
- 231 Seiten
- German
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Eine Jugend war das Opfer
Über dieses Buch
In diesem spannenden Buch setzt sich Thilo Koch mit der schwierigen Fragen der Verquickung von Opfer- und Täterschaft, dem gespaltenen Verhältnis mancher Leute zur NS-Ideologie, dem Krieg und dem sich daraus ergebenden Konflikt auseinander. Ein solches Werk war zu der Zeit seiner Erscheinung in 1947 noch sehr gewagt, da die damalige politische Situation noch sehr unsicher war. Trotz allem behandelt dieser Nachkriegsroman die ausgewählten Themen meisterhaft und ist auch für heutige Leser interessant geschrieben.-
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12.
„Frey! Sie sollen nicht rumstehen und in die Gegend starren! Arbeiten Sie weiter, verdammich!“
Wie eine Peitsche war die Stimme des Truppführers über ihnen. Dort stand er am Rande des Dränagegrabens, hatte die Arme in die Hüften gestützt und überblickte die Reihe der Arbeitsmänner im Graben. Mit nacktem Oberkörper standen sie darin — bis zum Knie oder bis zur Hüfte oder bis zur Schulter, je nachdem, wie weit der Tag fortgeschritten war — Kreuzhacke oder Sohlenschaufel in den brennenden Händen. Es war mehr ein Balancieren als ein Stehen, denn die Füße hatten nur hintereinander Platz in der Grabensohle, die immer tiefer hineingetrieben werden mußte in den steinigen Boden, bis der Truppführer mit dem Zollstock kam. Dann gingen die Rohrleger an die Arbeit — ein beliebtes Kommando, denn sie brauchten nicht im fließenden Wasser zu stehen, mit schmerzendem Rücken, und immer wieder auszuholen mit den müden Armen, denen die Kreuzhacke schon lange zu schwer war. Bei jedem Schlag in den Boden spritzte ihnen Lehmwasser ins Gesicht und über den Oberkörper. Die Hose, ein durchlöcherter Drillich, war längst nur noch ein nasser Fetzen, und die Füße weichten langsam auf in den Stiefeln, die abends zum „Stubendurchgang“ blitzblank vor dem Spind zu stehen hatten. Wenn das bei dem durchnäßten Leder nicht gelang, drohte ein Strafdienst oder der sogenannte „Maskenball“ — ein endloses Antreten, Wegtreten und wieder Antreten mit Hinlege- und Kriechübungen im Nachthemd auf dem geölten Fußboden und in immer neuen Uniformzuammenstellungen.
Der Arbeitsmann Frey hob die Kreuzhacke, ließ sie fallen, hob sie wieder, ließ sie fallen — auf, ab — hoch, nieder. Mechanisch taten die Arme den Dienst, obwohl sie dem Schlag längst keine Kraft mehr geben konnten. Aber der Truppführer beobachtete! Man durfte nicht rasten oder gar aufhören, wenn die Kräfte erschöpft waren. Nur eines gab es: Gehorsamer Sklave sein. Daß die Aufseher, die sich Führer nannten, sie nicht körperlich mißhandeln durften, war alles, was sie von Sträflingen unterschied — oder von den Opfern preußischer Disziplin in früheren Jahrhunderten. Man war ja auch fortgeschritten! Nein, die Knute regierte nicht mehr so unverhüllt. Man machte es feiner. Schöne Phrasen verzierten jetzt die brutale Dressur. Pflichterfüllung hieß es! Ehrendienst am Volke! Jeder Deutsche muß durch diese Schule des Sozialismus gegangen sein! Männer müssen hart werden! Gehorsam ist die höchste Form innerer Freiheit! „Denn durch unsere Fäuste fällt, was sich uns entgegenstellt . . .“ Das waren die Leitsätze, und der letzte konnte sogar gesungen werden ― ein Kampflied.
Hoch die Kreuzhacke, fallen lassen. Hoch, fallen lassen. Auf, ab. Nein, es ging nicht mehr. Das Werkzeug schien Zentner zu wiegen und fiel doch kraftlos in das aufspritzende Wasser, löste keine Erde, keinen Stein. Man mußte wieder einmal aufblicken, schnell den lahmen Rücken dehnen, einen tiefen Atemzug tun, den Himmel ansehen, ob er noch so schön blau war, die Haare mit dem dreckverkrusteten Handrücken zurückstreichen — sie klebten sowieso vor Schweiß, so kurz sie auch geschoren waren: militärischer Haarschnitt! Streichholzlänge! Der Feldmeister hatte sich nicht entblödet, wirklich mit einem Streichholz nachzumessen.
Aach, das tat gut! Einmal die Schultern zurücknehmen und tief, tief atmen. Aber da war schon wieder die Stimme:
„Der Frey reckt sich schon wieder! Ja, Mensch, Sie sind doch nicht zur Erholung hier! Los, nehmen Sie das Hackchen schön in ihre zarten Finger, und dann gib ihm!“
Diese Stimme war niederträchtig. Sie gellte, war vom vielen Schreien und Kommandieren zersprungen, überschlug sich. Wie er diesen Menschen haßte! Aber war der überhaupt einen ehrlichen Haß wert? Nein, man sollte leidenschaftslos verachten können, wie es wohl Buddhisten fertig bringen würden. Aber man war eben nicht Buddhist und war auch nicht weise und abgeklärt, sondern jung und voller Ideale. Man glaubte, Humanität sei das Ziel der Menschheit, Freiheit und Kultur. Dafür wollte man alle Kraft einsetzen und sich heranbilden, hoffte andere auf dem gleichen Wege zu treffen, mit denen gemeinsam man einem menschenwürdigen Leben zustreben wollte; einem Leben der Selbstachtung und der Achtung aller Mitmenschen. Und dies war nun die Wirklichkeit! Nicht die einfachsten Menschenrechte wurden geachtet! Wo blieben Freiheit, Humanität, Kultur, Schönheit?
Und doch! Es gab auch hier und jetzt Schönheit; man mußte sie nur sehen. Hier diese blaue Blume am Grabenrand — war sie nicht schön? Die Natur schenkte immer wieder Tröstung. Einfach, still und groß vollzogen sich in ihr ewige Gesetze. Ungebrochen durch Klügelei, vertrauensvoll lebten ihre Wesen, lösten sich Wachstum und Vergehen ab in ihr, und nie vergaß sie das rechte Maß. So gab es auch ewig Schönheit in ihr, unbewußte, reine Schönheit. Ueberall war sie — wie auch hier in dieser blauen Blume. Welches mochte der Name sein den ihr die Menschen gegeben hatten? Er kannte ihn nicht. Eine blaue Blume . . . War es vielleicht die blaue Blume der Romantik? Ein ganzes Reich zärtlicher, verwunschener Bilder begann ihn zu erfüllen. Fand man diese blaue Blume so leicht? So von ungefähr? Sie, nach der jene Dichter und Musiker, jene seligen Schwärmer ihr Leben lang gesucht hatten? Ach nein, es war eine ganz einfache kleine Wiesenblume. Er würde sie am Feierabend mitnehmen und in den nächsten Brief an Gisela legen; vielleicht dazu schreiben, wie ihr Anblick ihn an die Romantik erinnert hatte — an ein besseres Vorgestern.
Versunken in seine Gedanken, zuckte er Zusammen, als der Truppführer ihn wieder anbrüllte und zugleich mit dem Stiefelabsatz Erdklumpen in sein Grabenstück stieß. Natürlich, er hatte sich ja wieder aufgerichtet, entgegen dem Verbot.
„Sie werden nach Feierabend länger machen, Frey“, schimpfte er weiter und notierte sich Thomas’ Namen. „Wir werden euch schon kleinkriegen.“
Thomas senkte den Kopf, griff langsam zur Schaufel und schöpfte tief Atem, damit ihn die Wut nicht überfiel und er dem Kerl nicht einfach das Eisenstück über den Kopf schlug. Alle Selbstbeherrschung hatte Grenzen.
Es war nicht das erstemal, daß er Ueberstunden machen mußte. In den ersten Wochen geschah es regelmäßig, denn er schaffte das zugemessene Stück beim besten Willen nicht. Nun gelang es ihm öfter, wenn er sich bis zum äußersten anstrengte. Aber abends im Lager gab es andere Unannehmlichkeiten; entweder den Antreteplatz fegen, Zigarettenstummel und Streichhölzer im Lagerbereich auflesen, die Latrine reinigen oder Kartoffeln schälen. Alles Verrichtungen, die nicht schwer waren, die aber schwer fielen durch die Art, wie man sie dazu antrieb. Thomas hielt keine Arbeit für unter seiner Würde, wie viele seiner Kameraden, denn was getan werden mußte, konnte er so gut tun wie jeder andere. Aber aus jeder Kleinigkeit verstand man eine Schikane zu machen. Die einzige Grenze aller Quälereien war, daß der Tag auch beim Reichsarbeitsdienst um 24 Uhr in den nächsten überging.
Thomas wunderte sich nur, wie er das aushielt. Schon morgens waren ihm die Arme bleischwer. Der Hackenstiel riß immer wieder die Hände auf, deren Blasen nicht heilen konnten. Die Fahrt zur Baustelle, so schön sie landschaftlich war, erschöpfte ihn schon vor der Arbeit, denn man raste mit äußerter Kraft und auf schlechten Fahrrädern davon. Er blieb meistens zurück, da er beim „Räderfassen“ immer ein schlechtes Rad erwischte, denn er war nicht rücksichtslos genug; Vordrängeln widerte ihn an.
Fast mußte er lachen in seinem nassen Graben, wenn er sich vorvorstellte, wie er da stand und Stunde um Stunde die Hacke in das Schlammwasser fallen ließ. Wie wenig erreichten doch diese Leute durch ihr Antreiben! Er war es ja nicht allein, den der Truppführer fortwährend anbrüllte; keiner durfte sich ausruhen. Auch Stärkere als er, die ihr Stück spielend schafften, mußten dauernde Geschäftigkeit vortäuschen. Teilweise waren diese Kameraden von Kind auf schwere Körperarbeit gewöhnt und schimpften doch nicht weniger. Dieses unablässige Antreiben förderte nicht, im Gegenteil, jeder pitscherte nur noch vor sich hin und riß eben die Stunden so ab. Jeder dachte, das halbe Jahr ist einmal um, und bis dahin will ich euch so viele Schnippchen schlagen wie möglich. Demzufolge kam auch die ganze Dränage, gemessen an den Arbeitsstunden, die darauf verwendet wurden, unendlich langsam vorwärts.
Wie stand es überhaupt mit dem Nutzen ihrer Arbeit? Rechtfertigte der wenigstens all die Anstrengungen?
Zuerst hatte Thomas noch daran glauben wollen, denn auf wirtschaftlicher Nützlichkeit war doch der Arbeitsdienst aufgebaut. Er sollte die Arbeitslosigkeit vermindern und als straff organisierte, billige Arbeitskraft der Volkswirtschaft dienen, zugleich aber ein wichtiges Element der Erziehung zum Sozialismus, zur Volksgemeinschaft darstellen. Thomas prüfte sich, ob seine negative Einstellung nicht etwa Ueberempfindliehkeit und Scheu vor körperlicher Arbeit zur Ursache habe und ob nicht der Arbeitsdienstgedanke vortrefflich, nur die Ausführung menschlich-mangelhaft sei. Gewiß traf das zum Teil zu. Es konnte nur gut sein, wenn alle Berufsschichten sich bei der Arbeit an einem gemeinsamen Werk kennenlernten; wenn der Geistesarbeiter eine Zeitlang Handarbeit tat, damit er nicht einseitig wurde. Er würde die Handarbeit richtiger einschätzen — ihre Schwere, aber auch ihren Segen, den Segen, der in der Verrichtung jeder ungebrochenen Tätigkeit liegt. Gegenseitiges Verständnis — gewiß ein großes soziales Ziel! Die Grundlage jedes praktischen Sozialismus’! Aber in Wirklichkeit blieb ja neben dem Drill und dem Antreiben zur Arbeit gar kein Raum für derartiges. Möglich, daß es nebenbei als Frucht abfiel. Der Zweck schien es nicht zu sein. War nun wenigstens die Arbeitsleistung von praktischem Nutzen?
Solange Thomas noch daran glaubte, tat er auf der Baustelle mehr als viele andere, die kräftiger waren als er. Er war fleißig, obwohl es ihm keinen Vorteil brachte, denn da man wußte, daß er selbständig dachte und auch zu handeln fähig war, konnte nichts genügen, was er tat.
Eines Tages wurde er auch über die praktische Nützlichkeit des RAD belehrt.
Der Bauer, dem die Wiese gehörte, die sie entwässerten, kam einmal vorbei, und ein Arbeitsmann rief ihm zu, er sähe sich ja die Baustelle nicht allzu freundlich an. Der Bauer brummte, da solle er sich freuen, wenn sie ihm seinen Grund und Boden so widersinnig zerwühlten? Er habe keine Dränage gewollt; die rentiere sich hier nicht. Aber man habe ihn gezwungen dazu. Der Arbeitsdienst müsse doch etwas tun! Und nun solle er auch noch bezahlen für den Unsinn.
Also so war es. Dafür wurden sie angetrieben und bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit überanstrengt — für ein verfehltes, zum mindesten aber nicht rentables Unternehmen. Es mochte anderwärts besser sein; hier war auch die Baustelle nichts als „Beschäftigungstheorie“.
Die Sonne neigte sich zum Horizont. Der heiße Arbeitstag ging zu Ende. Die letzten Lerchen flatterten über den Feldern, aber immer noch klang das eintönige Knirschen der Kreuzhacke, immer noch spritzte den Arbeitsmännern das Wasser bei jedem Schlag ins Gesicht, und immer heiserer wurde das Gebrüll des Truppführers.
Thomas wäre so gern umgefallen. Man konnte kindisch werden vor Ueberanstrengung. Er hätte gewünscht, daß er plötzlich das Bewußtsein verlor, vornüber fiel und daß sie ihn dann wegtragen mußten. Ja, liegenlassen durften sie ihn ja nicht gerade. Kurz vor dem Verrecken waren sie dann doch noch um das Leben des Volksgenossen besorgt. Er war ja „Menschenmaterial“.
Es wurde ihm schwarz vor den Augen, die Knie zitterten, er schwankte unter der erhobenen Hacke, und doch fiel er nicht um. Ach, sie würden ihn dann vielleicht in das Bauernhaus unten an der Straße tragen, wo sie immer die Fahrräder abstellten. Ein schöner Hof, breit und behäbig. Vielleicht würde ihm die Bäuerin etwas Milch geben, wenn er zu sich kam, vielleicht etwas warmes Wasser zum Waschen, und vielleicht könnte er dann einmal ausschlafen — richtig ausschlafen, einmal nicht von dem gellenden „Aufstehen“ aus dem Schlaf gerissen werden, einmal nicht die Pfeife hören müssen, die den ganzen Tag schrillte, einmal sich nicht schlaftrunken vom Strohsack fallenlassen, um gleich wieder die schweren Glieder zu einem harten Lauf zusammenzureißen, einmal nicht das Brot im Stehen hinunterschlingen müssen, den immer nassen, verdreckten Drillich anziehen müssen — einmal nicht müssen, müssen, müssen.
„Frey! Wenn Sie sich nicht anstrengen, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie nächsten Sonntag wieder keinen Ausgang kriegen.“
Das war es, was er fürchtete. Er gab sich ja eigentlich nur deshalb noch so große Mühe, um endlich einmal ausgehen zu dürfen. Wenn es auch nur für einige Stunden war — er mußte wieder einmal frei sein! Frei von dem widerwärtigen Menschenbrei, den sie in dem großen Kessel „RAD“ nach geheiligten NS-Rezepten zurechtrührten. Jede Selbständigkeit oder gar Opposition wurde unterdrückt. „Ganz klein sollt ihr werden!“ wurde ihnen immer wieder gesagt. „So klein, bis ihr aus der Hand freßt!“ Wer sich nicht willenlos und mit dem zu allem Hohne noch geforderten „dienstfreudigen Gesicht“ den Launen irgendeines Führers fügte, den nahmen sich alle gemeinsam vor und schikanierten ihn so lange, bis er zerbrach oder doch so tat als ob. Wenigstens scheinbar mußte man also jedes Selbstbestimmungrecht aufgeben, damit man nicht zugrunde ging.
Schon stand der Mond am Himmel, da durften die mit Ueberstunden bestraften Arbeitsmänner den Graben verlassen. Sie taumelten mit ihrem Werkzeug zur Baubude, und der Truppführer sammelte sie zur Heimfahrt. — Heimfahrt? Thomas fühlte eine namenlose Bitterkeit in sich aufkommen, wenn er an das Barackenlager dachte, an die Trillerpfeife des Truppführers vom Dienst, an die stinkende Latrine, die vielen schwatzenden Menschen auf engem Raum, die platten Späße und den ewigen Lärm. Ja, heimgehen dürfen, das war Glück. Er hatte es lange gekonnt und war nicht dankbar genug gewesen. Solche Dankbarkeit lernte man hier. Ja, das war vielleicht das einzige Gute.
13.
Die Verhaftung und Verurteilung des. Vaters war für Thomas Frey eine Erschütterung seines Weltbildes gewesen. Sah so die Gerechtigkeit aus, für die die besten Männer der Nation seit je gestritten hatten? Und Dr. Melks, des geliebten Lehrers, Entlassung aus dem Schuldienst! War das die Achtung der Menschen vor dem schöpferischen Geist? Dafür also hatten seit je alle Gutwilligen gekämpft, daß es nun nicht anders war als zu Zeiten der finstersten Inquisition! Nur daß statt der Kirche ein Staat das alte „Kreuziget!“ sprach und daß man scheinbar nicht so grausam war wie damals. Nein, man verbrannte die Ketzer nicht öffentlich auf dem Markt, man machte sie nur stumm, verbot ihnen Schrift und Rede, Und wenn das nichts half, ließ man sie Verschwinden.
Zu den seelischen Erschütterungen der letzten. Zeit in Brösenheim kam hier für Thomas die körperliche Erschöpfung und die unablässige Demütigung — es war zuviel. Er drohte zusammenzubrechen. Aber sollten diese sogenannten Führer triumphierend glauben dürfen, sie hätten ihn bezwungen? Sollten sie auch von ihm dann einmal so reden dürfen, wie sie über den Kameraden sprachen, der sich in der zweiten Woche im Lager das Leben genommen hatte? „Nicht schade um solche Weichlinge und Muttersöhnchen! Was sich hier nicht durchsetzt, geht sowieso später vor die Hunde. Der große Zweck rechtfertigt alle Opfer.“ — O nein, er wollte lieber alles erdulden, ehe er sich von denen in die Verzweiflung treiben ließ.
In dieser schweren Zeit half ihm ein Kamerad, sein Bettnachbar Klaus Timm, ein einfacher ruhiger Mensch, etwas älter als Thomas. Er war erst kürzlich, vom Heimweh getrieben, aus Südamerika zurückgekehrt. Die Heimat begrüßte ihn in Gestalt einer Einberufung zum Wehrdienst, vor dem er die Arbeitsdienstpflicht zu erfüllen hatte.
Timm war Tischler und hatte als Handwerksbursche die halbe Welt gesehen. Nichts konnte ihn erschüttern, und obwohl gerade seiner ruhigen Art das gehetzte Abrasseln des Dienstes besonders zuwider war, stand er immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er fand sogar noch Gelegenheit, in jeder freien Minute seine kurze Pfeife in Gang zu setzen. Die Führer wagten sich nie mit besonderen Schikanen an ihn heran, weil sie vor seiner unerschütterlichen Gelassenheit unsicher wurden.
Thomas bewunderte Klaus Timms schweigende Kunst, in dem Hexenkessel des täglichen Dienstbetriebes, wenn auch schnell, so doch nie hastig zu sein. Timm von sich aus, war von einer selbstverständlichen Hilfsbereitschaft, ohne daß er dabei vertraulich wurde. Auch Thomas schenkte er zunächst keine besondere Beachtung.
Es konnte nicht ausbleiben, daß die Führer mit dem eigenen Instinkt des Niederen und Gemeinen allem anders gearteten gegenüber sehr bald die Opposition in Thomas gewittert hatten und mit allen ihren Erfahrungen auf dem Gebiet der Schikane über ihn herfielen. Wenn einer „hing“, wie man es nannte, dann konnte er „sich gratulieren“. Je mehr Thomas’ innerer Widerstand sich befestigte, je größer seine Erbitterung wurde, desto wollüstiger jagten sie ihn. Es trieb einer Krise zu.
Einmal schon hatte Thomas kaum noch seine Selbstbeherrschung wahren können, als er mit keuchenden Lungen, auf dem Bauch durch Pfützen und Morast des Exerziergeländes Meter für Meter an den kommandierenden Führer herankriechen mußte. Dieser hatte sich längst überschrien und zur Pfeife gegriffen. Ein langer Pfiff hieß: Hinlegen und kriechen; zwei kurze Pfiffe hießen: Auf, marsch, marsch; drei Pfiffe hießen: In Kniebeuge gehen und mit dem vorgehaltenen Spaten hüpfen. Irgendein Anlaß war schnell gefunden, Thomas aus der exerzierenden Kolonne herauszuziehen und ihn gesondert zu „schleifen“. Manchmal durfte der Trupp dabei zusehen, wenn er mit letzter Kraft bis an den pfeifenden Mann in der erdbraunen Uniform herangekrochen war. Er sah aus seiner Perspektive nur die glänzenden Stiefel, vor denen er mit rasend arbeitenden Lungen angelangt war.
„So, Frey, nun ruhen Sie sich erst einmal schön aus“, sagte es über den Stiefeln. Der Truppführer grinste auf den verdreckten, keuchenden Menschen herab, der ihm zu Füßen im Staube lag. Doch das letzte Wort war noch nicht ganz ausgesprochen, da überschlug sich die Stimme schon wieder in gellendem Sadismus:
„Tausend Meter zurück, marsch, marsch!“ und als Thomas nicht sofort wie eine Feder aufschnellte, sondern sich mühsam hochraffte und stolperte: „Ach, Sie wollen nicht mehr? Na, die Mittagspause ist ja auch noch da, damit Sie es lernen, Befehle auszuführen.“ Und wieder die Pfeife.
Ja, einmal schon war es dann wie eine ganz fremde Gewalt über ihn gekommen, als er vor den glänzenden Stiefeln lag — Wall...
Inhaltsverzeichnis
- decken
- Titel
- Kolophon
- ERSTER TEIL
- ZWEITER TEIL.
- DRITTER TEIL.
- Über Eine Jugend war das Opfer