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Christliche Lebensform
Eine Geschichte christlicher Liturgie, Bildung und Spiritualität
- 285 Seiten
- German
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Christliche Lebensform
Eine Geschichte christlicher Liturgie, Bildung und Spiritualität
Über dieses Buch
Angesichts des heutigen Pluralismus sowie des raschen gesellschaftlichen Wandels stellt sich die Frage nach der angemessenen Lebensform in neuer Dringlichkeit. Christen versuchen sie seit 2000 Jahren durch Bezug auf die Impulse zu beantworten, die von Jesu Wirken ausgehen. Er kommunizierte das Evangelium in den Modi des gemeinschaftlichen Feierns, des Lehrens und Lernens sowie des Helfens zum Leben. Das Buch rekonstruiert deren Entwicklung im Laufe der Christentumsgeschichte, wobei der Schwerpunkt auf der tatsächlichen Praxis der Christen liegt. Dabei tritt eine Spannung zwischen Anpassung an bestehender Lebenspraxis sowie Kontrast hierzu zu Tage. Aus der in 300 Jahres-Schritten gegliederten Darstellung der Entwicklung in Feier, Vermittlung und Erneuerung ergibt sich das Profil einer auch heute attraktiven Lebensform: des Christseins.
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Information
Thema
Theology & ReligionThema
Christian MinistryKapitel 1: Einführung
Der politische, gesellschaftliche und kulturelle Wandel in der Gegenwart ist unübersehbar.
„In unserer heutigen Welt kommen nahezu gleichzeitig überall Systeme unter Druck, die über Jahrzehnte verlässlich funktioniert zu haben scheinen und die Menschheit Tag für Tag und immer umfassender mit Energie, Nahrung, Medikamenten und Sicherheit versorgten. Sie prägten eine Epoche, in der es, grob gesagt, von allem immer mehr gab. …. Gleichzeitig spüren wir, dass ein ‚Weitermachen wie bisher‘ nicht funktionieren wird. Es sind ja nicht nur Klimawandel, das Plastik in den Weltmeeren, der brennende Regenwald oder die Massentierhaltung. Da sind auch die explodierenden Mieten in den Städten, die wild gewordenen Finanzmärkte, der immer größer werdende Graben zwischen Arm und Reich, zunehmende Burn-out-Zahlen und die unüberschaubaren, vielschichtigen Folgen der Gentechnik und der Digitalisierung.“1
Dabei stellt sich ganz grundsätzlich die Frage der Lebensgestaltung. Diese ist nicht mehr durch Traditionen vorgegeben bzw. kann nicht durch ein bloßes Fortschreiben des bisher Üblichen erfolgen. Was Ökologen und Ökologinnen sowie entsprechend Interessierte bereits seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts vorhersagten, wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts allgemein plausibel. Die vermeintliche Selbstverständlichkeit und Sicherheit der miteinander verwandten Lebensformen „Homo faber“2 und „Homo oeconomicus“3 sind spätestens seit der Corona-Epidemie und dem ihr begegnenden Moratorium offenkundig brüchig. Das technische und ökonomische „Immer mehr“ lässt sich nicht auf Dauer durchhalten. So stellt sich von neuem die Frage: Wie sollen wir leben? Die christliche Lebensform ist eine mögliche Antwort hierauf. Doch was bedeutet überhaupt „Christsein“? Und: Ist dies in der Gegenwart eine attraktive Lebensform?
Bereits ein erster Blick auf den Begriff „Christ“ eröffnet wichtige Perspektiven. Er begegnet erstmals in Apg 11,26. Hier wird berichtet, dass in Antiochien in den vierziger Jahren des 1. Jahrhunderts die „Schüler“ (griechisch: mathetai) Jesu „Christianoi“, also Christen,4 genannt werden. Offensichtlich breiteten sich die von Jesus ausgehenden Anregungen in dieser – damals etwa 500.000 Menschen zählenden – hellenistischen „Drehscheibe zwischen Ost und West“5 rasch aus. Außenstehende bezeichneten die „Schüler“ des in Jerusalem hingerichteten Wanderpredigers Jesus aus Nazaret „Christen“. „Christus“, wörtlich übersetzt: der Gesalbte, fungierte dabei offenkundig als Eigenname für Jesus.6 Demnach gehörte zur Gemeinschaft der Christen und Christinnen von Anfang an eine kulturelle Vielgestaltigkeit, die den Rahmen des damaligen Judentums überschritt. Auch erforderte der pluralistische Kontext zugleich eine grundsätzliche Elementarisierung des Christseins.
„Die Christusbotschaft, die bislang im wesentlichen nur Menschen, die mit der biblischen Überlieferung vertraut waren und der geistigen Welt des Judentums zumindest nahestanden, verkündigt worden war, mußte nun in die Welt hellenistisch-heidnischen Denkens hinein übersetzt werden, ohne daß ihr Bezug auf die Schrift und auf den Gott Israels preisgegeben werden durfte.“7
Diese Aufgabe durchzieht die ganze Christentumsgeschichte. Christsein ist als eine besondere Form, das eigene Leben zu gestalten, stets auf den aktuellen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext bezogen. Konkret geht es um die Affirmation und Adaption von Bestehendem bzw. den Widerspruch dagegen und die Abgrenzung hiervon. Beides ist wiederum mit Nebenfolgen verbunden, die teilweise erst im Laufe der Zeit hervortreten.
Im Zentrum des Christseins als Lebensform steht Alltägliches wie Familie, (Erwerbs‐)Arbeit, Medien, Bildungseinrichtungen und allgemeine Hilfeleistungen.8 Veränderungen hier haben Konsequenzen für die Lebensgestaltung und damit auch für das Christsein. Dieses wandelt sich entsprechend, wobei der bleibende Bezug auf die vom Auftreten, Wirken und Geschick Jesu ausgehenden Impulse jeweils auch gesellschafts- und kulturkritische Implikationen enthält. Sie bilden einen Kontrast9 zum allgemein Üblichen. Deren Konkretionen verändern sich wiederum im Wandel der Zeiten. So gewann wie jede Lebensform auch das – von Anfang an vielfältige – Christsein im Lauf der Zeit neue Gestalten. Theo-logisch lässt sich dies vom Glaubenssatz der Inkarnation her begründen.10 Wie im Auftreten, Wirken und Geschick Jesu Gottes Handeln zum Ausdruck kam und damit zugleich untrennbar mit dem damaligen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext verbunden war, gilt dies ebenso für das Christsein. Auch dieses vollzieht sich jeweils in einem bestimmten Kontext und ist nur in Bezug auf diesen zu verstehen und zu gestalten. In einer Zeit großer und vielfältiger Umbrüche, wie wir sie gegenwärtig erleben, will ich an die entsprechenden Wandlungsprozesse vergangener Zeiten erinnern. Dies kann heute dazu ermutigen, die notwendigen Veränderungen für eine zeitgemäße Gestaltung des Christseins in Angriff zu nehmen. Denn vieles, was heute als unverzichtbar „christlich“ bzw. „kirchlich“ gilt, ist bei näherem Hinsehen eine – in früherer Zeit begründete – Kontextualisierung. Eine solche kann aber mitunter in der Gegenwart, also in einem veränderten Kontext, die christliche Lebensform eher verdunkeln als fördern. Begriffe wie „Kirche“ oder „Religion“ verdanken sich in ihrer Semantik häufig bestimmten früheren kulturellen Kontexten.11 Sie verdecken heutige Herausforderungen und drohen zu „Zombie-Kategorien“ zu werden.
„Zombie categories are ‚the living dead‘, the tried and familiar frameworks of interpretation that have served us well for many years and continue to haunt our thoughts and analyses, even though they are embedded in a world that is passing away before our eyes.“12
Hier erweist sich das aus der Philosophie des späten Ludwig Wittgenstein stammende Konzept der „Lebensform“ als hilfreich (s. 3.) und weiterführend.13
Umgekehrt ist bei einem Rückblick in die Geschichte des Christseins darauf zu achten, dass nicht unreflektiert gegenwärtig dominante Vorstellungen eingetragen werden.
Die vorliegende Rekonstruktion der christlichen Lebensform im Wandel der Zeit, nun...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Vorwort
- Kapitel 1: Einführung
- Kapitel 2: Impulse durch das Auftreten, Wirken und Geschick Jesu
- Kapitel 3: Entstehen des Christseins als Lebensform (bis 300)
- Kapitel 4: Dominant-Werden des Christentums (300 – 600)
- Kapitel 5: Formalisierung des Christseins (600 – 900)
- Kapitel 6: Christsein als alles durchdringende Norm (900 – 1200)
- Kapitel 7: Ringen um Einheit und vielfältige Diversifizierungen (1200 – 1500)
- Kapitel 8 Pluralisierung des Verständnisses und der Organisation von Christsein (1500 – 1800)
- Kapitel 9: Christsein zwischen Tradition und neuen Herausforderungen (1800 bis heute)
- Kapitel 10: Zusammenfassung und Ausblick
- Sachregister
- Personenregister
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