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Die Anfänge Roms erzählen
Zur literarischen Technik in der ersten Pentade von Livius' ›ab urbe condita‹
- 364 Seiten
- German
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Die Anfänge Roms erzählen
Zur literarischen Technik in der ersten Pentade von Livius' ›ab urbe condita‹
Über dieses Buch
Livius stellt in der ersten Pentade seines Geschichtswerks die Geschichte der Stadt Rom und ihrer unmittelbaren Umgebung von der Gründung bis zum Jahr 390 v. Chr. dar. Ausgehend von der praefatio, in der Livius sich zu Art und Absicht seiner Darstellung äußert, untersucht dieses Buch die literarische Technik, die Livius für die Darstellung der Stadt Rom in dieser Zeit anwendet.
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Information
1 Einleitung und Zielsetzung
1.1 ab urbe condita – ein Geschichtswerk zu Beginn der augusteischen Zeit
1.1.1 Der historische Hintergrund der Entstehungszeit
Mit der Schlacht bei Actium im Jahr 31 v. Chr., in der Oktavian endgültig über Antonius siegte, waren die Wirren der Bürgerkriege beendet.1 Kurz darauf begann der römische Geschichtsschreiber Titus Livius mit der Abfassung seines Geschichtswerkes ab urbe condita, das bis zu seinem Tod im Jahre 12 bzw. 17 n. Chr. auf 142 Bücher anwuchs und daher als monumental bezeichnet werden kann.2 Zu dieser Zeit herrschte im Römischen Reich keineswegs sofort innenpolitische Ruhe, da Oktavian, nachdem er durch den Sieg über Kleopatra auch Ägypten unter seine Herrschaft gebracht hatte,3 erst noch den Osten des Reiches stabilisieren musste; dazu war es nötig, dass er sich selbst weiterhin dort aufhielt.4 Mitte des Jahres 29 v. Chr. kehrte Oktavian nach Rom zurück und feierte einen dreifachen Triumph; in der Stadt Rom gab es allerdings sowohl vor der Rückkehr des Prinzeps als auch während seiner Anwesenheit immer wieder politische Unruhen.5 Oktavian schloss den Janusbogen, um eine neue Friedenszeit anzuzeigen,6 eine Geste, die noch ihre Wirkung zeigte und deren sich in den Jahren zuvor – im Gegensatz zu den zahlreichen Triumphzügen Caesars und Oktavians – niemand bedient hatte.7
In den Folgejahren kam es zu einer Neuordnung des Staates sowie zu einer immer stärker werdenden, größtenteils auch religiösen Verehrung des Oktavian und seines Adoptivvaters, der als Divus Iulius verehrt wurde.8 Oktavian ließ ferner im Jahr 28 v. Chr. viele Tempel erneuern, belebte so die alte römische Religion neu und gab nach einigen innenpolitischen Maßnahmen am 13. Januar 27 v. Chr. alle außerordentlichen Gewalten zurück, um die alte res publica wiederherzustellen,9 wobei es sich nur um eine scheinbare Rückgabe der Macht handelte.10 Drei Tage später erhielt Oktavian schließlich neben anderen Ehrungen den Namen Augustus.11 Danach zog er immer mehr innen- und außenpolitische Befugnisse an sich und hatte eine starke Klientel hinter sich. Diese ging weit über das in der späten Republik übliche Klientelwesen hinaus,12 obwohl bereits dieses ein besonderes war und aus dem Ruder zu laufen schien.13 Eine weitere Ehrung für Augustus war der Tugendschild (clipeus virtutis), den er aufgrund seiner virtus, clementia, iustitia und pietas erhielt,14 die allesamt alte römische Werte darstellen.15 Daraus ergibt sich auch die Bedeutung der ersten Pentade des Livius, in der nicht nur die römische Frühzeit thematisiert wird, sondern in der Livius anhand von Aitien und Exempla die Entstehung dieser Tugenden schon in der Frühzeit grundlegt.
Augustus hatte vom Senat alle wichtigen Ehren erhalten, um seinen Prinzipat16 aufzubauen, sodass der Senat „ganz wesentlich die äußere Form der neuen Monarchie mitbestimmt [hat]“.17 Was im Rückblick wie eine große Reform- und Restaurationspolitik Oktavians aussieht, war zunächst ein Versuch, der nach kurzer Zeit auch hätte scheitern können.18 Natürlich wurde Oktavian auch immer wieder als Friedensbringer stilisiert.19 Inwiefern jedoch die Bevölkerung die Zeit nach Actium und nach der Wiederherstellung der Republik, vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Bürgerkriegserfahrungen, schon als eine Zeit des dauerhaften Friedens aufgefasst hat, wie es später in der augusteischen Zeit der Fall war, sei dahingestellt. Es hätte immer wieder ein neuer Bürgerkrieg ausbrechen können. Die kurze Zeit seit dem Ende der Bürgerkriegshandlungen ließ allenfalls eine Hoffnung auf Frieden, keineswegs aber eine Sicherheit zu.20 Dies ist auch aus der Literatur dieser Zeit erkennbar, da Dichter wie Properz und Horaz den grausamen Bürgerkrieg und Actium thematisieren und auch Livius in seiner praefatio noch ein ambivalentes Bild zeichnet: haec tempora quibus nec vitia nostra nec remedia pati possumus (Liv. praef. 9).21 Somit darf die Entstehungszeit der ersten Pentade,22 deren terminus ante quem, wenn man die späteste Datierung annimmt, 25 v. Chr. ist, sicher noch nicht mit der späteren augusteischen Friedenszeit gleichgesetzt werden.23
1.1.2 Livius, Augustus und die veränderte Erinnerungskultur der augusteischen Zeit
Aus diesen gerade erörterten Gründen ist es fraglich, ob die in der Forschung oft diskutierte Frage, ob Livius Augusteer oder Republikaner war, so eindeutig zu beantworten ist.24 Es steht fest, dass der Name ‚Augustus‘ im gesamten Werk des Livius nur dreimal vorkommt.25 Dies spricht aber nur auf den ersten Blick dafür, dass Livius Republikaner war, da immer zu bedenken ist, dass die zeitgeschichtlichen Bücher des Livius nicht erhalten sind. Die Diskussion geht vor allem von der Aussage des Tacitus aus, gemäß dem Augustus Livius als einen Pompejaner bezeichnet habe, was deren Freundschaft aber keinen Abbruch getan habe: Titus Livius, eloquentiae ac fidei praeclarus in primis, Cn. Pompeium tantis laudibus tulit, ut Pompeianum eum Augustus appellaret; neque id amicitiae eorum offecit (Tac. ann. 4,34,3). Kienast geht beispielsweise davon aus, dass es sich dabei um einen Seitenhieb des Augustus auf Livius handelte, der sich um eine ausgewogene Geschichtsdarstellung und um ein gewissermaßen unabhängiges Urteil bemühte, obwohl das livianische Werk im Großen und Ganzen den Vorstellungen des Prinzeps entsprach.26 Raban von Haehling arbeitet nach eingehender Analyse der Zeitbezüge in der ersten Dekade heraus, dass Livius Augustus nicht vorbehaltlos überhöht, und weist auf den noch unsicheren Frieden zu Beginn der Zeit des Augustus hin.27 Einerseits darf man sicherlich annehmen, dass es auch für Livius in den frühen Zwanzigerjahren des ersten vorchristlichen Jahrhunderts noch nicht klar war, wie sich die politische Lage entwickeln würde. Andererseits unternahm ja auch Augustus beispielsweise durch den Vorgang der res publica restituta oder durch die Bezeichnung princeps alles dafür, sich in die republikanische Tradition zu stellen und die Republik fortleben zu lassen. Daher sind mögliche prorepublikanische Tendenzen im Werk des Livius nicht zwingend als antiaugusteisch zu verstehen. Doch der einfache Umkehrschluss, dass diese Tendenzen proaugusteisch zu deuten seien, ist ebenso wenig zulässig. Livius sah wohl in Augustus den, der die zerrütteten Verhältnisse im römischen Staat überwinden konnte, wobei gerade der religiös-kultische Bereich von Bedeutung ist.28 Zumindest zum Zweck der Stabilisierung des Staates war auch für Livius die Alleinherrschaft zu rechtfertigen.29 Miles kritisiert, in der Forschung werde die Annahme, dass sich Livius bewusst keiner der beiden Strömungen angeschlossen habe, überhaupt nicht diskutiert.30 Eine weitere Klärung und Bewertung dieser Frage soll hier nicht weiterverfolgt werden, da sie einerseits durch das Fehlen der zeitgeschichtlichen Bücher erschwert wird,31 andererseits für unsere Untersuchung nicht entscheidend ist.
Für uns ist es eher relevant, Livius’ politische Position als Geschichtsschreiber vor dem Hintergrund einer mit dem Ende der Republik veränderten Erinnerungskultur zu betrachten. Die Rahmenbedingungen für die Produktion des livianischen Werkes sind, wie es insgesamt für das Rom der augusteischen Zeit der Fall ist, relativ gut bekannt.32 Mit den Veränderungen im politischen Bereich geht auch ein sozialer und kultureller Wandel einher, der starke Auswirkungen auf die Art und Weise hat, wie man sich mit der Vergangenheit beschäftigt.33 Pausch hebt hier insbesondere die Veränderungen in der Geschichtskultur hervor, die sich mit dem Übergang von der Republik zum Prinzipat ergeben:
Hier spielt vor allem der Übergang von der heterogenen Geschichtskultur, wie sie während der Republik von den miteinander konkurrierenden gentes der Nobilität gepflegt wurde, zu einer von ihrem Anspruch her die gesamte römische Gesellschaft umfassenden Repräsentation der eigenen Vergangenheit in augusteischer Zeit eine entscheiden[de] Rolle.34
Als die Geschichtsschreibung im 3. Jh. v. Chr. als senatorische Geschichtsschreibung begann, waren die einzelnen gentes der Nobilität darum bemüht, ihre eigene politische Tätigkeit ins entsprechende Licht zu rücken, was auch die jüngere Annalistik aufgriff.35 Die gesamtgesellschaftliche Dokumentation beschränkte sich hingegen vor allem auf die jährlichen Aufzeichnungen des pontifex maximus.36 Diese Hervorhebung der eigenen Tätigkeit erfolgte mittels verschiedener Formen und Medien wie beispielsweise der laudationes funebres und der imagines maiorum, durch die Aufstellung von Statuen und ab dem 3....
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- 1 Einleitung und Zielsetzung
- 2 Die Romdarstellung aus primär textimmanenter Perspektive
- 3 Fazit
- Abkürzungsverzeichnis
- Sachindex (Stellen in Auswahl)
- Stellenindex
Häufig gestellte Fragen
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