Das Verkehrswesen
Wenn wir jetzt zum Verkehrswesen übergehen, spielt zunehmendes Umweltbewusstsein, aber auch der Massentourismus eine nicht unwesentliche Rolle. Zum Tourismus und zur Umwelt kommen wir zwar später noch. Doch da stehen andere Schwerpunkte im Fokus. Wie kritisch sehen Sie denn die derzeitige Verkehrssituation?
Sehr kritisch. Vor allem der Verkehr in den Innenstädten ist eine Katastrophe. Und da sind wir wieder beim Otto-Normalverbraucher. Statt den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, steht er lieber mit dem eigenen Wagen im Stau und verpestet die ohnehin schon schlechte Luft. Denn Fahrzeuge mit umweltfreundlichem Antrieb sind eher Mangelware. Wenigstens schwingen sich immer mehr Leute auf das Fahrrad, das eine erstaunliche Renaissance erlebt. Allerdings nur dort, wo die Bequemlichkeit im Vordergrund steht.
Sie meinen den Boom bei Rädern, die mit Elektromotoren angetrieben werden?
Ja. Wobei auch ein Boom bei den Unfällen festzustellen ist. Gerade Ältere unterschätzen die Gefahr des höheren Tempos. Sinnvoller wäre es, mit dem Treten der Pedale die Kondition zu verbessern und nur an extremen Steigungen den Elektromotor einzuschalten. Wozu Mediziner angesichts der wachsenden Adipositas-Gesellschaft dringend raten.
Immerhin lassen diese Leute das Auto stehen. Und das sollte man doch positiv sehen, oder?
Ja, natürlich. Wenn das alle täten, könnte man unser Klima vielleicht noch retten. Aber der größte Teil klebt ja an seinem vierrädrigen Vehikel. Was mir zu denken gibt, ist die Forderung einiger Unbelehrbarer, statt des weiteren Ausbaus von Fußgängerzonen wieder mehr Fahrzeuge in den Zentren zuzulassen – mit der Begründung, dass dies mehr Konsumenten anlocken würde und somit dem Einzelhandel zugutekäme.
Bei mir würde das eher das Gegenteil bewirken.
Bei mir auch. Aber da sieht man wieder mal, welchen Stellenwert das Auto einnimmt. Was ich besonders schlimm finde, ist der Trend zu immer größeren Fahrzeugen, die noch mehr Sprit fressen. Bei den SUV nimmt das Züge einer Epidemie an.
Damit wären wir beim Geschwindigkeitsrausch. Stärkere Motoren verleiten zwangsläufig zu noch mehr Raserei.
Ein vor allem deutsches Phänomen, das zunehmend auch bei vielen Radfahrern zu beobachten ist. Vor allem die jungen Leute brettern rücksichtslos durch die Gegend. In stark frequentierten Fußgängerzonen gefährden sie damit nicht nur sich selbst.
Dafür ziehen sie bei Unfällen im Straßenverkehr allein den Kürzeren. Ebenso wie die Motorradfahrer. Die Insassen eines Pkw, eines Lkw, eines Busses oder einer Straßenbahn sind bei Zusammenstößen mit einem Zweirad immer im Vorteil.
Soweit denken die nicht. Doch auch Autofahrer scheinen ihr Hirn bisweilen abzuschalten. Anders ist so manches Fehlverhalten wie Alkohol am Steuer, Handy-Nutzung während der Fahrt, Parken vor Feuerwehrzufahrten oder Fahrerflucht nach Karambolagen nicht zu erklären. Von der sinnlosen Raserei einmal abgesehen. Dabei sind dies noch die harmloseren Vergehen.
Was wäre noch schlimmer?
Das Fotografieren und Filmen von Unfallopfern sowie das Anpöbeln und Bedrohen der Hilfs- und Rettungskräfte.
In der Tat. Das macht einen sprachlos.
Und schon sind wir wieder beim Rechtsstaat. Die Strafen für derartige Unverschämtheiten sind einfach lächerlich. Und was fast noch schlimmer ist: Die Hilfs- und Rettungskräfte müssen sich auch noch rechtfertigen, wenn sie es gewagt haben, diesem Gesindel die Leviten zu lesen.
Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken.
Was denke ich denn?
Dass derartiges Gesindel in China nichts zu lachen hätte.
O ja, das stimmt. Und die sich wehrenden Hilfs- und Rettungskräfte bekämen sogar noch einen Orden. Aber dieses Land mal positiv zu erwähnen, ist hierzulande ja verpönt. Dabei müssen wir gar nicht so weit in die Ferne blicken. In ganz Europa würden diese Rüpel ihr blaues Wunder erleben, während man die Hilfs- und Rettungskräfte zumindest als Helden feiern würde. Aber wir sind ja so human. Auch der Mob hat seine im Grundgesetz verankerten Rechte.
Ehe Sie zur Hochform auflaufen. Mir reicht allein schon die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern.
Die ist leider ein Mehrheitsproblem. Vor allem bei Männern. Das hat aber nicht nur mit dem Geschwindigkeitsrausch, sondern auch mit der Psyche zu tun. Da reicht oft schon eine Standpauke vom Chef oder ein Streit mit der Partnerin. Auf vier Rädern lässt sich der aufgestaute Frust leichter abbauen. Ich habe das Fahrverhalten anderer Autofahrer auf einer fast hundert Kilometer langen und nahezu frei befahrbaren Landstraße getestet und dabei die maximal erlaubte Geschwindigkeit konsequent eingehalten. Während der gut einstündigen Fahrt ist nicht eines von rund zweihundert Fahrzeugen, die hinter mir aufgetaucht sind, auch hinter mir geblieben. Soviel nur zur Psyche. Oder zur mangelnden Verkehrsdisziplin.
Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Gab es denn gar keinen Gegenverkehr?
Doch. Hin und wieder kam ein Pkw entgegen. Was aber nicht zur Unterlassung gewagter Überholmanöver beitrug.
Und Lkw?
Waren keine unterwegs. Es war ein Sonntag im Sommer mit Lkw-Fahrverbot.
Stichwort Lkw. Finden Sie nicht auch, dass der Güterverkehr auf die Schiene verlagert werden sollte? Zumindest der Fernverkehr?
Auf jeden Fall. Leider haben ein paar Schlaumeier vor Jahrzehnten für das Gegenteil gesorgt, indem sie das Schienennetz radikal ausgedünnt haben. Heute ersticken selbst die mehrspurigen Autobahnen im Verkehrschaos. Inzwischen gesellen sich noch Lkw mit Überlänge und unzählige Transporter von Paketdiensten hinzu. Wen wundert es da, wenn der Verkehrskollaps nicht mehr zu stoppen ist. Da nützen auch hohe Lkw-Mautgebühren nichts. Die kilometerlangen Staus werden erst dann der Vergangenheit angehören, wenn wenigstens das Gros des Schwerlastverkehrs vom Asphalt verschwunden ist.
Das Problem ist nur, dass sich dieser Umkehrprozess von der Straße auf die Schiene nicht von heute auf morgen realisieren lässt. Sie selbst erwähnten ja das radikal ausgedünnte Schienennetz.
Ja, leider. Die Kehrtwende wird viel Zeit und Geld kosten. Aber der Klimawandel macht keine Pause. Schon deshalb darf nicht mehr so viel gequatscht, sondern muss schnellstens gehandelt werden. Und zwar auf der gesamten Verkehrsebene. Also nicht nur auf Straße und Schiene, sondern auch in der Luft und auf dem Wasser.
Das erklären Sie mal unseren Landsleuten. Das Auto ist ihr liebstes Kind. Und auf Charterflüge und Kreuzfahrten wollen sie auch nicht verzichten.
Ich weiß. Aber von wollen dürfte wohl kaum noch die Rede sein. Eher von müssen. Wenn der Meeresspiegel nämlich weiter steigt und irgendwann alles unter Wasser setzt, geht gar nichts mehr. Autos können nicht mehr bewegt werden. Flugzeuge können nirgendwo mehr starten und landen. Und Schiffe können in keinem Hafen mehr an- und ablegen. Um dieses Szenario zu verhindern, ist die Weltgemeinschaft quasi gezwungen, bisher unpopuläre Maßnahmen zu treffen. Ein Land wie China ist diesbezüglich natürlich im Vorteil. Bei uns und überhaupt in allen Demokratien wird viel zu viel diskutiert. Jeder meint, seinen Senf dazugeben zu müssen. In China wird nicht lange gefackelt, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. Und das Verhindern einer drohenden Klimakatastrophe ist eine mehr als wichtige Entscheidung. Selbstverständlich lässt sich nicht alles auf einmal realisieren.
Es muss also Schritt für Schritt vorgegangen werden. Wo sollte zuerst angesetzt werden?
Beim Straßen- und Schienenverkehr.
Das würde bedeuten, zunächst den Ausbau des Schienennetzes voranzutreiben, ehe der Straßenverkehr zurückgefahren werden kann. Zumindest, soweit es den Fernverkehr betrifft. Der öffentliche Nahverkehr ließe sich vermutlich schneller umstellen, oder?
So ist es. Deshalb ist er bevorzugt zu fördern. Und zwar mit Tickets zu Niedrigpreisen, großzügigem Platzangebot und kurzen Zeitintervallen. Und das nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Dann könnten die Autos – auch die nicht mehr mit fossilen Brennstoffen angetriebenen – generell in den Garagen stehenbleiben. Wer dennoch mit dem eigenen Wagen in die City fährt, zahlt eine saftige Mautgebühr. Die meisten wird das auf Dauer abschrecken. Für Anwohner, Lieferanten, Handwerker und Rettungsdienste hingegen würden Sonderregelungen gelten.
Und wie geht es beim Fernverkehr weiter, sobald das Schienennetz ausgebaut ist?
Wie ich schon sagte. Zuerst gehört der Schwerlastverkehr auf die Schiene. Damit würde das Gros der Lkw einschließlich der Lkw mit Überlänge von den Autobahnen und Landstraßen verschwinden.
Ließe sich auch der Personenfernverkehr weitgehend auf die Schiene verlagern?
Natürlich. Das versucht man ja schon heute. Denken Sie nur an die neuen ICE. Als Alternative käme noch der Bus infrage, sobald umweltschonende Antriebe genutzt würden. Inlandsflüge sollten jedoch komplett eingestellt werden.
Denken Sie dabei nur an Deutschland? Oder sollte das für ganz Europa gelten?
Gleiches könnte ich mir für ganz Europa vorstellen. Für den Güterverkehr sowieso. Und für die Personenbeförderung zumindest zu einem großen Teil. Die Personenzüge werden zunehmend schneller und verkehren immer häufiger. Zudem bieten Bahn und Bus einen gehobenen Komfort. Allenfalls auf Langstrecken würde das Flugzeug noch eine Rolle spielen, wobei nur noch Linienflüge angeboten werden sollten.
Und wie erreicht man die Inseln Europas, die nicht durch Brücken oder Tunnels mit dem Festland verbundenen sind, sowie den Rest der Welt?
Die europäischen Inseln per Fähre. Wenn sie zu weit entfernt sind, per Linienflug. Mit Rücksicht auf den Klimawandel dürften auch bei der Personenbeförderung im Interkontinentalverkehr nur noch Linienflüge angeboten werden. Die billigen Charterflüge sollten auf jeden Fall eingestellt werden.
Da werden viele Tourismusregionen nicht begeistert sein. Die leben von den Touristen.
Die werden umdenken müssen. Auf Dauer wird man in allen Ländern und Regionen mehr auf die eigene Bevölkerung setzen müssen. Gegebenenfalls noch auf Gäste vom Heimatkontinent. Fernreisende von anderen Kontinenten, die sich wirklich no...