Satzadverbien und Evidentialität
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Satzadverbien und Evidentialität

  1. 387 Seiten
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Satzadverbien und Evidentialität

Über dieses Buch

Die Arbeit untersucht evidentielle Satzadverbien wie "anscheinend" und "offenbar" und verknüpft die internationale Forschung zu Satzadverbien, Evidentialität, Grammatikalisierung und dem aktuellen Gebiet (Non)-At-issueness. Mit experimentellen Daten sowie qualitativen und quantitativen Korpusstudien zum Gegenwartsdeutschen und früheren Sprachstufen werden deren Syntax, Semantik und ihre (Un)Verhandelbarkeit im Diskurs beleuchtet und analysiert.

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Information

Jahr
2021
ISBN drucken
9783110751871
eBook-ISBN:
9783110752083

Kapitel 1 Evidenztypen, Verpflichtungen und lexikalische Kategorie

Zusammenfassung

In diesem Kapitel wird in das Phänomen der Evidentialität eingeführt. Evidentielle SAdv werden als optionale Ausdrucksmittel von Evidentialität im Deutschen vorgestellt und in Hinblick auf den Evidenztyp und das involvierte Sprechercommitment sprachübergreifend mit anderen Markierungen von Evidentialität verglichen. Darin werden sie von anderen Adverbialen und satzeinbettenden Prädikaten in Matrixsätzen abgegrenzt und argumentiert, dass sie sich als (Satz-)Adverbien von homonymen Adjektiven unterscheiden.

1.1 Einführung

Nehmen wir einen einfachen Satz wie (1.1).
(1.1) Es hat hier gestern geregnet.
Dieser Satz kann geäußert werden, wenn die Sprecherin gestern im Regen stand, wenn sie ihn vom Fenster aus beobachtet hat, vom Bett aus hat prasseln hören, oder auch wenn sie gar nicht da war und am nächsten Tag die nassen Straßen sieht oder wenn es ihr erzählt wurde. Während diese möglichen Formen der Evidenz, die die Sprecherin für ihre Aussage haben kann, in (1.1) unausgedrückt bleiben, werden sie im Tariana, einer Arawak-Sprache, die entlang des Río Vaupés in Brasilien gesprochen wird, explizit und obligatorisch am Verb markiert, vgl. (1.2).
(1.2) Tariana
„José hat Fußball gespielt.“ Evidentielle Markierung
a. Juse iɾida di-manika-ka Wir sahen es.
José football 3SGNF-play-REC.P.VIS
b. Juse iɾida di-manika-mahka Wir hörten es.
José football 3SGNF-play-REC.P.NONVIS
c. Juse iɾida di-manika-nihka Wir schließen darauf von
José football 3SGNF-play-REC.P.INFR visueller Evidenz.
d. Juse iɾida di-manika-sika Wir nehmen es an auf
José football 3SGNF-play-REC.P.ASSUM Basis dessen, was wir
schon wissen.
e. Juse iɾida di-manika-pidaka Es wurde uns gesagt.
José football 3SGNF-play-REC.P.REP
(Aikhenvald 2004: 2–3)
Die Kategorie dieser Markierung wird Evidentialität1 genannt.2 Nach einer einfachen und allgemeine Definition besteht Evidentialität aus zwei Teilen: die Aussage über die Existenz einer Evidenzquelle und über die Art der Evidenzquelle.
Evidentiality proper is understood as stating the existence of a source of evidence for some information; this includes stating that there is some evidence, and also specifying what type of evidence there is.
Aikhenvald (2003a: 1)
In den meisten europäischen Sprachen fehlen grammatische Markierungen wie im Tariana (vgl. Diewald & Smirnova 2010b). Lexikalische Mittel erlauben es jedoch, Evidenzquellen genau zu umschreiben, wie es in (1.2) in der rechten Spalte geschehen ist. Diese Umschreibungen können sich kompositional aus einzelnen lexikalischen Bausteinen ergeben und erst durch deren Kombination wird uns die Informationsquelle angezeigt. Deswegen ist es auf diese Weise möglich, viel spezifischere Angaben zu machen als nur zu sagen, welcher Art die Evidenzquelle ist: Man kann sagen, dass man etwas gestern gesehen hat, dass man etwas von seinem Nachbarn gehört hat, dass etwas laut der Bildzeitung so sei. Noch weiter von einem evidentiellen Kernbereich entfernt man sich, wenn Evidentialität nicht durch die Semantik, sondern erst durch eine pragmatische Inferenz ins Spiel kommt, wie z.B. bei needless to say (vgl. Blanco-Suárez & Serrano-Losada 2017). Und auch Matrixkonstruktionen, die nicht direkt auf sensorische Quellen oder eine Redewiedergabe Bezug nehmen, wie z.B. Heinrich hat herausgefunden, dass …, können eine evidentielle Diskursfunktion haben, wenn sie nicht den Hauptpunkt der Äußerung darstellen (Simons 2007).
Daneben wurden jedoch auch unterschiedliche Ausdrücke vorgeschlagen, die per se Evidentialität ausdrücken sollen und dabei oft als mehr oder weniger grammatische Elemente betrachtet werden. Darunter zählen die Modalpartikel (= MP) wohl (Zimmermann 2004, Haumann & Letnes 2012, Tan & Mursell 2018), das klassische Modalverb müssen (von Fintel & Gillies 2007), das Modalverb sollen (z.B. Ehrich 2001, Schenner 2008a), scheinen- und seem-Verben (de Haan 2007, Squartini 2018) bzw. scheinen zusammen mit drohen, versprechen und werden als Evidentialparadigma im Deutschen (Diewald & Smirnova 2010a). Eine häufige Alternative ist jedoch die Verwendung evidentieller SAdv. In (1.3) gibt die Sprecherin durch ein evidentielles SAdv an, dass sie über irgendeine Evidenz für die Proposition, dass es gestern geregnet hat, verfügt.
(1.3) Offenbar/offensichtlich/scheinbar/anscheinend hat es hier gestern geregnet.
Diese Adverbien stehen weit weniger im Mittelpunkt der Forschung, obwohl sie gerade im Vergleich zu den verbalen zu-Infinitiv-Konstruktionen relativ häufig gebraucht werden. In Tabelle 1.1 werden die absoluten Häufigkeiten der Verben scheinen, drohen und versprechen in der Konstruktion mit dem Infinitiv im 2. Status den Häufigkeiten von offenbar, offensichtlich, angeblich, scheinbar, anscheinend, offenkundig und augenscheinlich im Deutschen Referenzkorpus (= DeReKo) gegenübergestellt. Die Daten in Tabelle 1.1 liefern für scheinen, drohen und versprechen nur einen groben Überblick, da sie auch nicht-evidentielle Verwendungen beinhalten wie in Ich verspreche dir, heute Abend zu kochen. Diewald & Smirnova (2010a: 214) geben an, dass bei drohen 80% und bei versprechen 10,6% der von ihnen gezählten Infinitivkonstruktionen eine evidentielle Be...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Danksagung
  5. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
  6. Abkürzungsverzeichnis
  7. Einleitung
  8. Kapitel 1 Evidenztypen, Verpflichtungen und lexikalische Kategorie
  9. Kapitel 2 Funktionale Projektionen, Wurzelphänomene und die Distribution in Nebensätzen
  10. Kapitel 3 Sekundäre Bedeutung, Projektion und Antworten
  11. Kapitel 4 Non-At-Issueness, Mehrdimensionalität und Theorien sekundärer Bedeutung
  12. Kapitel 5 Diachronie, Grammatikalisierung und Wandel im Verbund
  13. Zusammenfassung und Fazit
  14. Bibliographie
  15. Register

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