1.Einleitung
Eine Geschichte der Schweizer TrotzkistInnen vor 1968
1.1Annäherung an eine bewegte Geschichte
Gegen Ende der 1950er- und zu Beginn der 1960er-Jahre sah sich die Schweizer Politik mit einem ungewohnten Protestphänomen konfrontiert. Tausende Menschen aus allen Landesteilen hatten sich in der Schweizerischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung (SBgaA) zusammengeschlossen und argumentierten, politisierten und protestierten gegen die Pläne des Bundesrats und der Armeeführung, Atomwaffen für die Landesverteidigung der Schweiz zu beschaffen. Es waren vornehmlich Jugendliche und junge Erwachsene, welche sich mit ihren Körpern und ihren Stimmen gegen die Atomwaffen stellten.
Nicht nur in der Schweiz wurde ab den späten 1950er-Jahren gegen die Atombombe und die damit verbundenen Gefahren für die Fortexistenz der Menschheit demonstriert. Es entstand eine ganze globale Protestbewegung, die sich in gewissen bis heute bekannten Bildern, so der auf fünf vor zwölf stehenden Uhr, die verdeutlichen soll, wie kurz vor dem Ende sich die Menschheit befindet, oder im bekannten Peace-Zeichen verdichtete.
In der Schweiz kam der Anstoß zu diesen Protesten gegen die atomare Aufrüstung von den TrotzkistInnen. Sie initiierten die Gründung der SBgaA und an der Spitze der Bewegung, als deren Wortführer, stand der öffentlich als Trotzkist bekannte Heinrich Buchbinder. Die TrotzkistInnen waren es, welche die Bedrohung durch die atomare Aufrüstung ab Mitte der 1950er-Jahre auf ihre politische Agenda setzten und entscheidende Arbeit leisteten, dass der Widerstand gegen die Pläne von Politikern und Militärs zur atomaren Bewaffnung der Schweiz organisiert werden konnte.
Es war dabei nicht zufällig die trotzkistische Bewegung, welche unterschiedliche soziale und politische Gruppen in der SBgaA vereinen konnte. Durch ihre politische Unabhängigkeit von den Machtblöcken des Kalten Kriegs sowie von den politisch linken Parteien der Schweiz konnte sie ein Interesse an der Thematik glaubhaft vermitteln und dabei heterogene Kräfte, von religiösen PazifistInnen bis hin zu AnarchistInnen, ansprechen. Die SBgaA versuchte primär mithilfe einer Volksinitiative zu erreichen, dass die Schweizer Armee keine Atomwaffen beschaffen dürfe. Sie organisierte aber gleichzeitig auch die bekannten Ostermärsche und andere Protestformen.
Der Trotzkismus ist eine inhärent internationale Bewegung und als die ersten Proteste gegen die atomare Bewaffnung in Großbritannien begannen, waren darin auch die britischen TrotzkistInnen organisiert, die ihre Erfahrungen mit der neuen Bewegung in die Vierte Internationale und so zu den Schweizer trotzkistischen Exponenten trugen. Die auf Basis dieses Austauschs initiierte Schweizer Antiatomwaffenbewegung sah denn auch nicht nur die Gefahr durch Atombomben als eine globale, sondern beharrte darauf, dass die Antwort auf diese Gefahr unweigerlich die nationalstaatlichen Grenzen überwinden müsste.
Die SBgaA war im Verlaufe der 1960er-Jahre ein erster, gar nicht so unerfolgreicher Versuch der politischen Linken in der Schweiz, der anhaltenden Lähmung in der Entwicklung alternativer Gesellschaftsvorstellungen auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs und einer sozialen Stabilität durch den anhaltenden Wirtschaftsaufschwung die Aktion und die parteiüberschreitende Organisierung entgegenzustellen.
Als die Antiatombewegung in den frühen 1960er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte, verschwanden gleichzeitig die eigenständigen trotzkistischen Organisationen in der Schweiz, die in den 1930er-Jahren entstanden und nach den Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs wieder neu gegründet wurden, von der Bildfläche. Die TrotzkistInnen haben zu diesem Zeitpunkt aber etwas erreicht, was sie die vorangegangenen beiden Jahrzehnte immer wieder versucht hatten, woran sie aber mehrmals scheiterten: eine kritische, von den beiden Machtblöcken des Kalten Krieges unabhängige, emanzipatorische Linke zu vereinen. Damit war die SBgaA und die sich darin manifestierende Jugendbewegung eine wichtige Voraussetzung für die kommenden Bewegungen rund um 1968 in der Schweiz.
In den Quellenbeständen zum Schweizer Trotzkismus geht es aber nicht nur um den Kampf gegen Atombomben. Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den 1960er-Jahren waren TrotzkistInnen in der Schweiz konstant politisch aktiv, und in ihren Kampagnen sowie in ihren Zeitungen ging es um Arbeitskämpfe, um internationale Solidarität und um Rüstungs- und Finanzfragen der Schweiz. Sie beschäftigten sich mit der Wirtschaft und dem politischen System der Schweiz auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, mit imperialistischen Kriegen, mit strategischen Fragen, wie Systeme überwunden werden können und wie Revolutionen geschehen. In den Akten werden dabei nicht nur politische Organisationen und ihre Ausrichtung erkennbar, sondern darüber hinaus Individuen, die sich gegen vielfältige Ausprägungen eines politischen und wirtschaftlichen Systems wehrten, mit dem sie nicht einverstanden waren.
Was die Leistungen und der Einfluss des Schweizer Trotzkismus vor 1968 waren, darüber ist bislang in der historischen Forschung noch sehr wenig bekannt geworden. Klar ist: Die TrotzkistInnen organisierten sich auf vielfältige Weise und versuchten durch ihre Analyse der Welt zu den richtigen politischen Schlüssen zu kommen, um in ihrer Vision eine sozialistische Gesellschaft zu erreichen, die auf einer radikalen Demokratie beruhen sollte. Ihre politische Positionierung im Rahmen des Kalten Kriegs war außergewöhnlich, ebenso die von ihnen gesetzten Themen. Die TrotzkistInnen wurden trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche wahrgenommen – mal als unbequem, mal als unkonventionell und immer wieder auch als gefährlich. Während die Schweizerische Bundespolizei in den TrotzkistInnen eine potenzielle Gefahr für die Stabilität des Landes sah, galten sie in der Partei der Arbeit (PdA) und dem Rest der kommunistischen Bewegung meistens als VerräterInnen. Für linke SozialdemokratInnen wiederum konnten sie ein mühsamer, aber notwendiger Stachel im Fleisch der konkordant gewordenen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften sein.
Den Organisationen des Schweizer Trotzkismus war nie eine wirkliche Massenbasis beschieden. Sie blieben vor 1968 sogar auf wenige Dutzend Mitglieder beschränkt und über Jahrzehnte prägten dieselben Personen diese Organisationen. Auf den folgenden Seiten soll es dennoch darum gehen, in welchen Bereichen sich die Schweizer TrotzkistInnen einen gewissen Einfluss erarbeiteten. Es wird darum gehen, wie sie neben der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) und der PdA als kleine dritte Kraft einen Raum offenhielten, der für die sozialen Bewegungen der 1960er-Jahre und für die 68er-Bewegung wichtig wurde. Und es wird darum gehen, wie sie in einem Umbruchsprozess der politischen Linken selber auseinanderfielen, dadurch aber gleichzeitig der größten trotzkistischen Organisation in der Schweizer Geschichte, der Revolutionären Marxistischen Liga (RML), die Klinke in die Hand gaben.
Natürlich gäbe es noch viele andere Geschichten aus der Zeit der Schweiz im Kalten Krieg zu erzählen. Und auch die Politik- und Organisationsgeschichte hat, trotz ihrer einstigen Popularität, noch so einige Desiderate. So ist bis heute keine umfassende Parteigeschichte der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) geschrieben worden, wie Prof. Dr. Matthieu Leimgruber mir gegenüber in einem Master- und Doktorandenseminar einmal besonders hervorgehoben hat. Auch eine solche würde natürlich viele der politischen Prozesse in der Zeit des Kalten Kriegs verständlicher machen. Es gilt aber zu betonen, dass nicht nur die großen, etablierten und bekannten politischen Organisationen und Parteien zum Verständnis der Schweizer und der internationalen Politik und ihrer Entwicklungen beitragen. Gerade auch kleine Organisationen wie diejenigen, in denen sich die Schweizer TrotzkistInnen organisierten, oder gescheiterte politische Projekte können eine äußerst spannende Linse auf bekannte und unbekannte historische Phänomene sein und die bisherige Erforschung dieser mit neuen Perspektiven ergänzen.
Ein wichtiger Anstoß dazu, den bislang wenig beachteten Schweizer Trotzkismus zum Gegenstand einer historischen Untersuchung zu machen, kam zudem von ehemals selbst beteiligten AktivistInnen. Der Initiative und der Vorarbeit von ehemals im Umfeld der TrotzkistInnen aktiven Personen ist es zu verdanken, dass das Projekt, dessen Resultat das vorliegende Buch ist, überhaupt durchgeführt werden konnte.
Gerade im Hinblick auf die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, die sozialen, politischen und ökologischen Krisen, die sich in ihrer Wirkung jeweils gegenseitig verstärken, lohnt es sich, auf vergangene politische Projekte, Visionen und Utopien zu schauen, die ihnen zugrundeliegenden gesellschaftlichen Kräfte zu verstehen, aber auch die ausgelösten Gegenreaktionen auf gesellschaftliche Neuentwürfe zu studieren. Die Schweizer TrotzkistInnen eignen sich hierfür besonders, mit ihren sehr spezifischen Vorstellungen einer gerechteren Gesellschaft, die das Wohl möglichst aller in den Blick zu nehmen hätte, und mit ihrer frühen Aversion gegenüber den zerstörerischen Kräften eines sich global ausbreitenden Wirtschaftssystems, ihrer differenzierten Positionierung gegenüber technologischen Entwicklungen und ihrer präsenten Kritik an den realsozialistischen Staatskonzeptionen des 20. Jahrhunderts.
Um allerdings politische Phänom...