Zu schlank! Mit einem bangen Gefühl besah die Frau sich im Spiegel: war das wirklich ihr Gesicht, das Gesicht der ‚schönen Tiralla‘? Die Haut, die atlasglatte, fing an zu welken. Wollte ihre Schönheit schwinden? Auch das noch und jetzt schon! Es war ein tiefer Seufzer schmerzlichster Ohnmacht, der die einsame Kammer durchzitterte.
Drunten auf dem Hofe pfiff Herr Tiralla. Er fütterte mit Rózia die Hühner, die pickend und scharrend und gackernd und zankend gierig die gelben Körner aufsuchten, die ihnen gestreut wurden.
Die Frau oben am Fenster starrte mit brennenden Augen hinab. Da standen sie! Stand Herr Tiralla so breit und vergnügt! Er war ganz aufgelebt in den letzten Tagen. Übermorgen, vielleicht morgen schon, kam ja der Mikolai. Alles im Hause freute sich, nur sie, sie allein konnte sich nicht freuen. Wenn der Mikolai erst hier war, war’s für immer vorbei!
Das war wie ein fixer Gedanke. In Verzweiflung und Inbrunst, Hass und Hingabe seltsam verworren gemischt, warf sich Frau Tiralla auf die Kniee vor dem Bilde, vor dem sie all die Jahre gebetet hatte, das sie immer so sehr erinnert hatte an das feine und schöne Antlitz ihres besten, ihres einzigen Freundes. „Hilf, hilf!“ Als sie lange gebetet hatte und geweint dabei, so heftig, so stromweise, dass ihr Gesicht, ihre Hände ganz nass waren und selbst ihre Brust, auf die die schmerzlichen Tropfen niedergeronnen waren, stand sie auf. Nun war sie entschlossen: morgen schon kam der Mikolai, drum rasch noch, in elfter Stunde!
Sie ging auf die Rumpelkammer, sie holte das Gift. Heute abend, wenn die Hühner wieder hungrig waren, würde sie ihnen die gelben Körner streuen, Körner, ganz ähnlich denen, die ihr Mann eben ausgestreut hatte. Und wenn die Hühner starben — schade um die Hühner! — dann bekam Herr Tiralla von dem Pulver im Wein oder im Kaffee.
Rózia war mit Marianna in den Przykop gegangen, um Grünes zu holen; sie liess es sich nicht nehmen, sie wollte dem Brüderchen einen Kranz winden über die Eingangstür, er sollte doch gleich sehen, wie froh sie war, dass er heimkehrte zu ihr. Und freundlich sollte dadurch auch dem Fremden der Eintritt sein in das alte Haus mit dem dunkelgähnenden Flur. Rózia selber fand an ihrem Elternhaus nichts auszusetzen, aber sie fühlte wohl dumpf, dass die Marianna nicht ganz unrecht hatte, die da immer sprach: ‚Hu, ist sich unbehaglich hier!‘
Nun sammelten die beiden Mädchen im tiefen Grund von dem grünen, saftigen Moos, das, in zarten, gefiederten Blättchen auf kleinen Stielen dort wachsend, den Boden wie ein Teppich überzog. Das Moos wollte Rózia auf einen Strick winden; so hatte sie schon viele Kränze gemacht für den Altar der lieben Gottesmutter in Starawieś und für die Boža meka, die an der Grenze von Vaters Acker stand. Wenn man in solch einen Kranz Blumen hineinsteckte, so liess das ganz herrlich schön. Blumen hatte sie jetzt freilich nicht mehr, die paar, die sie sich im Gärtchen hinter der Scheuerwand gezogen, hatten nur ganz kurze Zeit geblüht, das Unkraut, das da so mächtig wilderte, hatte sie bald erstickt. Aber wenn sie von den roten Vogelkirschen, die am Landweg wuchsen, in ihre Moosgirlande band, oder von den Preisselbeerstäudchen, die hier wie Blutstropfen im Moose blinkten, so würde das ordentlich lachen.
Rózia war heute freudig erregt. Das stille Mädchen war wie ausgetauscht, übermütig raufte es Hände voll Moos aus und warf es der sich gerade bückenden Marianna von hinten her über das Mützchen und zwischen Hemdkrause und Hals. Und als Marianna, scheltend und prustend, ihre Halskrause aufband, das Hemd lockerte und sich Erde und Moosfäserchen vom Nacken las, sprang es wie eine Wilde auf die Magd los, umfasste sie mit beiden Armen und küsste sie vielmals und stürmisch auf den braunen Hals.
„Ei, sieh die Rózyczka! Ist sich wie Liebhaber kleine Rózyczka!“ Marianna umfasste nun auch das junge Mädchen, raufte sich liebevoll mit ihm und küsste es neckend, dass das zarte Gesichtchen ihm glühte und sein Atem flog.
Ah, war heute ein schöner Tag! Sich endlich loslassend, taumelten beide Mädchen aufs Moos. Da lagen sie und lachten. Uber ihnen stahl sich nur ein bisschen Himmelslicht zwischen die verstrickten Wipfel hinein; sie waren ganz allein. Da fasste sich Rózia ein Herz. „Sage mir, Marianna,“ hob sie an, „möcht ich doch zu gerne wissen, wie es ist, wenn der Mann zur Frau spricht: ‚Ich liebe dich!‘ Küsst er sie dann, wie ich dich geküsst habe? Küsst sie ihn dann, wie du mich geküsst hast? Ich möchte das gerne wissen. Oh, bitte, sage mir!“ Sie faltete die Hände, wie sie tat, wenn sie betete.
Marianna lachte.
Ei, warum lachte die Marianna denn so?! Rózia wurde ganz ärgerlich. Nein, auslachen sollte die sie nicht! „Lache nicht,“ schrie sie heftig und stampfte mit dem Fuss.
„Wirst du schon erfahren, wie ist, wenn einer zu dir spricht: ‚ich liebe dich!‘“ sagte Marianna und unterdrückte ihr Lachen kaum. War die doch noch dumm!
„Zu mir wird keiner sprechen: ‚Ich liebe dich!‘“ flüsterte Rózia, plötzlich traurig werdend, und senkte den Kopf. „Ich gehe ins Kloster. Oder doch — oder doch!“ Plötzlich aufspringend und die Augen gross aufmachend, breitete sie die Arme aus: „Er wird mich lieben, wie ich ihn liebe!“ Und aus ihrer plötzlichen Traurigkeit wieder in Heiterkeit überspringend, sang sie laut:
„Bitt Gott für uns, so wird’s geschehn,
Freu dich, Maria —
Dass wir mit Jesu auferstehn —“
Marianna stimmte mit ein, sie kannte das Lied. Die tiefere Stimme der Magd schmiegte sich der helleren Stimme Rózias an; innig verschmolzen erklang der Gesang:
„Bitt Gott für uns, Maria!“
Er hörte sich schön an. Die Wipfel liessen das Rauschen sein, der Herbstwind hielt den Atem an; ganz still war der Przykop und lauschte.
Hand in Hand, die Schürzen voll Moos gerafft, gingen die beiden Mädchen dann heim. Sie hatten nicht viel mehr gesprochen, Rózia war einsilbig geworden. Als Marianna hatte anheben wollen, weil sie das Schweigen nicht lange ertragen konnte, eine Schauergeschichte zu erzählen von einer Dirne, die früher auf Starydwór gedient und die hier im Przykop ihr Kind vergraben hatte, da hatte die Kleine plötzlich Augen gemacht, dass die Schwätzerin schwieg wie auf den Mund geschlagen.
Späte Nachmittagssonne glänzte auf den Dächern des alten Hofes, als sie heimkamen. Marianna hatte noch eine ganze Last roter Ebereschen gebracht, nun setzte sich Rózia auf die Haustürschwelle und fing an zu winden. Grünes Moosbäuschchen — rotes Beerensträusschen — wieder grünes Moosbäuschchen — schnell wuchs das Gewinde unter ihren geübten Fingern. Den Kopf auf die Seite legend und den Kranz hochhebend, betrachtete sie froh ihrer Hände Werk. Da kam die Mutter an ihr vorbei. Ihr Kleid streifte die auf der Schwelle Sitzende.
„Guten Abend, Mütterchen!“
Frau Tiralla hörte es nicht, sie sah nicht ihr Kind, sie war wie eine, die nachtwandeln muss. Lockend rief sie die Hühner: „Bschi, bschi, bschi, kommt, bschi, bschi, bschi!“
Die Hühner kamen gerannt, allen voran eine schöne weisse Henne, die stets fleissig legte.
Einen Augenblick zögerte Frau Tiralla — da war ihr Lieblingstier, ihr bestes Huhn, sollte sie das nicht verscheuchen?! Aber dann streute sie doch die Körner aus. Ein Opfer musste gebracht werden!
Und die schöne weisse Henne, die mit weitoffenem Schnabel auf die anderen gierigen Hennen losfuhr, frass die Körner fast alle alleine auf. Nur den Haushahn, ihren Gebieter, traute sie sich nicht zu verjagen, der kriegte auch etwas ab, und ein paar Körnchen auch die Küken, die verstohlen hinter der Mutter naschten.
Nun waren die Körner alle aufgezehrt Mit einem Seufzer erhob sich die Frau, die sich zur Erde gekauert hatte — nun würde man ja sehen! Wieder ging sie ins Haus zurück, ohne Augen für Rózia.
Aber diese fasste sie nun am Kleid: „Mutter, so sieh doch! Für Mikolai, zum Willkomm!“ Froh hielt sie ihr den grünen Kranz entgegen.
„Für Mikolai —?!“ Mit ganz starren Augen sah die Frau das Gewinde an: für Mikolai! Sie musste an sich halten, dass sie nicht laut aufschrie. Weh, das taugte nicht bloss dem Lebenden zum Willkomm, solch einen Kranz windet man auch dem Toten! Ein Schauer rüttelte sie, fröstelnd die Hände zusammenreibend, rief sie: „Hu, mich friert!“ und rannte an Rózia, die es betrübte, dass die Mutter so wenig ihre schöne Girlande beachtete, vorüber die Treppe hinauf und verschloss sich in ihrer Kammer. Niemanden wollte sie sehen, niemanden hören! Und doch lauschte sie nach unten auf jeglichen Laut, und doch hätte sie gerne gesehen, was die Hühner jetzt machten. Ob die schöne weisse Henne schon umgefallen war, steif und gestreckt?!
Es zog sie ans Fenster, verstohlen spähte sie hinterm Gardinchen hinab. Aber sie sah nichts, nicht Henne, nicht Hahn. Hatten die noch fortlaufen können? Wo steckten sie jetzt?
Die Schatten des herbstlichen Abends dunkelten immer tiefer, bald lag der Hof ganz schwarz und nichts war mehr erkennbar. Mit schmerzenden Augen trat die Frau vom Fenster zurück, sie fühlte sich müde zum Sterben.
Da hörte sie unten Herrn Tiralla, der kam vom Felde heim und schrie: „Marianna, bring Essen! Marianna, bring Trinken!“ Das peitschte sie auf. Ja, er sollte essen, ja, er sollte trinken — aber aus ihrer Hand!
„He, wo steckt ihr denn? Zosia! Rózia! Eine Karte ist da,“ schrie wieder Herr Tiralla.
Türen klappten. Dann hörte man Rózias Jubeln: „Er kommt, er kommt! Morgen nachmittag kommt Mikolai!“
Also morgen schon —?! Schreckhaft schauerte die Lauscherin zusammen. Also es musste sein! Und mit zitternden Fingern in ihre Tasche fassend, fühlte sie drinnen ein Schächtelchen und in dem Schächtelchen —!
Die Zähne zusammenbeissend ging sie hinab. Sie wollte auf den Hof. Aber als sie den Flur durchglitt, hörte sie drinnen in der grossen Stube Herrn Tiralla und Rózia; die unterhielten sich laut.
„Wo ist die Mutter?“ sprach Herr Tiralla, „rufe sie doch, sie soll kommen! Ich bin froh!“
„Sie wird nicht kommen,“ sprach Rózia zaghaft.
„Ei, und warum denn nicht?“
„Weil sie sich eingeschlossen hat in der Kammer. Ach, Vater, ich glaube, ihr ist gar nicht gut!“
„Gut oder nicht gut,“ schrie Herr Tiralla.
Ah, jetzt schlug er auf den Tisch, jetzt weinte Rózia!
„Dass sie der Teufel hole, wenn sie nicht herunterkommt. Jetzt hab ich’s satt. Sie soll herunterkommen, sofort! Psia krew!“
Oho, die Nähe des Sohnes machte ihm wohl Mut, wie hätte er sich sonst je so etwas unterstanden?! So grob, so brutal! Jawohl — ihre Finger fuhren wieder in die Tasche und umklammerten das Schächtelchen — sie würde gleich kommen!
Aber erst ging sie auf den Hof. Sie suchte ihr weisses Huhn — wo lag das? Sie suchte in allen Winkeln — wo hatte es sich sterbend hin verkrochen? Wenn irgendwo etwas Weisses, ein Stückchen Papier, ein Fetzen, ein wenig abgebröckelte Kalkwand schimmerte, so fuhr Frau Tiralla zusammen: lag es da nicht, lag es da nicht?! Oh, Gott, wenn sie’s nur jetzt finden möchte! Oh, Gott, wenn sie’s nur nicht finden möchte! Es tat ihr so leid.
Mit Tränen suchte sie lange, und als sie ihr weisses Huhn nicht fand, auch den Haushahn nicht und keines von den Küken — nicht in den Winkeln und nicht auf dem Mist — da schlich sie wieder ins Haus zurück. Aber sie traute sich nicht in die Stube. Sie fürchtete sich vor ihres Kindes Blick. Ja, wenn Rózia zu Bett gegangen war, dann wollte sie ihm zu trinken bringen: ‚Zur Gesundheit, wohl bekomme es dir!‘
Aber Rózia sass heute endlos lange beim Vater. Heute hörte die oben Lauschende nicht die trunkenen Spässe des Mannes und das wüste Lachen der Magd. Was fingen die beiden, Vater und Tochter, nur an?! Die Frau schlich sich auf Strümpfen nach unten; die Küchentür war angelehnt, am Herde schlief die Marianna, und innen in der Stube war es ganz still, ganz friedlich. Als sässe ein Engel bei Herrn Tiralla am Tisch.
Da sah die Frau ein: heut konnte sie nicht ankommen. Und war es denn nicht auch besser, zu warten bis morgen früh? Dann fand sie die Hühner tot beim Morgenrot, und ehe die Sonne noch voll am Himmel stand, hatte Herr Tiralla seinen Kaffee!
Die ganze Nacht wachte Frau Tiralla und betete still. Noch niemand war auf, als sie hinunterschlich. Eben leuchtete erst das Rot auf überm östlichen Scheunendach; noch fahl war das Morgenlicht, ganz bleich, aber man konnte doch schon sehen. Vorsichtig tappte sie über den Hof, vor der Nässe ihr Kleid raffend. Morgenstil war’s rundum. Da, horch, war das nicht ein Schrei?! Durchdringend krähend gellte er an ihr Ohr. Sie fuhr jäh zusammen und liess ihr Kleid fallen ins nasse Gras. Das war ja der Hahn, der Hahn! Vom Hühnerstalle her kam das Krähen! Sie rannte hin. Lebte er denn noch?! Sie riss hastig das Hühnerstalltürchen auf — da kam er herausspaziert aus dem rundlichen Loch, reckte den buntschillernden Hals ganz lang und krähte hell. Der Hahn, er lebte! Aber ihr Huhn, ihr schönes weisses Huhn?! Das hatte weit mehr gefressen! Lebte das vielleicht gar auch noch?!
Die Augen traten ihr fast aus dem Kopfe. Da, da! Krampfhaft hielt sie den Finger ausgestreckt. Da kam auch das Huhn aus dem Ställchen heraus, schüttelte sich, rüttelte sich, fuhr mit der Pfote durch den gespreizten Flügel — erst durch den einen, dann durch den andern — glättete mit dem Schnabel den weissen Rücken und gackerte dann, stolz und anhaltend: es hatte heute morgen schon sein Ei gelegt.
Und die anderen, die anderen? Frau Tiralla steckte hastig den Kopf in den Hühnerstall. Da sassen sie noch auf der Stange, die anderen alle; keines fehlte von ihnen. Nicht krepiert!
Eine ungeheuere Last fiel der Frau plötzlich von der Seele. Ihr Huhn, ihr schönes weisses Huhn! Es fehlte ihm nichts! Sie fing es ein und drückte es in ihre Arme, liebkosend und es streichelnd, wie sehr es sich auch sträubte.
Aber dann kam nach der Freude der heftigste Schreck, ein Schreck, der sich paarte mit Enttäuschung und Erleichterung zugleich: nun würde Herr Tiralla auch nicht sterben! Das Gift taugte nichts, sie waren damit betrogen worden! Oder — mit beiden Händen fasste sie sich an den Kopf, und dann war’s ihr, als müsste sie auf die Kniee stürzen — die Heiligen hatten es nicht gewollt! Ja, die hatten es verhindert! Es war wohl Gift, ja, es war doch Gift da in ihrer Tasche! Sie fühlte, wie es sie brannte, durch die Röcke durch bis aufs Fleisch. „Jesus, Maria, Josef!“ Mit einem Aufseufzen riss sie sich’s aus der Tasche. Die Heiligen waren nicht mit ihr, so war’s also doch nicht das Rechte, fort damit! Sie wollte es von sich schleudern, in den Pfuhl, oder dort auf den Mist; aber sie liess den schon erhobenen Arm wieder sinken: nicht dahin! Unschuldige konnten es finden, Tiere es fressen. Aber wohin damit?! Ihr grauste plötzlich davor. Oh, nicht mehr in ihre Lade! Sie wollte es nicht mehr. Sie brauchte es ja auch nicht mehr — waren die Heiligen mit ihr, so brauchte sie ihm das Gift nicht zu geben!
Wie eine Erlöste ging sie ins Haus. Da fand sie jetzt Leben. Heute war Herr Tiralla auch früh au...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. I. Kapitel
  3. II. Kapitel
  4. III. Kapitel
  5. IV. Kapitel
  6. V. Kapitel
  7. VI. Kapitel
  8. VII. Kapitel
  9. VIII. Kapitel
  10. IX. Kapitel
  11. X. Kapitel
  12. XI. Kapitel
  13. XII. Kapitel
  14. XIII. Kapitel
  15. XIV. Kapitel
  16. Anmerkungen
  17. Über "Absolvo te!"
  18. Kolophon