
- 144 Seiten
- German
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eBook - ePub
Anna - Ein ländliches Liebesgedicht
Über dieses Buch
Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann erzählt in diesem Werk nicht nur eine berührende Geschichte über junge Liebe, sondern auch über Verlust, Fehler, und Familie.
Der junge Luz besucht nach langer Zeit seine Tante und seinen Onkel auf dem Land. Hier macht er die Bekanntschaft von Anna Wendland – Luz verliebt sich auf den ersten Blick in die hübsche und stolze junge Frau. Doch ist seine Auserwählte wirklich, was sie vorgibt zu sein? Luz ringt mit seinen Gefühlen, und auch seine Verwandten bekommen es immer wieder mit den Geistern der Vergangenheit zu tun. Werden alle am Ende ihr Glück finden?
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Information
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ClassicsFünfter Gesang
Lieblich war es, das Kirchlein zu Dromsdorf, und lieblich der Kirchhof! Als die Pforte des Gräbergartens der Jüngling erreichte, stak der Schlüssel im Schloss, wo Frau Julie zurück ihn gelassen. Und es wichen sogleich die Flügel dem leisesten Drucke, allerdings mit Seschrill ihrer rostigen Angeln. Und Luz hielt schnell sie an, fast bestürzt, denn im Kirchlein spielte die Orgel Lehrer Krause und klang Tante Juliens herrliche Stimme. Luz war frisch und aufatmend geschritten, mit festlicher Seele über Land. Und je näher dem Ziel, um so deutlicher sah er Erwins liebe Gestalt, seines treuen Sespielen von einstmals. Ganz so leuchtend wie heut war der Tag, und ebenso brauste die ehrwürdige, mächtige Linde, ein Wächter der Kirchtür, denn sie blühte wie heut und es schwelgten in Nektar die Bienen: nämlich damals, als schwarz von Menschen der liebliche Kirchhof war, und überall Schluchzen ertönte bei Erwins Bestattung. Wieder stand Luz im Geist am geöffneten Grabe, wie damals. Hochher kam, wie ein Schiff, gewankt durch den Garten des Todes, vom Geschmetter der Vögel umjauchzt, der graue Metallsarg. Abgesetzt schon am Rande der Gruft dann, seit mancher Minute harrte er auf die Mutter des Toten, die zwischen dem Satten und dem Freiherrn von Schulz mehr hängend als gehend herankam. Nicht ein Laut entrang sich der ehrfürchtig harrenden Menge, als man mit vieler Geduld und unsäglicher Mühe Frau Julien half, den furchtbaren Weg vom Kirchenportale zum Grabe zu bestehn und das Letzte zu dulden bei voller Besinnung. Mit Entschluss und zusammengebissenen Zähnen befreite Luz sich nun von dem innren Gesicht, das ihn völlig in Bann schlug, und der Friede des Orts besänftigte bald sein Gemüte.
Und es kam nun gestürmt durch den singenden Garten des Todes Thea, die Waise, das Kind, der muntere Pflegling der Schwarzkopps, warf sich hoch und umschloss mit Armen und Beinen den Jüngling: ihn umspülte das Haar, er fühlte die Lippen des Wildfangs überrascht und beschämt auf den eignen. Sie saugten sich gierig fest, es entrang sich der Brust des Mägdleins ein lustvolles Wimmern. Und wahrhaftig ein Biss — schon empfand er das Mal ihrer Zähne. Katze, rief er und machte sich frei von der Klammer des Kindes. Seltsam ward ihm dabei, als hab’ es wahrhaftig gegolten, abzuwehren den Raub am Gedächtnis des Toten und mehr noch an dem heilig verborgnen Sebeimnis, das Luz in der Brust trug. Doch mit feindlichem Blick, als wisse sie, was in ihm vorging, kenne auch die Rivalin genau, so stand Thea nun vor ihm, und bevor er sie noch begütigen konnte, entsprang sie.
Wo die westliche und die südliche Mauer des Kirchhofs sich einander im Winkel vereinten und also den Einbruch einer bläulichen Flut leislispelnd herwogender Ähren gleichsam stauten, vor Äberschwemmung die Gräber beschützend, dort, ein besonderes Gärtlein, befand sich die Stätte, wo Erwin schlief in gemauerter Gruft und bestattet in erzenem Sarge. Am den Hügel, fast ganz unter schwärzlichem Efeu verborgen, frisch gerecht lag der Kies, bis zum Buchsbaum der blumigen Borte, die ein Gitter umschloss, mit Sorgfalt gebildet vom Dorfschmied. Ein gewaltiger Strauss Vergissmeinnicht lag auf dem Grabe, von der Mutter gepflückt, am Rain, auf dem Hergang nach Dromsdorf. Leise trat Luz hinzu, als gelt’ es, den kindlichen Schläfer nicht zu wecken, und liess auf der Steinbank sich nieder, die dastand. Kaum, dass Luz sich gesetzt, so verstummte im Kirchlein die Orgel, gleich als wär’s auf Seheiss, und es war nun um Luz eine Stille, tief verhalten, als ob sich Himmel und Erde vereinten in dem heil’gen Beschluss, nicht die Andacht des Jünglings zu stören.
*
„Dein, Herr Jesu,” so stand in Gold auf dem schwarzen Granitkreuz, das, gebettet in Efeu, bedeckte den länglichen Hügel: eben das nämliche Wort, das um Erwins Bildnis gestickt war. Oh, es kannte genau die Geschichte des düsteren Denkmals Luz, der Eleve von einst, und es grüsste von ferne der Streitberg, wo das ernste Gestein man gebrochen im mächtigen Steinbruch. Immer wieder beriet man im häuslichen Kreise der Schwarzkopps Inschrift, Stoff und Gestalt dieses Epitaphiums, eh’ es dann in Angriff genommen und also vollbrachte der Steinmetz. Nun erschien es im Haus und wurde im besten Gemache aufbewahrt, wo es lag, den Hausraum belastend mit Grufthauch. Doch dies war nun vorbei, und der Bann war gesprengt und das Auge Luzens trübte sich nicht im erneuerten Anblick des Denkmals. Freilich ward ein Erinnern geweckt, aber nur an das Dasein. Und die lebendigste Liebe war’s, welche vor allem geweckt ward. Ja, sie drang in die Gruft, doch siehe, sie fand keinen Leichnam. Aufgeflogen, entschwebt, und doch in beglückender Nähe schien der selige Knabe, der Bruder, der Freund und der Liebling. O Gespiele, wie spielten wir doch den glückseligen Tag durch, unersättlich in Lust: und wahrhaftige Lust ist das Spiel nur. Kind und Künstler und dann die seligen Götter im Himmel, sie geniessen das Recht allseliger zweckloser Spiele. „Dein, Herr Jesu!” Jawohl, ich sehe dich schreiten an seiner mild-allmächtigen Hand, er führt durch das wogende Korn dich. Es erhascht noch mein Blick einen Zipfel bewegter Gewandung deines himmlischen Kleids, womit dich der Heiland geschmückt hat: Glücks genug sein Smaragd, sein Azur, sein Sepränge von Blumen, seine Juwelen, und, Gold über Gold, den goldfeurigen Kronreif . . . Glücks genug nur zu sehn einen flüchtigen Glanz dieses Prunkstücks, und zu ahnen die Pracht in den ewigen Orten der Gottheit. Sei bedankt, paradiesischer Freund, für den himmlischen Anhauch. Süss, fast stechend, durchdringt unirdische Wonne die Brust mir. Wie das Kind auf der Schaukel aufjauchzet im seligen Schwunge hochgetragen, so treibt es zu jauchzen auch mich und ein Kitzel will mich, wie es mir scheint, mit den Wonnen des Himmels verschwistern.
Ach, schon da, guter Luz! klang plötzlich die Stimme der Tante. Und wahrhaftig, es siel aus den Wolken durchaus der Semeinte. Sie indessen fuhr fort: Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Jüngst beklagte sich nämlich auf drollige Weise ein Schulfreund unseres Erwin, er war zum Besuche in Rosen und wohnte so wie du jetzt mit Just, meinem seltsamen Bruder, zusammen. Schnarcht er wirklich so laut, wie es neulich der Jüngling behauptet? Hast du auch wohl wie dieser nachtüber kein Auge geschlossen? Damit war ins Geheg der Umzäunung getreten die Gutsfrau, liess sich nieder aufs Knie, sogleich, um den Hügel zu jäten, und entfernte mit sachlichem Eifer, als sei sie beauftragt mit der Pflege des Grabes, verdorrtes Seranke im Efeu. Nein, ich schlief wie ein Stein und beklage mich nicht über Onkel Just, der in keinem Betracht meine nächtliche Ruhe gestört hat. Stockend brachte hervor diese nüchternen Worte Luz Holtmann, dass er aber sie sprach, kaum wusste davon seine Seele. Wunderbar, diese Frau, so erwägt er bei sich, heut und damals, wie verändert das Bild. Beinahe gefühllos erscheint heut, die ich einst an dem nämlichen Ort wie von Schwertern durchbohrt sah. Rauft und reisst sie nicht Ranke und Blatt mit gleichgültiger Hand aus? Klingt ihr Reden nicht hart, als habe in ihr nie Empfindung, niemals Seele vibriert. Luz sieht sich ernüchtert, ist fremd hier. Eine Stille tritt ein, eine peinliche. Peinlich zu bleiben und nicht minder zu gehn. Gleich peinlich zu schweigen, zu reden! Doch am Ende, um etwas zu sagen, und so seinen Zustand irgendwie zu verändern, erklärt er, es sei ihm unmöglich, vorzustellen den Tod! er begreife nur immer das Leben! Antwort gibt ihm ein Laut aus Frau Juliens Munde, er sagt ihm: Wohl, du sprachst und ich hab es gehört, aber was du gesprochen ist gewiss nicht für mich. Doch halte es, wie es dich gutdünkt. Alles scheint mir mitunter untrennbare Einheit, sprach Luz nun, und so ist, kommt mir vor, in allem auch alles zu finden: das Entschwundene nicht nur, vor allem in allem die Gottheit. — Nein, man darf nicht das Werk anstatt seines Schöpfers verehren, sprach, als streife sie nur ein Spinnweb sich etwa vom Ärmel, drauf Frau Julie. Tante, begann jetzt der Neffe aufs neue, mich durchdringt fast Gewissheit, dass Erwin uns hört und uns nab ist. Freilich ist er uns nah, denn er schläft ja hier unten im Grabe, sprach die Tante so schlicht, als wie etwa: heut ist sein Geburtstag. Und sie fügte hinzu: Hier ist ja der Ort und sonst nirgend, wo ihm zu hören den Ruf der Posaune des Jüngsten Gerichtes von dem himmlischen Vater und unserem Heiland bestimmt ward. Nun, so schläft seine Seele der ewigen Freude entgegen, sagte Luz. Und Frau Julie ergänzte: Ich baue auf Jesum.
Jetzt nun drang ein schneidender Laut durch die Stille des Friedhofs, unterbrach das Gespräch und lenkte die Blicke der Tante in der Richtung des rostigen Pförtchens, zum Eingang des Kirchhofs: stammte doch das Geräusch, das schrille, von dort her. Es hatte seinen Flügel gedreht das Pförtchen in rostiger Angel. Nein, nicht selber! Das tat die Hand eines himmlischen Cherubs, der in einem Gewimmel von Glanz in das Dunkel hereintrat. Beim allmächtigen Gott! Und wie war es nur möglich, dass Tante kühl hinsagte: Es ist Anna Wendland. Es geht wohl auf Mittag. Unser Käser wohnt hier in Dromsdorf. Sie hatte um elf Uhr bei dem Manne zu tun und versprochen, mich auf dem Rückweg hier zu treffen. Sie schloss: Nun, da sind Sie ja schon, liebe Anna. Langsam schreitend kam Anna herüber. Sie trug einen Buschen Flieder, grüsste, nur leicht das Haupt und die Lippen bewegend. Keine Miene verzog ihr Angesicht. Nur dass die Flügel ihrer Nase, so fein wie Schmetterlingsflügel, erbebten. Nicht Frau Julien gab sie den Strauss feuchtduftender Blüten, wenngleich diese danach unwillkürlich gegriffen. Sie brachte selbst dem Toten ihn dar, ihn vernestelnd im wuchernden Efeu. Still geschah’s, ohne Wort und auch ohne dass eine Bewegung des Gemütes in ihr sich irgendwie hätte verraten. Nein, dies hatte wohl doch, erkannte jetzt Luz, nur den Anschein, denn jetzt löseten Tropfen sich los von der Wimper des Mädchens, quollen reicher und rannen die rosigen Wangen herunter. Und den Jüngling beschleicht ein befremdliches Fühlen. Wie kann sie solchen Schmerz dem Verstorbenen weihn, den sie gar nicht gekannt hat? so erwägt er. Entweder der Vetter, der einst ihn im Leben durch die Fülle des äusseren Reizes und innerer Gaben schon verdunkelt, er übte die Macht noch über das Grab aus — oder war es ein anderer Verlust, der dem Mädchen im Sinn lag? Dann entriss ihr vielleicht einen Bruder der Tod, auch wohl einen, der ihr mehr als ein Bruder gewesen. Doch wie es auch immer sich verhielt, Luz empfand es als Raub an dem eignen Besitze, wer auch immer Tribut solcher Schmerzen und Tränen dahinnahm.
Tut mir jetzt den Gefallen und geht, gute Kinder: ihr kennt ja meine Gangart, ich hole euch ein. Zu den Krauses hinüber spring ich schnell noch einmal und hole mir Thea, den Tollkopf. Schwer ist’s manchmal mit ihr, und schwer war es heute besonders, sie zur Stunde dem Herrn Präparanden ins Schulhaus zu liefern! So Frau Julie. Und sie liebkoste das Grab mit dem Blick noch eh’ sie schied, einem Blick, der die Woge unnennbaren Grames, die aus Tiefen emporbegehrte, gewaltsam zurückhielt. Danach wandte sie sich, mit befreiendem Seufzer die Fassung neu gewinnend, und ging, durch ein Pförtchen der Mauer entschwindend.
Luz, wo blieb dein Latein, als du nun mit der Jungfrau allein warst? die, so kam es dir vor, von dir überhaupt nicht Notiz nahm. Ja, wo blieb dein Latein? Es entschloss sich kein noch so geringes Wort, sich finden zu lassen, in einer Verfassung, darin du sein bedurftest, als wie eines Hellers im Laden des Bäckers, dessen bedarf, der vor Hunger und Armut beinahe verschmachtet. Grüble, grüble nur Freund, deine Lage ist ernst und du fühlst es, denn es heisst nun: erweise dich, Schust, oder gehe zugrunde. Mut, vor allem nur Mut! Denn du neigst, Freund, noch immer zum Kleinmut, hast dich immer noch nicht erholt von den Schrecken der Schulzeit. — Damals wardst du lädiert am Rückgrat, allein die Erkenntnis nützt dir nichts, wo es heisst, ein ganzer, ein schrotiger Kerl sein. Endlich fange doch an, sonst ist deine Lage entsetzlich. Sprich vom Wetter! Das Wetter ist schön, und wer wollte das leugnen, also, stelle das fest! Damit sagst du doch immerhin etwas. So erfuhr denn die still Hinwandelnde, was sie schon wusste. Und sie sah ihn befremdet an und verzog keine Miene. Ich bin Luft, dachte Luz: nie fühlt’ ich so völlig als Luft mich. Welch ein Zustand: ich bin! und bin doch für sie nicht vorhanden.
Plötzlich: Essen Sie Kirschen? erklang’s jetzt im Ohre Luz Holtmanns und er blickte verdutzt und wusste nicht, ob diese Worte wirklich jemand gesagt? Oder hatte er nur bei sich selber diese Phrase geprüft, ob sie angängig sei zur Verwendung? Doch, wo dachte er hin! Nie hätten drei Worte des eignen Innern so ihn im Mark getroffen und so ihn beseligt. Nie wird Luz die Musik von diesen drei köstlichen Worten, die ein unsterblicher Hauch aus dem himmlischen Ort Aphrodites trug, vergessen und nie je die gleiche Musik wieder hören. Welche Gnade und welche Huld war’s, so zu ihm zu sprechen.
Viele Kirschen gibt’s dieses Jahr, sagte Luz und erstaunte, wie so leicht dieser Satz ihm, ja förmlich geläufig, vom Mund floss. Doch ihm war jetzt zumut wie einem erstarreten Falter, wenn in Schatten und Frost ihn die Sonne berühret und auftaut. Und er lachte und Glück überflutete ganz seine Seele.
Eine Kirschenallee, schnurgrade, durch welche die Dörfer Dromsdorf und Rosen verbunden waren: sie hatte zur Hälfte jetzt durchschritten das Paar. Nun stand eine bretterne Hütte ihm zur Linken: davor, in die grasige Erde gerammet Tisch und Bänke, und eine war gänzlich mit Körben bedecket, jeder voll bis zum Rand mit der zeitigsten Kirsche, der Maifrucht. Und es steckte ein Mann seinen Kopf aus der Hütte und grüsste Fräulein Anna, doch stumm, nur mit leise andeutendem Lächeln. Sie bog hin, als sie ihn, durch Bewegung der Wimpern, kaum merklich, wieder hatte gegrüsst und trat zu den Körben und prüste, was der schweigsame Mann in den Wipfeln der Bäume geerntet: dieser kam nun herzu und füllte, als wär’s ihm gegeben in den Herzen der Menschen die unausgesprochenen Wünsche zu erkennen, ein Mass mit Kirschen und bot es dem Fräulein. Dank’ schön, sagte sie nur und bloss einmal; nichts weiter, als: dank’ schön! Welcher Zauber indes lag für Luzen in diesen zwei Worten! Niemals konnt’ er, nachdem er sie einmal gehört, mehr im Leben ganz verarmen, nie wieder je völlig versinken im Anglück. Und die schöne Elevin nahm Platz auf einer der Bänke, sprechend: Ist’s Ihnen recht, so warten wir hier auf Frau Schwarzkopp? Welche Frage das: Ist’s Ihnen recht? Recht wär’s ihm gewesen, dem Gefragten, er hätte können den Rest seines Daseins hier und wartend verbringen mit Anna, womöglich die Hütte mit ihr teilen. Er wünschte nichts Bessres auf Zeit seines Lebens.
Und so sass er im Tiefsten erregt, ja im Tiefsten beseligt, aber doch auch im Zustande schmerzhafter Bangnis und Spannung. Denn nach den wenigen Worten, die Anna Wendland gesprochen, ass sie schweigend die purpurnen Kirschen, gelassenen Sinnes, mit sich selber allein und ihn nicht im geringsten beachtend. Hui, was fegte denn dort im Staube der Strasse so eilig in der Richtung von Rosen gen Dromsdorf vorüber? Ein Männlein, das nicht hörte und sah: wie flogen die Schösse des Rocks ihm! Höchste Zeit war’s zur Bahn und es durfte den Zug nicht versäumen. Heftig schwenkte die Linke den Filz und es stampfte die Rechte laut zu Boden den Stock, mit der eisernen Schaufel als Zwinge. Doch es gab keinen Bahnhof in Dromsdorf, noch sonst in der Gegend! Heda, Onkel, wohin denn in Gottes Namen so eilig? Was ist los und wo brennt’s, so rief Luz jetzt, der plötzlich den Onkel Just erkannte. Der Bann war gebrochen, er hatte die Sprache wiedergewonnen beim Anblick des Onkels, doch leider, weil dieser wie durch Steinwurf die Tauben der Aphrodite verscheuchte, alle Zauber der Liebe zugleich durch sein nüchternes Dasein. Ja, er tat noch ein Übriges gleich, um durch Misslaut und Missduft die elysische Luft um Luzen ja ganz zu verstänkern.
Ja, wo brennt’s denn? Du hast gut fragen, du hochidealer Jünglig, der noch beschwingt und in Schuhen mit Schnallen umherläuft, du sagst gick und sie gack, und ihr beide, ihr guckt in den Himmel. Fräulein Anna sitzt hier, isst Kirschen, dieweil auf dem Hofe alles geht, wie es mag: und so geht es denn drunter und drüber. Ich muss laufen mit meinen Vierzigen hier auf dem Buckel, laufe morgens zur Post und laufe euch nach, weil der Schwager alle Schlüssel vermisst, die er braucht, um dem Müller Getreide zum Vermahlen, den Leuten das Deputat auszugeben. Und Sie haben das Bund, Fräulein Anna, gewiss in der Tasche. Doch was tut’s, wenn ich auch die Auszehrung kriege, die Schwindsucht mir zuziehe, wenn nur Fräulein Anna davon keine Not hat. Sie entgegnet darauf: Sie irren, Herr Just, denn entweder hat ein andrer das Bund mit den Schlüsseln vom Brette genommen, oder aber es hängt noch jetzt, wo es hing, als ich fortging. Dies gesprochen, erhebt sich das Mädchen, bezahlt ihre Kirschen und setzt fort ohne Hast den kaum unterbrochenen Heimweg. Gott, sagt Luz, denn er ist geärgert, ja förmlich verbittert, Schlüsselbünde! wie oft hat man solche gesucht oder etwa in der Tasche gehabt, wenn andre verzweifelt sie suchten — Du, versteht sich, sagt Just, warst niemals, mein Junge, ein Landwirt, ob du das Schlüsselbund in der Tasche nun trugst oder suchtest. Deine Taten auf diesem Gebiete erzählen die Leute wie man Schnurren erzählt, fast täglich, in Rosen und Umkreis. Drauf sagt Luz: Ja, was ist da zu tun, wenn am Ende die Taten eines jungen Kumpans an die deinen nicht reichen? Ich bin mir des natürlich bewusst. Aber sage mir, lieber Verwandter, womit hätt’ ich’s verdient, dass du plötzlich so über mich herfällst. Hierauf sagt Onkel Just: Daraus mach ich mir nichts, wie du’s auffasst, viele Jahre noch kannst du viel von mir lernen, obgleich du nicht sehr edel auf etwas in meiner Vergangenheit anspielst. — Dein Verhalten, sagt Luz, besonders auch gegen das Fräulein, ist nicht so, dass es mir eines gläubigen Studiums wert scheint. — Und es wandte sich Onkel Just nun zum Staunen Luz Holtmanns zur Elevin und sprach: Ich frage Sie nun aufs Gewissen, hab ich jetzt oder je Sie auch nur im geringsten beleidigt? Und sie sagte und schüttelte leis mit dem Kopfe: Gewiss nicht!
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Sechster Gesang
Ganz entschieden verstimmt sass Luz bei Tische. Die Schwarzkoppe machten keinen Versuch, seiner Schweigsamkeit ihn zu entreissen, denn sie waren der Meinung, es seien die Stunden am Grabe, die zum Ernste gestimmt sein Gemüt, sowie Erwins Gedächtnis. Und man sprach auch im ganzen nur wenig beim Essen, sehr kärglich lösten Worte sich los und gingen von einem zum andern. Kaum dass Schwarzkopp gesprochen das Schlussgebetlein der Mahlzeit, als sich Luz schon empfahl und sogleich auf sein Zimmer zurückzog. Und er warf auf sein Bette sich hin mit dem innigen Wunsche, dass sein kräklicher Stubengenosse nur ja nicht erscheinen möge ihm zum Verdruss, denn er war ihm verhasst und zum Ekel.
Was ist eigentlich mit mir geschehen? so fragte Luz bitter, an die Decke des Zimmers die Augen geheftet, wo Fliegen, dunkle Punkte, umher in allerlei Schlingen sich jagten. Schlingen, ja! Und mir ist so, als sei ich in eine getreten. Nun, es ist an der Zeit, jedenfalls, meine Lage ein wenig zu bedenken, mit nüchternem Sinne ins Auge zu fassen, denn ich habe zu früh jubiliert, und es ist mir entgangen, dass die Himmlische, die mir erschienen, nicht nur die Gewalt hat, mir die Hallen der Seligen aufzutun, nein, auch den Abgrund. Ja, das ist’s. Und nun seh ich ihn, senke die schandernden Blicke in den schwindelnden Abgrund hinab, der auf einmal so nah ist. Fast erblick’ ich nur ihn noch, dann allerdings wäre ja plötzlich ein ganz anderes Ziel erreicht, als es gestern mich däuchte. — Sein empfindsames Herz rang schwer. Es bemächtigte Kleinmut jetzt sich seiner durchaus. Er, der heute morgen, im Kraftrausch, Triumphator sich hatte gefühlt und Bezwinger des Weltalls, fühlte nun sich hinfällig und klein und von allen verlassen.
*
Und er sprach mit sich selbst und er sprach zu sich selbst etwa dieses: Freund, du kamest ja gestern hierher, um die Wonnen der Freiheit hundertfach zu geniessen am Ort, wo du unfrei gelebt hast, unfrei, was deinen Körper betraf und so auch deine Seele. Wolltest sehen und mehr noch sehen dich lassen nach deiner Mauser, Luz, und man sollte dein neues Gefieder bewundern. Wo du als Entlein gelebt und auf lehmiger Pfütze geschnattert unbeachtet, da wollt’st du dich blähn und entfalten dein Pfaurad. Denn du bist kein gewöhnlicher Mens...
Inhaltsverzeichnis
- Titel
- Kolophon
- Erster Gesang
- Zweiter Gesang
- Dritter Gesang
- Vierter Gesang
- Fünfter Gesang
- Sechster Gesang
- Siebenter Gesang
- Achter Gesang
- Neunter Gesang
- Zehnter Gesang
- Elfter Gesang
- Zwölfter Gesang
- Dreizehnter Gesang
- Vierzehnter Gesang
- Fünfzehnter Gesang
- Sechzehnter Gesang
- Siebzehnter Gesang
- Achtzehnter Gesang
- Neunzehnter Gesang
- Zwanzigster Gesang
- Einundzwanzigster Gesang
- Zweiundzwanzigster Gesang
- Dreiundzwanzigster Gesang
- Vierundzwanzigster Gesang
- Über Anna - Ein ländliches Liebesgedicht