Erzählen ist ein ubiquitäres Kommunikationsphänomen.1 Die Ubiquität des Erzählens gilt für die gesamte Vielfalt an Gesprächen, die wir als Menschen in unserer sozialen Welt führen. Im Alltag sind unsere Geschichten die Grundlage für einen täglichen Austausch mit unserer Familie und mit unseren Freunden.2 Indem wir erzählen, kommen wir mit Bekannten und Unbekannten ins Gespräch. Im Berufsleben bestreiten wir Vorstellungsgespräche mit strategisch wohlkonstruierten Narrativen, wir wiederholen den Gründungsmythos unseres Unternehmens in der Betriebskantine und wir konstatieren die Entwicklung unseres Teams oder unserer Abteilung durch gemeinsame Erzählungen.3
Die Spannbreite der Geschichten, die wir in Gesprächen erzählen, ist dabei groß: Wir erzählen von komischen Ereignissen, traurigen Erlebnissen, zwischenmenschlichen Verwerfungen, aufregenden Urlaubsreisen, Veränderungen an unserem Arbeitsplatz und Entwicklungen unserer eigenen Identität.4 Während Ereignisse, die unsere Alltagserfahrung durchbrechen, besonders produktives Material für Geschichten bieten und uns nachhaltig motivieren, diese Geschichten bei unterschiedlichen Anlässen zu wiederholen, kann der Alltag selbst zum Gegenstand unserer Geschichten werden.5 Im Austausch mit unseren Mitmenschen erzählen wir vom Besonderen ebenso wie vom Gewöhnlichen. Wir erzählen lang, kurz, allein und gemeinsam.6 Wenn wir erzählen, richten wir unseren Blick meist in die Vergangenheit, dann erinnern wir uns, aber wir schauen auch nach vorne, entwerfen durch Narrative Zukunftsszenarien oder konstruieren mit unserer Fantasie und unserem Vorstellungsvermögen mögliche Welten.7
So groß die Spannbreite der Geschichten ist, die wir uns im Gespräch erzählen, so unterschiedlich sind auch die Funktionen dieser Geschichten. Erzählen kann eine kommunikative und eine soziale Funktion haben: Wir erzählen, um uns gegenseitig zu unterhalten, um Gemeinschaft zu stiften und manchmal auch nur, um die Kommunikation mit unseren Gesprächspartnern einfach nicht abbrechen zu lassen.8 Erzählen kann auch eine psychologische Funktion haben: Wir erzählen, um persönliche Probleme zu bewältigen, um soziale Bestätigung zu erhalten oder um uns der eigenen Identität zu vergewissern.9 Darüber hinaus kann Erzählen auch eine rhetorische Funktion haben: Wir konstruieren Geschichten, um Evidenz für unsere Argumente zu schaffen, um ein bestimmtes Image für uns zu beanspruchen oder um unseren Gesprächspartner positiv zu stimmen.10
Erzählen im Gespräch ist also neben einem kommunikativen, sozialen und psychologischen Phänomen auch ein genuin rhetorisches. Die Kommunikationsfelder, in denen wir in Gesprächen rhetorisch erzählen, sind dabei sehr breit gestreut: In der Unternehmenskommunikation spielt Erzählen in Verkaufsgesprächen, im Assessment Center oder in Change-Prozessen eine tragende Rolle.11 In der politischen Kommunikation kommt Erzählen insbesondere in Verhandlungssituationen eine entscheidende Bedeutung zu.12 Innerhalb der Alltagskommunikation hat Erzählen für den Aufbau von (romantischen) Beziehungen oder bei der Bewältigung von Streitgesprächen eine zentrale Funktion.13 Erzählen ist somit ein elementarer Baustein von Alltagskommunikation. Es wird im Alltag also dann zu einem wichtigen rhetorischen Instrument, wenn der rhetorische Fall im Gespräch eintritt, d.h., wenn sich die Gesprächsteilnehmer von einer Sache überzeugen möchten oder wenn sie konkrete Gesprächsziele verfolgen, die die Überwindung von Widerständen erfordern.14
1.1 Zielsetzung
Aus Sicht der Gesprächsrhetorik ist Erzählen nicht nur ein ubiquitäres Kommunikationsphänomen, sondern ein zentrales rhetorisches Mittel, das in einer Vielzahl von unterschiedlichen Gesprächssorten zum Einsatz kommt. Die Heterogenität des Erzählens macht es der Gesprächsrhetorik nun nicht leicht, einen systematischen Zugriff auf die Rhetorizität des Erzählens zu finden. Die Herausforderung lässt sich so formulieren: Erzählen ist in Gesprächen zwar allgegenwärtig, die Realisierungsformen des Erzählens sind dabei aber genauso unterschiedlich wie die rhetorischen Funktionen konkreter Narrative und der Inhalt der hervorgebrachten Erzählungen.15 Bevor über eine spezifische rhetorische Leistungsfähigkeit des Erzählens in konkreten Gesprächen reflektiert werden kann, stellt sich daher zunächst die grundlegende Frage, wie das rhetorische Potenzial von Erzählen im Gespräch systematisch erfasst und beschrieben werden kann.
Die Notwendigkeit, einen allgemeinen analytischen Rahmen zur Beschäftigung mit rhetorischem Erzählen im Gespräch zu schaffen, ist insbesondere deswegen gegeben, weil die noch junge Gesprächsrhetorik das Erzählen als rhetorisches Werkzeug bisher noch nicht in den Blick genommen hat. Einzelne Beiträge, die das Erzählen als argumentativen, persuasiven oder eben rhetorischen Akt untersuchen, sind die Ausnahme.16 Dies hat historische, aber auch methodische und fachspezifische Gründe.17 Die Gesprächsrhetorik ist innerhalb der modernen Rhetorikforschung ein neues und noch kleines Forschungsfeld. Sie befindet sich mit einer eigenen Theoriebildung erst in der Entwicklung.18 Während die konversationsanalytisch orientierte Gesprächsforschung das Erzählen schon früh zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht hat, ist Erzählen für das noch junge Feld der Gesprächsrhetorik also Neuland.19
Um dieses Neuland zu betreten, strebt diese Arbeit die Entwicklung eines analytischen Rahmens an, mit dem sich das rhetorische Leistungspotenzial des Erzählens jenseits einer speziellen Gesprächsart systematisch beschreiben lässt. Dieser analytische Rahmen wird im Folgenden FRANC genannt: Framework for Rhetorical Analysis of Narratives in Conversations. Durch das FRANC soll eine Systematik von analytischen Modellen bereitgestellt werden, die die Gesprächsrhetorik für weitere Analysen arbeitsfähig machen. Um diese Arbeitsfähigkeit zu erhöhen, wird neben der Konzeptualisierung von analytischen Modellen ein Katalog an praktischen Leitfragen ausgearbeitet. Durch die Systematik von analytischen Modellen sowie den praktisch orientierten Leitfragenkatalog erhält die Perspektive der Gesprächsrhetorik eine erste wohljustierte Ausrichtung.
Die Konzeptualisierung analytischer Modelle sowie die Formulierung konkreter Leitfragen kann nicht a priori erfolgen, die angestrebte gesprächsrhetorische Perspektive muss vielmehr dialektisch und reflexiv durch Detailanalysen von konkreten Gesprächen in einem close reading entwickelt werden. Für solche Detailanalysen bietet das zweite Teil-Korpus der Tübinger Courtship-Forschung einen hervorragenden empirischen Ausgangspunkt. Bei diesem in einem DFG-Projekt experimentell entstandenen Gesprächskorpus handelt es sich um eine Sammlung von Partnerwerbungserstkontaktgesprächen. Genauer beschrieben sind die Gespräche Erstbegegnungen, die einen rhetorischen Fall darstellen, da einem der beiden Gesprächsteilnehmer qua Versuchsanordnung der strategische Aufbau einer romantischen oder sexuellen Beziehung nahegelegt wird.20 Aus einer Alltagssituation heraus entwickelt sich Courtship-Kommunikation.
Während der Untersuchungsfokus der Tübinger Courtship-Forschung die Courtship-Kommunikation selbst ist, hat jene spezifische kommunikative Gattung für diese Arbeit nur exemplarischen Charakter. Fokuspunkt ist wie gerade beschrieben die Entwicklung des FRANC, also eine Systematik von Modellen zur Analyse des rhetorischen Erzählens jenseits eines bestimmten Gesprächstypus. Für die Entwicklung dieser analytischen Modelle findet daher bewusst eine Transferleistung statt: In der theoretischen Konzeptualisierung des FRANC wird über das Phänomen Courtship-Kommunikation hinausgegangen. Nichtsdestoweniger stellt das gewählte Teil-Korpus der Tübinger Courtship-Forschung für die Reflexion von rhetorischem Erzählen ein besonders geeignetes Datenmaterial dar, denn in diesem Gesprächstypus wird sowohl die Heterogenität des Erzählens sichtbar als auch die Komplexität seiner rhetorischen Funktionszusammenhänge.
Mit der Entwicklung des FRANC möchte die Arbeit auch einen neuen Impuls für die Gesprächsrhetorik geben. In der Ausarbeitung der konkreten Analysemodelle wird argumentiert, dass die Integration sozialpsychologischer Konzepte und Kategorien gesprächsrhetorisch von höchster Relevanz ist und einen Erkenntnisgewinn bringt, der mit einem rein konversationsanalytischen Paradigma, das als analytisches Instrumentarium nur Alltagskonzepte zulässt, nicht zu erreichen ist. Um die Entwicklung des FRANC für den Leser nachvollziehbar zu machen, soll nun zuerst die rhetorische Forschungsperspektive konturiert werden. Anschließend wird die verwendete Datenbasis vorgestellt: Das Tübinger Courtshiprhetorik-Korpus wird also näher beleuchtet. Abschließend wird der weitere Aufbau der Arbeit und damit die genaue Struktur des FRANC aufgezeigt.
1.2 Forschungsperspektive
Die in dieser Arbeit eingenommene Perspektive ist die der Gesprächsrhetorik. Die fachliche Perspektive der Gesprächsrhetorik unterscheidet sich sehr stark vom theoretischen Blickwinkel der allgemeinen Gesprächsforschung. Während sich die allgemeine Gesprächsforschung für den interaktionalen Zusammenhang von Gesprächen interessiert, fokussiert die Gesprächsrhetorik Überzeugungsprozesse im Gespräch.21 Mit ihrer besonderen Fachperspektive geht für die Gesprächsrhetorik auch eine spezifische theoretische Modellierung der Gesprächssituation einher. Diese theoretische Modellierung soll nun kurz vorgestellt werden, denn sie ist die Voraussetzung des im weiteren Verlauf der Arbeit entwickelten FRANC.22
1.2.1 Der Orator als Ausgangspunkt der Rhetorik
Um Überzeugungsprozesse im Gespräch theoretisch erfassen zu können, konzipiert die Gesprächsrhetorik einen Gesprächsteilnehmer als Orator, der mindestens einen anderen Gesprächsteilnehmer, den Adressaten, von einer Sache überzeugen möchte.23 Vom Orator ausgehend fokussiert die Gesprächsrhetorik den Aufbau, die Festigung oder die Veränderung von Überzeugungen, Einstellungen oder Verhaltensweisen des Adressaten im Kontext des turn taking.24 Knape präzisiert die theoretische Grundlagenperspektive der Rhetorik daher folgendermaßen:
Der Orator, den man auch den strategischen Kommunikator nennen könnte, ist der archimedische Punkt der Rhetoriktheorie. In ihrem Rahmen ist er als abstrakte Größe zu sehen, als theoretisches Konstrukt, das sich analytisch aus der Untersuchung verschiedener Diskurse gewinnen und unter verschiedenen Perspektiven betrachten lässt: als kognitives Kalkül, als soziale Handlungsrolle oder als Kommunikationsfaktor und textkonstruierende Instanz.25
Die Gesprächsbeiträge des Orators sind aus Sicht der Rhetorik strategisch auf den Adressaten zugeschnitten. Die Rhetorik postuliert in ihrer Perspektive dabei eine innere Gewissheit (Zertum) des Orators bezüglich seines Ziels (telos).26 Mit Blick auf dieses rhetorische Ziel passt der Orator seine Gesprächshandlungen an. Knape spricht in seiner Rhetorikth...