Sozialwissenschaftliche Analysen von Bild- und Medienwelten
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Sozialwissenschaftliche Analysen von Bild- und Medienwelten

  1. 305 Seiten
  2. German
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Über dieses Buch

The analysis of moving and still images with regard to their social, cultural and political role is becoming increasingly important in the social sciences. In the meantime, a variety of theoretical and methodological approaches to image and film analysis are available, which also spur each other. While some of them are already established in the German-speaking and/or international scientific world, others are breaking new theoretical and methodological ground.

In this volume, scientists of the research focus "Visual Studies in the Social Sciences" at the University of Vienna present various approaches that are applied in the disciplines of political science, sociology, media and communication studies as well as cultural and social anthropology. They range from sociological-hermeneutic approaches and reconstructions using the documentary method to multimodal analysis and ethnographic analyses as well as film analyses to participatory approaches and a visual essay. Based on theoretical considerations, their implementation is shown using a concrete example in each case. The aim is to demonstrate concrete empirical analyses and their methodological foundations. The examples relate to different visual media, different social contexts and a variety of subject matters. The volume contains contributions in German and English and provides an insight into the wide field of approaches to the analysis of visuals in the social sciences.

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Teil IV Bewegtbildanalysen – Geschlechterbilder in Film und Politik

7 Soziologisches Filmlesen. Methodologische Konzeption und Praxisanleitung anhand der Beispielstudie „Sexarbeit in ausgewählten österreichischen Kino-Spielfilmen“

Irene Zehenthofer
Eva Flicker

7.1 Einleitung

Der vorliegende Beitrag stellt Soziologisches Filmlesen (SFL) als Analyseverfahren vor und wendet es auf eine explizit für den vorliegenden Text angefertigte Beispielstudie methodisch an. SFL ist ein Forschungsansatz, der sich soziologischem Erkenntnisinteresse folgend mit Spielfilmen und spielfilmübergreifenden Bedeutungskonstruktionen befasst und so im Sinne einer diskursanalytischen Perspektive einen Blick über einen größeren Zeitraum und/oder ein größeres Filmsample ermöglicht. In der Vielzahl filmanalytischer Verfahren verfolgen soziologische Zugänge unterschiedliche Perspektiven; SFL zählt zur inhaltsanalytischen und repräsentationsorientierten „Soziologie durch den Film“ (Heinze 2015, 88 ff.) und integriert, wenn auch in untergeordneter Weise, Aspekte der „Soziologie des Films“ (Heinze 2015, 82, vgl. Flicker und Zehenthofer 2018). Mit „Soziologie durch den Film“ wird ein soziologischer Blick auf Gesellschaft bezeichnet, der durch Film hergestellt wird. Untersucht wird „wie soziologische Erkenntnispotenziale anhand der filmischen Vermittlung zentraler soziologischer Themenfelder […] sichtbar gemacht und repräsentiert werden, wie Interpretation und Kritik sozialer Zusammenhänge in der Art und Weise einer bestimmten Darstellung transparent werden“ (Heinze 2015, 88 f.). Die „Soziologie des Films“ erfasst Filmschaffen als soziales System, widmet sich dem vielschichtigen Zusammenhang des Films mit seinen „sozioökonomischen Grundstrukturen“ (Heinze 2015, 82) und fragt unter anderem danach, „wie sich das Feld des Films […] hinsichtlich seiner Produktions‑, seiner Distributions- und seiner Rezeptionsbedingungen beschreiben und strukturell erfassen lässt“ (Heinze 2015, 86).
SFL versteht und analysiert Filme als Produkte und Dokumente kollektiver, (lokal)historischer und verwertungsorientierter Gestaltung von Kunst. Grundsätzlich konzentriert sich die Analyse des SFL auf das fertige Produkt Film. Die Schritte und Entscheidungen des künstlerischen Schaffensprozesses selbst sind daher in der Regel nicht Teil der Untersuchung. Ebenso erfasst die Kontextualisierung des untersuchten Materials üblicherweise -- nach Maßgabe des Erkenntnisinteresses und des jeweiligen Forschungsrahmens -- nur generelle soziokulturelle, ökonomische, rechtliche und filmwirtschaftliche Rahmenbedingungen. Je nach Forschungsdesign ist es jedoch denkbar, die Untersuchung auch auf eine Auseinandersetzung mit den Hintergründen der Entstehung der einzelnen Filme auszudehnen.1
Der Beitrag beginnt mit einführenden Bemerkungen zum Forschungsgegenstand (Spielfilm), erläutert das Erkenntnisinteresse des SFL und stellt danach den Forschungsansatz an der Beispielstudie „Sexarbeit im österreichischen Kino-Spielfilm“ vor.

7.2 Theoretisch-methodologische Verortung des Soziologischen Filmlesens

7.2.1 Gegenstand und Erkenntnisinteresse

In ihrer Eigenschaft als erzählende Medien setzen sich Spielfilme aus ineinandergreifenden materiellen und immateriellen Aspekten zusammen: Dem materiellen audiovisuellen Artefakt Film, das aus gezielt aneinander gereihten, fixierten Laufbildsequenzen besteht, ist der filmische Inhalt als immaterielle, je nach interpretativer Auslegung differenziert lesbare, Information eingeschrieben. Auf Grundlage des Zusammenspiels der audiovisuellen Präsentation, der strukturellen Anordnung sequenziell aufeinanderfolgender Darstellungen und deren Ereignisverläufen, vermitteln Spielfilme konkretisierbare Ideenzusammenhänge, die die Filmhandlung bilden und Bedeutungskonstrukte nahelegen. Diese Funktion des sinnstiftenden Erzählens bildet ein Kernmerkmal des Spielfilms. Die Eigenschaft der Sinnproduktion macht Spielfilme gesellschaftlich populär und zugleich auch soziologisch bedeutsam, weil sie Ideen und Vorstellungen von – unter anderem – gesellschaftlichen Verhältnissen mit filmstilistischen Mitteln artikulieren.
Filmisches Erzählen – nicht zu verwechseln mit Erzählen im Film, welches auf der Handlungs- und Figurenebene erfolgt – erstreckt sich über die gezielt präsentierte, sukzessive Vergabe audiovisueller Hinweise und Andeutungen, aus denen sich erst durch den geistigen Akt des Handlungsverstehens (Interpretation) eine zusammenhängende Erzählung bildet, die aus Ästhetik und Narration besteht. So besehen, lassen sich Spielfilme, aber auch Fiktion-Serien, als Gegenstände begreifen, deren wesentliche Erscheinungsform sich in Betrachtung, Deutung und Reflexion realisiert: Filme entstehen vor allem in den Köpfen ihrer Betrachter*innen (Borstnar, Pabst und Wulff 2002, 18, Wulff 2011, 223).
Indem sich Spielfilminhalte erst im Zuge ihrer Wahrnehmung, aus einer im innerlichen Verstehensakt bestehenden Distanz zwischen dem filmischen Objekt (Darstellung) und dem (wahrnehmenden) Subjekt entfalten, markieren und eröffnen sie potenzielle Denk‐2 und Interpretationsräume – sie sind Orte kreativer Sinnkonstruktion (vgl. Wedepohl 2014, 21).
Bei aller Polysemie filmischer Erzählungen sind filmische Sinnkonstruktion und -rekonstruktion jedoch keine ausschließlich individuellen oder gar beliebigen Vorgänge. Sowohl auf der Ebene der Produktion als auch jener der Rezeption ist die Entstehung von narrativen Filmen stets an intersubjektive Logiken, (kollektiv) geteilte Wissensbestände und Denkstile gebunden.3 Die Gestaltung und der Aufbau von Spielfilmnarrationen sind in der Regel darauf ausgerichtet, kognitiv anschlussfähige, überindividuell verständliche Darstellungen zu generieren, indem sie an Erfahrung und Wissen von Filmschaffenden und Rezipient*innen anknüpfen (vgl. Hartmann und Wulff 2007, 193). Die Fähigkeit, zusammenhangstiftende filmische Sinnbildungsprozesse, die jeweils auf der Art und Anordnung der Informationsvergabe im Filmverlauf beruhen, zu erfassen und zu deuten ist als kulturell erlernte Kompetenz – also als visual literacy (Hall 1980) – anzusehen. Zum einen referieren filmisch vermittelte Informationen – im Sinne von Inhalten und Ästhetiken – auf außerfilmische Kenntnisse, zum anderen stellen die tradierten Praktiken narrativen Audiovisualisierens kulturell hervorgebrachte und angeeignete Formen medientypischer Kommunikation dar. Im Laufe der Filmgeschichte haben traditionsreiche Erzählverfahren im Spielfilm, insbesondere in der Mainstream-Filmkultur, Konventionen wie etwa Erzählmodi und Plot-Rhythmen ausgebildet, die es dem Publikum erleichtern, Zusammenhangskonstruktionen und Bedeutungsbildungen nachzuvollziehen (vgl. Eder 2007, 8 ff., vgl. Schick 2018, 120 f.). Filmanalyse als theorievermittelte und systematisch angeleitete Filmrezeption ist als Tätigkeit „[…] Ausdruck einer Kompetenz […] den Strategien nachzuspüren, in denen hier einem Gegenstand des Denkens (nicht unbedingt künstlerischer) Ausdruck verliehen wird“ (Wulff 2011, 220).
Für die repräsentationsorientierte filmsoziologische Forschung ist interessant, wie soziale Lebenswelten in fiktionalen Filmerzählungen inhaltlich gestaltet werden. Dies erfolgt als Konstruktion von Bedeutung und Wertung, indem Ereignisse, soziale Kontexte, Figuren und Zusammenhänge filmisch eingebettet werden. In Spielfilmen findet stets eine Beurteilung sozialer Verhältnisse, respektive soziologisch relevanter Themen statt.4 Ihre Wahrnehmung und Deutung ist nicht generalisierbar, es ist jedoch davon auszugehen, dass Rezipient*innen eines ähnlichen Zeit- und Kulturkreises filmisch vermittelte Informationen in durchaus vergleichbarer Weise dekodieren (vgl. Hartmann und Wulff 2007, 193).
Nachdem filmisches Erzählen Ergebnis einer kollektiven, kontextgebundenen Kulturpraxis ist, können die charakteristischen Ausprägungen der Themenverhandlungen von Spielfilmen, wie auch ihrer Wahrnehmung, als (seismografischer) Ausdruck der in diesem Entstehungs- und Verwertungsrahmen kursierenden Ideen, Haltungen und Vorstellungen begriffen werden. So gerinnen in der Gestaltung filmischer Erzählungen zeitgenössische Positionen, Auf‌fassungen und Denkweisen über soziale Verhältnisse zu künstlerisch fixierten Ausdrucksformen.5
Erst in einer größere Zeitspannen umfassenden filmübergreifenden Gegenüberstellung werden charakteristische zeithistorische Aspekte der filmischen Verhandlung bestimmter Themen sichtbar (vgl. Kracauer 19846, Osterland 1998). Eine vergleichende inhaltsanalytische Untersuchung erlaubt Rückschlüsse auf die soziokulturell und kulturpolitisch geprägte Relevanz, die bestimmten Themen in dem betreffenden filmischen Produktionskontext zuerkannt wird (welcher Film wird mit welcher Mittelausstattung gefördert bzw. produziert). Zudem nimmt sie Ausprägungen intersubjektiv und kollektiv anschlussfähiger sozialer Zuschreibungen und Wertungstendenzen in den Blick, die im Zuge der Verhandlung bestimmter Themen erkennbar werden (filmisches Erzählen).
Der Untersuchungsgegenstand des SFL sind filmische Erzählungen eines konkreten Entstehungs- oder Verwertungsumfeldes. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht allerdings primär der immaterielle Aspekt des Films, d. h. dessen inhaltliche Bedeutungskonstruktionen im Rahmen der narrativen Verhandlung einer Gesellschaftsdarstellung (Soziologie durch den Film). Auf der Basis des formulierten Erkenntnisinteresses geht SFL über Einzelfilm-Analysen und eine anschließende filmübergreifende Gegenüberstellung folgenden Fragen nach:
  • Was wird gezeigt: In welchen thematischen Kontexten wird das erkenntnisrelevante Thema in den Filmerzählungen aufgegriffen?
  • Wie wird das erkenntnisrelevante Thema verhandelt (das heißt filmisch umgesetzt): In welche argumentativen Zusammenhänge wird es durch (a) die Struktur und bestimmte visuelle Aspekte der Erzählung, (b) die Figurendarstellung, (c) die Handlung gestellt?
  • Welche erkenntnisrelevanten Bedeutungskonstruktionen lassen sich daraus erschließen?
  • Welche Werturteile in Bezug auf das verhandelte Thema werden nahegelegt?
Entlang dieser Fragen werden die...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Danksagung
  5. Einleitung
  6. Introduction
  7. Teil I Visuelle Segmentanalyse – Ein bildhermeneutischer Zugang zu privaten und öffentlichen Bildwelten
  8. Teil II Dokumentarische Methode in medienwissenschaftlicher Perspektive
  9. Teil III Ethnografische Untersuchungen visueller Medienpraktiken
  10. Teil IV Bewegtbildanalysen – Geschlechterbilder in Film und Politik
  11. Teil V Partizipative visuelle Forschung
  12. Teil VI Erkundungen mittels eines Visual Essays

Häufig gestellte Fragen

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