Das Ich in der Krise
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Das Ich in der Krise

Resilient durch Positive Transaktionsanalyse

  1. 208 Seiten
  2. German
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Das Ich in der Krise

Resilient durch Positive Transaktionsanalyse

Über dieses Buch

Die Quellen der Resilienz aktivierenIn Belastungen, Krisen und Traumata erleben wir uns oft als hilflos. Was geschieht in solchen Situationen mit unserer Psyche?Welche Möglichkeiten haben wir, um darauf Einfluss zu nehmen? Welche Rolle spielt Resilienz dabei und warum lässt sie sich oft so schwer aktivieren?Und warum führt uns unser in der Kindheit erlernter Umgang mit Krisen und Belastungen heute so selten ans gewünschte Ziel?Auf diese Fragen antwortet das Buch, indem es Resilienz mit den Mitteln der Positiven Transaktionsanalyse veranschaulicht: Wenn wir unsere Hilflosigkeit annehmen und uns auf die Angst, die Verletztheit, die Traurigkeit, den Ärger und die Scham einlassen, die damit verbunden sind, können wir die Quellen unserer Resilienz aktivieren.Sie liegen in unserer Identität, Autonomie und unseren Beziehungen. Anhand von zahlreichen Fallbeispielen, persönlichen Impulsen und Übungen zeigen die Autoren so den Weg aus der Krise hin zu Bindung, Sinn und Freude.

Information

TEIL I: UNTERWEGS ZUR RESILIENZ

1. Ich, Du und Wir: Persönlichkeit und Beziehung

Menschen und ihre Geschichten
„Eines habe ich als Kind schon entdeckt: Wenn ich will, dass andere Menschen mich mögen, muss ich freundlich und tüchtig sein.“
Simone im Video-Coaching, 12. Sitzung
„Wie soll denn das jetzt werden, mit mir, mit den Kindern? Wer bin ich denn, wenn Amelie nicht mehr Teil meines Lebens ist?“
Severin, Einzeltherapie, 4. Sitzung
„Ich musste viel zu früh erwachsen werden. Ich habe geglaubt, dass meine Eltern von mir erwartet haben, Verantwortung für die ganze Familie zu übernehmen.“
Madeleine, Einzeltherapie, 23. Sitzung
„Ich verstehe ja, dass du dir wünschst, dass ich dich verstehe. Aber ich bin so mit mir und meiner Krankheit beschäftigt, dass ich zuerst an mich denken muss.“
Richard zu seiner Frau Susanne, Paarberatungssitzung, ergänzend zur Einzeltherapie
Diese knappen Blitzlichter auf die vier Menschen, die Sie bereits kurz kennengelernt haben, auf Aussagen, die sie im Verlauf ihrer Entwicklungsprozesse getroffen haben, beleuchten die Schwerpunkte unseres ersten Kapitels. Alle erzählen sie in diesen wenigen Sätzen sowohl etwas über sich selbst als auch über ihre Beziehungen: „… dass andere Menschen mich mögen …“, „… wer bin ich denn …“, „… ich habe geglaubt, dass meine Eltern von mir erwartet haben …“, „… ich muss zuerst an mich denken …“ Sie sprechen über ein Ich und über ein Du, also über sich selbst und über andere Menschen. Und sie sprechen über ein „Wir“ – darüber, in welcher Verbindung sie sich zu diesen anderen sehen.
Hier treffen sich zwei grundlegende menschliche Bedürfnisse: Wir wollen in Beziehungen sein und in diesen wahrgenommen, verstanden und geliebt werden, und wir wollen eigenständige, autonome Menschen sein. Mehr noch – wir wollen das nicht nur, wir brauchen beides existenziell. In der Überschrift dieses Abschnitts lehnen wir uns an eine Formulierung des österreichisch-israelischen Religionsphilosophen Martin Buber an. Ich und Du lautet der Titel seines wahrscheinlich am meisten gelesenen Buches (erschienen 1923). „Der Mensch wird erst am Du zum Ich“, lautet das wohl bekannteste Zitat daraus. Wir sind keine isolierten Einzelmenschen, sondern wir sind von Natur aus Beziehungswesen. Der Mensch wird am Du zum Ich – und gemeinsam werden wir zum Wir, können wir ergänzen. Wir alle haben ein angeborenes lebenslanges Bedürfnis danach, in Beziehung mit anderen Menschen zu gehen. Wir brauchen diese Beziehungen nicht nur, weil wir sonst als Kinder nicht überlebensfähig wären, wir brauchen sie überhaupt, um ins Leben hineinzukommen und um uns in diesem Leben bewegen und weiterentwickeln zu können. Über die Beziehung zu wichtigen und geliebten Menschen entwickeln wir unsere Identität, unser Ich – ein Bild von uns selbst, davon, wer und wie wir sind, sein sollen oder glauben, sein zu sollen. So finden wir unsere Wege, mit unserer Welt, mit uns selbst und mit anderen Menschen umzugehen, so formen wir unser Fühlen, unser Denken und unser Handeln. Auf diesen Grundlagen gestalten wir unser ganzes Leben und ganz besonders unseren Umgang mit Belastung, Überforderung, Krisen und Traumata. Alle drei, Ich, Du und Wir, unsere Identität und unsere Beziehungen zu anderen Menschen, brauchen wir in ihrer komplexen Verflechtung, um unsere Resilienz, unsere Widerstandsfähigkeit zu entfalten. Daraus, aus Ich, Du und Wir, stammt unsere Resilienz. Daraus kommen aber auch die Steine, die uns bei ihrer Entfaltung im Weg liegen. Genauer gesagt: die uns in den Weg gelegt werden und die wir uns selbst in den Weg legen. Damit, mit Persönlichkeit und Beziehung, werden wir uns im folgenden Kapitel beschäftigen, begleitet von weiteren kurzen Blitzlichtern aus den Geschichten von Madeleine, Simone, Richard und Severin. Landkarten aus der Positiven Transaktionsanalyse und Persönliche Impulse für Sie werden dabei hilfreich sein, Ich, Du und Wir in ihrer Bedeutung und ihrer Tiefe zu verstehen.

1.1 Positive Transaktionsanalyse

Persönliche Impulse 1
Ich erinnere mich: Meine ersten Beziehungen
In den Persönlichen Impulsen dieses Kapitels wollen wir Sie dazu anregen, einige Bilder aus den frühen Jahren Ihres Lebens entstehen zu lassen. Dabei geht es um das Zusammentragen von Puzzleteilen Ihres jungen Lebens, immer unter einem bestimmten Aspekt. Sie müssen die Teile aber nicht auf einmal sammeln. Wir laden Sie ein, entsprechende Elemente Ihrer Geschichte so, wie sie in Ihnen und aus Ihnen heraus auftauchen, mit entsprechend Gefühltem, Gesehenem, Gehörtem, im Körper Empfundenem zu erinnern und zu notieren. Machen Sie das, wann immer Sie Lust dazu haben, ohne auf die zeitliche Reihenfolge zu achten. Strengen Sie sich nicht an, Erinnerungen hervorzuholen, lassen Sie sie so kommen, wie sie kommen. Bewerten Sie nicht nach scheinbar subjektiver Wichtigkeit, alles, auch die scheinbar kleinste Kleinigkeit hat ihre Bedeutung in diesen persönlichen Bildern Ihrer jungen Lebensjahre.
Mit diesem ersten Impuls schlagen wir Ihnen vor, sich an die wichtigen Personen in Ihrem Leben bis zum Alter von etwa zehn Jahren und an die Beziehungen zu erinnern, wie sie diese zwischen Ihnen und diesen Menschen erlebt haben. Diese Personen können Mutter, Vater, Großeltern, Geschwister, andere Verwandte, aber auch die beste Freundin, der beste Freund sein. Auch Lehrerin oder Lehrer, Kindergartenpädagogin, eine Nachbarin oder ein Nachbar können dazugehören. Notieren Sie Ihre Erinnerungen so, wie sie Ihnen einfallen. Weder muss das systematisch-chronologisch noch der Reihe nach sein: zuerst die Mutter, dann der Vater, dann die ältere Schwester … Damit würden Sie Ihrem Unbewussten, aus dem diese Bilder auftauchen, Fesseln anlegen.
Beginnen Sie jede Notiz mit dem Satz „Ich erinnere mich …“. Eine Fortsetzung könnte dann zum Beispiel lauten: „… an meinen Vater, wenn er abends aus der Arbeit nach Hause kam und mich zur Begrüßung hochhob. Ich war noch sehr klein, und ich kann mich gut daran erinnern, wie er roch und wie ich seine Bartstoppeln spürte, wenn ich mein Gesicht an seine Wange legte.“ Ein, zwei Sätze pro Erinnerung genügen, damit Sie so ganz allmählich das Puzzle der wichtigen Beziehungen zusammensetzen können, in denen Sie Ihre Persönlichkeit, Ihr Menschsein entwickelt haben.
Die Transaktionsanalyse (TA) ist etwas mehr als 60 Jahre alt und wurde von dem kanadisch-US-amerikanischen Sozialpsychiater Eric Berne und seinen Schülerinnen und Schülern begründet. Ursprünglich entstand sie als eine Schule der Psychotherapie mit Wurzeln in der Psychoanalyse, der Tiefen- und der Verhaltenspsychologie, beeinflusst von Gestalttherapie und Personenzentrierter Gesprächspsychotherapie. Dementsprechend lag ihr Fokus vor allem auf dem Verstehen und der Heilung psychischen Leides. Heute wird sie in vielen Bereichen professioneller Hilfestellung eingesetzt: in Beratungsprozessen, in der Paartherapie, in der Unterstützung in Lebenskrisen, im Coaching, in der Team- und Führungskräfteentwicklung, in Change-Prozessen, in der Unternehmensberatung und -entwicklung, in Pädagogik und Erwachsenenbildung.
Seit 2015 haben wir in unseren Publikationen, Vorträgen und Workshops unter dem Titel „Positive Transaktionsanalyse“ unsere spezielle Sichtweise auf die TA entwickelt. Darunter verstehen wir eine Erweiterung und Ergänzung des großen Gebäudes der Transaktionsanalyse, für das wir einige zentrale Landkarten überarbeiten und erweitern und neue hinzufügen.
Die fünf Grundaussagen der Positiven TA sind:
  1. Der Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis danach, in Beziehung mit anderen Menschen zu gehen und zu bleiben, um ins Leben hineinzukommen und sich darin zu bewegen.
  2. Um in Beziehung zu kommen, treffen wir bewusste und unbewusste Entscheidungen über unser Fühlen und Denken sowie über entsprechende Handlungsweisen.
  3. Durch Coping (englisch „coping“: bewältigen, überwinden, zurechtkommen) schaffen wir es, uns auf der Basis früher Entscheidungen in der Welt zu orientieren und uns mit ihr zu verbinden.
  4. Dass wir Menschen das schaffen, verdanken wir einer großen Kreativität im Umgang mit uns und anderen in unserer Umwelt. Wir erschaffen uns dadurch …
  5. persönliche Kompetenzen und Beziehungskompetenzen, die von nachhaltiger konstruktiver Wirksamkeit sind.
Sehen wir uns diese Grundaussagen näher an. Die erste lautet: Wir haben ein lebenslanges Bedürfnis nach Beziehungen mit anderen Menschen.
Menschen und ihre Geschichten: Severin
„Amelie war der einzige Mensch in meinem Leben, von dem ich mich wirklich geliebt gefühlt habe. Und jetzt verlässt sie mich auch.“
„Meine Mutter war nicht besonders warmherzig, aber kaum war ich im Internat, habe ich sie schrecklich vermisst. Jede Minute.“
„Der Vater war nur am Wochenende da, und die Mutter hat Tag und Nacht gearbeitet. Meine wichtigsten Bezugspersonen waren meine Geschwister, vor allem die beiden großen Schwestern.“
Von dem Moment unserer Geburt an versuchen wir, uns mit anderen Menschen in Beziehung zu setzen. Wir schreien, um auf unsere Gefühle und unsere Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Wir haben Angst, wir haben Hunger, wir fühlen uns körperlich unwohl, wir haben Schmerzen, wir sind müde, wir sind überreizt, wir erleben uns als einsam – und für all das brauchen wir jemanden, der uns hilft, damit zurechtzukommen, weil wir vollkommen hilflos und abhängig sind. Bereits in den ersten Wochen unseres Lebens lernen wir, unser Weinen und Schreien zu modulieren. Wenn wir das Glück haben, Bezugspersonen zu haben, die uns aufmerksam wahrnehmen, können diese die ersten Formen unserer Kommunikation richtig deuten: „Sie hat wahrscheinlich Hunger“, „Bist du müde, mein Schatz?“, „Ich glaube, ihm tut etwas weh“. Dann kommt der entscheidende Moment, wenn wir zum ersten Mal lächeln. Wenn Sie selbst Kinder haben, dann wissen Sie, wie überwältigend das sein kann: Meine Tochter, mein Sohn zeigt zum ersten Mal seine, ihre Zuneigung zu ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Einleitung: Vier Menschen, ihre Geschichten – und ich selbst
  3. TEIL I: UNTERWEGS ZUR RESILIENZ
  4. Teil II: Im Fluss der Resilienz
  5. Index
  6. Verzeichnis der Landkarten aus der Positiven Transaktionsanalyse
  7. Verzeichnis der Abbildungen
  8. Verzeichnis der Persönlichen Impulse
  9. Quellenverzeichnis

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