Azubis beißen nicht!
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Azubis beißen nicht!

Warum Sie unbedingt ausbilden sollten und wie Sie die richtigen Bewerber finden

  1. 228 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Azubis beißen nicht!

Warum Sie unbedingt ausbilden sollten und wie Sie die richtigen Bewerber finden

Über dieses Buch

Das Buch zeigt auf leicht verständliche Weise, warum sich jedes Unternehmen, das morgen noch konkurrenzfähig sein will, heute um seinen Nachwuchs kümmern muss. Der Autor wendet sich dabei vor allem an kleine mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe. Seine Botschaft: Es gibt keinen Grund, die »jungen Wilden« zu fürchten. Wichtig ist es aber, Auszubildenden Werte zu vermitteln und ihnen spannende Perspektiven zu bieten. Eine wertvolle Orientierungshilfe für alle, die sich mit Fragen der Berufsausbildung im eigenen Betrieb beschäftigen.Inhalte: - Wie bereiten sich Unternehmen auf die Ausbildung junger Menschen richtig vor?- Finden Sie die richtigen Bewerber und bieten ihnen »coole« Perspektiven- Die Rolle von Werten und die Persönlichkeitsentwicklung, angefangen beim Chef bis hin zu den AuszubildendenDer Autor, selbst erfahrener Ausbilder und Unternehmer, wendet sich vor allem an Handwerksbetriebe sowie an kleine mittelständische Unternehmen im ländlichen Raum. Dabei werden gängige Vorbehalte ausgeräumt und auch aktuelle Herausforderungen wie die Covid-Pandemie und Fachkräftemangel thematisiert.

Information

Verlag
Haufe
Jahr
2021
ISBN drucken
9783648150900
eBook-ISBN:
9783648150924

1 Standortbestimmung

1.1 Mythos Null-Bock-Generation

Die Jugend von heute … hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat
keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die
jungen Leute … widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft,
verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und
tyrannisieren ihre Lehrer.
Sokrates
Was halten Sie vom Jugendwahn? Ein seltsam widersprüchliches Phänomen. Nie haben Ältere so viel Zeit und Geld darin investiert, jung auszusehen. Viele Omas stellen ihre Enkelinnen heute beim Outfit und Make-up in den Schatten. So verzweifelt wir uns auch ans Jungsein klammern, so genüsslich klagen wir zugleich über die heutige Jugend: Die glotzen nur noch auf ihre Handys, sind zu frech, zu oberflächlich, zu dumm, zu unmotiviert … Die Klischees über Teenies und junge Erwachsene lassen sich endlos fortsetzen.
Und sie sind uralt, wie obiges Zitat des griechischen Philosophen Sokrates beweist. Erwachsene haben sich schon vor 2400 Jahren über die respektlose, undisziplinierte, maßlose, verfressene und faule Jugend beschwert. Wir Menschen lieben es, zu pauschalisieren! Deshalb sind Vorurteile kaum totzukriegen.
Dazu gehört auch die Mär von der »Null-Bock-Generation«, ein Modebegriff aus den 1980er-Jahren. Damals sahen viele Jüngere für sich kaum noch berufliche oder gesellschaftliche Perspektiven. Sie empfanden ihr Leben als sinnlos und waren frustriert. Manche litten unter Depressionen und nahmen Drogen, andere schlossen sich radikalen Gruppen an.
Wie denken Sie über die Jugendlichen und jungen Erwachsenen? Sehen Sie in ihnen das Potenzial, die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Oder ist diese Generation die schlimmste, die es je gab? Sollten Sie zu Letzterem neigen, bedenken Sie bitte: Wenn alles zuträfe, was man der »Null-Bock-Generation« angedichtet hat, wie hätte sich die deutsche Wirtschaft dann seit den 1980er-Jahren entwickelt? Wäre sie nicht den Bach runtergegangen? Ich jedenfalls hätte mir nie einen Azubi in die Firma geholt. Wer braucht schon »Schlaftabletten dumm wie Stroh«?
Zum Glück habe ich die Vorurteile über die Jugend nie geteilt. Sie widersprechen dem, was ich um mich herum beobachte und was seriösen Medien berichten. So schrieb Zeit Online am 3.2.2020:
»Deutschland hat 2019 das vierte Jahr in Folge den weltweit größten Überschuss in der Leistungsbilanz erzielt.«
Den Titel eines Exportweltmeisters bekommt man nicht mit einem Heer von Nieten. Dazu bedarf es des besten Ausbildungssystems der Welt und junger Menschen, die sich begeistern lassen. Die Lust auf Leistung haben. Und jetzt verrate ich Ihnen etwas: Beides gibt es in Deutschland und auch bei unseren europäischen Nachbarn. Man muss sich die vorhandenen Ressourcen nur zu erschließen wissen.
Damit das gelingt, sollten wir das Klischee von der Null-Bock-Generation begraben. Schon als es aufkam, war es falsch. Anfang der 1980er gingen Hunderttausende junger Menschen in Friedensdemonstrationen auf die Straße. Ein deutsches Mädchen namens Nena stürmte mit ihrem Anti-Kriegs-Lied 99 Luftballons weltweit die Charts. Dieses Aufbegehren von überwiegend jungen Menschen passt nicht zu Teens und Twens, die auf nichts Bock haben.
Viele Jugendliche und junge Erwachsene ticken eher so wie Viktor. »Ich könnte mir nicht vorstellen, mich ohne ein Praktikum auf einen Handwerksberuf zu bewerben«, berichtete er in den Badischen Neuesten Nachrichten (11.2.20). Als Zehntklässler nutzte er die Pfingstferien für ein zweiwöchiges Praktikum in einer Landschaftsgärtnerei. Später schnupperte er noch in eine Baumschule hinein, fand die Arbeit dort aber zu eintönig.
Kennen Sie das? Sie schauen sich viele Varianten an und entscheiden sich dann doch für das erste Angebot? So war es auch bei Viktor. Nach der Schule begann er die Ausbildung zum Landschaftsgärtner. Mit neunzehn Jahren zieht er ein erstes Resümee: Die Entscheidung war richtig. Die Arbeit ist abwechslungsreich. Er legt Privatgärten und öffentliche Parks an, Spielplätze und Friedhofsanlagen, gestaltet mit Pflanzen, Steinen, Spiel- und Sportgeräten.
Wie die meisten Jugendlichen so kämpfte auch Viktor anfangs mit der Umstellung vom Schulbetrieb auf den Azubimodus. »Im Winter muss man morgens auf Betriebstemperatur kommen«, scherzt er. Die Arbeit beginnt um 7 Uhr. Manchmal steht er buchstäblich im Regen, und im Sommer macht ihm bisweilen die Hitze zu schaffen. Es hat eben nicht nur Vorteile, immer an der frischen Luft zu sein.
»Aber es lohnt sich, sich am Anfang durchzubeißen«, erklärt Viktor und schmunzelt. Es sei ein gutes Gefühl, für seine Arbeit Lob und Dank zu ernten. Oder durch die Straßen zu laufen und die Anlagen zu sehen, an denen man mitgewirkt hat. Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen einem Erfüllungsgehilfen im Büro und jemanden, der sich mit ehrlicher Arbeit die Hände schmutzig macht. Wer den lieben langen Tag lang Computer mit Daten füttert, verspürt zum Feierabend selten ein tiefes Gefühl der Befriedigung.
Viktors Geschichte ist fast wie eine Blaupause für viele Aspekte der Ausbildung, die ich Ihnen in diesem Buch vorstelle. Dazu gehört auch das Anbieten beruflicher Perspektiven. Viktor kann seinen Meister machen und Landschaftsarchitektur studieren. Vorerst plant er die Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker im Garten- und Landschaftsbau. Hört sich das nach einem »Null-Bockler« an?
Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil sie typisch für viele junge Leute ist. Das belegen die Jugendstudien an Zwölf- bis Fünfundzwanzigjährigen, die der Öl- und Gaskonzern Shell seit 1953 durchführt. Schon 2006 war darin zu lesen, »die Protestgeneration wie auch die Null-Bock-Generation seien Vergangenheit. Die Jugendlichen seien heute vor allem pragmatisch und leistungsorientiert eingestellt und wüssten es zu schätzen, Einfluss nehmen zu können.«
Heutige Jugendliche sind pragmatisch und leistungsorientiert. Sie wollen Einfluss nehmen (Shell-Studie).
Diese Haltung hat sich bis heute sogar verstärkt, wie die Jugendstudie des Jahres 2019 belegt. In der repräsentativen Umfrage erklärten diesmal mehr als 2.500 Befragte, wie sie mit Herausforderungen umgehen. Was finden sie wichtig? Welche Lebenseinstellung besitzen sie? Das Ergebnis fassten die Autoren des Shell-Papiers in sechs Worten zusammen: »Eine Generation meldet sich zu Wort.«
Dieser Untertitel der Studie beschreibt, was wir alle 2019 durch die Bewegung Fridays for Future beobachten konnten. Nicht nur ihre sechzehnjährige Galionsfigur Greta Thunberg hatte sich zu Wort gemeldet. Abertausende von Schülern gingen jeden Freitag auf die Straße. Auch in Deutschland!
Abbildung
Abb. 1: Die 16-jährige Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg: Galionsfigur der Bewegung » Fridays for Future«
Offenbar interessieren sich Jugendliche sehr wohl für die Gesellschaft und für nachhaltige Lösungen, heute wie vor vierzig Jahren. Was wir Erwachsene als fehlenden Biss oder Null-Bock-Mentalität wahrnehmen, ist wohl eher ein mangelnder »Hunger« auf das, was nur uns wichtig erscheint.
Das Wort bokh stammt aus der Sprache der Roma und bedeutet nämlich genau das: Hunger. Kann man es der heutigen Jugend verdenken, wenn ihnen der Appetit aufs Immer-so-Weitermachen der Elterngeneration vergangen ist? Der Klimawandel zerstört ihre Welt und damit ihre Zukunft. Es ist richtig, die Jugend hat keinen Bock, sich für noch mehr Konsum, noch mehr Profit und ein noch höheres Bruttoinlandsprodukt abzurackern. Sie will nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben. Durchaus gut zu leben. Und dafür setzt sie sich auch gerne ein. In diesem Sinn äußert sich auch die Shell-Jugendstudie 2019:
»Die Jugendlichen sind […] weiterhin bereit, sich in hohem Maße an Leistungsnormen zu orientieren, und hegen gleichzeitig den Wunsch nach stabilen sozialen Beziehungen im persönlichen Nahbereich. Sie passen sich auf der individuellen Suche nach einem gesicherten und eigenständigen Platz in der Gesellschaft den Gegebenheiten so an, dass sie Chancen, die sich auftun, möglichst gut ergreifen können. Mehr als bislang legen viele Jugendliche inzwischen Wert auf eine deutlich bewusstere Lebensführung, ihre Ansprüche an eine nachhaltige Gestaltung von Umwelt und Gesellschaft artikulieren sie deutlich und vernehmbar.«
Junge Menschen von heute unterscheiden sich also kaum von denen früherer Generationen. Sie mögen anders sprechen, sich anders kleiden, an ihrem Smartphone kleben und es toll finden, alle 30 Millisekunden ein Selfie zu posten. Aber selbst diese Klischees sind nicht in Stein gemeißelt. Diese Erfahrung hat auch Meister Bolle mit Jule gemacht.
Jan Bolle ist Elektroinstallateur. Er hat seinen Betrieb vom Vater übernommen, der ihn in der Wirtschaftswunderzeit gegründet hatte. Nach einer unerfreulichen Erfahrung mit einem Azubi vor einigen Jahren, hat sich Meister Bolle lange keinen – wie er zu sagen pflegt – »jungen Wilden« mehr in den Betrieb geholt. Es sei schon anstrengend genug, fünf Monteure und eine Bürokraft zu bändigen – vor allem dann, wenn es sich bei Letzterer um die eigene Frau handelt.
Eines Tages spricht ihn auf dem Wochenmarkt plötzlich Hannes Spiekermann an, ein Bekannter aus dem Schützenverein. »Sag mal, ›Elektro-Bolle‹ bis du das?«, fragt er überrascht. Dabei deutet er auf das leuchtend gelbe Firmensignet von Jans schwarzem, um den Bauchnabel herum stark ausgebeultem Poloshirt. Im weiteren Gespräch klagt Hannes dem Vereinskameraden sein Leid.
»Ich weiß nicht, was ich mit meiner Tochter anfangen soll. Jule ist nicht normal. Als sie klein war, wollte sie immer Erfinderin werden. Erfinderin! Ein Mädchen! Kannst du dir das vorstellen?«
»Nä, unmöglich«, antwortet der Meister aus tiefster Seele. Abgesehen von seiner Frau hat er immer nur mit Männern zusammengearbeitet.
»Jule will ›was mit ihren Händen‹ tun«, erklärt Hannes. »Irgendwas Technisches. Sag mal, bildet ihr im Betrieb eigentlich aus?«
Jetzt steckt Meister Bolle in der Falle. »Ein Mädchen? Bei sechs Kerlen? Wie soll das gehen?«, ziert er sich. Er will seinen Schützenkameraden nicht vor den Kopf stoßen. Wie Meister Bolle nur zu genau weiß, ist mit den Launen eines weiblichen »Pubertiers« nicht zu spaßen. Bei ihm zu Hause lebt nämlich eines dieser sprunghaften Geschöpfe.
Fast gelingt es ihm, den Vorstoß seines Kameraden abzuwehren, aber dann mischt sich Bea ein, seine Frau. Sie ist Feuer und Flamme von der Idee und der Betrieb könne dringend »frisches Blut« gebrauchen. An dieser Stelle kapituliert Meister Bolle. Er könne sich die »junge Dame« ja mal ansehen, lenkt er ein.
Als er sich Jule dann ein paar Tage später »mal ansieht«, ist er, vorsichtig ausgedrückt, nicht auf Anhieb von ihr begeistert. Sie verkörpert so gar nicht das Bild von einem Lehrling, wie er sie von früher kannte. Ihr Hauptschulzeugnis gefällt ihm nicht, und schon gar nicht ihr Jargon, ihre zerrissenen Jeans, ihr Nasenpiercing und das Smartphone, das sie ständig umklammert, als sei darin ihre Seele gespeichert. Wenigstens kann sie sich beherrschen und starrt nicht alle Nase lang auf das Display. Trotz des Grinsens seiner Frau ist Meister Bolle drauf und dran, das berühmte Ende mit Schrecken einzuleiten, statt sich einen Schrecken ohne Ende einzuhandeln. Pro forma stellt er Jule eine letzte Frage.
Abbildung
Abb. 2: Je mehr gegenseitiges Verständnis, desto weniger Generationskonflikte
»Wo siehst du dich heute in zehn Jahren?«
»Ich möcht...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Hinweis zum Urheberrecht
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. 1 Standortbestimmung
  6. 2 Zukunftsaussichten
  7. 3 Entscheidung
  8. 4 Einstieg
  9. 5 Azubi-Suche
  10. 6 Bewerberauswahl
  11. 7 Ausbildung
  12. 8 Perspektiven
  13. Fragen an Hermann Scherer
  14. Warum zögern Sie noch?
  15. Anhang
  16. Die Autoren
  17. Danksagung
  18. Stichwortverzeichnis
  19. Bildnachweis

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