
- 545 Seiten
- German
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Ein Werdender
Über dieses Buch
Arkadij kehrt als 19-jähriger Jüngling zurück nach St. Petersburg. Er hat sein bisheriges Leben auf einem Internat in Moskau verbracht. Nun ist der junge Mann auf der Suche nach seinem Vater und sich selbst. In Arkadijs Erinnerung erscheint sein Vater Wersilow als Ritter in strahlender Rüstung, doch die Wirklichkeit ist anders. Als Arkadij in den Besitz von zwei Dokumenten kommt, muss er sich entscheiden, welchem Beispiel er folgen will. Dem seines leiblichen Vaters oder den ideologischen Vorstellungen von Makar Dolgorukij? Kann Arkadij sich selbst finden oder verliert er sich in seiner Orientierungslosigkeit?-
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Information
Thema
LetteraturaThema
ClassiciDritter Teil
Erstes Kapitel
1
Jetzt – von ganz etwas anderm.
Ich kündige immer »etwas andres, etwas andres« an und spreche doch in einem fort von mir selber. Dabei habe ich schon tausendmal erklärt, daß ich durchaus nicht die Absicht habe, eine Beschreibung meiner eignen Person zu liefern; und ich habe es auch durchaus nicht tun wollen, als ich meine Aufzeichnungen begann: ich verstehe nur zu gut, daß den Leser meine Persönlichkeit nicht im geringsten interessiert. Ich beschreibe andre Leute und will andre Leute beschreiben und durchaus nicht mich selber; und wenn ich selber doch immer wieder hereinkomme – so ist das nur ein betrübliches Versehen, weil ich es auf keine Weise vermeiden kann, so gern ich es auch möchte. Besonders ärgert es mich, daß ich meine eignen Erlebnisse mit einer Hitze beschreibe, daß man danach von mir denken könnte, ich wäre noch immer derselbe, der ich damals war. Der Leser wird sich wohl dessen erinnern, daß ich schon mehr als einmal den Stoßseufzer emporgeschickt habe: »Oh, wenn ich doch das Frühere ungeschehen machen und ganz von neuem anfangen könnte!« Das hätte ich wohl nicht sagen können, wenn ich mich inzwischen nicht radikal verwandelt hätte und ein ganz andrer Mensch geworden wäre. Das springt doch geradezu in die Augen; und wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich leider gezwungen bin, alle Augenblicke einzuflechten, und dazu noch mitten in den Fluß meiner Erzählung hinein!
Zur Sache!
Nachdem ich neun Tage bewußtlos gelegen hatte, erwachte ich wie neugeboren, nicht aber gebessert; Wiedergeburt war übrigens selbstverständlich ein ganz törichter Ausdruck dafür, wenn man es in einem weitern Sinne betrachtet; und wenn dasselbe heute passierte, würde das vielleicht in einem ganz andern Sinne zutreffen. Meine Idee, das heißt mein Gefühl, bestand (wie schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich ganz von allen fort wollte, aber diesmal ganz bestimmt fort, nicht so wie früher, als ich diesen Entschluß tausendmal gefaßt hatte und ihn doch nie hatte zur Ausführung bringen können. Rächen wollte ich mich an niemand, darauf gebe ich mein Ehrenwort, – wenn sie mich auch alle im tiefsten gekränkt hatten. Ich wollte davongehen ohne Groll, ohne Verwünschungen; ich wollte mich auf meine eigne Kraft stellen, aber diesmal wirklich auf meine eigne Kraft., die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt abhängig wäre! Ich schreibe diese Worte über meine damaligen Träume nicht nieder, um sie für einen besondern Gedanken auszugeben, sondern weil dies damals meine Gefühle waren, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Formulieren wollte ich sie noch nicht, solange ich im Bette lag. Krank und kraftlos lag ich da in Wersilows Zimmer, das man für mich hergerichtet hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich war: ein Strohhalm lag im Bette und kein Mann, und die Schuld daran trug nicht die Krankheit allein – oh, wie tief mich das kränkte! Und siehe da, aus der innersten Tiefe meines Wesens, aus allen meinen Kräften hervor erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor einem Gefühle ins Unendliche gesteigerter Anmaßung und eingebildeten Trotzes. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern, wo ich von anmaßenderen Gefühlen erfüllt gewesen wäre als damals, in den ersten Tagen meiner Genesung, das heißt, als ich wie ein Strohhalm im Bette lag.
Aber fürs erste schwieg ich noch und hatte mir sogar vorgenommen, überhaupt nicht darüber nachzudenken! Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und bemühte mich, daraus zu erraten, was ich wissen mußte. Ich sah leicht, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht neugierig sein wollten; sie sprachen nur von gleichgültigen Dingen mit mir. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich auch; ich will diesen Widerspruch nicht erklären. Lisa sah ich seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, selbst zweimal an einem Tage. Aus Bruchstücken ihrer Unterhaltung und aus ihrem ganzen Wesen schloß ich, Lisa müsse sehr viel Plackereien haben und wäre sogar sehr oft nicht zu Hause, weil sie ihren »eignen Angelegenheiten« nachginge: schon in dem Gedanken an diese »Angelegenheiten« lag für mich etwas Kränkendes; übrigens waren das alles nur krankhafte, rein physiologische Empfindungen, deren Beschreibung der Mühe nicht wert ist. Tatjana Pawlowna kam gleichfalls fast täglich zu mir, und wenn sie auch durchaus nicht sanft mit mir umging, so schimpfte sie doch wenigstens nicht nach ihrer frühern Manier, und das erboste mich höchlichst, so daß ich ihr gerade ins Gesicht sagte: »Tatjana Pawlowna, wenn Sie nicht schimpfen, sind Sie tödlich langweilig.« – »Na, dann komm' ich eben nicht mehr zu dir«, schnitt sie das Gespräch kurz ab und ging. Ich war froh, daß ich wenigstens die eine weggeekelt hatte.
Am meisten quälte ich Mama durch mein aufbrausendes Wesen. Es entwickelte sich bei mir ein ungeheurer Appetit und ich knurrte heftig, ich bekäme mein Essen nicht zur rechten Zeit (ich bekam es aber immer rechtzeitig). Mama wußte nicht, wie sie es mir recht machen solle. Eines schönen Tages brachte sie mir die Suppe, begann mich, wie gewöhnlich, selber zu füttern, und ich krakeelte die ganze Zeit, während ich aß. Und auf einmal ärgerte ich mich darüber, daß ich so krakeelte: »Sie ist vielleicht die einzige, die ich liebhabe, und gerade sie muß ich quälen.« Aber meine Wut verminderte sich dadurch nicht, und ich fing plötzlich vor Wut an zu weinen; und sie, die Arme, glaubte, ich weinte vor Rührung, beugte sich über mich und begann mich zu küssen. Ich nahm mich zusammen und ertrug das, so gut es ging; in Wirklichkeit haßte ich sie aber in dem Moment. Aber ich habe Mama immer liebgehabt, hatte sie auch damals lieb und haßte sie durchaus nicht; es war nur, wie es immer ist: wen man am meisten liebt, den kränkt man zu allererst.
Hassen tat ich in jenen ersten Tagen nur den Doktor. Dieser Doktor war ein junger Mensch und führte mit aufgeblasener Miene scharfe und fast unhöfliche Reden. Diese Leute tun immer so, als hätten sie erst gestern unerwarteterweise etwas ganz Besondres und Neues in der Wissenschaft entdeckt, während doch gestern gar nichts Besondres geschehen ist: aber so ist immer die Art der Mittelmäßigkeit und der Dutzendmenschen. Ich ertrug das lange mit Geduld, endlich aber platzte ich damit heraus und erklärte ihm vor allen meinen Angehörigen, daß er ganz umsonst herkäme, daß ich ganz ohne seinen Beistand gesund werden würde, und daß er zwar äußerlich wie ein Realist aussähe, dabei aber von lauter Vorurteilen bis zum Rande erfüllt wäre und daher nicht begriffe, daß die Medizin noch keinen geheilt hätte, – und schließlich, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach von krasser Unbildung wäre, »wie heutzutage alle unsere Techniker und Spezialisten, die neuerdings die Nase so furchtbar hoch tragen.« Der Doktor war sehr beleidigt (damit allein bewies er schon zur Genüge, was für eine Sorte Mensch er war), setzte aber trotzdem seine Besuche fort. Ich erklärte schließlich Wersilow, wenn der Doktor seine Besuche nicht einstelle, würde ich ihm noch zehnmal unangenehmere Dinge sagen. Wersilow bemerkte daraufhin nur, es wäre wohl kaum möglich, doppelt so unangenehme Dinge zu sagen, geschweige denn zehnmal so unangenehme, wie ich sie ihm schon gesagt hätte. Ich freute mich, daß er das bemerkt hatte.
Nein, dieser Mensch! Ich spreche von Wersilow. Er, er ganz allein war an allem schuld – aber trotzdem: nur auf ihn allein war ich damals nicht böse. Nicht nur seine Art mir gegenüber bestach mich. Ich glaube, wir hatten damals gegenseitig das Gefühl, daß wir einander viele Erklärungen schuldeten . . . und daß es eben deshalb das beste wäre, uns nie Erklärungen zu machen. Es ist außerordentlich angenehm, wenn man in solchen Lebenslagen an einen intelligenten Menschen gerät! Ich habe schon im zweiten Teil meiner Aufzeichnungen vorgreifend erzählt, daß er mich knapp und klar von allem Nötigen unterrichtet hatte: von dem Briefe des verhafteten Fürsten an mich, von Serstschikows Ehrenerklärung zu meinen Gunsten. Da ich beschlossen hatte zu schweigen, hatte ich ihm dabei nur ganz trocken zwei, drei kurze Fragen gestellt; er hatte klar und präzis darauf geantwortet, ohne alle überflüssigen Worte und, was das beste daran war, ohne überflüssige Gefühle zu äußern. Vor überflüssigen Gefühlsäußerungen hatte ich damals große Angst.
Von Lambert sage ich kein Wort, aber der Leser hat natürlich schon erraten, daß ich nur zuviel an ihn dachte. Im Delirium hatte ich mehrfach von Lambert gesprochen; aber als ich aus dem Delirium erwacht war und näher zusah, gewann ich bald die Meinung, daß die Sache mit Lambert ein Geheimnis geblieben sein müsse und daß sie nichts davon wüßten, auch Wersilow nicht ausgenommen. Darüber freute ich mich, und meine Angst verschwand; ich hatte mich aber getäuscht, wie ich später zu meinem Erstaunen erfuhr: er war noch während meiner Krankheit dagewesen, aber Wersilow hatte es mir verschwiegen, und daraus hatte ich geschlossen, ich wäre für Lambert schon in die Ewigkeit hinübergeschlummert. Nichtsdestoweniger dachte ich häufig an ihn; mehr noch: ich dachte nicht nur ohne Widerwillen an ihn, nicht nur mit Neugier, sondern sogar mit einer Art von Sympathie, als fühlte ich da etwas Neues heraus, das mir Hilfe bringen könnte, etwas, was den neuen Gefühlen und Plänen entsprach, die in mir geboren waren. Kurz und gut, ich beschloß, mir die Sache mit Lambert vor allen Dingen ernstlich durch den Kopf gehen zu lassen, sobald ich erst anfangen würde nachzudenken. Etwas Sonderbares muß ich noch erwähnen: ich hatte total vergessen, wo er wohnte, und in welcher Straße das alles damals passiert war. Sein Zimmer, Alphonsine, das Hündchen, den Korridor – das alles sah ich deutlich vor mir; ich hätte es malen können; aber wo das alles passiert war, das heißt, in welcher Straße und in welchem Hause, das hatte ich vollkommen vergessen. Und was das Allersonderbarste war: das merkte ich erst drei oder vier Tage, nachdem ich wieder zu vollem Bewußtsein gekommen war, als ich mich schon lange wieder eifrig mit Lambert beschäftigte.
Also das waren meine ersten Empfindungen nach meiner Genesung. Ich habe nur das Alleroberflächlichste aufgezeichnet, und es ist sehr wahrscheinlich, daß es mir nicht gelungen ist, die Hauptsache aufzuzeichnen. In der Tat ist es sehr möglich, daß sich gerade in der Zeit das Hauptsächliche in meinem Innern loslöste und formulierte; ich lag doch nicht immer da und ärgerte und boste mich, weil ich meine Bouillon nicht bekam. Oh, ich weiß noch so gut, wie traurig mir zumute war, und wie ich mich damals härmte, besonders wenn ich lange allein blieb. Und die andern hatten leider sehr bald bemerkt, daß ihre Anwesenheit mich bedrückte und ihre Anteilnahme mich aufbrachte; so begannen sie mich denn mehr und mehr allein zu lassen: das war nun ein sehr überflüssiges Feingefühl.
2
Am vierten Tage, nachdem ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, lag ich, so um drei Uhr nachmittags, in meinem Bette, und es war niemand bei mir. Es war ein heller Sonnentag, und ich wußte genau: um vier Uhr, wenn die Sonne unterginge, würde ein schiefer, roter Strahl genau auf die Ecke der Wand, an der ich lag, fallen und einen grellen Lichtflecken dahin werfen. Ich wußte das von den früheren Tagen her, und der Gedanke, daß das ganz bestimmt nach einer Stunde eintreffen müsse, und vor allem, daß ich das voraus wußte, so genau, wie ich wußte, daß zweimal zwei vier ist, erboste mich bis zur Wut. Ich warf mich konvulsivisch mit meinem ganzen Körper herum; da hörte ich auf einmal, mitten in der tiefen Stille, deutlich die Worte: »Herrgott, Jesus Christus, unser Herr, erbarme dich unser.« Diese Worte wurden halblaut geflüstert, darauf folgte ein Seufzer aus tiefster Brust, und dann wurde es wieder ganz still. Ich hob hastig den Kopf.
Ich hatte schon früher, das heißt gestern und schon vorgestern, bemerkt, daß irgend etwas Besondres in unsern drei Zimmern hier unten vorgehen müsse. In dem Zimmer auf der andern Seite des Wohnzimmers, wo früher Mama und Lisa geschlafen hatten, hauste jetzt sichtlich jemand anders. Ich hatte schon ein paarmal allerhand Geräusche vernommen, bei Tage und nachts, aber sie hatten immer nur einen ganz kurzen Augenblick gedauert, und sofort war wieder für mehrere Stunden tiefste Stille eingetreten, so daß ich nicht weiter darauf geachtet hatte. Gestern war ich auf die Idee gekommen, Wersilow wäre dort drüben, zumal er bald darauf zu mir hereingekommen war, obgleich ich aus ihren Gesprächen ganz bestimmt wußte, daß Wersilow für die Zeit meiner Krankheit in eine andre Wohnung gezogen war, wo er auch schlief. Was Mama und Lisa anbetrifft, so war mir schon länger bekannt, daß sie beide (damit ich Ruhe hätte, glaubte ich) hinaufgezogen waren in meinen ehemaligen »Sarg«, und ich hatte schon einmal so bei mir darüber nachgedacht, wie sie da wohl zu zweien Platz finden könnten. Und jetzt auf einmal erwies es sich, daß in ihrem früheren Zimmer ein Mann hauste und daß dieser Mann nicht Wersilow war. Mit einer Leichtigkeit, die ich mir durchaus nicht zugetraut hätte (denn ich hatte bis zu diesem Augenblick geglaubt, ich wäre noch ganz schwach), ließ ich meine Beine vom Bett hinunter, schlüpfte in die Pantoffeln, zog den grauen Lammfellschlafrock an, der auf dem Stuhle lag (und den mir Wersilow abgetreten hatte) und begab mich durch unsre Wohnstube in Mamas früheres Schlafzimmer. Was ich dort erblickte, gab mir gleichsam einen Schlag vor den Kopf: so etwas hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Da saß ein alter, uralter Mann mit einem großen, schneeweißen Barte, und man sah auf den ersten Blick, daß er schon lange dasaß. Er saß nicht auf dem Bette, sondern auf Mamas Fußbank, und lehnte sich nur mit dem Rücken ans Bett. Übrigens hielt er sich so gerade, daß er überhaupt keine Stütze zu brauchen schien, obgleich er sichtlich krank war. Er trug über dem Hemde einen überzogenen kurzen Pelz, über seine Knie war Mamas Plaid gebreitet, seine Füße staken in Pantoffeln. Man konnte ahnen, daß er hochgewachsen und breitschultrig war; er sah trotz seiner Krankheit sehr frisch aus, wenn er auch ein wenig blaß und mager war; sein Gesicht war länglich, die Haare dicht, aber nicht sehr lang; er mochte ungefähr siebzig Jahre zählen. Auf einem Tischchen neben ihm lagen, so daß er sie mit der Hand erreichen konnte, drei oder vier Bücher und eine silberne Brille. Wenn ich auch nicht mit dem leisesten Gedanken erwartet hatte, ihn hier zu treffen, so erriet ich doch sofort, wer er war; ich konnte mir nur immer noch nicht vorstellen, wie er diese zwei Tage hier so still hatte sitzen können, beinahe Wand an Wand mit mir, ohne daß ich bis jetzt etwas davon vernommen hatte.
Er rührte sich nicht, als er mich erblickte, sondern sah mich nur fest und schweigend an, genau wie ich ihn, nur mit dem Unterschiede, daß in meinem Blick ein maßloses Erstaunen lag, in seinem aber nicht das geringste. Im Gegenteil, als er mich in diesen fünf oder zehn Sekunden des Schweigens gleichsam bis zum letzten Zuge mit den Augen aufgenommen hatte, begann er plötzlich zu lächeln und lachte dann still und lautlos, und wenn dies Lachen auch gleich wieder verschwand, so blieb doch eine helle, heitre Spur davon auf seinem Gesicht und besonders in den Augen, die blau, leuchtend groß waren, wenn auch die Lider vom Alter schwer herabgesenkt und geschwollen waren und unzählige winzige Fältchen sie umgaben. Und dieses Lachen wirkte am stärksten auf mich.
Ich finde: wenn ein Mensch lacht, ist es weitaus in der Mehrzahl der Fälle unangenehm, ihn anzusehen. Meistens äußert sich im Lachen der Menschen etwas Häßliches, etwas, was gleichsam den, der da lacht, herabsetzt, obgleich der Lachende selbst fast nie etwas von dem Eindruck weiß, den er hervorbringt. Genau, wie er nicht weiß, und wie überhaupt niemand weiß, was für ein Gesicht er im Schlafe hat. Mancher Mensch hat auch im Schlafe ein kluges Gesicht, bei andern wieder, selbst bei klugen Leuten, wird das Gesicht im Schlafe furchtbar dumm und infolgedessen lächerlich. Ich weiß nicht, woher das kommt; ich will nur sagen, daß ein Mensch, der lacht, genau so wie einer, der schläft, fast nie weiß, was für ein Gesicht er macht. Die überwältigende Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht zu lachen. Übrigens, da ist gar nichts zu verstehen: das ist ein Talent, und man kann sich's nicht geben. Höchstens kann man sich's dadurch geben, daß man sich durch Selbsterziehung ändert, daß man sich zum Besseren durchringt und die schlechten Instinkte seines Charakters niederkämpft: es ist durchaus wahrscheinlich, daß auf die Weise auch das Lachen eines Menschen sich zum Besseren verwandeln könnte. Durch sein Lachen verrät sich so mancher, und man erkennt auf einmal sein Innerstes. Unstreitig ist auch ein kluges Lachen zuweilen abstoßend. Zum Lachen gehört vor allen Dingen Aufrichtigkeit; aber wo findet man in den Menschen Aufrichtigkeit? Zum Lachen gehört nichts weniger als Bosheit; die Menschen lachen aber am häufigsten boshaft. Ein aufrichtiges, nicht boshaftes Lachen, das ist Fröhlichkeit; aber wo findet man bei den Menschen von heute Fröhlichkeit; und können die Leute überhaupt noch fröhlich sein? (Dieses Wort über die Fröhlichkeit von heute stammt von Wersilow, und ich habe es mir gemerkt.) Die Fröhlichkeit eines Menschen ist der Zug, der am meisten von ihm verrät. Mancher Charakter ist wie eine Nuß, an der man sich lange die Zähne ausbeißt, aber der Betreffende braucht nur einmal recht ungeniert zu lachen, und sein Charakter liegt offen da, wie auf der flachen Hand. Nur ein Mensch mit der höchsten und glücklichsten Kultur versteht es, so zu lachen, daß er seine Fröhlichkeit andern mitteilt, das heißt, unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche hier nicht von Verstandeskultur, sondern von der Kultur des Charakters, des ganzen Menschen. Also, wenn man einen Menschen durchschauen und sein Herz erkennen will, so muß man sich nicht darum kümmern, wie er schweigt, oder wie er spricht, oder wie er weint, oder wie er von edelsten Idealen durchglüht wird; sondern man beobachtet ihn am besten, wenn er lacht. Hat ein Mensch ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Man muß dabei übrigens gut auf alle Nuancen achten: so darf einem zum Beispiel das Lachen eines Menschen auf keinen Fall dumm erscheinen, so fröhlich und gutmütig er auch lachen mag. Bemerkt man auch nur den kleinsten Zug von Dummheit in seinem Lachen, so ist dieser Mensch sicherlich von beschränktem Verstande, mag er auch so tun, als schüttle er die großen Gedanken nur so aus dem Ärmel. Und wenn sein Lachen auch nicht dumm ist, wenn aber der Betreffende selber einem beim Lachen aus irgendeinem Grunde plötzlich lächerlich erscheint, wenn auch nur ein ganz klein wenig lächerlich, so bedeutet das, daß dieser Mensch keine e...
Inhaltsverzeichnis
- Titel
- Kolophon
- Erster Teil
- Zweiter Teil
- Dritter Teil
- ÜberEin Werdender