1 âElohistischeâ Texte in Gen 20 â 22
Sucht man angesichts der neueren Entwicklungen der Pentateuchforschung, die zu einer immer stĂ€rkeren Vielstimmigkeit von Theorien zur Entstehung des Pentateuch fĂŒhren, nach Konsensen, die noch weitgehende Anerkennung finden, so kann fĂŒr die Genesis zum mindesten Folgendes festgehalten werden: Die Genesis stellt keine literarische Einheit dar, sondern setzt sich aus einer priesterlichen und einer nichtpriesterlichen Schicht zusammen. Diese bereits von den frĂŒhesten EntwĂŒrfen der Ălteren Urkundenhypothese gemachte Beobachtung, die zur Annahme einer âJahwe-Quelleâ und einer priesterlichen âElohim-Quelleâ (Priesterschrift) fĂŒhrte, lieĂ sich jedoch nur auf die Urgeschichte mehr oder weniger problemlos anwenden. Bei der VĂ€tergeschichte ergab sich, dass hier die Gottesbezeichnung âElohimâ gebrauchende Texte auftauchten, die sich nicht ĂŒberzeugend in die priesterliche âElohimâ-Schicht einfĂŒgen lieĂen. Vor allem gilt dies fĂŒr die âElohimâ-Texte in Gen 20 â 22 und dabei besonders fĂŒr die ErzĂ€hlung von der GefĂ€hrdung der Ahnfrau im Harem des Königs Abimelech von Gerar (20,1 â 18) und fĂŒr die ErzĂ€hlung von der Vertreibung Hagars und Ismaels (21,8 â 21), zu denen in Gen 12,9 â 13,1 und 16,1 â 16 ParallelĂŒberlieferungen vorliegen.
Vor allem Julius Wellhausen hat darauf hingewiesen, dass sich Gen 20 â 22* nicht in die Priesterschrift einfĂŒgen lĂ€sst. Allerdings könnte man sich Gen 20 â 22* wegen einer Reihe von WidersprĂŒchen auch kaum als ursprĂŒnglichen Bestandteil der jahwistischen Schicht vorstellen. Vielmehr sei hier mit einer âelohistischenâ Schicht mit einem eigenstĂ€ndigen theologischen Profil zu rechnen.1
Ein Problem der Behandlung von Gen 20 â 22* in der neueren Forschung besteht nun darin, dass man die Argumente, die fĂŒr eine Zusammengehörigkeit von Gen 20 â 22* sprechen, immer weniger wahrnahm und dadurch ein eigenstĂ€ndiges theologisches Profil des âElohistenâ mehr und mehr verloren ging. Besonders deutlich werden die Auflösungserscheinungen des theologischen Profils der âelohistischenâ Texte bei den Arbeiten von Claus Westermann, Erhard Blum und Irmtraud Fischer. Problematisch ist vor allem die starke literarkritische Zergliederung der âelohistischenâ Texte von Gen 20,1 â 21,21*, die zahlreiche evidente literarische ZusammenhĂ€nge zerstört.
Als problematisch erweist sich vor allem die unterschiedliche Datierung von Gen 20* und von Gen 21,8 â 21; 22,1 â 19*: WĂ€hrend Claus Westermann2 und Erhard Blum3 noch Gen 20* einer nachexilischen Schicht zugeordnet hatten, die wesentlich jĂŒnger anzusetzen sei als Gen 21,8 â 21*; 22,1 â 19*, vertritt Irmtraud Fischer4 eine Datierung von Gen 20* in die Zeit Manasses und von Gen 21,8 â 21* und 22,1 â 19* in die Exilszeit. Diese nicht konsensfĂ€higen Datierungen deuten darauf hin, dass die Verteilung der traditionellen âelohistischenâ Texte von Gen 20 â 22* auf mehrere exilisch-nachexilische Redaktionsschichten sich nicht unmittelbar vom Textbefund her nahelegt.
Auf diesem Hintergrund hat Otto Kaiser5 in seinem âGrundriĂ der Einleitung in die kanonischen und deuterokanonischen Schriften des Alten Testamentsâ zu Recht darauf hingewiesen, dass Blums These âeiner zweiphasigen EinfĂŒgung der elohistischen Texteâ von Gen 20 â 21* ânicht sicherâ sei und keine âNotwendigkeit zur Zerlegung der elohistischen Textfolge 20 â 21,34* in zwei voneinander unabhĂ€ngige Textgruppenâ bestehe.6 FĂŒr die Zusammengehörigkeit von Gen 20 â 21*7 spricht nun vor allem die gemeinsame theologische Tendenz dieser âelohistischenâ Texte, die sich insbesondere in der gemeinsamen Beziehung zu den von ihnen aufgenommenen ParallelĂŒberlieferungen zeigt.
Ein zentrales Problem dieser âelohistischenâ Texte besteht jedoch darin, dass Gen 20 â 21* nicht den Beginn der âelohistischenâ Geschichtsdarstellung bilden kann. Vielmehr setzen sowohl Gen 20* als auch Gen 21,8 â 21* eine Reihe von Informationen voraus, die in einer Einleitung des âElohistischen Werkesâ genannt worden sein mĂŒssen.
Im Folgenden soll daher anhand einer Untersuchung der beiden âelohistischenâ ErzĂ€hlungen von der GefĂ€hrdung der Ahnfrau im Harem Abimelechs von Gerar in Gen 20* und von der Vertreibung der Hagar in Gen 21,8 â 21* geklĂ€rt werden, welche einfĂŒhrenden Aussagen beide ErzĂ€hlungen voraussetzen und inwieweit beide ErzĂ€hlungen mit einem gemeinsamen ursprĂŒnglichen literarischen Kontext rechnen lassen.
2 Die GefÀhrdung der Ahnfrau im Harem Abimelechs (Gen 20*)
Die ErzĂ€hlung von der GefĂ€hrdung Saras im Harem des Abimelech Gen 20,1 â 17 stellt eine literarische Einheit dar. SekundĂ€r ist nur Vers 20,18, der schon durch den Gebrauch des Jahwenamens auffĂ€llt und zudem die durch Abrahams FĂŒrbitte wieder abgewendete Krankheit auf die Unfruchtbarkeit der Frauen Abimelechs begrenzt.8 AuĂerdem dĂŒrfte 20,1aα (âAbraham brach auf von dort ins SĂŒdlandâ) einen sekundĂ€ren Anschluss an Gen 18,33 (âAbraham kehrte an seinen Ort [=Mamre] zurĂŒckâ) darstellen. FĂŒr eine Ausscheidung von 20,1aÎČ spricht dagegen nichts:9 Zwischen Kadesch und Schur liegt der Bereich, in dem die in Gen 21,8 â 21* folgende Hagar-Ismael-Ăberlieferung verortet ist (vgl. Gen 16,7.14).
Alle anderen literarkritischen Operationen, wie sie von Theodor Seidl10, Irmtraud Fischer11 und Frank Zimmer12 vorgeschlagen werden, sind nicht durch strenge literarkritische Argumente zu begrĂŒnden. Auf sie sollte daher verzichtet werden.13
Von zentraler Bedeutung ist die Frage, auf welchen Kontext Gen 20 bezogen ist. Gen 20,1* ist zwar der erste Text innerhalb der Genesis, der mit Sicherheit der âelohistischenâ Schicht zuzuweisen ist. Allerdings kann der âElohistâ nicht mit Gen 20,1* begonnen haben. Ăberhaupt setzt Gen 20,1 â 17* eine Reihe von Angaben voraus, die in der vorangehenden Darstellung des âElohistischen Werkesâ erwĂ€hnt gewesen sein mĂŒssen. Axel Graupner14 hat dabei zu Recht darauf hingewiesen, dass Gen 20,1b âeine ErzĂ€hlungâ fordert, âdie vorgĂ€ngig erklĂ€rt, wie Abraham zum Fremdling wurdeâ. Eine solche ErklĂ€rung findet sich nun in Gen 12,9 â 13,115, wo davon gesprochen wird, dass Abraham aufgrund einer Hungersnot nach Ăgypten hinabsteigt, um sich dort als Fremdling aufzuhalten (12,10). Die Vorstellung vom Fremdlingsein Abrahams setzt dabei letztlich die Auswanderung Abrahams aus seinem Land, seiner Verwandtschaft und seinem Vaterhaus voraus, von der Gen 12,1.4aα berichten.
In gleicher Weise wird Gen 12* auch von Gen 20,13 vorausgesetzt: Wenn Abraham hier feststellt, dass er mit Sara verabredet habe, sie solle an jedem Ort sagen, er sei ihr Bruder, so nimmt dies bewusst auf Saras entsprechende Aussage in Ăgypten in Gen 12,11 â 13 Bezug.16 Dieser RĂŒckbezug auf Gen 12, der bei Gen 20,13 vorliegt, wird auch von Ludwig Schmidt17 gesehen. Er vermutet deshalb, dass Gen 20,13 sekundĂ€r sein könnte, wofĂŒr es jedoch sonst keine Anhaltspunkte gibt. Auch die Aussage Abrahams, Gott habe ihn âfern vom Hause seines Vatersâ umherirren18 lassen, dĂŒrfte den Jahwebefehl von Gen 12,1, aus dem Haus seines Vaters zu gehen, zur Voraussetzung haben.19
Dass in Gen 12* teilweise andere Vorstellungen vorliegen als in Gen 20*, ist darin begrĂŒndet, dass Gen 12* eine von Gen 20* vorausgesetzte EinzelĂŒberlieferung darstellt, die allerdings vom âelohistischenâ Kompositor â wie unten20 zu zeigen sein wird â bewusst aufgenommen worden ist. Jedenfalls ist aus Gen 20* eine Einleitung der âelohistischenâ Darstellung zu erschlieĂen, nach der Abraham auf Gottes GeheiĂ zu einem âFremdlingâ wurde und dabei aus Angst, getötet zu werden, in der Begegnung mit Fremdvölkern21 zum Mittel der TĂ€uschung griff. Beachtenswert ist auch, dass schon diese Einleitung als normalen Aufenthaltsort Abrahams den Negeb (12,9; 13,1) und damit das Grenzgebiet zu Ăgypten ansieht.22
3 Die Vertreibung Hagars und Ismaels (Gen 21,8 â 21*)
Auch Gen 21,8 â 21 bildet im Wesentlichen eine literarische Einheit. Nur bei 21,21a (âer wohnte in der WĂŒste Paranâ) kann man wegen der Dublette zu 21,20a (âer wohnte in der WĂŒsteâ) einen nachpriesterlichen Zusatz vermuten.23 Die âWĂŒste Paranâ spielt in der priesterschriftlichen WĂŒstenwanderungsdarstellung eine zentrale Rolle (vgl. N...