Einige spezielle Themen
Im Älterwerden
sieht man den Sand
durchs Stundenglas rinnen,
aber man darf auch sehen,
wie das,
was sich in der unteren Hälfte sammelt,
einen Glanz erhält,
den es in der oberen Hälfte nicht hatte.
Luise Rinser
Es sollen im Folgenden noch einige Themen oder Fragen dargestellt werden, die ihren Schwerpunkt im Hohen Alter haben. Doch fangen sie schon in der Zeit relevant zu werden an, die das eigentliche Alter betrifft, also in der Zeit etwa zwischen dem 40. und dem 70. Lebensjahr. Wir können nie früh genug mit dem Erüben von Fähigkeiten beginnen, deren Früchte wir erst zu viel späteren Zeiten ernten werden.
Ernährung
Urnahrungsmittel
Dies ist ein schwieriges Thema, weil Fragen der Ernährung heute kaum mit dem Lebensalter verbunden werden und weil die Nahrung ganz unabhängig von ihrer jeweiligen Besonderheit gesehen wird, eigentlich nur als Baustoff für den Leib. In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit begann die Ernährung mit Urnahrungsmitteln, die von Tieren stammten, wie Milch und Honig. In alten Sagen oder Märchen wird mit dem Land, in welchem Milch und Honig fließen, noch daran erinnert. Damals hatte der Mensch noch keinen so mineralisierten, festen Leib wie heute. Er war mehr »lebendig-flüssiger« Art und hätte eine so feste Nahrung, wie wir sie heute essen, gar nicht in sich aufnehmen können.128 Je fester und mineralisch-stofflicher der Leib wurde, umso mehr wurden die Pflanzen oder zunächst Teile von ihnen zur Nahrung. Zuerst waren es die Früchte, die gegessen wurden (Symbol hierfür der Paradies-Apfel), allmählich das Blatt als Gemüse und Salate, ganz spät dann auch die Stängel in Form der Knollen und erst zum Schluss die Wurzeln, die schon dicht an das Mineralische heranreichen. Das reine Mineral als Salze folgte zuletzt, was man auch daran ablesen kann, dass das Speisesalz noch vor wenigen hundert Jahren so kostbar war, dass es den Reichen vorbehalten blieb, ähnlich dem Zucker. Zu dem Mineralischen müssen wir auch die Fleischnahrung zählen, die ebenfalls spät in der Menschheitsentwicklung zur Speise wurde.
Perioden des Lebenslaufs
Wenn diese Entwicklung zur Grundlage unserer heutigen Nahrung gemacht würde, könnte man entdecken, dass sie in den einander folgenden Perioden des Lebenslaufs von Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter und Hohem Alter gespiegelt wird. Von der Urnahrung ist die Milch für den Kindheitspol, der weit ins Leben hineinreichen kann, wichtig; der Honig hat eine besondere Aufgabe für das Alter (siehe Seite 215 f.). Vegetarismus gehört auch zum Kindheitspol, besonders als Früchte und Gemüse, die Wurzel kann im Alter eine besondere Bedeutung haben. Das ist nicht absolut gemeint, sondern tendenziell, wobei hier keine vollständige Ernährungslehre dargestellt werden soll, sondern der Blick auf das Alter gerichtet wird.
Erdennahrung und kosmische Nahrung
Unsere Ernährung hat noch einen zweiten Strom, von dem die Wissenschaft als Ernährungslehre und damit auch die Mehrheit der Menschen nichts wissen. Diesen zweiten Strom lehrt uns ein Christuswort, das ganz am Anfang der drei Jahre der Vereinigung des Jesus von Nazareth mit dem göttlich-kosmischen Christuswesen ausgesprochen wird. In der sogenannten Versuchungserzählung fordert Satan den Christus Jesus auf, aus Steinen Brot zu machen. Die Antwort lautet: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Munde kommt« (Matthäus 4,3–4). Brot ist da Symbolum der Erdennahrung, das Gotteswort Symbolum des zweiten Nahrungsstroms, den Rudolf Steiner einen kosmischen nannte.129 Ein ganz feiner Substanzstrom der Luft wird über die Haut, die Lunge und auch die Sinnesorgane aufgenommen. Dabei spielt das Licht eine große Rolle. Dieser Substanzstrom in quasi homöopathischer, hochpotenzierter Dosis muss vom Organismus zu messbaren Stoffen verdichtet werden, so wie die irdische Nahrung von der Verdauung »entdichtet« wird. Wie für Letzteres die Leber das Zentralorgan darstellt, ist es für die kosmische Stoffaufnahme die Lunge.
Verdauung
Verdauung als Hauptstütze unserer Gesundheit
Die Fähigkeit zur Verdauung ist eine Hauptstütze unserer Gesundheit. Das hat auch die medizinische Wissenschaft durch ihre Immunologie entdeckt. In der Erhaltung der Einzigartigkeit jedes menschlichen Leibes, der Integrität des Organismus, ist die Verdauung ein elementarer Vorgang. Sie wird als Grundlage der natürlichen oder angeborenen Abwehr gesehen und in diesem Zusammenhang Phagozytose genannt. Ihre zellulären Hauptträger sind die Makrophagen, die etwas frei und populär übersetzt auch Groß- oder Vielfresser genannt werden können. Mit diesen Verdauungsvorgängen verbindet sich eine logisch-konsequente Erkenntnis: Der fremde Stoff aus Natur oder Kosmos kann in unserem Organismus nicht der bleiben, der er geworden ist, er muss sich ändern, um Menschenstoff zu werden.130 Das wird mit dem Wort »Stoffwechsel« exakt so bezeichnet. Er muss in seiner Funktion so zubereitet werden, dass er den höheren Seelenfähigkeiten, allen voran dem Denken, dienen kann. Gegenüber der irdischen Nahrung aus Mineral, Pflanze und Tier heißt das, er muss zerstört und abgebaut werden.
Analyse und Abbau
Zu-eigen-Machen irdischer und kosmischer Stoffe
Diesem Abbau geht das Analysieren voraus, in welcher Weise der komplexe Stoff zum Beispiel eines Apfels, eines Kohlblatts oder von Milch chemisch-physikalisch strukturiert ist. Hier waltet hohe Intelligenz, die uns natürlich nicht bewusst wird und die sich mit der Willenstätigkeit verbindet. Denn Stoffwechsel ist Willenstätigkeit. Folgen wir Rudolf Steiners Darstellungen zur Ernährung, wie es Karl König131 und viele andere gemacht haben, so wird der Erdenstoff im Darm bis zu seinen Elementarstoffen abgebaut, entdichtet. Er muss dann nach seiner Aufnahme in den Organismus durch die Stufen des Lebens und der Empfindung bis zu einer Wärme-(Ich-)Stufe verwandelt werden,132 was über die Leber mithilfe vieler Organe geschieht. In der Wärmestufe, die keine Materialität mehr hat und doch spezifische Substanz ist, verbindet er sich mit der ebenso feinen kosmischen Substanz, die Licht- und Wärmestufe in sich verbindet. Beide werden unter Führung der Lunge stofflich verdichtet, um daraus die Grundsubstanzen unserer Gewebestoffe zu bilden. In der Gestaltung von Eiweißsubstanzen wirken zum Beispiel die vier großen Organe Lunge, Leber, Niere und Herz zusammen. Für die Fette und Kohlenhydrate gibt es andere Formen organischen Zusammenwirkens. Nur die reinen Salze bleiben ihrer Natur entsprechend weitgehend unverändert, obwohl auch sie den stufenweisen Prozess der Entdichtung (»Potenzierung«) und Verdichtung durchlaufen, um Menschensalze werden zu können. Hat man diese grundlegenden Prozesse von Verdauung und Stoffwechsel begriffen, wird deutlich, dass sie für die Aneignung, das Zu-eigen-Machen irdischer und kosmischer Stoffe und Substanzen verantwortlich sind.
Qualität und Quantität
Mensch als Mikrokosmos
Ein weiteres Dilemma der heutigen Ernährungslehre besteht darin, dass sie die Nahrung ausschließlich quantitativ betrachtet. Wie viel Eiweiß, Fette, Kohlenhydrate, Salze oder Vitamine und sogenannte Spurenelemente enthalten sie, sind Fette vorwiegend gesättigt oder ungesättigt, Kohlenhydrate hoch-oder niedrigmolekular? Nicht dass das unwichtig zu wissen wäre, doch es ist nur eine Seite der Wirklichkeit. Die andere ist der jeweilige Bauplan als Ausdruck der schöpferischen Idee, die dem spezifischen Nahrungsmittel zugrunde liegt. Paracelsus’ Satz, dass gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen sei, kann weitergeführt werden zu dem Wissen, dass alle Natur ein entsprechendes Abbild im menschlichen Organismus hat. Das meinten die Alten, wenn sie den Menschen als Mikrokosmos im Verhältnis zum Makrokosmos betrachteten. Da ordneten sie beispielsweise die Artischocke der Leber zu, das Lungenkraut der Lunge, Weißdorn dem Herzen und vieles mehr. Sie sahen Nahrungs- und Arzneimittel in einem fließenden Übergang. Es ist für den menschlichen Organismus ein wichtiges Element, die Baupläne oder Strukturen der Nahrungsmittel zu studieren, sie zu entziffern und daraus die eigene Fähigkeit zu schulen, nun körpereigene Stoffe und Gewebe aufzubauen. Dem Analysieren folgt ein Synthetisieren. So ist Ernährung ein großer Lehrmeister für unser Ich, sich immer neu den eigenen Leib so aufzubauen, dass er als Werkzeug optimal hilfreich oder dienend ist.
Qualität ist immer mit Leben verbunden. Deshalb ist es so wichtig, Nahrung auch qualitativ zu verstehen und darauf zu achten, sie nicht ganz auf eine mineralische Stufe zu reduzieren, wie es in der Astronauten- oder Elementarkost im Extrem geschieht. Damit kann man dem Menschen Stoffnachschub vermitteln, ihn jedoch nicht ernähren. Das zeigt sich überall, wo über längere Zeit wegen der Unfähigkeit zu aktiver Ernährung Sondenkost verabreicht wird. Zur Qualität gehört auch das seelische Empfinden, mit Lust und Freude zu essen, auch das Genießen. Das äußert sich in unserem Appetit, der etwas anderes ist als Hunger, wie sicher jeder weiß. Denn der ganze Mensch isst und trinkt. Der Leib braucht Stoff zum eigenen Bilden, die Seele die Lust der Begegnung mit der Welt der Nahrung und das Ich die Erkenntnistätigkeit, wer das andere ist.
Ernährung im Alter
freier Umgang mit Anregungen
Die nun folgenden Darstellungen setzen voraus, dass sie die Freiheit des Lesenden nicht einschränken wollen. Sie sind kein Diktat, sondern eine Anregung, über die Inhalte nachzudenken und sich zu fragen, ob etwas davon so überzeugt, dass es für die Pflege von Seele und Leib akzeptiert und praktiziert werden kann. Jeder Mensch ist so individuell, dass er für sich herausfinden und entscheiden muss, welche Ernährung er für sich wählt. Er sollte als Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts und mit der Erkenntniskraft der Bewusstseinsseele jedoch kritisch reflektieren, was von Menschen, die sich damit befasst haben, ausgesagt wird.
Ernährung als Bindeglied von Leib und Seele
Der Gedanke »Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen« ist wahr und von großer Bedeutung für alle Lebensalter. Ernährung ist ein Bindeglied beider, wofür Hunger und Durst leiblich-seelische Ausdrücke sind. Beide vermitteln ein Begehren, das pathologisch Begierde werden kann. Vor allem die Seele begehrt den Leib, sie drängt an ihn heran, wie es in Goethes Gedicht vom Atemholen und seinen zwei Gnaden heißt (siehe Seite 123). Doch auch der Leib braucht die Seele, setzt sie ihn doch in Bewegung, wird er durch sie wahrgenommen. Alle Dinge dieser Welt brauchen für ihre gesunde Existenz ein Wahrgenommenwerden, auch die Natur, jede Pflanze, die Tiere. Ein Waldsterben wird weniger stark von äußeren Giften bewirkt als vom Desinteresse der Menschen, die »den Wald vor Bäumen nicht sehen«, eine Eiche nicht von einer Buche unterscheiden können, um ein grobes Beispiel zu wählen. Der Leib ist ja Spiegel für die Seele, ermöglicht ihr ein Selbsterleben und die Wah...