Eine Kompanie Soldaten - In der Hölle von Verdun
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Eine Kompanie Soldaten - In der Hölle von Verdun

  1. 367 Seiten
  2. German
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Eine Kompanie Soldaten - In der Hölle von Verdun

Über dieses Buch

Alfred Hein, der als junger Soldat selbst in der Hölle von Verdun gekämpft hat, verarbeitet in diesem Buch, das laut Autor "kein Roman, aber auch kein trockener Bericht von Kriegsabenteuern" ist, die eigenen traumatischen Erfahrungen auf literarisch-künstlerische Weise. Dabei wählt er bewusst nicht die Ich-Perspektive – auch wenn in der zentralen Gestalt des Meldeläufers Lutz vom Kriege viele eigene Persönlichkeitszüge erkennbar sind –, um sich in der Überschau dem Phänomen Krieg und seiner zerstörerischen Gewalt zu nähern. Dabei entsteht ein packendes, noch heute überaus lesenswertes authentisches Dokument eines Mannes, der sich wie so viele Tausende als Kriegsfreiwilliger meldete und als entschiedener Gegner des Krieges mit seinen sinnlosen zerstörerischen Materialschlachten in die Heimat zurückkehrte. "Eine Kompanie Soldaten in der Hölle von Verdun" ist Heins erfolgreichstes Werk. 1929 erschienen, hatte die Auflage 1931 schon 52 000 erreicht und bereits 1930 erschien eine englische Übersetzung.-

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1.

Vom Kanal bis zu den Vogesen, das war nicht die Erde mehr, die sie alle liebten und die sie alle irgendwo zärtlich Heimat nannten, das war ein herabgefallenes Riesenstück eines erlöschenden Sternes, der sich im letzten Aufruhr befand, dampfend an allen Enden Meteore sprühte, die den Tod brachten, und der, eine Wüste des Schreckens und der Pein, nicht mehr von dieser Welt sein konnte.
Verdun 1916. Explosion zweier aufeinandergehetzter Völker in zusammengebissenster Gewalt. Das Irrenhaus eines einander zerfleischenden Patriotismus war hier aufgetan. Deutsche? Franzosen? Tiere. Gehetzte Rehe, mutige Leoparden, geruhige Löwen, wilde Hyänen — Kriecher auf allen Vieren, und dennoch ein Menschenherz in der Brust, das wahnsinnig wurde, weil es zerbrochen war und trotzdem seltsam über der fernen, längst unwirklich gewordenen Heimat hing und schlug. Und dann und wann lächelte es in die Lippen empor.
Mit jedem Herzschlag fielen tausend Schüsse. Kanonen und Maschinengewehre. Mit jedem Herzschlag hörten immer wieder junge Herzen zu schlagen auf. Dahin. Auch du? Nun sei’s. Alles ist ...? Wir haben keine Gedanken mehr. Heimat .... Die Mutter ....? Immer war dieser Krieg. Sie wussten es nur nicht. Immer wird er sein. Mit ihm aber die Kameradschaft.

2.

Als der Namenaufruf begann, wusste jeder sofort, worum es ging. Die Stimme des Feldwebels zitterte. Das Schikanöse in seiner Haltung und in seinen Zügen war fort. Alle baten ihm in dieser Stunde ab, auf ihn geflucht und schlecht über ihn gesprochen zu haben. Er trug also nur in den gewöhnlichen Tagen des Kommisses das dazu passende disziplinstarre Gesicht. Für manchen von der Kompagnie brach sogar etwas wie Zärtlichkeit aus seiner Stimme hervor, wenn er den Namen rief.
Der alte Hauptmann aber, der daneben stand, Schulrat in Zivil, mit einem guten weinseligen Gesicht, das von einem wuseligstruppigen Bart umhangen war, Koesel hiess er — Klösel nannten sie ihn, weil er klein und rundlich war, ja, der alte Hauptmann liess zwei Tränen in seinen Schifferbart rollen und sah die Jungens, die er einexerziert für den grossen Marsch in den Tod, starr und fassungslos an. Zu Weihnachten sollten sie schon hinaus, damals hatte er sie aber alle doch noch auf Urlaub zu Muttern schicken können — er liess sich lieber einen Rüffel geben, warum die Ausbildung so langsam vorwärts ging, aber was kam es auf ihn alten Knaben viel an? Die Front wird nicht gleich einstürzen, wenn seine Jungens fehlten. Die Front — — das war, was nie einstürzte. Lieb Vaterland, magst ruhig sein.
Er hörte die Namen, seit sieben Monaten so vertraut: Meyer, das war kein xbeliebiger Meyer, das war sein stud. med. Meyer, blass und schmal, Liebetanz, das war der kleine kiewige Unteroffizier, Moerse, ein Schlächter, aber ein gutes Luder, bisschen doof, Kalinchen, der lange Kalinchen, nie wird er seinen unförmigen Zinken vergessen, der immer aus Reih und Glied hervorragte, als sollte man daran sein Portepée hängen, Lindolf mit den Kinderaugen, wer hätte den Jungen im Frieden zum Militär zugelassen, nun soll er in den Schlamassel da hinaus, Groeber I, hinter dessen breiter Brust haben drei Lindolfs Platz, Groeber II, die beiden Brüder, müssen sich für ihr Gardemass besondere Unterstände bauen, dass mir die beiden bloss die Köpfe einziehen können im Graben — Wittke, Riemer, Pogoslawski, Maruhn, Töz, Stegen, Hirschfeld, der kleine, ungeschickte Jude, richtig — fällt ihm wieder eine Patronentasche ab, da er aufgerufen wird — aber siehe, der Feldwebel brüllt heute nicht: „Hirschfeld, aus welcher Menagerie haben sie dich losgelassen?!“ Er knurrt nur: „Festschnallen, Hirschfeld!“ Und das ist wie eine Mahnung: Schnall auch dein Herz fest, Junge! Schultz, Schulze, Schütz, Schützel — die vier Es-Ce-Has in seiner Kompagnie — immer wird der Hauptmann wissen, dass er diese vier Namen in dieser Reihenfolge in seiner Kompagnie hatte — ach, nun bekam er wieder irgendein Landsturmbataillon, mürrische alte Knaben da irgendwo in einem Gefangenenlager oder in der russischen Etappe.
Name um Name fiel. Und wessen Name fiel, der löste sich aus dem gewohnten Glied, trat vor und ging in die Baracke, in der er feldgraue Sachen empfing. Nagelneu. Wie wenn man, ein Kind noch, Geburtstag hätte und einen neuen Anzug bekäme. Geburtstag — — des Todes — vielleicht — — —. Da war die Blechnummer. 394 567. 394 568. 394 569. 394 570. 394 571.
Von manchen bleibt nicht einmal diese Nummer übrig.
Mit den Sachen auf dem Arm trat jeder noch einmal an.
Der Hauptmann sagte, da die Kompagnie sich versammelt hatte, die Erkennungsmarken hingen jedem um den Hals: „Es ist so weit, Jungens. Macht’s gut. Vergesst euren alten Hauptmann nicht, der gern mitkäme, wenn er da draussen mit seinen Gichtknochen nicht im Wege wäre. Feldwebel, Urlaub bis zum Wecken!“ Dann drehte er sich um und verschwand, der alte gute Hauptmann, der bei jedem strammen Exerzierdienst sagte, ehe die Stunde um war: „Es ist genug. Draussen ist alles ganz anders. Jungens, Augen auf, an sich selber glauben, fest zufassen, wenn ihr in Druck seid — na, ihr versteht! Also los — Gewehre zusammensetzen! Fussball ’raus!“
Das war Klösel beim Exerzieren.
Und den mussten sie hier lassen?
„Stillgestanden!“ kommandierte der Feldwebel. Aber er schnauzte nicht die an, die die Füsse nur schlapp zusammenzogen, nicht so: Ruckzuck! und die Wendung! er kommandierte weiter, auch nur mit halblauter Stimme: „Wegtreten!“
Die Kompagnie drehte sich um sich selbst — und ging auseinander.
Koesel aber besoff sich, wie es ein guter Hauptmann tut, der an seiner Kompagnie hing. Und nach Verdun — seine Jungens.

3.

Die Oberleutnants Zecklien und Mucha sahen dem „Theater“ von fern zu.
„Dieser schlappe Betrieb bei Koesel. Ich habe ihn mal vierzehn Tage vertreten, den alten Herrn, ich sage Dir, hatten die Jungens ’nen Fussball mit zum Exerzieren. Wir sind doch keine Tommys,“ schnauzte Zecklien, ein hagerer, finsterer Oberlehrer, dem die Uniform so schlecht sass, wie er sich schneidig dünkte.
„Heda, Lindolf, Sie haben wohl das Grüssen verlernt! Woll’n wohl noch drei Tage in’n Kasten, ehe es rausgeht, was?“
Der kleine Lindolf war in Gedanken versunken an den Oberleutnants vorbeigegangen, er hatte sie wirklich nicht gesehen, nun stand er stramm, aber in sein gutes offenes Gesicht trat der ganze Hass gegen den Oberleutnant, der ihnen „die Hammelbeine geradezog“, als Klösel krank war.
„Sehen Sie mich nicht so unverschämt an, Sie Schlappsuse Sie! Weg! Marsch! Marsch! Los! Los! Laufen, laufen!!“ piepste Zecklien.
„Kanonenfutter,“ sagte Mucha. „Lass sie sein!“ Zecklien wollte schon wieder einen Trupp von Koesel - Leuten anpfeifen. „Lass sie sein, sie gehen bald alle!“
„Rübenschwein —“ knurrten die Muschkoten hinter Zecklien her. „Woll’n wir den Hund heut nacht verhau’n?“ — „Ach lass den Dreck — wir fahren noch einmal nach Berlin. Hier im Lager ist ja nichts los!“
Fast alle verliessen noch einmal das Döberitzer Lager. Die letzte Nacht, in Freiheit dressiert — Kinder, es war schon vier Uhr. Dies verfluchte Döberitz, da kann man für seinen Zaster jetzt noch eine Stunde nach Berlin gondeln. Aber die Nacht mussten sie sich um die Ohren schlagen. Nur nicht nachdenken.
Lutz Lindolf sann die ganze Fahrt lang nach Berlin: Jetzt, wo sie nach Hause gekommen ist, muss ich fort. Die Kameraden, die mit ihm im gleichen Abteil sassen, neckten ihn: „Lindolf, haste Angst?“ Lindolf sah sie an: „Vor der Front?“ Und er lächelte, — was ging ihn heute die Front an — die war weit — noch einen ganzen Tag, der Transport war erst für übermorgen angesetzt — ach, Adelheid — —
Wenn er die eine Nacht bei Adelheid verbringen dürfte! Mit seiner reinen feierlichen Jungenliebe. Sie anbetend. Wie gern stürbe er dann. Ja, diese Liebesnacht sollte ihn jäh in ihrer aufjubelnden Erfüllung zum Manne machen. Keiner dürfte die unermesslich grossen Gefühle, die mit jedem Schritt zu ihr wuchsen, belächeln. Er fasste in Gedanken zum Seitengewehr, wehe! einer sah in seiner Liebe zu Adelheid nicht die tiefste und schönste Liebe seit Anbeginn.
Jeder dritte Mensch, der ihm auf dem Weg zu Adelheid begegnete, trug Uniform. Dauernd musste er — Unteroffiziere, Offiziere schritten vorbei — die Hand an die Mütze werfen. Ein Mann in Zivil erregte Aufsehen, alle sahen ihm nach. Als wäre es ganz in der Ordnung, dass die Männer sich feldgrau kleideten zum Zeichen, dass sie alle nur noch das Handwerk des Todes kannten. Eine Frau mit zwei Kindern lief ihm nach, klopfte auf seine Schulter: „Adolf?“
Er wandte sich um.
„Entschuldigen Sie, ich dachte — Adolf wäre plötzlich zurück — Sie haben ganz die gleiche Figur —“
An einer Strassenecke war eine Feldküche vom Roten Kreuz aufgefahren und verteilte Suppenbrei an zerlumpte Kinder, abgehärmte Frauen und kopfwackelnde Greise.
Frauen steckten dort vor dem Fleischerladen erregt die Köpfe zusammen. „Die im Felde haben doch wenigstens zu fressen — schon wieder zehn Pfennig teurer — wenn das so weiter geht —“
Sie sahen Lutz feindselig an, als wäre er mitschuldig an der alltäglichen Not des ewigen Krieges.
Kinder kamen jetzt am Abend aus der Schule. Es gab zu wenig Lehrkräfte, da wurde morgens die eine, nachmittags die andere Klasse von den Lehrerinnen und den reklamierten Lehrern schlecht und recht unterrichtet.
„Voriges Jahr war noch oft siegfrei — dieses Jahr — —“
„Das letzte Mal: Verdun —“ sagte ein Junge. Werduun — sprach er den Schlachtennamen aus.
Da sollst du auch hin, nach Werduun — o Adelheid — —
Aus den Mietskasernen des Ostens holte sein zärtlicher Blick sich ihr Haus heraus — — jetzt sah er schon ihr Fenster — —
Krieg — Alltagsnot — die graue Strasse am Kottbuser Tor — alles überlichtete sich mit dem Schimmer seiner liebenden Seele —
Als er an ihrer Eltern Tür klingelte, da hatte er sich in den Traum so eingesponnen, dass er fest an seine Erfüllung glaubte. Für ihn war Berlin nicht die Stadt des letzten Bummels heute nacht, er liebte die lärmende Stadt, weil sie das Allerheiligste für ihn barg.
Adelheid sass am Klavier, als er ins Zimmer trat. Ihre Mutter rief: „Adelheid, der kleine Lindolf —“
Adelheid rasselte weiter ihren Schlager herunter, ohne sich umzudrehen. Der Junge will mir doch nicht den Abend verderben, dachte sie.
„Er ist in Feldgrau, Adelheid“, sagte die Mutter, aber Adelheid spielte weiter. Die Mutter lächelte ihn wie für die ungestüme Tochter um Verzeihung bittend an: „Schade, dass Sie nicht mehr nach Schlesien fahren können, Ihrer Mutter auf Wiedersehn zu sagen —“
Doch Lindolf starrte nur auf das Mädchen. Die trillerte und steppte ihren Cancan weiter. War das nun der Zauber dieser Abschiedsstunde —?
Endlich drehte sich Adelheid mit einem übermütigen Schubbs auf dem Drehsessel um, ein paar Mal rundherum, dass die Stirnlocken schütterten und ihre siebzehn Jahre aus den blitzenden braunen Augen in alle Zimmerecken wie hundert Falter verwirbelten:
„Aber, Lutzchen, deine Uniform ist doch viel zu gross! Du siehst gar nicht schick aus. Weisst du — kannst du dir nicht noch eine schneidige Extrauniform bauen lassen wie Dr. Matzka?“
„Adelheid, ich komme Abschied —“
„I was. Soviele Jungens gehen doch täglich raus. Weisst du, sentimental wollen wir nicht sein.“ Sie klingelte. „Ich lasse ’ne Flasche Sekt kommen, dann besaufen wir uns zu dritt.“
„Zu dritt?“
„Na, Dr. Matzka kommt heute abend.“
„Er kommt wohl öfters?“
„Ja, seit er Unterarzt ist, — siehste, Lutzchen, der versteht’s —“
„Ja, der versteht’s — und du verstehst ihn wohl auch besser als mich —?“
Adelheid ward die tragische Art des Jungen unbequem. Da lachte sie halt — sie wusste, dann ist er wie alle nicht mehr ganz sicher seiner selbst und nimmt den Abschied nicht so wichtig — der war ihr lästig in dieser Stunde, und heucheln konnte sie nicht!
„Wir wollen fidel sein wie als Kinder, Lutzchen! Ich geb dir gern einen Kuss —“ Sie drückte ihn in den Sessel und sprang auf seinen Schoss, legte die Arme um ihn und küsste ihn leichthin.
„Adelheid, nicht so —“
„Na, denn nicht —“ Mit kokett aufgesetzter beleidigter Miene (o wie ist alles aus billigen Romanen und Musikcafés angelernt und abgeguckt, dachte Lutz) sprang sie ans Klavier und spielte elegisch: Weh, dass wir scheiden müssen —
Das Mädchen fragte, was es sollte. „Sekt!!“ schrie Adelheid. „Sekt — der Lutz zieht hinaus in der scheenen, in der grauen, in der scheenen, in der neuen, in der scheenen, in der neuen grauen Felduniform —“ sang sie.
Das alte Mädchen, das den kleinen Lutz schon als Schuljungen kannte, als er in der stillen schlesischen Kleinstadt die kleine Adelheid anschwärmte, und manchen rosa und lila Brief ihm heimlich abnahm — Anna streichelte Lutz über den Aermel: „Wie ein richtiger Feldsoldat siehst aus, Lutz —“
„Na los — Sekt — wo ist der Sekt?“ schrie Adelheid. Und sie schlang ihre Arme um Lutzens Hals und tanzte mit ihm um den Tisch. „Und etwas zu essen, der Junge sieht ganz verhungert aus, klau eine Fleischkarte für Lutz, Anna!!“
„Adelheid, bist du gar nicht traurig —?
„Lutz, lass das. Sei vergnügt. Sei ein Mann.“
„Kann ich gehen?“
„Warum?“
„Sei nicht böse. Ich mag Matzka nicht.“
„Eifersüchtig?“
„Ich liebe dich, ich dachte —“ doch er konnte seine Träume nicht erzählen. Vielleicht war er wirklich ein sentimentaler und verweichlichter Kerl. Stellte seine Liebe auf den Altar. Adelheid wollte aber mit ihm durch Berlin bei Nacht tanzen! Amüsieren, das war ihr drittes Wort. Auch jetzt im Kriege. Wir Jungens sind zu ernst und zu alt geworden für unsere Mädels ... Immer hatte seine Liebe von Träumen und Sehnsüchten gelebt. Das Dasein ihrer jungen gesunden Schönheit in seiner Nähe genügte ihm. Ein Händedruck ward zum tagelang erschütternden Ereignis. Unvergesslich die wenigen übermütigen und flüchtigen Küsse Adelheids bei kleinen Ausflügen und Festen im Frieden. Heute, ja, heut aber hatte er gehofft, dass ihre Liebe in ihrem Tändeln jäh vom Ernst der Stunde überwältigt sich mit ganzer Leidenschaft hervorbrechend hingeben werde — Sinfonien des Himmels umrauschten den Traumgedanken schon — ganz leise, Geliebte, sei die heilige Feier! — ach, nun wollte sie ihn gerade forsch und kühl und weltgewandt vor sich sehen. Er machte sich hart. Auch dies für sie. Sie sollte ihn in gutem Andenken behalten. „Du hast recht, Adelheid —“ Die Stimme zitterte doch voll enttäuschter Wehmut. „Krieg ist Krieg. Na, also, auf frohes Wiedersehn! Ich kam bloss auf einen Sprung. Wir haben eine Abschiedskneipe von der Kompagnie“, log er. „Auf Wiedersehn —“
„So wenig bin ich dir wert, dass du nicht die Abschiedskneipe schiessen lässt —?“ erprobte nun Adelheid an ihm ihre angelernten Koketterien.
„Uebermorgen gehts an die Front, Adelheid. Wenn ich dir noch etwas wert bin, dann komme morgen ins Lager. Mein letzter Tag. Ich darf nicht mehr weg. Aber komme allein.“
Adelheid sah plötzlich, wie ernst und wie tief Lutz sie liebte. Warum geht er fort, Gott, es i...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. Kolophon
  3. Vorwort
  4. 1. Kapitel
  5. 2. Kapitel
  6. 3. Kapitel
  7. 4. Kapitel
  8. 5. Kapitel
  9. 6. Kapitel
  10. 7. Kapitel
  11. 8. Kapitel
  12. 9. Kapitel
  13. 10. Kapitel
  14. 11. Kapitel
  15. 12. Kapitel
  16. 13. Kapitel
  17. 14. Kapitel
  18. 15. Kapitel
  19. 16. Kapitel
  20. 17. Kapitel
  21. 18. Kapitel
  22. 19. Kapitel
  23. 20. Kapitel
  24. 21. Kapitel
  25. 22. Kapitel
  26. 23. Kapitel
  27. 24. Kapitel
  28. 25. Kapitel
  29. 26. Kapitel
  30. 27. Kapitel
  31. 28. Kapitel
  32. 29. Kapitel
  33. 30. Kapitel
  34. 31. Kapitel
  35. 32. Kapitel
  36. 33. Kapitel
  37. 34. Kapitel
  38. 35. Kapitel
  39. 36. Kapitel
  40. 37. Kapitel
  41. 38. Kapitel
  42. 39. Kapitel
  43. 40. Kapitel
  44. 41. Kapitel
  45. 42. Kapitel
  46. 43. Kapitel
  47. 44. Kapitel
  48. 45. Kapitel
  49. 46. Kapitel
  50. 47. Kapitel
  51. 48. Kapitel
  52. 49. Kapitel
  53. 50. Kapitel
  54. 51. Kapitel
  55. 52. Kapitel
  56. 53. Kapitel
  57. 54. Kapitel
  58. 55. Kapitel
  59. 56. Kapitel
  60. 57. Kapitel
  61. 58. Kapitel
  62. 59. Kapitel
  63. 60. Kapitel
  64. 61. Kapitel
  65. 62. Kapitel
  66. 63. Kapitel
  67. 64. Kapitel
  68. 65. Kapitel
  69. 66. Kapitel
  70. 67. Kapitel
  71. 68. Kapitel
  72. 69. Kapitel
  73. 70. Kapitel
  74. 71. Kapitel
  75. 72. Kapitel
  76. 73. Kapitel
  77. 74. Kapitel
  78. 75. Kapitel
  79. 76. Kapitel
  80. 77. Kapitel
  81. 78. Kapitel
  82. 79. Kapitel