Friedrich Frohwein schob den Teller nach der Mitte des Tisches zu und breitete seine Serviette zwischen Teller und Tischkante aus, um sie unter energischem Glattstreichen sorgfältig zusammenzufalten. Er liess das Tuch in den silbernen Ring gleiten, drehte die weisse Rolle noch ein paarmal in den Händen und legte sie endlich neben den Teller, den er wieder an seinen alten Platz zog. Ein wenig lehnte er sich im Armstuhl zurück, nestelte sein Zigarettenetui aus der Westentasche, verbeugte sich leicht gegen seine Tochter: „Darf ich rauchen?“
„Bitte, Papa, ich hole dir einen Aschbecher.“
Inge Frohwein stand auf. Die Bewegung war kurz und federnd, ohne hastig zu sein. Sie schritt am Vater vorbei zur Tür, die vom Esszimmer ins Herrenzimmer führte, schob die Flügel auseinander und ging in den unerleuchteten Raum. Sie fand den Platz der Aschenschale auch im Dunkeln; sie sorgte ja dafür, dass sie immer an der gleichen Stelle stand.
Die Augen des Vaters folgten ihr. Ein wenig kniff er die Lider: ‚Guter Gang, gute Beine,‘ dachte er, ‚sie ist jetzt aus der letzten Streckung heraus. Ganz erwachsen. Merkwürdig, wie schnell das mit den beiden Mädels gegangen ist; — mit beiden. Trotz der acht Jahre Altersunterschied. Und mit Inge fast noch schneller als mit Etta.‘ Er strich sich langsam über das volle Haar, als wollte er die paar grauen Strähnen beiseite schieben. ‚Ich muss nun wohl langsam anfangen, alt zu werden. Das ist nicht schön. Wirklich nicht. Grossvater ist man auch schon. Hm —’
Die Zigarette brannte. Behaglich zog er den Rauch ein und blies ihn über die Brandfläche, dass sie stärker aufglühte.
Inge kam zurück. Die Aschenschale war aus Kristall und hatte einen breiten silbernen Rand. Friedrich Frohwein warf das Streichholz auf den Teller, lächelte, nahm es wieder auf und legte es mitten in den gläsernen Behälter, mit spitzen Fingern. Dabei blinzelte er seiner Tochter zu. „Siehst du, Kleines, beinahe hätte ich wieder etwas Verbotenes getan. Etwas, was mein Mädel nicht leiden kann. Leutnantsangewohnheiten nannte Mama das. Du hast doch viel von ihr.“
„Das freut mich.“
„Auch äusserlich, meine ich. Dasselbe blonde Haar. Fast die gleiche Augenfarbe, nur dass Mamas Augen noch tiefer blau waren. Nicht so vergissmeinnicht. Und ein bisschen rundlicher war Mama, als sie so alt war, wie du jetzt. Neunzehn. Da lernten wir uns gerade kennen. Auch hier im Haus. Mutter — Grossmutter, weisst du, — gab einen Ball für Tante Hedda ...“
„... und da waren Fehrenbachs auch eingeladen. Vier Wochen später war die Verlobung, ein halbes Jahr darauf eure Hochzeit. Ich weiss, Papa.“
„Ja, ich erzählte es dir wohl schon.“
„Mama hat es uns oft erzählt. Etta und mir. Als wir noch Kinder waren.“ Es zuckte ein wenig um Inges Mundwinkel. Sie stand noch immer, ihre Hände lagen auf der Lehne ihres Stuhles; lange, schmale Hände waren es mit kurz geschnittenen Nägeln, sie fassten das Holz fest an, so fest, dass die Fingerspitzen weiss wurden. Sie sprach nicht gern so leichthin von Mama, das tat weh. Sie musste dann immer die zwölf Jahre zurückdenken, die sie nun ohne Mutter verbracht. Halbwaise. Und ernst konnte sie eigentlich mit niemand von Mama sprechen. Nicht einmal mit Etta. Etta war wie Papa. Etta dachte immer zuerst an sich, dann erst an ihren Jungen und ihren Mann. Und an sie, die Schwester, wohl nie. Oder doch nur selten. Wenn sie etwas wollte. Dann ja. Mit Grosspapa oben, ja mit dem konnte Inge von den vergangenen Zeiten sprechen; aber er war wohl der einzige. Bei ihm hing auch das grosse Bild von Mama, das sie so liebte. Das feine Gesicht mit der edlen, schmalrückigen Nase, die Etta geerbt hatte. Nur dass Etta brünett war. Schön war Mama gewesen. Wunderschön. —
Friedrich Frohwein drückte den Rest seiner Zigarette aus. Er sah zu seiner Jüngsten hinüber. „Weisst du, Inge, was der Kerl, der Fontane, einmal in einem Roman schreibt? ‚Ein schöner alter Mann von fünfzig Jahren trat in das Zimmer!‘“
„Wie kommst du darauf, Papa?“
„Ich weiss nicht. Ich meine nur so: Schöner alter Mann von fünfzig Jahren. Alter Mann! Muss eine putzige Zeit gewesen sein damals.“ Er lachte, kurz, hell, richtig vergnügt. Beide Hände stützte er auf die Tischplatte, erhob sich, rückte den Stuhl zurecht, zog seine Uhr. „Also kommst du mit, Mädel? In einer Viertelstunde geht’s los. Grossartiger Zauber. Hab’ mir die Bilder im Kasten angesehen. Harry Liedtke im Turban, Erna Morena als indische Fürstin (Fürschtin, sagte er), dazu Tempelbauten, Elefanten, schöne Landschaftsbilder. Herz, was willst du noch mehr?“
„Ich mach’ mir nichts aus Kino.“
„Ach was.“
„Und dann bin ich müde. Es war heute ein anstrengender Tag. Doktor Lorenz hatte erst eine Konferenz, dann hat er mir das Protokoll diktiert, fast zwei Stunden. Als er endlich fertig war, musste ich es noch ins reine schreiben. Da fühlt man seinen Rücken.“
„Die blödsinnige Tipperei. Du hast’s doch nicht nötig.“
„Ich hab’s nötig, Papa.“
„Unsinn. Ich kann dir genug geben. Und geb’ dir genug. Natürlich ist’s nicht wie früher. Aber es ist nirgends wie früher. Leider. Ihr könntet es ja anders haben, aber ihr wollt es ja nicht. Du nicht und Grossvater nicht. Ihr müsst ja diesen blödsinnigen alten Kasten halten.“
„Papa!“ Scharf rief es Inge.
Sofort lenkte er ein. „Ich weiss ja — ich weiss ja. Tradition. Alte Liebe zum Ererbten.“ Er trat an die Tochter heran, legte seinen Arm um sie. Jetzt wirklich mit einer liebevollen Bewegung. Fast einen Kopf grösser war er als Inge, schlank wie sie. Sehr gerade hielt er sich, sehr jugendlich. Wenn er so neben ihr stand, hätte er ebensogut ihr Mann sein können. Eine Reiterfigur hatte er immer noch, obwohl er den Sechzigern näher war als den Fünfzig. Sein blauer Sakko sass tadellos. Tadellos gebügelt war die Hose. Der hellila Schlips war richtig zum farbigen Hemd abgetönt, das Haar war sorgfältigst gescheitelt, das gut rasierte Gesicht zeigte kaum ein Fältchen. Er zog Inge an sich. „Sei kein Frosch, Mädel. Komm mit. Glaubst du, ich mach’ mir was aus dem Film in dem kleinen Kaff? Nee. Aber lesen kann ich heut abend nicht. Hab’ auch nichts Vernünftiges. Zeitung ist ekelhaft. Bücher sind teuer. Und für dich ist es auch nur gut. Nirgends ruht man sich besser aus als im Kino. Braucht nicht nachdenken, es ist schön still, keiner quasselt, die Musik dudelt so nebenbei. Und nachher schläft man wie in Abrahams Schoss.“
Inge sah zum Vater auf. Sie war schon wieder versöhnt. Sie liebte doch ihren jungen grossen Vater, für den sie eigentlich sorgen musste wie für einen Bruder. Und manchmal auch ein bisschen erziehen wie einen Bruder. Aber sie wehrte sich noch einen Augenblick.
„Etta hat geschrieben. Ich wollte ihr noch antworten.“
„So, — so, Etta. Was schreibt sie denn? Kannst es mir auf dem Weg erzählen. Nun marsch, marsch, ’raus! Hut brauchst du nicht aufzusetzen. Es sind ja nur hundert Schritt bis zur Ecke. Nett von dir, dass du mich nicht allein laufen lässt.“
Er gab ihr einen Kuss und stob davon. Forsch, fix. Wie ein Junge.
Inge lächelte. So war Vater, man konnte letzten Endes nie nein sagen. Eine Tür klappte, seine Schlafzimmertür. Jetzt holte er sich Hut, Mantel und Stock. Schnell, schnell, um nur nicht zu spät zu kommen zu Harry Liedtke und Erna Morena. — Ja, der Vater ... Papa.
Sie griff zur Klingel, die aus dem grossen Glockenschirm der Esstischlampe herabhing.
Das Mädchen kam.
„Decken Sie bitte ab, Gertrud. Und sagen Sie dem alten Herrn Frohwein, dass ich nicht hinaufkommen könnte. Ich wäre mit Herrn Rittmeister in die Schöneberger Lichtspiele gegangen.“
*
Der Film, „Das Schloss in Indien“, flimmerte über die Leinwand. Erna Morena wandelt perlenbehängt durch pappene Prunkbauten, umworben von Harry Liedtke, dem als Maharadscha verkleideten Europäer. Er war sehr schön, und das Stammpublikum des kleinen Eckkinos schwelgte zwischen Lachen und Weinen.
Aber mehr im Lachen. Das war heute besonders herzhaft, wie immer, wenn der Rittmeister Frohwein da war, der mit seinem breiten, lauten und schütternden „Haha — haha!“ die anderen mitzureissen verstand. Sie kannten den Rittmeister, die Stammgäste. Die Gegend hier war ja ein Stück Kleinstadt mitten im grossen Berlin geblieben, hier auf dem Urgrund des alten Dorfes Schöneberg. Kleinstadt trotz der vier- und fünfstöckigen Häuser, die die alte Dorfstrasse schon seit Jahrzehnten säumten. Kleinstadt trotz des Riesenverkehrs, der sich zwischen den Häusern entlang wälzte. Kleinstadt, in der einer vom anderen wusste, weil man in den gleichen Läden kaufte und den gleichen Postboten hatte und echt schönebergisch gern sein Schwätzchen zwischen Tür und Angel machte. Drüben der Bäcker Krause sass nun schon in der dritten Generation in seinem Eckladen und Fritz Zimmerling, der Kolonialwarenhändler, in der zweiten. Meister Henke, der Tischler, war wie sie echter Schöneberger und ebenso Karl Müller, der in Seifen, Besen, Waschleinen und anderen nützlichen Haushaltartikeln machte. Und die anderen Geschäftsleute, Angestellten und Beamten, die noch nicht so lange in Läden und Etagenwohnungen der Häuserblöcke um das Frohweinsche Grundstück hockten, hatten sich akklimatisiert und waren in gewisser Weise auch stolz auf ihr Schönebergertum und auf ihre solide Grossstadtgegend an der Hauptstrasse geworden.
Und ein bisschen stolz auch auf die Frohweins in ihrer Mitte; denn die waren so ein Rest aus der guten alten Zeit, an die alle noch gern zurückdachten. Bauern waren die Frohweins einst gewesen, Schöneberger Bauern. Der Urgrossvater hatte noch den Pflug geführt, hatte aber auch die ersten Grundstücke verkauft, der Grossvater hatte dann die Villa gebaut und den Garten neben ihr an der Ecke der Hauptstrasse und der Frohweinstrasse angelegt, den Garten, der jetzt als letzte grüne Insel im Häusermeer lag. Der Grossvater hatte auch das Gut in der Priegnitz gekauft. Von den Badows hatte er es erworben und den Sohn draufgesetzt, als der die schöne Anna Fehrenbach heiratete. An die Hochzeit entsann sich Bäckermeister Krause noch ganz genau: er hatte die Brötchen ins Frohweinsche Haus geliefert, nicht aber die Torten; die waren von Telschow am Potsdamer Platz gekommen; er konnte sich heute noch darüber ärgern, denn so gut wie Telschow hätte er sie auch gebacken. Aber der Bräutigam wollte es damals besonders fein haben, und deshalb musste natürlich der grosse Telschow herangezogen werden; er war ja immer etwas hoch hinaus gewesen, der Friedrich Frohwein, hatte dann auf Rechwitz ein Leben wie ein Grandseigneur geführt und vielleicht mehr Geld ausgegeben, als er durfte. Und das wollte was heissen, denn die Frohweins waren damals viele Millionen schwer und er der einzige Sohn.
Man wusste so allerlei in der Schöneberger Hauptstrasse. Auch dass die Ehe des Rittmeisters — Reserveoffizier bei den Brandenburger Kürassieren war er gewesen — nicht besonders glücklich geworden; die zarte, kleine, blonde Frau und der grosse, lebhafte, dunkle Mann, in dem noch immer ein Schuss Bauernblut und Bauerngrossspurigkeit sass, hatten nicht zusammengepasst. Und beide hatten unter einem gelitten: es fehlte der Erbe, der echte Frohwein. Nur die zwei Mädchen kamen in grossem Zwischenraume zur Welt, die Henriette, die dann Etta genannt wurde, und die Inge. Während des Krieges war Frau Anna Frohwein leise ausgelöscht, in Rechwitz war sie gestorben, wo sie die Gutsverwaltung übernommen hatte, während ihr Mann im Felde stand. Das war wohl zuviel für ihren schwachen Körper gewesen. Die Mädchen kamen nach dem Tode der Mutter zum Grossvater ins Frohweinhaus, die Etta damals ein Backfisch, die Inge noch ein Kind. Rechwitz wurde von fremder Hand verwaltet. Als der Rittmeister nach Kriegsende zurückkehrte, dachten die Schöneberger, er würde auf sein Gut ziehen und seine Töchter mitnehmen. Aber er machte es anders, er blieb in Berlin. Und dann war eines Tages Etta verlobt. Frau Zimmerling hatte es zuerst gewusst; die Frohweinsche Köchin hatte es ihr erzählt, als sie im Laden stand und gern mehr Butter haben wollte, als es auf die Karten gab. Eine Kinderfreundschaft, der Sohn eines Gutsnachbarn von Rechwitz, ein Herr von Wahlen. Natürlich vom Adel. Unter dem machte es der Rittmeister doch nicht für seine schöne Tochter. Und die Etta war erst siebzehn Jahre. „Ein rechter Blödsinn“, hatte die Köchin damals zu Frau Zimmerling gesagt. Und Frau Bäckermeister Krause hatte diesem Ausspruch beigestimmt, als die Zimmerling ihr die grosse Neuigkeit erzählte. „Vielleicht will die Etta aus dem Haus,“ hatte sie hinzugefügt, „so bloss mit Vater und Grossvater, das ist doch nicht das Rechte für so ’n junges Ding. Und dann gibt’s in Rechwitz natürlich mehr zu futtern als hier in Berlin.“
Ja, ja, man wusste allerlei über die Frohweins in Schöneberg. Man wusste auch, dass es mit den Millionen längst zu Ende war. Auf der einen Seite hatte der Grossvater während der Inflation an seinen Preussischen Konsols und seiner Kriegsanleihe festgehalten, auf der anderen Seite hatte der Rittmeister ziemlich heftig spekuliert und nicht immer mit Glück. Da war der Glanz wie überall zerflossen. Nur das Eckgrundstück war geblieben. Schuldenfrei; auch das wusste man. Da hielt der Grossvater, der alte Ernst Frohwein, die Hände drauf. Und auf dieses Eckgrundstück waren die Anlieger stolz, auf die Villa, auf den Garten, weil es ein Stück alter Bauernherrlichkeit war. Ein Rest. — —
Wieder lachte der Rittmeister, und wieder stimmten die Stammgäste der Schöneberger Lichtspiele ein. Harry Liedtke hatte gerade dem indischen Fürsten ein Schnippchen geschlagen und war zu Erna Morena in das Prunkzelt geschlüpft, das ein riesiger Elefant, der dem grossen Hans aus dem Zoologischen Garten sehr ähnlich sah, auf seinem breiten Rücken trug.
Inge sah nicht viel von dem Film. Sie hielt die Augen oft geschlossen. Ihre Gedanken waren bei Ettas Brief und dem Gespräch, das sie über ihn mit dem Vater auf dem kurzen Weg zum Kino geführt hatte.
„Was hat denn Etta geschrieben?“
„Wie immer, Papa. Sie klagt. Sie fühle sich einsam. Sie passe nicht aufs Land.“
„Na, das kennen wir ja. Und was will sie?“
„Ich soll ihr ein Kleid besorgen. Sie hätte nichts anzuziehen. Sie könnte sich nichts kaufen. Paul hielte sie so knapp. Nie hätte er Geld für sie. Aber neue Maschinen könnte er kaufen und Leutehäuser bauen. Doch wenn sie etwas wollte ... Ach, du weisst ja, Papa.“
Der Vater hatte genickt und gesagt: „Was wird denn solch Kleid kosten?“
„Zweihundert bis zweihundertfünfzig Mark mindestens.“
Durch die Zähne hatte Friedrich Frohwein gepfiffen. „Donnerwetter — soviel. Da musst du mit Grossvater sprechen. Ich hab’s nicht.“
Das war auch immer das gleiche Lied. Sie musste mit Grossvater sprechen. Wenn Vater Geld brauchte, wenn Etta Geld brauchte. Sie musste bitten. Für beide. Nur dass sie einmal für sich selber bitten könne, müsse, daran dachte niemand. Sie verdiente ja gut beim Notar Lorenz, eine glänzende Stellung, fast zweihundert Mark im Monat, und im Hause doch auch alles frei. „Was fängst du bloss mit dem vielen Geld an?“ hatte der Vater sogar einmal gefragt. Dass sie sich alles selbst kaufen musste, was sie an Kleidung, Wäsche, Schuhzeug und den unentbehrlichen Kleinigkeiten weiblicher Jugend gebrauchte, damit rechnete Vater nicht. Wirklich, es war manchmal schwer, nicht bitter zu werden. —
Der Film war zu Ende. Ein Ozeandampfer fuhr über das Meer und liess eine lange Rauchfahne hinter sich. Zum erstenmal machte Inge Frohwein die Augen weit auf. Da lag etwas von südlicher Sonne über dem Bild, von Weite, von Ferne, von Freiheit. Aber schon wurde abgeblendet. An der Reling stand ein glückliches Paar und sah auf eine entschwindende Küste zurück. Und dann Grossaufnahme: Harry Liedtke beugte sich über Erna Morena, Filmaugen klapperten. Geschminkte Lippen trafen sich. Kuss. Schluss. — ‚Scheusslich, dieser Kitsch‘, dachte Inge.
Die Beleuchtung flammte auf, die Musik — Klavier, Geige und Cello — schwieg. Die Stammgäste erhoben sich und klatschten. Männer und Frauen stülpten sich die Kopfbedeckungen auf und schoben sich aus den engen Sitzreihen. Vater Frohwein und Inge wurden mitgeschoben, dem einzigen Ausgang des Kinos zu.
In der Tür stand Karl Berstel, der Besitzer der Schöneberger Lichtspiele. Er stand da, klein, behäbig und tadellos angezogen. Er entliess sein Publikum, hatte für den und jenen einen freundlichen Zuruf. Er kannte seine Leute und wusste, was zum Geschäft gehört. Er hatte eine feine Nase für das, was die Schöneberger sehen wollten und was er bieten musste. Alle Schlager rollten bei ihm, sowie sie aus den grossen Uraufführungstheatern heraus waren. Immer hatte er ein volles Ha...